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Full text: Tanorama (Rights reserved) Issue 2020,1 (Rights reserved)

TAN RAMA Das Magazin der Transferagentur Nord-Ost 1 | 2020 Ein Bild in vielen Farben: Integrierte Sozialplanung und kommunales Bildungsmanagement Editorial Wer an der Stellschraube „Bildung“ in der Gesellschaft drehen und Chancengerechtigkeit schaffen will, kommt nicht umhin, die Schnittmengen zu anderen gesellschaftlichen Faktoren wie sozialräumlichen Entwicklungen, sozialer Infrastruktur, individuellen Lebenslagen sowie gesundheitlicher Versorgung zu berücksichtigen: Es braucht eine fachbereichsübergreifende, integrierte strategische Planung. Und das vor allem in Landkreisen und kreisfreien Städten, die – neben Bund und Ländern – u.a. als Trägerinnen von Kindergärten, Schulen und Jugendhilfeeinrichtungen in erheblichem Maße für das regionale Bildungsangebot Verantwortung tragen und z.B. durch Museen und Theater umfassende lebensortnahe kulturelle und non-formale Bildungserfahrungen vermitteln. Diese aktuelle Ausgabe unseres Magazins „TANORAMA“ widmet sich daher fachübergreifenden Ansätzen der kommunalen Bildungsplanung von ihrer theoretischen und vor allem auch praktischen Seite. Hierfür konnten wir – für Sie hoffentlich spannende – Expertinnen und Experten aus Forschung und Kommunen gewinnen, die Ihnen die Grundlagen einer fachbereichsübergreifenden Planung näherbringen und aus ihrem Arbeitsalltag in den Kommunen berichten. Und davon, wie durch die Integration verschiedener Fachbereiche neue Chancen zur Vernetzung und zum Austausch der kommunalen Akteure und zum Aufbau effektiver Angebots- und Versorgungsstrukturen vor Ort entstehen bzw. bereits entstanden sind. Sprechen Sie uns bei Fragen und Anregungen gerne an. Darauf freut sich Maja Hornberger Leiterin Transferagentur Nord-Ost 2 | TANORAMA TANORAMA 1 | 2020 Inhalt 04 Integrierte Sozialplanung als Voraussetzung für Bildungsgerechtigkeit 07 Produktive (Un-)Ordnung: Soziale Räume in der kommunalen Planung 08 Integrierte Sozialplanung als Herausforderung in und zwischen Kreisen, Städten und Gemeinden 12 Interkommunale Zusammenarbeit in der Sozialplanung am Beispiel der Landeshauptstadt Schwerin und des Landkreises Ludwigslust-Parchim 14 „Fachübergreifende Planung braucht vor allem Kommunikation“ 18 Automatisierte Analysen der Integrierten Sozialplanung für kommunale Quartiersentwicklung 20 BOARD als Werkzeug der Integrierten Sozialplanung 21 Für zwischendurch: Suchrätsel zum datenbasierten kommunalen Bildungsmanagement 22 Blick in die Praxis - Berufsbilder im DKBM: Jugendhilfe- und Sozialplaner/-innen 24 Datenbasiertes Arbeiten in der Landeshauptstadt Schwerin 26 Integrierte Sozialplanung im Kreis Segeberg 28 Schneller, schlauer, digitaler: Business Intelligence Flensburg geht in die nächste Phase 30 Literaturtipps 31 Impressum TANORAMA | 3 INTEGRIERTE SOZIALPLANUNG ALS VORAUSSETZUNG FÜR BILDUNGSGERECHTIGKEIT VON PROF. DR. JÖRG FISCHER Einleitung Bildungsgerechtigkeit ist kein ausschließlich statischer Zustand, sondern vielmehr als ein Prozess zu begreifen, in dem fortwährend Fragen der Bildungszugänge, der Bildungsbedingungen, Bildungsabschlüsse und damit Bildungschancen generell so beantwortet werden sollen, dass sie den demokratischen und sozialstaatlichen Grundprinzipien unserer Gesellschaft entsprechen. Unter dem Begriff der Bildungsgerechtigkeit können nach Bourdieu (1992) mit der Chancengerechtigkeit, Chancengleichheit und Teilhabegleichheit mindestens drei gängige Auslegungen von Gerechtigkeit subsumiert werden, die in Fragen der Bildung gleichzeitig Verwendung finden. Im konkreten Fall bedarf es jeweils einer Begründung, warum gerade diese spezifische Auslegung von Gerechtigkeit zur Anwendung kommt – und nicht etwa ein anderes weitergehendes oder kürzer gefasstes Gerechtigkeitsverständnis. Hinzu kommt, dass die Herangehensweise zur Bestimmung von Bildungsgerechtigkeit 4 | TANORAMA sehr unterschiedlich sein kann. So nähert sich zum Beispiel der philosophische Zugang normativ der Frage an, was vom moralischen Standpunkt aus gerecht sein könnte und was demnach Gerechtigkeit erfordern würde. Dagegen präferiert der empirische Ansatz eher die Frage, was in einer Gesellschaft tatsächlich als gerecht erlebt wird, welche Gerechtigkeitsvorstellungen die Menschen beeinflussen und wie sich diese auf ihr Verhalten auswirken. An dieser Stelle kann die notwendige Diskussion um Bildungsgerechtigkeit nicht geführt werden. Doch lassen sich mit Blick auf das Beitragsthema wichtige Ableitungen treffen, die für die Planung von Bildung von höchster Bedeutung sind. Denn ohne Planung ist Bildungsgerechtigkeit nicht denkbar und kann demnach auch nicht erreicht werden. Was aber macht Planung zu einem unverzichtbaren Bestandteil, ja zu einer Bedingung im Streben nach Bildungsgerechtigkeit? Auf diese Frage soll nachfolgend knapp eingegangen werden. Eine Wahrnehmung aus der Praxis Es ist eine immer wiederkehrende Situation: Die bundesweit angelegten Studien zu unterschiedlichen Lebensbedingungen und Bildungschancen malen ein homogenes Bild. Trotz aller Fortschritte gibt es in Deutschland manifeste Formen von sozialer Ungleichheit – gerade auch im Bildungsbereich. Die meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehen sich bei der Präsentation neuer Erkenntnisse in ihren bereits vorliegenden Befunden bestärkt. Die Fachkräfte fühlen sich zum Weiterhandeln ermutigt und die Politik nimmt viele Ideen auf, um Bildungsungerechtigkeiten abzubauen. Gleichwohl ändert sich in der Realität nur wenig; die Unterschiede in den Bildungschancen bleiben hartnäckig bestehen. Nach wie vor zeigen sich auch Widerstände und eigeninteressenbezogene Befindlichkeiten. Erfolge stellen sich nur in Minimalgeschwindigkeit ein. Der beträchtliche Aufwand und die geringen faktischen Veränderungen auf Bundesebene und im Austausch mit den Bundesländern lassen selbst Wohlmeinende unbefriedigt zurück. Eine andere Beobachtung: Wenn Sozialraumanalysen und Strategien zur Armutsprävention auf der lokalen Ebene von Stadtteilen, Gemeinden und Sozialräumen in kommunalen Ausschüssen vorgestellt werden, macht sich regelmäßig eine große Betroffenheit breit, etwa wenn die völlig unterschiedlichen Rückstellungsquoten beim Übergang in die Schule oder die Gymnasialquote in benachbarten sozialen Räumen thematisiert werden. Es geht dann um die eigenen Kinder, das Problem ist unmittelbar greifbar, die Auswirkungen auf den eigenen Sozialraum sind spürbar und die Verbindungen zu anderen Themen offensichtlich. Dies ist der Punkt, an dem Sozialplanung seine Legitimation erfährt und Entscheidungstragenden klar wird, dass es im Streben nach Bildungsgerechtigkeit einer langfristigen, strategischen, strukturell verankerten, kompetent agierenden und gut ausgestatteten Planung bedarf, die in einer übergreifenden Sozialplanung zusammengefasst wird. Daraus folgt, dass nicht die allgemeine Erkenntnis, sondern die fachlich fundierte Verbindung von Wissensbeständen mit dem lokalen Lebensumfeld, dem eigenen Erfahrungszusammenhang und den aktuellen Herausforderungen vor Ort Betroffenheit erzeugt. Daraus entstehen Räume für öffentliche Debatten, an die sich die Suche und Umsetzung von geeigneten Lösungen anschließen kann. Genau das ist der Ansatz für Sozialplanung und genau darin liegt der Auftrag für ein möglichst integratives Vorgehen begründet. Ableitungen für ein Verständnis von (integrierter) Sozialplanung Aus dem Beispiel lassen sich folgende Ableitungen für eine integrative Sozialplanung herauslesen: » Angesichts ganzheitlich auftretender Bedarfe ist analog dazu eine systemisch verschränkte Planung notwendig. Diese vermag über Zuständigkeiten hinaus Bedarfe und Angebote zusammenzufassen, um die operative Verinselung (vgl. Schubert 2008, S. 21) zu überwinden. » Planung umfasst den zirkulär verlaufenden Prozess von der Definition des Planungsziels über die räumliche Analyse, die Erstellung von Programmen, Produkten und Prozessen bis hin zur Evaluation und Bewertung (vgl. Böhmer 2015). » Planung kann Gefühlslagen und Themen mit einem hohen Ideologisierungsgrad oder hoher Emotionalität versachlichen, indem eine Debatte auf der Basis empirischer Wissensbestände geführt wird. Ein solches Vorgehen kann auch zu einer höheren Lösungsfähigkeit beitragen. Das emotional stark aufgeladene und kontroverse Feld der Bildung ist dafür ein Paradebeispiel. Mittels kommunaler Planung lassen sich stärkere lokale Bezüge bei häufig abstrakt diskutierten Themen wie der Bildungsfrage herausarbeiten und somit auch eine individuelle Betroffenheit herstellen, die für politische Willensbildungsprozesse notwendig ist. Planung beeinflusst diese Willensbildungsprozesse im Gegensatz zu öffentlichen Kampagnen einzelner Akteursgruppen nicht mit dem Ziel, eigene Interessen durchzusetzen. Vielmehr ist sie dem Gemeinwohl verpflichtet und an eigene Qualitätsstandards und fachliche Prinzipien gebunden. Integrierte Planung schwächt nicht – wie häufig angenommen – die Fachplanung etwa in der Jugendhilfe, sondern stärkt diese. Nur durch das Zusammentragen und Zusammendenken von Befunden der einzelnen Fachplanungen kann eine integrierte Sozialplanung wirken. Gleichzeitig birgt der integrierte Ansatz die Möglichkeit, synergetisch einen Basissatz an Datenbeständen in abgestimmter Form zu erheben, der ansonsten von den Fachplanungen jeweils einzeln erhoben werden müsste. Integrierte Planung schafft also von der Zielentwicklung über die Bedarfsanalyse und Angebots(fort)entwicklung bis hin zur Evaluation eine gemeinsame Wahrnehmung der beteiligten Akteure. Diese erhöht den Stellenwert von Planung allgemein, vermag eher auf die Belange von Politik einzugehen und befördert das eingangs erwähnte Zusammendenken von Gefühlslagen und empirischen Wissensbeständen. oder wenn ein eigener Handlungsauftrag und Gestaltungsspielraum negiert wird. Bei aller Sinnhaftigkeit sozialplanerischen und integrativ-sozialplanerischen Denkens: Oftmals geschieht es, dass Daten zuständigkeitsübergreifend zusammengelegt werden und die Befunde in der Wucht ihrer Aussagekraft überraschen. Wenn es dann gelingt, die Befunde nicht in der Schublade zu vergessen, sondern diese zum Anlass zu nehmen, um themenspezifisch und fachübergreifend die Ursachen und Auswirkungen zu deuten, ist der erste Schritt getan. Wenn daraus anschließend noch gemeinsame fachliche Handlungsschritte abgeleitet und in politische Entscheidungsprozesse überführt werden, ist es möglich, mehr Bildungsgerechtigkeit zu erreichen. Sozialplanung ist somit kein technischer Vorgang, sondern mit bestimmten Werten verbunden. Genau diese Werte müssen verteidigt werden, wenn bestimmte Themen etwa in der Verteilung knapper Ressourcen oder aufgrund lautstarker Partikularinteressen im Interesse des Gemeinwohls gerade nicht öffentlich diskutiert werden sollen » Frühwarnfunktion: Planung will rechtzeitig auf Probleme Einfluss nehmen, indem sie auf Basis der ihr zur Verfügung stehenden Informationen bestehende Probleme wahrnimmt, definiert und dann versucht, einen möglichen Problemlösungsraum vorzustrukturieren. » Orientierungsfunktion: Planung verlängert die Zeitachse des Handelns in der Zukunft. » Koordinationsfunktion: Planung will Konflikte frühzeitig ausräumen, indem sie sachliche Interdependenzen und deren interessenabhängige Bewertung aufzeigt. » Moderationsfunktion: Planung will Verteilungs- und Interessenkonflikte zwischen Beteiligten und Betroffenen entschärfen und diese zur Gestaltung gemeinwohlorientierter, kooperativer Lernprozesse ermutigen (Fürst 1995, S. 709). » » » » Sozialplanung als Schlüssel zur Bildungsgerechtigkeit Der Ansatzpunkt von Sozialplanung liegt in der Verwirklichung der kommunalen Daseinsvorsorge und begründet sich mit dem Anspruch, empirische Wissensbestände zum Ausgangspunkt fachlichen und politischen Handelns zu machen. Gerade im Bereich der Bildungspolitik stoßen sehr viele Perspektiven mit konträren Absichten aufeinander, die einer sachlichen Herangehensweise bedürfen und nicht abhängig sein sollten von den lautesten Minderheitenpositionen, klassischem Eigennutz, milieubedingten Befürchtungen und ideologischen Widerständen. Sozialplanung kann und sollte dazu beitragen, Zugänge zu Bildung zu erleichtern und Bildungsgerechtigkeit zu befördern. Mittels transparenter und fundierter Methoden werden dabei Wissensbestände geschaffen, die in einem fachlichen und politischen Aushandlungsprozess münden können. Es wurde bereits angesprochen, dass Sozialplanung dabei – im Gegensatz zu den meisten anderen Akteuren – den politischen Willensbildungsprozess mit fachlicher Expertise zu begleiten versucht und dabei auch an fachliche Standards gebunden ist. Nur durch hohe Fachlichkeit und ein transparentes Vorgehen kann sich Sozialplanung die notwendige Akzeptanz und damit Legitimität verschaffen. Fürst (1995) hat diese Aufgaben in einer Funktionszuweisung schlüssig formuliert. Aus seiner Sicht obliegt die Sozialplanung auf kommunaler Ebene folgenden Funktionen: Genau mit diesem Funktionsverständnis kann Sozialplanung Bildungsgerechtigkeit ermöglichen und in diesem Prozess selbst- TANORAMA | 5 bewusst eine eigene Rolle einnehmen. Das konkretisierende, strategische, methodengeleitete und klar am Gemeinwohl ausgerichtete Vorgehen, die fachliche Untersetzung und die Fokussierung auf den Prozess sind wichtige Besonderheiten. In manchen beobachteten kommunalen Diskussionen um Bildung sind es sogar Alleinstellungsmerkmale, mit denen sich Sozialplanung konstruktiv und wohltuend vom Agieren anderer Akteure unterscheidet. Sozialplanung in der Entwicklung zur Public Governance Integrierte Sozialplanung entspringt einer Verwaltungslogik, die sich als Teil der Gesellschaft versteht – und sich weniger aus sich heraus mit hoher Selbstfokussierung betrachtet. Im Rahmen des vormals dominierenden Public Managements lag der Fokus auf einer Optimierung des Verwaltungshandelns im Rahmen wirtschaftlicher Dimensionen und damit war der Blickwinkel auf sich selbst vorherrschend. Inzwischen ist eine Öffnung nach außen, eine Hinwendung zur gesellschaftlichen Umwelt feststellbar. Die Logik des Public Managements mit einem Menschenbild des rational, egoistisch und autonom handelnden Homo Oeconomicus befindet sich in einer schleichenden Ablösung durch eine Governancelogik mit einem stärkeren Blick auf das Individuum, dessen Entscheidungen von seiner sozialen Einbettung abhängig sind (Schubert 2018, S. 11). Damit ist kein Ausschließlichkeitsanspruch verbunden, sondern vielmehr eine Tendenz in der Blickrichtung enthalten, die aber dennoch das Selbstverständnis von Verwaltung im Kern berührt. Sozialplanung und gerade eine integrierte Sozialplanung sind davon unmittelbar betroffen und werden in den Kommunen häufig zu einem Motor im Übergang zu einem anderen Selbstverständnis von Verwaltung. Governance umfasst in diesem Verständnis heterogene gesellschaftliche Koordinations- und Steuerungskonstellationen und verweist zunächst ganz allgemein auf Muster der Interdependenzbewältigung zwischen Akteuren (Lange/Schimank 2004, S. 18). Das Wissen um die gegenseitige Abhängigkeit in der Erreichung eigener Ziele und die Nutzung verschiedener Handlungsrelationen jenseits des hierarchischen Bestimmens ist demzufolge für Planung im Rahmen von Governance entscheidend. Der Schwerpunkt von Governance als neuer Steuerungslogik beruht daher vor allem auf Prozessen der Abstimmung und Koordination verschiedener Akteure sowie der Einsicht, dass öffentliche Verwaltung ihre Ziele nur erreichen kann, wenn sie ihr Handeln in den gesellschaftlichen Kontext einbettet und mit gesellschaftlichen Ressourcen verknüpft. 6 | TANORAMA Die große Aufgabe für eine Sozialplanung im Rahmen der Public Governance liegt nunmehr darin, den spezifischen Auftrag im Rahmen dieser Verortung zu finden, zu definieren und fortzuentwickeln. Dies beinhaltet für Planung eine ansteigende Steuerungs- und Koordinierungsfunktion im Umgang mit den gesellschaftlichen Akteuren, indem Externe methodisch gut untersetzt eingebunden werden und gleichzeitig die eigene fachliche und strukturelle Identität und Expertise sichergestellt wird. Demnach bedeutet eine Planung unter Ansprüchen der Governance die Koordination und hierarchische Steuerung im Sinne einer Interdependenzbewältigung, also im Wissen der gegenseitigen Abhängigkeit der Akteure Gleichzeitig beruht sie auf institutionalisierten Regelsystemen, die das Handeln der involvierten Akteure lenken. Dabei können üblicherweise verschiedene Regelsysteme (Hierarchie, Polyarchie, Netzwerk, Gemeinschaft, Markt und weitere Formen der Beobachtung, Beeinflussung oder Verhandlung) kombiniert werden. Dieser Ansatz birgt somit Chancen und ist zugleich mit Herausforderungen verbunden, wenn er erfolgreich umgesetzt werden soll. Gelingende integrierte Sozialplanung als Teil von Bürgerorientierung Innerhalb des kommunalen Handelns sind mannigfaltige Überlegungen und Strategien zur Weiterentwicklung des Planungsgedankens vorhanden. Die Modernisierungsbemühungen sind in der Regel von der Einsicht geprägt, dass eine Veränderung der Planungspraxis nicht nur eine Fortentwicklung von technischen Verfahren darstellt und sich auch nicht darin erschöpft, in der kommunalen Verwaltung einzelne neue Instrumente einzuführen. Vielmehr zeigen sich im angewandten integrativen und strategischen Planungshandeln Konsequenzen für das Wirken von Verwaltung und Politik, es wird aber auch generell ein anderes Verhältnis zu den Bürgerinnen und Bürgern sichtbar. Allerdings kann nicht vorausgesetzt werden, dass diese Konsequenzen flächendeckend Teil eines umfassenden, a priori ganzheitlichen konzeptionellen Handelns darstellen und in ihrer Wirkung von vornherein intendiert sind. Dennoch lassen sich viele Kommunen angesichts nicht zu übersehender Veränderungsbedarfe in der Wahrnehmung und Bearbeitung von kommunalen Aufgaben wie der Bildungspolitik bewusst auf eine Veränderung ein, die nicht nur operativ angelegt ist, sondern eine strategische Tiefe umfasst. In einem evolutionären Prozess gelingt es diesen Kommunen, bei der Suche nach Antworten zur Sicherstellung der kommunalen Daseinsvorsorge Planung als einen zentralen Literatur Böhmer, A. (2015): Konzepte der Sozialplanung. Wiesbaden: Springer VS. Bourdieu, P. (1992): Die verborgenen Mechanismen der Macht. Hamburg. Fürst, D. (1995): Planung. In: ARL, S. 708-711. Lange, S./Schimank, U. (2004): Governance und gesellschaftliche Integration. In: Lange, S./Schimank, U. (Hrsg.): Governance und gesellschaftliche Integration. Wiesbaden: Springer, S. 9-46. Schubert, H. (2008): Netzwerkkooperation – Organisationen und Koordination von professionellen Vernetzungen. In: ders. (Hrsg.): Netzwerkmanagement. Koordination von professionellen Vernetzungen – Grundlagen und Praxisbeispiele. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 7-105. Schubert, H. (2018): Netzwerkmanagement in Kommune und Sozialwirtschaft. Eine Einführung. Wiesbaden: Springer VS. Zugang zu begreifen und die Vorteile integrierter Sozialplanung zu nutzen. Dabei wird nicht nur innerhalb von professioneller Verwaltung und lokaler Politik nach Lösungen gesucht, sondern die gesellschaftlichen Ressourcen – das Engagement der Bürgerinnen und Bürger – werden vernetzt eingebunden. Die zentrale Herausforderung besteht darin, die Fähigkeit auszubilden, lokale Erfolgsfaktoren zu identifizieren, örtlich gebundenes Wissen und spezifische Erfahrungen in die eigene Kommune zu transferieren sowie den jeweiligen kulturellen Kontext bei der Einbindung von Bürgerinnen und Bürgern zu berücksichtigen und ein räumlich angepasstes Verständnis von Bildungsgerechtigkeit zu entwickeln. Eine integrierte Sozialplanung kann hierbei ein wirksames Instrument zur umfassenden Modernisierung kommunalen Handelns darstellen und dabei helfen, neue Wege im Streben nach Bildungsgerechtigkeit zu gehen. Prof. Dr. Jörg Fischer ist Professor für Bildungs- und Erziehungskonzepte an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule Erfurt und Leiter des dortigen Instituts für kommunale Planung und Entwicklung (IKPE). PRODUKTIVE (UN-)ORDNUNG: SOZIALE RÄUME IN DER KOMMUNALEN PLANUNG VON ROBERT RÖMER, M.A. Als der Autor mit Freude zusagte, einen kurzen Beitrag über den Begriff des „Sozialraums“ zu verfassen, wähnte er sich noch in dem Glauben, dass es ein nervenschonendes Unterfangen werden würde. Wenig später fand er sich inmitten einer seit vielen Jahren andauernden, auf unzähligen „historischen“ und aktuellen Artikeln, Monografien und Handbüchern fußenden Fachdebatte wieder, deren Ende bis zum heutigen Tage noch nicht abzusehen ist. Spätestens seit Albert Einstein ringen Physiker, Mathematiker, Soziologen, Stadtplaner, Ökonomen, Sozialpädagogen und Gesundheitswissenschaftler (und wahrscheinlich noch zahlreiche weitere Angehörige akademischer und fachpraktischer Disziplinen jedweder Couleur) um die terminologische Deutungshoheit des Raumbegriffs. Obwohl sich die Positionen bisweilen diametral gegenüberstehen, ist die Debatte im Kern auf eine wesentliche Kontroverse zurückzuführen: „Ist der Raum Behälter aller körperlichen Objekte, oder ist er die Lagerungsqualität der körperlichen Objekte?“ (Einstein 1960) Im ersten Falle impliziert die Vorstellung des Raumes eine den in ihm befindlichen Dingen übergeordnete, (vor)strukturierte Realität. Im zweiten Falle ist ein Raum ohne seine spezifischen Inhalte gar nicht zu denken. Was zunächst wie eine wissenschaftlich-abstrakte Formulierung des „Henne-Ei-Problems“ klingt, ist in der Praxis der integriert angelegten, kommunalen (Sozial-)Planung folgenreich. Die Wahl einer den Planungszwecken angemessenen, raumbezogenen Beobachtungsperspektive kann einiges an Kopfzerbrechen bereiten. Allein die statistische Unterscheidung kommunaler Räume sorgt im Alltag der Verwaltung für Unordnung: Schuleinzugsbezirke, Planungsräume der Jugendhilfe, Stadtteile in der Quartiersentwicklung – selten liegen diese geografisch betrachtet aufeinander. Gemeinsam ist ihnen oftmals nur, dass sie, wie alle Räume, das Ergebnis einer Grenzziehung sind und diese Konstruktionen bisweilen mehr über die Gruppe derjenigen aussagen, die sie vornehmen, als über die Bevölkerung, welche sich in diesen geografisch definierten Räumen überwiegend aufhält. Daran lässt sich bereits ablesen, dass es sich im Blick auf den kommunalen Raum um etwas sozial Hergestelltes und nicht etwa um etwas natürlich Gegebenes zu handeln scheint (Schroer 2019). Hinzu kommt: unabhängig von den administrativen, historisch gewachsenen, geografischen Raumgrenzen, finden vor Ort (soziale) Interaktionen zwischen Menschen statt. Diese Interaktionen bringen, ebenso wie raumbezogene Aneignungsprozesse durch die Bevölkerung, eigene Grenzziehungen und damit weitere soziale Räume hervor. Sie verleihen aus Perspektive der Kommunalverwaltung den administrativ definierten Räumen ihr „typisches Gesicht“. Nicht selten ist die Beschreibung kommunaler Sozialräume daher einerseits stark an die in ihnen befindlichen strukturellen Elemente gekoppelt: Stehen ausreichend nutzbare Schulgebäude für Grund- und Regelschulen zur Verfügung? Sind die Kapazitäten in der Kindertagesbetreuung hinreichend bemessen? Ermöglicht die bauliche Struktur ein barrierefreies Fortkommen im Alltag? Ist die Anbindung an den ÖPNV gewährleistet? Stehen genügend Versorgungsmöglichkeiten und Erholungsflächen bereit? Andererseits besteht weitgehend Einigkeit darin, dass (sozialräumliche) Lebenslagen der Bevölkerung anhand von Daten zu Alter, Geschlecht, Familienzusammensetzung, Einkommen, Bildungsstand sowie nationaler Zugehörigkeit zwar nicht abschließend bestimmt, jedoch zumindest treffend charakterisiert werden können. Kommunale Planung greift bei der Raumbestimmung somit auf beide Raumvorstellungen zurück. Einerseits werden Räume anhand von Objekten aus ihrer physisch-materiellen Umwelt geografisch lokalisiert (z.B. entlang von Straßenzügen, Plätzen und/oder Gemeindegrenzen), anderseits wird versucht, unter Zuhilfenahme von Indikatoren die soziale Lage der Bevölkerung innerhalb dieser Raumgrenzen zu umreißen und Grenzen auf Basis charakteristischer Unterschiede zu definieren. Im Blick auf die Beschreibung sozialer Räume in der kommunalen Planungspraxis ergibt sich daraus eine ganze Reihe an He- Literatur Bengesser, Andreas (2019): Sozialmonitoring – ein steuerungsrelevantes Instrument als Basis für die SRO-Planung. In: Fürst, Roland/Hinte, Wolfgang (Hrsg): Sozialraumorientierung. Ein Studienbuch zu fachlichen, institutionellen und finanziellen Aspekten. Wien: Facultas. Einstein, Albert (1960): Vorwort von Albert Einstein. In: Jammer, Max: Das Problem des Raumes. Die Entwicklung der Raumtheorien. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Schroer, Markus (2019): Räume der Gesellschaft. Soziologische Studien. Wiesbaden: Springer VS. rausforderungen: Raumgrenzen müssen Fachbereichs- und Ämterübergreifend abgestimmt werden, Daten müssen in einer hohen Qualität vorliegen und entsprechend der Raumgrenzen erhoben worden sein. Kurzum: hier sollen mehrdimensionale gesellschaftliche Prozesse räumlich abgebildet werden, die sich üblicherweise einer direkten Messung entziehen. Es bedarf daher der Konstruktion von Indikatoren und eines generellen Konsenses, mithilfe welcher Daten soziale Lagen räumlich abgebildet werden sollen (Bengesser 2019, 50). Mehr noch: Es bedarf einer gezielten Erhebung von Daten jenseits pragmatischer (zufälliger) Verfügbarkeit. Diese Herausforderung kann und sollte dazu genutzt werden, in einen gemeinsamen, produktiven Austausch mit kommunalen Fachakteuren unterschiedlicher Disziplinen und Verwaltungsstrukturen zu treten. Eine Verständigung über Raumvorstellungen kann letztlich auch dabei helfen, Raumgrenzen innerhalb der Verwaltung zu verschieben und den „administrativen Blick“ zu schärfen. Robert Römer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fachhochschule in Erfurt und Mitgründer von SOFOKLES. Er berät kommunale Akteure aus dem Bildungs- und Sozialbereich zu Themen der Netzwerkarbeit und (Sozial-)Planung: www.sofokles.org TANORAMA | 7 INTEGRIERTE SOZIALPLANUNG ALS HERAUSFORDERUNG IN UND ZWISCHEN KREISEN, STÄDTEN UND GEMEINDEN VON PROF. DR. HOLGER WUNDERLICH Unsere Gesellschaft wird immer komplexer und dynamischer. Die damit verbundenen Veränderungen zeigen sich trotz Globalisierung und Digitalisierung zu einem großen Teil im direkten Wohnumfeld oder zumindest innerhalb der Städte bzw. Gemeinden. Die Bedeutung kommunaler Bezüge bei der Bearbeitung dieser Folgen steigt daher und ein zentraler Akteur in diesem Kontext ist die kommunale Sozialplanung. Aufgrund der Interdependenz der Herausforderungen ist es folgerichtig, dass immer stärker über integrierte Sozialplanung diskutiert wird. Hier zeigt sich eine weitere Professionalisierung der Sozialplanung. Eine Herausforderung dabei scheint das mitunter sehr unterschiedliche Verständnis von Ebenen, Funktionen und Aufgaben von Sozialplanung zu sein. Dies ist problematisch, da es den konzeptionell-methodischen Fachdiskurs erschwert und in der Praxis zu Enttäuschungen führen kann. Der vorliegende Text zeigt ausgehend von unterschiedlichen Ebenen von Sozialplanung Herausforderungen, Dilemmata und Chancen einer integrierten Sozialpla- Abbildung 1: Ebenen und Funktionen von Sozialplanung Quelle: Wunderlich 2019, 96 nung auf und soll dazu beitragen, das sozialplanerische Rollenverständnis zu reflektieren und sich der eigenen Stärke(n) bewusst zu werden. Aus einer wirkungsorientierten Perspektive gilt es auch den Blick auf interkommunale Kooperationen in der Sozialplanung zu lenken, denn die angesprochenen Herausforderungen orientieren sich nicht an kommunalen Grenzen. Für eine Sozialplanung, die sich explizit als Steuerungsunterstützung von Politik und Verwaltungsspitze versteht, gilt es zudem die strategische Rolle von Sozialplanung zu diskutieren. Beiden Aspekten wird daher im vorliegenden Beitrag besondere Beachtung geschenkt. Ebenen und Phasen von (integrierter) Sozialplanung Den Begriff „Soziale Planung“ bezeichnete Nimmermann (1971: 85) schon vor einem halben Jahrhundert als „schillernd und vieldeutig“, der viele Interpretationen ermögliche. „Die Reichweite des Begriffs geht von der Koordination sozialer Dienste bis hin zu allumfassender Gesellschaftsplanung“ (ebd.). Im Folgenden werden drei Ebenen von Sozialplanung unterschieden (vgl. Wunderlich 2019): 1. Handlungsfeldorientierte Sozialplanung, die sich an den einzelnen Fachplanungen und Fachpolitiken orientiert 2. Strategisch-integrative Sozialplanung, die erstens als integrative Klammer der einzelnen handlungsfeldorientierten Sozialplanungszugänge verstanden werden kann und die zweitens das Scharnier darstellt zur dritten Planungsebene 3. Integrative kommunale Entwicklungsplanung, welche sich auf die Stadt-/Gemeinde-/Kreisentwicklung bezieht (vgl. unten Abbildung 1) Zwar muss auch die handlungsfeldorientierte Sozialplanung strategisch ausgerichtet und integrativ angelegt sein, allerdings bezieht sich eine so verstandene Sozialplanung primär auf die Planung in den einzelnen Handlungsfeldern wie der Jugendhilfeplanung, der Gesundheitsplanung etc. Eine strategisch-integrative Sozialplanung hingegen bezieht die Integrative Kommunale Entwicklungsplanung Scharnierfunktion HandlungsfeldOrientierte Sozialplanung(en) HandlungsfeldOrientierte Sozialplanung(en) Planungsanlass Evaluation Integrative SozialPlanung Bedarfsermittlung MaßnahmenZielplanung entwicklung 8 | TANORAMA Klammerfunktion Klammerfunktion Maßnahmendurchführung Bestandserhebung einzelnen handlungsfeldorientierten Fachplanungsprozesse aufeinander. Dies ist von großer Bedeutung, da viele Themen in der Sozialplanung Querschnittsthemen sind und mehrere Politik- und Handlungsfelder berühren. Eine die einzelnen handlungsfeldorientierten Planungen koordinierende Planungsinstanz scheint daher dringend notwendig. Zudem kann eine solche strategisch-integrative Sozialplanung soziale Themen und Interessen im Kontext einer übergreifenden integrativen kommunalen Planung vertreten. Die Klärung der unterschiedlichen Ebenen ist mit Blick auf ein einheitliches Verständnis in den Kommunen wichtig, aber auch mit Blick auf die Identifikation von Herausforderungen, die im Zuge einer integrierten Sozialplanung auftreten können. Sozialplanung im hier skizzierten Sinne soll erstens Informationen bereitstellen, zweitens auf dieser Basis Diskurse anstoßen, drittens auf vernetztes Handeln hinwirken und viertens konkrete Kooperationen initiieren (vgl. ausführlicher Wunderlich 2019). Ausgehend von dieser Logik lassen sich verschiedene Dilemmata identifizieren, die bei der Umsetzung integrierter Sozialplanung eine Rolle spielen können (vgl. rechts Abbildung 2). Das Erkenntnisdilemma Entgegen der häufig aufgestellten These, dass es kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem gibt, wird hier eine andere These vertreten. Wir haben ein Erkenntnisproblem! Zwar liegt entlang politischer und administrativer Zuständigkeiten eine Fülle von relevanten Informationen über die Lebenssituation der Menschen vor Ort vor, allerdings werden diese isolierten Wissensbestände (aus unterschiedlichen Gründen) nach wie vor zu selten aufeinander bezogen. Zusammenhangswissen ist aufgrund des Querschnittscharakters sozialer Themen jedoch unerlässlich. Verstärkt wird dieses Defizit dadurch, dass auf der strategischen Ebene Überblickswissen für politische Entscheidungen und auf der operativen Ebene detailliertes Planungswissen benötigt wird. Sozialberichterstattung muss diese divergierenden Verwendungszusammenhänge berücksichtigen. Mit Blick auf die Sozialberichterstattung muss zudem konstatiert werden, dass die Datenlage für eine integrierte Sozialberichterstattung häufig nicht gegeben ist, weil die Daten nicht zur Verfügung stehen oder nicht zur Verfügung gestellt werden (selbst innerhalb von Verwaltungen werden Daten aus diversen Gründen nicht immer von den datenhaltenden Stellen weitergeben). Die arbeitsteilig-hierarchische Organisation von Verwaltungen und die damit einhergehenden Machtkonstellationen Planungswissen Erkenntnisdilemma Überblickswissen 1 Informationsaufgabe Diskursaufgabe Netzwerkaufgabe Zielformulierung Diskursdilemma 3 Kooperationsaufgabe Umsetzungsdilemma 2 Maßnahmenplanung/-umsetzung Abbildung 2: Aufgaben und Dilemmata im Prozess integrativer Sozialplanung Quelle: eigene Abbildung Wunderlich und sich ggf. widersprechenden (politischen) Interessen stehen einer gelingenden integrierten Sozialplanung nicht selten diametral entgegen. Wahrscheinlich ist hier sogar die zentrale Herausforderung für integrierte Sozialplanung zu sehen. Bezogen auf interkommunale Kooperationen in der Sozialplanung ist in diesem Zusammenhang zu denken an politisch häufig komplizierte Konstellationen zwischen (Nachbar-)Kommunen bzw. zwischen Kreisen und ihren kreisangehörigen Städten und Gemeinden. Weitere Auffälligkeiten mit Blick auf viele Sozialberichterstattungsaktivitäten sind zum Beispiel die engführende Dominanz quantitativer Daten und die unzureichende Reflektion über einen thematisch adäquaten Raumbezug (vgl. Wunderlich 2020). Unabhängig von der notwendigen Differenzierung zwischen Sozialräumlichkeit und Kleinräumigkeit gilt es mit Blick auf eine wirkungsorientierte Sozialplanung beispielsweise auf eine interkommunale Sozialplanung hinzuwirken (Sozialraumstrukturen halten sich nicht an die kommunale Gebietskörperschaftsgrenzen) und bei der Sozialberichterstattung von Kreisen eine Bezugsgröße zu wählen, die sowohl für den Kreis als auch die Gemeinden sinnvoll ist. Bezüglich der Themen wird häufig nur auf Probleme fokussiert und vorhandene Ressourcen bleiben unberücksichtigt, was für eine umsetzungsorientierte Sozialplanung zu einseitig ist. Zudem orientiert sich die Sozialberichterstattung auch in den Kreisen und kleinen Kommunen in der Regel an den Themen kreisfreier Städte, womit die Besonderheiten dieser Gebietskörperschaftstypen bzw. des ländlichen Raumes unberücksichtigt bleiben oder nur partiell zu erfassen sind. Zu überlegen ist vor diesem Hintergrund, ob es insbesondere für Sozialberichterstattungsaktivitäten außerhalb von kreisfreien Städten alternative Formen von Sozialberichterstattung zu entwickeln gilt. Empirisch beleg- und begründbare Anknüpfungspunkte für sozialpolitisches Handeln im Sinne der traditionellen Sozialberichterstattung sind unerlässlich, aber es sollte geprüft werden, ob es ausgehend von (belegbarem) Theorie-, Praxis- und Erfahrungswissen auch andere Formen von kommunaler Sozialberichterstattung geben kann. Ein Anknüpfungspunkt könnte dabei beispielsweise die stärkere Berücksichtigung von Umgangswissen der Sozialen Arbeit sein (vgl. Böhnisch 2018: 129). Das Diskursdilemma Sozialplanerische Diskurse haben in der Praxis nicht selten den Charakter von Betroffenheits- und Selbstvergewisserungsdiskursen! Fertige Sozialberichte werden im Rahmen großer Tagungen oder in Arbeitsgruppen vorgestellt und mit der Erwartung verknüpft, jetzt möge man sich doch auf Maßnahmen verständigen und „zur Tat schreiten“. Häufig bleibt es dann aufgrund mangelnder Verständigung, fehlender Ressourcen, Zuständigkeitsgerangel etc. bei (durchaus gut gemeinten) Absichtserklärungen. Mitunter entsteht sogar der Eindruck, dass die Sensibilisierungsfunktion von bestimmten Akteuren als ausreichend empfunden und ein ernstgemeinter Diskurs über Ableitungen gar nicht stattfinden soll. Unter Umständen auch, weil Ableitungen in der Regel Kompromisse bedeuten, Geld kosten und hinsichtlich der Umsetzungszuständigkeit nicht im Vagen bleiben dürfen und damit überprüfbar sind. Andererseits enthalten Sozialberichte gelegentlich bereits differenzierte Handlungsempfehlungen, die im Prozess der Berichterstellung nicht mit den für die Umsetzung einzubindenden (örtlichen) Akteuren diskutiert wurden. Trotzdem wird dann erwartet, dass diese sich den Empfehlungen anschließen. TANORAMA | 9 Die Entkoppelung von Sozialberichterstattung und Handlungsebene ist problematisch, wenn keine Verständigung über die Befunde der Sozialberichterstattung erfolgt und keine gemeinsamen Zielsetzungen formuliert werden. Finden ernstgemeinte Diskurse statt, so sind diese hinsichtlich der Beteiligten mitunter recht selektiv und exkludieren weite Teile der (professionellen) Akteure. Auch die Beteiligung von bzw. der Diskurs mit den Bürgerinnen und Bürgern ist häufig „simulierte“ Beteiligung. Wohlwissend, dass Beteiligung schwierig ist, darf dies kein Argument dafür sein, sich dem Schicksalsspruch „Es beteiligten sich immer dieselben und dann meist die, um die es uns gar nicht geht“ zu ergeben. Ohne Diskurse und ohne ernst gemeinte Beteiligung kann es sich aus wirkungsorientierter Perspektive nur um „Sozialplanung light“ handeln. In Landkreisen und zwischen Kommunen ist das Diskursdilemma noch einmal größer, denn die häufig vorbehaltlose Orientierung an betriebswirtschaftlichen Steuerungslogiken ist nicht nur für kreisfreie Städte kritisch zu sehen. Aufgrund der in der Regel komplexeren politischen Konstellationen ist dies noch einmal weniger auf Kreise und inter10 | TANORAMA kommunale Zusammenhängen übertragbar. Interkommunale Zusammenarbeit im Bereich der Sozialplanung ist erfahrungsgemäß ungleich schwieriger, wenn die politische Verortung der kommunalen Spitzen eine unterschiedliche ist bzw. die politischen Mehrheiten sich in den beteiligten Kommunen bzw. zwischen dem Kreis auf der einen Seite und den kreisangehörigen Städten und Gemeinden auf der anderen Seite unterscheiden. Bezüglich der Themen gilt es zu berücksichtigen, dass (unabhängig von unterschiedlichen Planungskulturen und politischen Ausrichtungen) manche Zuständigkeiten beim Kreis und andere bei den kreisangehörigen Städten und Gemeinden verortet sind und damit auch unterschiedliche Zugriffe auf Ressourcen und Finanzen berücksichtigt werden müssen. Mit Blick auf das Thema Vernetzung muss berücksichtigt werden, dass es ggf. weniger bzw. räumlich distanzierter verortete Akteure gibt und dies Vernetzung erschwert. Diskursive Elemente müssen hier anders als beispielsweise in kreisfreien Städten gestaltet werden. Und dies gilt nicht nur mit Blick auf die professionellen Akteure, sondern auch bezogen auf die Bürgerinnen und Bürger. Viele der vorab skizzierten Herausforderungen lassen sich durch eine wirkungsorientierte Sozialplanung angehen. Entscheidend hierfür ist die partizipativ-diskursive Entwicklung von Zielen und die konsequente Ausrichtung an diesen Zielen auf der Maßnahmenebene. Die zentrale Aufgabe in diesem Zusammenhang ist es, die häufig in Form von (expliziten oder impliziten) Leitbildern existierenden abstrakten Zielsetzungen mit den Ergebnissen der Sozialberichterstattung über Mittlerund Handlungsziele zu verbinden (vgl. Lobermeier/Wunderlich 2020). Mit Blick auf das Umsetzungsdilemma sei an dieser Stelle auf das Kohäsionsdilemma, das Dilemma der verhandlungsbasierten Kooperationsbildung und das Dilemma der Vertrauensbildung verwiesen (vgl. Duschek/Wetzel/ Aderhold 2005: 155). Zu Gunsten des Fokus auf die strategische Ebene von Sozialplanung wird an dieser Stelle darauf nicht weiter eingegangen und stattdessen die (mögliche) Rolle strategischer Sozialplanung in der Sozialpolitik vor Ort skizziert. Welche Rolle kann eine strategisch-integrative Sozialplanung in der Sozialpolitik spielen? Wird strategisch-integrative Sozialplanung als Klammer zwischen den einzelnen Fachplanungen und als Scharnier zur übergreifenden kommunalen Planung verstanden (siehe oben), so kann sie eine wichtige Rolle dabei spielen, dass sozialpolitische Probleme auf die kommunalpolitische Agenda gelangen und letztlich politische Entscheidungen getroffen werden. Politikwissenschaftlich sind dafür drei Voraussetzungen relevant, wobei die Sozialplanung eine jeweils spezifische Rolle spielen kann: 1. Eine Bedingung dafür, dass ein soziales Problem bearbeitet wird bzw. auf die Agenda kommt, ist die Definition und Artikulation dieses Problems (Jann/Wegrich 2009: 85). Schneider/Janning (2006: 51) führen hierzu an, dass die Abweichung eines Ist-Zustandes von einer sozialen Norm, einem Erwartungsniveau oder einer technischen Notwendigkeit erst dann zum sozialen Problem wird, wenn sie sich auf die Lebenschancen von Menschen auswirkt, von diesen wahrgenommen und als Problem definiert wird. Eine zweite Voraussetzung dafür, dass ein Problem Handlungsdruck erzeugt, ist die gesellschaftliche Akzeptanz dieses Problems. Kingdon (1995: 197ff.) spricht bezogen auf den durch soziale Probleme entstehenden Handlungsdruck vom problem stream. Die Rolle kommunaler Sozialplanung ist es, problematische Strukturen und Missstände aufzudecken und für die individuellen und gesellschaftlichen Implikationen zu sensibilisieren. 2. Die zweite Voraussetzung dafür, dass ein Problem bearbeitet werden kann, ist das grundsätzliche Vorliegen von Lösungsmöglichkeiten. Diese entstehen häufig ohne akuten Problembezug bzw. ohne konkreten (politischen) Auftrag und können bei Bedarf aus der Schublade geholt werden. Kingdon (ebd.) bezeichnet diesen Strom als policy stream. Bestandteil der wirkungsorientierten Sozialplanung kann und sollte es sein, solches (Problem-) Lösungswissen zu generieren, zu systematisieren und zu kommunizieren. Voraussetzung dafür ist unter anderem die interkommunale Vernetzung von Sozialplanerinnen und Sozialplanern, damit trotz lokaler Besonderheiten die Welt nicht in jeder Kommune immer wieder neu erfunden werden muss. 3. Die dritte Voraussetzung dafür, dass ein Thema auf die Agenda gelangt, wird von Kingdon (ebd.) als political stream bezeichnet und bezieht sich auf die Attraktivität von sozialpolitischen Themen für Politikerinnen und Politiker. Die Attraktivitäten des Themas definiert sich, so Schneider/Janning (2006: 56), über die Problemstruktur, wobei diese bei sozialen Themen tendenziell eher ungünstig zu sein scheint. Sie sind häufig mehrdeutig und komplex und keine Routineangelegenheit. Allerdings, und das weist in Richtung einer günstigen Problemstruktur, können sie eine große symbolische Bedeutung haben. Hinsichtlich ihrer Attraktivität scheinen soziale Themen für Politiker damit einen ambivalenten Charakter zu haben. Die stadtgesellschaftliche Relevanz bestimmter Themen herauszuarbeiten und damit für Politiker „attraktiv“ zu machen, kann auch Aufgabe der Sozialplanung sein. Das Zusammentreffen der drei Ströme öffnet Politikfenster für politische Entscheidungen (Kingdon 1995: 197ff.). Das Agenda-Setting ist dabei in einem hohen Maße situativ: Nicht jedes Problem mit einem (hohen) Handlungsdruck und günstiger Problemstruktur gelangt auf die politische Agenda und nicht jedes Problem, mit dem sich Politik befasst, hat einen hohen Handlungsdruck. Sozialplanung kann mithelfen, dass Probleme mit einer ungünstigen Problemstruktur sichtbar, diskutiert und politisch verhandelbar werden (Wunderlich 2019). Fazit und Plädoyer Das strategische Potenzial einer integrierten Sozialplanung, so der Ausgangspunkt des vorliegenden Beitrags, wird bisher nicht ausgeschöpft. Unter der Voraussetzung politischer Akzeptanz und mit der Rückendeckung der Verwaltungsspitze kann Sozialplanung nicht nur eine wichtige Planungsfunktion für einzelne Handlungs- und Politikfelder haben, sondern als strategisch-integrative Sozialplanung auch eine wichtige Funktion im Rahmen nachhaltiger Stadt-/Gemeinde-/ Kreisentwicklung erfüllen. Sie soll diese dabei ebenso wenig ersetzen, wie die differenzierte Planung in den zuständigen Fachämtern. Die Herausforderungen der Sozialplanung sind groß und werden noch einmal größer, wenn sie auf interkommunale Kooperationen bezogen werden. Sowohl auf der operativen Ebene als auch auf der strategischen Ebene, also mit Blick auf das sozialpolitische Agenda-Setting, gilt es Sozialplanung partizipativ auszurichten und diskursive Räume zu organisieren. Gelingt dies, übernimmt eine integrierte Sozialplanung gesellschaftliche Verantwortung vor Ort. Dieser Rolle gerecht zu werden erfordert Ressourcen, die Rückendeckung von Politik und Verwaltungsspitze sowie einen langen Atem. Literatur Böhnisch, Lothar (2018): Die Verteidigung des Sozialen. Ermutigungen für die Soziale Arbeit, Beltz Juventa. Duschek, Sigrid/Wetzel, Ralf/ Aderhold, Jens (2005): Probleme mit dem Netzwerk und Probleme mit dem Management. Ein neu justierter Blick auf relevante Dilemmata und auf Konsequenzen der Steuerung. In: Aderhold, J./ Meyer, M./Wetzel, R. (Hg.): Modernes Netzwerkmanagement. Jann, Werner/Wegrich, Kai (2009): Phasenmodelle und Politikprozesse: Der Policy-Cycle. In: Schubert, Klaus/Bandelow, Nils C. (Hg.): Lehrbuch der Politikfeldanalyse 2.0. München: Oldenbourg, S. 75–113. Kingdon, John W. (1995): Agendas, Alternatives, and Public Policies. New York: Longman. Lobermeier, Olaf/Wunderlich, Holger (2020): Tagungsdokumentation der Tagung „Wirkungsorientierte Prävention im Sozialraum“ am 29.11.2019 (im Erscheinen) Nimmermann, Peter (1971): Sozialplanung in den USA, In: Müller, Carl Wolfgang/Nimmermann, Peter (1971): Stadtplanung und Gemeinwesenarbeit, Juventa. Schneider, Volker/Janning, Frank (2006): Politikfeldanalyse. Akteure, Diskurse und Netzwerke in der öffentlichen Politik. Wiesbaden: VS-Verlag. Wunderlich, Holger (2019): Kommunale Sozialpolitik, strategische Sozialplanung und politisches Agenda-Setting, In: Kolhoff, L. (Hg.): Aktuelle Diskurse der Sozialwirtschaft II, S. 77-120, Reihe „Perspektiven Sozialwirtschaft und Sozialmanagement, Springer VS. Wunderlich, Holger (im Erscheinen): Sozialraumorientierung, Sozialraumanalyse und Soziale Arbeit, in: Aktuelle Diskurse der Sozialwirtschaft III, Reihe „Perspektiven Sozialwirtschaft und Sozialmanagement“, Springer VS. Prof. Dr. Holger Wunderlich lehrt an der Fakultät Soziale Arbeit der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften in Braunschweig / Wolfenbüttel und ist wissenschaftlicher Leiter der Faktor Familie GmbH in Bochum. TANORAMA | 11 INTERKOMMUNALE ZUSAMMENARBEIT IN DER SOZIALPLANUNG AM BEISPIEL DER LANDESHAUPTSTADT SCHWERIN UND DES LANDKREISES LUDWIGSLUST-PARCHIM VON LISA MANHART UND CHRISTIAN TIEDE Seit vielen Jahren tauschen sich die Sozialplanerinnen und -planer in Mecklenburg-Vorpommern fachlich miteinander aus. In Kleingruppen oder bilateral werden Themen, fachpolitische Diskussionen und Vorhaben gegenseitig vorgestellt, diskutiert und methodisch abgestimmt. Darüber hinaus werden verschiedene Methoden, Verfahren und weitere Elemente der Sozialplanung präsentiert. Die Treffen – die selbständig von den Sozialplanenden organisiert werden – dienen vor allem der themenspezifischen Vertiefung und Weiterentwicklung der Sozialplanung vor Ort. Die Landeshauptstadt Schwerin liegt umgeben von den beiden Landkreisen Nordwestmecklenburg und Ludwigslust-Parchim. Da es sich bei beiden Landkreisen um große Flächenlandkreise handelt, ist davon auszugehen, dass diese teilweise auch die städtische Infrastruktur und die gesundheitlichpflegerische Angebotsstruktur der Landeshauptstadt Schwerin als regionales Oberzentrum mit nutzen. Im Folgenden wird anhand einiger ausgewählter Beispiele die Zusammenarbeit zwischen dem Landkreis Ludwigslust-Parchim und der Landeshauptstadt Schwerin vorgestellt: Beispiel 1: Pflegesozialplanung Der demografische Wandel stellt nicht nur das Land Mecklenburg-Vorpommern, sondern auch die Landeshauptstadt Schwerin und den Landkreis Ludwigslust-Parchim vor große Herausforderungen. Schon jetzt sind in beiden Regionen die Anteile älterer Menschen höher als im Landes- und deutlich höher als im Bundesdurchschnitt. Aktuell ist etwa ein Drittel der Bevölkerung Schwerins (33,0 Prozent) und Ludwigslust-Parchims (32,6 Prozent) 60 Jahre und älter. Und diese Entwicklung wird in den nächsten Jahren noch zunehmen. Für Schwerin wird erwartet, dass sich der Anteil der Menschen ab 60 Jahren bis zum Jahr 2040 auf 34,3 Prozent erhöht. Im Landkreis Ludwigslust-Parchim wird er auf 40,7 Prozent stark ansteigen. Ausgehend von diesen Entwicklungen ergibt sich die Frage, wie viele Menschen jetzt und in Zukunft Pflegeleistungen benötigen und wer diese Pflegeleistungen erbringen kann. 12 | TANORAMA Bericht zur Pflegesozialplanung Nach dem Landespflegegesetz Mecklenburg-Vorpommern (LPflegeG M-V) haben die Landkreise und kreisfreien Städte die Aufgabe, alle fünf Jahre Planungen für ambulante, teilstationäre und stationäre Pflegeeinrichtungen zu erstellen (§ 5 Abs. 2 LPflegeG M-V). Die Pflegesozialplanung untersucht die bestehende Versorgungsstruktur und schätzt ab, welche pflegerischen und pflegeergänzenden Angebote derzeit und in Zukunft erforderlich sind. Damit wird das Ziel verfolgt, eine grundlegende Analyse bedarfsgerechter Unterstützungsangebote in ambulanten, teil- und vollstationären sowie darüber hinausgehenden Versorgungsbereichen unter Berücksichtigung der Lebenssituation der älteren Bevölkerung und des fortlaufenden demografischen Wandels durchzuführen. Auch werden auf der Basis der empirischen Erhebungen und Analysen in der Pflegesozialplanung Handlungsempfehlungen zur Weiterentwicklung einer zukunftsfähigen und realisierbaren pflegerischen und pflegeergänzenden Versorgungsstruktur in der Kommune abgeleitet. Dazu gehören auch Empfehlungen, z.B. zu geeigneten Wohnangeboten und zur Entwicklung eines Netzes ehrenamtlich Helfender. Neben seiner Funktion als Informations- und Planungsinstrument stellt der Bericht gleichzeitig ein Angebot an die Bevölkerung, In- vestoren sowie Handelnde aus dem Bereich Pflege dar, sich in den Gestaltungsprozess aktiv einzubringen und diesen zu begleiten. Herausforderungen, die der zunehmende Pflegebedarf mit sich bringt, können auf kommunaler Ebene nur in enger Kooperation von Pflegesozialplanung, Pflegeberatung, Pflegekassen und Anbietern erörtert werden. Zur Gewährleistung einer einheitlichen Herangehensweise sowie vergleichbarer Ergebnisse in der Erarbeitung und Umsetzung der Pflegesozialplanung müssen die Landkreise und kreisfreien Städte in Mecklenburg-Vorpommern seit 2019 einen Berichtsstandard sowie einen festgeschriebenen Indikatoren-Katalog verwenden, der im Auftrag des Ministeriums für Soziales, Integration und Gleichstellung Mecklenburg-Vorpommern von der Hochschule Neubrandenburg entwickelt wurde. Parallel zu den Treffen mit der Hochschule Neubrandenburg fand ein regelmäßiger Fachaustausch zwischen den Sozialplanenden in Mecklenburg-Vorpommern statt. Dieser Austausch wird auch nach Ende der Arbeit regelmäßig fortgeführt. Pflegekarte (siehe Infobox rechts) Der Landkreis Ludwigslust-Parchim hat die Grundlage dafür geschaffen, dass seit 2016 Daten und Informationen zu Pflege- und Wohneinrichtungen kartenbasiert im Geodatenportal sowie mittels einer interaktiven Pflegekarte in beiden Kommunen online abrufbar sind. Die Pflegekarte ermöglicht Bürgerinnen und Bürgern, aber auch Fachkräften und Beratungspersonen im Pflegebereich, z.B. im Pflegestützpunkt, eine zielgenaue Suche nach Pflege- und Wohneinrichtungen und hält weitere Detaildaten wie z.B. Betreuungskapazitäten und Ansprechpersonen vor. Die Karte lässt sich nach Kategorien filtern und ermöglicht eine Umkreissuche sowie die Berechnung der Anfahrtswege zu den Einrichtungen. Die Grundlage für die interaktive Kartenanwendung bildet eine Versorgungsdatei aus der Pflegesozialplanung. Fachtag zum Thema „Bedarfsdefinition und Methoden zur Bedarfsermittlung, Zielwerte im Rahmen der Pflegesozialplanung“ Die Sozialplanerin der Landeshauptstadt Schwerin hatte Ende 2016 – in sehr enger Abstimmung mit den Verantwortlichen für Sozialplanung der kreisfreien Stadt Rostock, der Landkreise Ludwigslust-Parchim, Mecklenburgische Seenplatte sowie Nordwestmecklenburg – ein Tagesseminar zum Thema „Bedarfsdefinition und Methoden zur Bedarfsermittlung, Zielwerte im Rahmen der Pflegesozialplanung“ entwickelt. Im Vorfeld war festgestellt worden, dass es noch keinen INTERAKTIVE PFLEGEKARTE Die interaktive Pflegekarte finden Sie auf der Internetseite der Landeshauptstadt Schwerin unter ... https://www.schwerin.de/meinschwerin/leben/gesellschaft-soziales/ senioren-pflege/pflege/pflegekarte/ ... bzw. auf der Internetseite des Landkreises Ludwigslust-Parchim unter: https://www.kreis-lup.de/leben-imlandkreis/gesundheit-soziales/pflegeportal/pflegekarte/ gemeinsamen fachlichen Austausch zum konkreten Thema „Bedarfs- und Zielwertermittlung“ im Rahmen der Pflegesozialplanung gab. Das Seminar, das von Herrn Prof. Dr. phil. Bernhard Rohde, emeritierter Professor an der Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften der HTWK Leipzig geleitet wurde, richtete sich an alle Sozialplanerinnen und -planer des Landes Mecklenburg-Vorpommern einschließlich interessierter Vorgesetzter, Pflegekassen sowie Mitarbeitender des Sozialministeriums. Es zielte darauf ab, gemeinsam einheitliche Kriterien und Qualitätsstandards zu entwickeln, welche die Kommunen bei der Bedarfsanalyse und damit einher bei der Zielwertermittlung im Rahmen von Planungsprozessen unterstützen können. Infolge der Abstimmung der dafür notwendigen Maßnahmen sollte langfristig eine höhere Vergleichbarkeit der Planungen erzielt werden. Das Seminar bildete den Auftakt für den weiteren Fachaustausch der Sozialplanenden in Mecklenburg-Vorpommern. Fachtag zum Thema „Fachkräftemangel in der Pflege“ Die Entwicklungen in der Pflegebranche erfordern ein intensives Zusammenarbeiten. Bereits heute fehlen in allen Pflegeberufen Fachkräfte. Aktuelle Zahlen im Rahmen der Pflegesozialplanung zeigen, dass der Fachkräftemangel in der Pflege noch weiter zunehmen wird. Um einer weiteren Verknappung der pflegerischen Ressourcen und somit einer Verschlechterung der Pflegequalität bis hin zur Gefährdung der Versorgungssicherheit entgegenzuwirken, bedarf es einer zielgerichteten Analyse der Problemfelder sowie nachhaltiger Lösungsstrategien. Die Sozialplanerin der Landeshauptstadt Schwerin, Lisa Manhart, hatte gemeinsam mit dem Sozialplaner aus dem Landkreis Ludwigslust-Parchim, Christian Tiede, im März 2020 das erste interkommunale Symposium zum Thema „Fachkräftemangel in der Pflege“ geplant. Die Veranstaltung richtete sich an Fachkräfte und Experten mit Bezügen zum pflegerischen Bereich und zum Thema Fachkräftemangel sowie weitere Interessierte. Die an diesem Tag eigentlich stattfindenden Impulsvorträge sollten eine Grundlage für einen Fachaustausch zum Thema bieten. Gemeinsam mit den Teilnehmern sollten die verschiedenen Blickwinkel des Pflegenotstands beleuchtet, Praxisbeispiele kennengelernt und Anregungen für die eigene Arbeit gegeben werden. Aufgrund der Corona-Pandemie musste die Veranstaltung aber leider verschoben werden – ein Nachholtermin ist derzeit noch nicht bekannt. Beispiel 2: Ausbau und Weiterentwicklung der Beratungslandschaft in MecklenburgVorpommern Darüber hinaus findet ein regelmäßiger Austausch der Sozialplanerinnen und -planer in Mecklenburg-Vorpommern über Methoden zur Ermittlung von Bedarfen in Bezug auf die Planung von Beratungsangeboten statt. Das Land Mecklenburg-Vorpommern hatte im November 2019 ein Gesetz über die Finanzierung und Transparenz in der freien Wohlfahrtspflege in Mecklenburg- Vorpommern (WoftG M-V) beschlossen. Das Ziel des Gesetzes ist, im Rahmen der Weiterentwicklung der Beratungslandschaft ein bedarfsgerechtes Angebot an sozialer und Gesundheitsberatung in den Landkreisen und kreisfreien Städten vorzuhalten. Auch dieses Thema wird u.a. von der Sozialplanung in Mecklenburg-Vorpommern behandelt. Dazu gehört die Entwicklung aussagekräftiger Bestandsund Bedarfsanalysen zur Beratungslandschaft vor Ort. Lisa Manhart ist Sozialplanerin in der Fachstelle Planung und Controlling in der Landeshauptstadt Schwerin. Christian Tiede ist Sozialplaner im Fachdienst für Sozialmanagement und Entgelte des Landkreises Ludwigslust-Parchim. TANORAMA | 13 „FACHÜBERGREIFENDE PLANUNG BRAUCHT VOR ALLEM KOMMUNIKATION“ Ein Gespräch zur Zusammenarbeit der Bildungs- und Sozialplanung bei der kreisfreien Stadt Neumünster mit Arne Bollen, Sozialplaner, und Felix Brümmer, Bildungsplaner und Armutspräventionsmanager. Herr Bollen, Herr Brümmer, wie arbeiten Bildungs- und Sozialplanung in Neumünster zusammen? Arne Bollen: Sehr eng! Wir tauschen uns kontinuierlich zu unseren Aufgaben aus. Wir informieren uns über aktuelle Entwicklungen, unterstützen uns im Austausch mit anderen Akteuren, liefern uns Textbausteine und Zahlen. Wir geben uns gegenseitig Rückmeldung und reflektieren gemeinsam unsere Arbeitsprozesse. Dabei geht es immer wieder auch um unsere jeweiligen Verantwortlichkeiten. Es ist nicht nur klar, was zusammen läuft, sondern auch was nicht zusammen läuft, damit Doppelstrukturen vermieden werden und wir möglichst effektiv arbeiten. Felix Brümmer: Das alles geschieht auf der Grundlage der städtischen Entwicklungsziele, eines gemeinsamen Verständnisses datenbasierter Planung und gleicher Qualitätsansprüche. Und es hängt unseres Erachtens maßgeblich mit den besonderen Rahmenbedingungen für eine integrierte soziale Planung in Neumünster zusammen. Worin bestehen denn die besonderen Rahmenbedingungen für eine integrierte soziale Planung in Neumünster? Felix Brümmer: Wichtig sind hier zunächst einmal die klar definierten und durch die Selbstverwaltung beschlossenen städtischen Entwicklungsziele und die darauf ausgerichteten konkreten Maßnahmen. So bildet das Integrierte Stadtentwicklungskonzept (ISEK) einen wichtigen Orientierungsrahmen für das Verwaltungshandeln – gerade auch durch die Verknüpfung von Zielen und Maßnahmen mit dem Haushaltsplan und durch die regelmäßige Berichterstattung zur Zielerreichung und Maßnahmenumsetzung. Für den sozialen Bereich ist außerdem das in einem umfassenden partizipativen Prozess erarbeitete und von der Selbstverwaltung beschlossene Handlungskonzept Armut ein wichtiger Bezugspunkt. Als Armutspräventionsmanager unterstütze ich die transparente Umsetzung und Fortschreibung des Handlungskonzepts Armut. Arne Bollen: Neben den klaren Zielen und einem umfassenden Handlungsprogramm trägt vor allem die Organisationsstruktur zu einer engen Zusammenarbeit der Bildungs- und Sozialplanung bzw. einer integrierten sozialen Planung bei. Denn in Neumünster sind die sozialen Fachplanungen und Koordinierungsstellen sowie die EDV-Koordination und Systembetreuung für die sozialen Fachanwendungen in einem Fachdienst zusammengefasst. Der Fachdienst „Dezentrale Steuerungsunterstützung“ übernimmt somit wichtige Querschnittsfunktionen in dem großen Sachgebiet Schule, Kultur, Sport, Soziales und Gesundheit. Als eigenständiger Fachdienst ist die Dezentrale Steuerungsunterstützung anderen Fachdiensten gleichgestellt und entsprechend in den Gremien und Arbeitsgruppen der Verwaltung repräsentiert. Die sozialen Fachplanungen und Koordinierungsstellen nehmen außerdem regelmäßig an Dienstbesprechungen des Ersten Stadtrats mit den Fachdienstleitungen des Sachgebiets teil. Felix Brümmer: So trägt die Verortung der sozialen Fachplanungen, Koordinierungsstellen und Systembetreuung in einem Fachdienst zu ihrer Sichtbarkeit und ihrem Einfluss in der Verwaltung bei. Vor allem aber wirkt sich diese Struktur positiv auf die Zusammenarbeit innerhalb des Fachdienstes aus. Durch die gemeinsame Fachdienstleitung sowie die untergeordneten Abteilungen und Arbeitsgruppen mit ihren Teamsitzungen und Arbeitstreffen wird Wissen geteilt und viel miteinander gesprochen. Dabei profitieren wir von der biografischen und fachlichen Diversität im Fachdienst. Arne Bollen: Die gegenseitige fachliche Unterstützung wird natürlich auch dadurch möglich, dass die Wege zwischen uns nicht nur im Organigramm kurz sind. Mein Kollege Felix Brümmer und ich teilen uns sogar das Büro. Da kommt man natürlich immer wieder ins Gespräch zu aktuellen Aufgaben, fachlichen Fragen oder zukünftigen Vorhaben. 14 | TANORAMA Sie sind gerade ausführlich auf die strategischen Vorgaben und Organisationsstrukturen als Rahmenbedingungen einer integrierten sozialen Planung eingegangen. Was ist aber mit den organisationskulturellen Bedingungen Ihrer Zusammenarbeit? Felix Brümmer: Das ist eine berechtigte Frage – Ziele, Maßnahmen und Strukturen werden nicht automatisch gemeinsam verfolgt und gelebt. Zwar sind sie in gewisser Weise Ausdruck einer Organisationskultur, um sie umzusetzen braucht es aber die breite Unterstützung nicht nur der Verwaltung, sondern auch der Selbstverwaltung und der Stadtgesellschaft. Zielorientiertes kooperatives Handeln ist alles andere als selbstverständlich… Arne Bollen: …und trotzdem fühlt es sich für uns fast selbstverständlich an. Das liegt vor allem auch an unserer Fachdienstleitung, die dies vorlebt und uns zur Kommunikation und Zusammenarbeit anregt. Das liegt an der gut entwickelten Gesprächskultur im Fachdienst und der Vernetzung mit gleichgesinnten Akteuren innerhalb und außerhalb der Verwaltung. Das liegt an der gegenseitigen Anerkennung der jeweiligen Fachlichkeit und Expertise. Und das liegt an dem gemeinsamen Bewusstsein der Chancen und Herausforderungen datenbasierter Planung. TANORAMA | 15 Worin lagen oder liegen die zentralen Herausforderungen bei der Implementierung einer fachübergreifenden Planung in Neumünster? Und wie bewältigen Sie diese Herausforderungen? Felix Brümmer: Die größte Herausforderung ist sicherlich, dass die fachübergreifende Planung nicht mit den Fachplanungsstellen endet, sondern leitendes Prinzip des Verwaltungshandelns wird. Das bedeutet, dass es nicht nur darauf ankommt, dass Fachplanungen und Koordinationsstellen zusammenarbeiten. Vielmehr geht es darum, dass Expertise und Daten der Fachplanungen und Koordinationsstellen auch von anderen Stellen in der Verwaltung zur Vorbereitung zentraler Vorhaben genutzt werden. Denn eine breitere Informationsbasis kann zu einem bedarfsgerechteren und effektiveren Verwaltungshandeln beitragen. Arne Bollen: Dabei ist uns bewusst, dass es Vorbehalte gegenüber einer fachübergreifenden Planung geben kann. Die Befürchtungen können sein, dass der Einbezug anderer Akteure zu Verzögerungen führt, dass den Akteuren die notwendigen Kenntnisse zum Vorhaben fehlen, dass die herangezogenen Daten nur bestätigen, was man eh schon wusste, und dass letztendlich der höhere Aufwand in keinem angemessenen Verhältnis zum Nutzen steht. Diesen Vorbehalten kann man jedoch begegnen, die Befürchtungen entkräften. Felix Brümmer: Dazu ist es wichtig, in der Verwaltung als wertvolle Unterstützung wahrgenommen zu werden. Das beginnt damit, sichtbar zu sein – in dem man sich wichtigen Akteuren in der Verwaltung persönlich vorstellt und regelmäßig an Gremien und Arbeitstreffen teilnimmt. Im direkten Austausch mit den anderen Fachdiensten geht es darum, Unterstützungsbedarfe festzustellen und entsprechende Angebote zu machen. Arne Bollen: Wichtig ist dabei die Fähigkeit zur Perspektivübernahme – welche Daten, welche Informationen könnten für die anderen hilfreich sein, wodurch kann die Fachplanung das Vorhaben voranbringen. Und wie kann dabei der Aufwand für die unterstützte Stelle möglichst gering sein. Als Bildungs- und Sozialplaner verstehen wir uns ausdrücklich als Dienstleister für andere Fachdienste. Dieses Selbstverständnis ist das, was unseren ganzen Fachdienst auszeichnet. Die Fachplanungen, Koordinierungsstellen und die Systembetreuung sind kein Selbstzweck, sie sind dafür da, die Arbeit an anderen Stellen in der Verwaltung und darüber hinaus zu erleichtern – und dadurch auch einen Beitrag zur Qualität des Verwaltungshandeln zu leisten. Felix Brümmer: Unsere Dienstleistungsorientierung bedeutet aber nicht, dass wir passiv auf Anfragen und Wünsche anderer warten. Tatsächlich gehen wir aktiv auf andere zu, teilen Erkenntnisse und Ideen und setzen eigene Impulse. Das betrifft zum Beispiel die Entwicklung einer stärkeren Präventionsorientierung als Kern des Handlungskonzepts Armut. Hier besteht die besondere Herausforderung darin, präventive Effekte nachzuweisen und die Vorteile gegenüber nachträglichen Gegenmaßnahmen darzustellen – gerade weil die Zusammenhänge häufig komplex sind und Wirkungen erst langfristig auftreten. Arne Bollen: Herausforderungen bestehen natürlich auch auf operativer Ebene, gerade was das Teilen von Informationen und die gemeinsame Nutzung von Daten angeht. Hier braucht es auch eine entsprechende technische Infrastruktur. Sehr hilfreich ist dabei unsere Nähe zur EDV-Koordination und Systembetreuung in unserem Fachdienst sowie zur kommunalen Statistikstelle. Durch sie haben wir direkten Zugriff auf wichtige Sozialdaten. Außerdem sind EDV-Koordination und Systembetreuung daran beteiligt, die sukzessive Implementierung von Board als integrierter Controlling- und Planungssoftware voranzutreiben. Rückblickend betrachtet: An welcher Stelle oder an welchem konkreten Beispiel haben Sie erstmals gemerkt, wie gut sich Ihre Arbeitsbereiche ergänzen? Arne Bollen: Uns war sofort klar, dass unsere Themen und Aufgaben eng miteinander verknüpft sind. Als Sozialplaner beschäftigt man sich mit einer großen Bandbreite sozialer Phänomene. Und Bildung und Armut sind zentrale soziale Phänomene, die untereinander und mit anderen Bevölkerungsmerkmalen stark zusammenhängen. Felix Brümmer: Es wurde aber auch schnell deutlich, dass Bildungsplanung und Sozialplanung jeweils mit einem spezifischen Fokus auf dieselben sozialen Phänomene schauen. Hinzu kommt, dass Arne Bollen und ich zwar über einen vergleichbaren fachlichen Hintergrund als studierte Geographen verfügen, aber auch über unterschiedliche individuelle Erfahrungen, fachliche Interessen und Kompetenzen. Gemeinsam können wir so mehr Themen abdecken, mehr Vorhaben begleiten, Netzwerke besser pflegen und Daten umfangreicher und in höherer Qualität nutzen. 16 | TANORAMA Was sind aus Ihrer Erfahrung die Erfolgsfaktoren fachübergreifender Planung? Felix Brümmer: Im Grunde genommen haben wir sie schon alle genannt. Fachübergreifende Planung, die einen relevanten Einfluss auf das Verwaltungshandeln haben soll, braucht vor allem Kommunikation. Fachplanungen und Koordinationsstellen müssen sich untereinander und mit den Stellen, die sie unterstützen sollen, austauschen. So lassen sich Unterstützungsbedarfe erkennen und Aktivitäten aufeinander abstimmen. Dabei muss deutlich werden, dass die fachübergreifende Planung die Vorbereitung und Umsetzung von Vorhaben erleichtern und ihre Qualität verbessern kann. Für die unterstützten Stellen soll der zusätzliche Aufwand außerdem möglichst gering sein. Arne Bollen: Hilfreich für eine fachübergreifende Planung ist außerdem die Orientierung an gemeinsamen Zielen und zentralen Maßnahmen z. B. im Rahmen eines Integrierten Stadtentwicklungskonzepts oder durch soziale Handlungskonzepte. Diese können gemeinsam umgesetzt, aber auch fachübergreifend weiterentwickelt werden. Felix Brümmer: Auch die Organisationsstruktur hat einen wichtigen Einfluss auf die fachübergreifende Planung. In Neumünster hat es sich bewährt, die Fachplanungen und Koordinierungsstellen sowie die EDV-Koordination und Systembetreuung für den sozialen Bereich in einem Fachdienst zusammenzufassen. Die damit verbundene Verschränkung der Arbeitsprozesse und räumliche Nähe fördern die Kommunikation und Zusammenarbeit sowie die Sichtbarkeit gegenüber anderen Bereichen der Verwaltung. Angenommen, Sie dürften sich etwas wünschen und alles ist möglich: Wie sieht integrierte Planung in Neumünster in fünf Jahren aus? Felix Brümmer: In fünf Jahren ist die integrierte Planung in Neumünster idealerweise noch sehr viel sachgebietsübergreifender als bisher. Das heißt, dass wir als Bildungs- und Sozialplaner häufiger und intensiver als bisher mit Stellen wie z.B. dem Ordnungsamt, der Stadt- und Verkehrsplanung oder dem Umweltbereich zusammenarbeiten. Außerdem wünschen wir uns eine stärkere partizipative Öffnung der kommunalen Planungsprozesse. Denn die Einbindung der Menschen in Neumünster kann weitere planungsrelevante Informationen erbringen und die Akzeptanz gegenüber städtischen Planungen erhöhen. 2019 konnten wir bereits positive Erfahrungen mit einer sachgebietsübergreifend gestalteten öffentlichen Planungswerkstatt zur Stadtteilentwicklung sammeln. Arne Bollen: Wir wünschen uns auch, dass in den kommenden Jahren Qualität, Umfang und Analysemöglichkeiten der planungsrelevanten Daten kontinuierlich verbessert werden. Erleichtern würde unsere Arbeit vor allem der direkte themenübergreifende Zugriff auf aktuelle Daten und erweiterte Möglichkeiten, diese miteinander in Beziehung setzen zu können. Dadurch könnten wir als Fachplanungen schneller auch komplexe Auswertungen zur Vorbereitung oder Evaluation städtischer Maßnahmen liefern. Dabei hoffen wir auch auf noch mehr Möglichkeiten, über Geografische Informationssysteme (GIS) Daten mit dem Raum zu verknüpfen und raumbezogen darzustellen. Mit Board haben wir in Neumünster schon die Software, die wir zukünftig für einen stets aktuellen umfassenden Datenzugriff mit vielen Analysemöglichkeiten nutzen möchten. Die in Board einbezogenen Verwaltungsbereiche und Themen werden stetig erweitert. Felix Brümmer: Mit den technischen Möglichkeiten für eine noch stärkere Datenorientierung des Verwaltungshandelns soll sich innerhalb und außerhalb der Verwaltung auch das Bewusstsein für die Chancen einer datenbasierten Planung weiterentwickeln. Es wäre toll, wenn man die Fachplanungen in Zukunft noch selbstverständlicher in die Vorbereitung und Bewertung von Vorhaben einbezogen werden, weil man uns als wertvolle Unterstützung wahrnimmt. Innerhalb unseres sozialen Sachgebiets werden wir hoffentlich schon so wahrgenommen, außerhalb müssen wir aber noch sichtbarer werden und noch besser verstehen, wo wir einen Beitrag leisten könnten. Arne Bollen: Wir wünschen uns also, dass in fünf Jahren integrierte Planungsprozesse von der öffentlichen Aufgabe bzw. Fragestellung über die Analyse und Bewertung zur Entscheidung und Umsetzung noch mehr als bisher das Verwaltungshandeln prägen. Wir glauben, dass wir das in Neumünster erreichen können – weil es bei uns in der Verwaltung wichtige Mitstreiterinnen und Mitstreiter auf dem Weg dorthin gibt. Felix Brümmer: Hilfreich sind hier auch die externen Impulse durch die Informations- und Vernetzungsangebote der Transferagentur Nord-Ost. TANORAMA | 17 AUTOMATISIERTE ANALYSEN DER INTEGRIERTEN SOZIALPLANUNG FÜR KOMMUNALE QUARTIERSENTWICKLUNG VON KATJA DE JONG Nicht nur im Kreis Pinneberg fließen mehr als die Hälfte des Haushaltsbudgets in die Produkte des Sozialbereichs. Für seine mehr als 300.000 Einwohnerinnen und Einwohner bewirtschaftet der Kreis im Fachbereich Soziales, Jugend, Schule und Gesundheit ein Budget von mehr als 370 Mio. Euro. Hier liegt somit ein hohes fiskalisches Steuerungspotential für den Kreis und die Kommunen. Obwohl die Gesamtentwicklung der Sozialausgaben durch Kontextfaktoren wie die lokalen sozio-strukturellen Rahmenbedingungen und rechtliche Vorgaben wie z. B. die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes beeinflusst wird, können andere Faktoren wie erbrachte Sozialleistungen oder eingesetzte finanzielle sowie personelle Ressourcen im Hinblick auf die Bedarfe der Einwohnerinnen und Einwohner aktiv gesteuert werden. In diesem Kontext hat der Kreis kommunale Kooperation auch als strategisches Ziel formuliert, um gemeinsam Möglichkeiten zur differenzierten Steuerung der Finanzmittel und zur langfristigen Effizienzsteigerung zu entwickeln. Prozess der Integrierten Sozialplanung Zunächst haben in einem mehrjährigen Prozess Politik, Kommunen, Kreisverwaltung, freie Träger und Interessengruppen das Modell der Integrierten Sozialplanung entwickelt, das seit 2016 in einem jährlichen transparenten Prozess ganz bewusst die Bereiche Sozial- und Finanzplanung miteinander verknüpft. Dabei werden Erkenntnisse aus dem Sozialmonitoring und der Partizipation sozial erfahrener Akteure für die Erarbeitung von Handlungsempfehlungen genutzt. Dieses Vorgehen von statistischen Analysen im Abgleich mit Erfahrungen aus der Praxis in partizipativ angelegten Prozessen erhöht die Qualität der Planung insgesamt. Diese gemeinsam erarbeiteten Informationen werden den politischen Gremien jeweils vor der Sommerpause in einem Fokusbericht für die anstehenden Haushaltsberatungen zur Verfügung gestellt, inzwischen ausschließlich digital in der App FOKUS PI 18 | TANORAMA für iPads. Die App ermöglicht den Nutzenden einen schnelleren Zugang zu den Grundlagen der Sozialplanung und allen sozialpolitisch relevanten Informationen. Dass die Integrierte Sozialplanung in einem dynamischen Umfeld agiert, zeigt sich nach dem Flüchtlingszustrom nun auch durch die aktuellen Herausforderungen der Corona-Pandemie. Über die Säule der Partizipation können schon frühzeitig erste Erkenntnisse über die Folgen aufgenommen und den politischen Gremien zugeführt werden, die sich in statistischen Analysen erst später abbilden werden. Als weitere Diskussionsgrundlage für die politische Beratung erscheint in diesem Jahr ein ergänzender digitaler Sozialbericht in der App, der zentrale Kennzahlen darstellt. Automatisiertes Sozialmonitoring Für evidenzbasierte automatisierte Analysen wird mit dem „Werkzeug“ BOARD ein System genutzt, das zu anderen Zwecken bereits in der Verwaltung eingesetzt wurde (siehe Seite 20 unten). In Zusammenarbeit und mit dem Know-How der Sozialplanungsfachkräfte ist BOARD zu einer Software für Sozialmonitoring weiterentwickelt worden. Daten aus zahlreichen Datenquellen von in- und externen Stellen werden automatisch über Schnittstellenprozesse anonymisiert und georeferenziert erfasst und miteinander verknüpft. Zusätzlich werden Informationen über soziale Angebote für die Bürgerinnen und Bürger im Hilfeportal des Kreises Pinneberg ebenfalls mit georeferenzierter Codierung abgebildet. Hier entstehen Synergieeffekte durch die gemeinsame Nutzung von Daten, die bisher noch nicht miteinander geteilt wurden. Abbildung: Technische Bausteine Quelle: Kreis Pinneberg Im Sozialmonitoring wird inzwischen regelmäßig über hundert Kennzahlen von A wie Altenquotient über L wie Langzeitarbeitslose bis Z wie Zulassungen von Fahrzeugen berichtet. Dies führt zu einer verstärkten Zusammenarbeit innerhalb der Verwaltung, auch mit Facheinheiten außerhalb des Sozialbereichs wie u.a. der Regionalplanung oder der Stabsstelle Integration. Analysen und Erkenntnisse z.B. aus den Schuleingangsuntersuchungen des Gesundheitsamtes stehen allen Facheinheiten zur Verfügung und können für Planungen zur Schulentwicklung oder von Jugendhilfeangeboten genutzt werden. DATENKONZEPT Das Datenkonzept der Sozialplanung im Kreis Pinneberg finden Sie auf der Internetseite des Kreises unter: https://www.kreis-pinneberg.de/ pinneberg_media/Datenkonzept.pdf SYSTEM IM KREIS PINNEBERG Eine Übersichtsgrafik zum System der Sozialplanung im Kreis Pinneberg finden Sie unter unter: https://www.kreis-pinneberg.de/ pinneberg_media/Prozessgraphik.pdf Business Intelligence Software DATA WAREHOUSE Kreis Pinneberg Automatisierte georeferenzierte Soziales LÄMMkom SGB II Statistik BA Jugend PROSOZ Ladeprozesse Schuleingangsuntersuchung Kreis Pinneberg Bevölkerung Statistisches Landesamt Innerhalb des Kreisgebietes können die Bedarfslagen durchaus variieren und regional sehr differenzierte kleinräumige Angebote erfordern. Hierzu ist u.a. im sozialpolitischen Handlungsfeld Armut als erster Index die sogenannte Sozialformel entwickelt worden. Sie beinhaltet zu gleichen Teilen die Kennzahlen Kinderarmut, Jugendarmut, den Anteil der SGB II-Empfangenden, das Medianeinkommen sowie Altersarmut und macht die unterschiedlichen sozialen Bedingungen zwischen den insgesamt 49 kreisangehörigen Kommunen sichtbar. Die Kommunen, die auch den überwiegenden Anteil sozialer Infrastruktur bereitstellen, sind hierbei Experten in eigener Sache. Sie besitzen konkretere Kenntnis über die Strukturen und Bedarfe vor Ort und verfügen zudem über weitere Daten wie z.B. die Altersstruktur in einem Quartier, das Umzugsverhalten oder den Bezug von Wohngeld. Kommunale Kooperation Es gilt also, ein Forum zum Austausch zu schaffen und an verschiedenen Stellen vorliegende Informationen, aber auch aktuelle Entwicklungen gemeinsam zu analysieren, zu bewerten und zu interpretieren, um einen möglichst tragfähigen Konsens über soziale Fragen herzustellen, ohne die in Art. 28 GG normierte Selbstverwaltungsgarantie und Planungshoheit der Gemeinden anzutasten. Hierzu hat der Kreis Pinneberg im board Kita-Bedarfs- & Schulentwicklungsplanung PRIMUS Medianeinkommen Statistisches Landesamt Weitere Quellen vergangenen Jahr Kooperationen mit zwei Modellkommunen gestartet. Diese Form der Zusammenarbeit geht deutlich über die gesetzlich vorgeschriebene Zusammenarbeit bei Fachplanungen wie z.B. der Kindertagesstättenbedarfsplanung hinaus. Mit dem Instrument der Integrierten Sozialplanung wurde eine wesentliche Grundlage für gemeinsame systematische Planungsprozesse geschaffen. In gemeinsamer Verantwortung durchgeführte kleinräumige Analysen bilden wiederum eine wichtige Voraussetzung für sozialräumliches Arbeiten und Qualitätsentwicklung. Zu Beginn der Aufnahme eines partnerschaftlichen Dialogs mit den Modellkommunen hat der Kreis das Verfahren seiner Integrierten Sozialplanung vorgestellt und den Kommunen Beratung und Unterstützung im Sinne einer Dienstleistungsfunktion angeboten. Mit Hilfe von BOARD steht ein umfassendes kleinräumiges Datenmonitoring zur Verfügung. Auf kommunaler Ebene hat der Kreis z.B. Fallzahlen und Ausgaben für Hilfen zur Erziehung und Eingliederungshilfen oder Daten aus den Schuleingangsuntersuchungen geliefert. In weiteren Gesprächen mit den Facheinheiten der Kommunen ist zunächst eine gemeinsame Datenplattform vereinbart worden. Hierzu waren Begrifflichkeiten zu definieren und die Ebenen der Datenerfassung zu differenzieren und festzulegen, um die jeweils vorhandenen TANORAMA | 19 Informationen tatsächlich auch kleinräumiger auswerten zu können. Die größte Kommune im Kreis hat für ihr Stadtgebiet vier Quartiere gebildet, die dann in das Geoinformationssystem des Kreises übertragen wurden. Anschließend sind erste Kennzahlen auf einem Musterdatenblatt aggregiert worden. Nachfolgend wurden in einem weiteren Schritt ausgewählte Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchung auf Ebene der vier Quartiere ausgewertet. Dabei wurde erstmals sichtbar, dass nicht nur ein erwartungsgemäß hoch belastetes Quartier, sondern auch weitere Quartiere hier im Zeitverlauf eine ungünstige Entwicklung aufweisen, aus der sich Bedarfe z.B. für den gezielten Einsatz von Sprachfördermaßnahmen ableiten lassen. Weiterhin war es im Kooperationsprozess hilfreich, Anknüpfungspunkte und gemeinsame thematische Schwerpunkte zu identifizieren. Die Stadt hat z.B. ein Forschungsprojekt zur generationenübergreifenden sozialen Quartiersentwicklung mit der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg initiiert. Die dafür erforderlichen Grunddaten zur sozialen Lage in dem ausgewählten Pilotquartier können die Stadt und der Kreis nun gemeinsam bereitstellen. Als weitere Ebene sind auch die kommunalen Entscheidenden mit einzubeziehen, z.B. indem die Integrierte Sozialplanung und Erkenntnisse aus der gemeinsamen Arbeit in den lokalen politischen Gremien präsentiert werden. Um einen hohen Grad an Verbindlichkeit in der Kooperation sicher zu stellen, sollten die dazugehörigen Prozesse so organisiert und gestaltet werden, dass sie über einen Austausch auf informeller Ebene hinausreichen. Um dies zu erreichen, findet zurzeit die Abstimmung über den Abschluss einer Kooperationsvereinbarung statt, in der u.a. die Ziele und Verantwortlichkeiten der Beteiligten festgeschrieben werden. In Zukunft werden z.B. auch über Hospitationen oder gemeinsame Qualifizierungsmaßnahmen Kooperationsbeziehungen mit weiteren Kommunen aufgebaut. Zusammenfassend ist festzustellen, dass eine gute Zusammenarbeit von kommunalen Akteuren und dem Kreis eine umfassende Partizipation der Kommunen voraussetzt. Eine Bewertung der Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit von Angeboten und Leistungen nach einheitlichen Maßstäben kann nur gelingen, wenn auf verschiedenen Organisationsebenen tragfähige Arbeitsbeziehungen aufgebaut und die lokalen Gegebenheiten und Bedürfnisse berücksichtigt werden. Der Aufbau eines entsprechenden Netzwerkes benötigt wegen der vielfältigen internen Kommunikations- und Abstimmungsprozesse bei beiden Beteiligten mehrere Jahre Zeit. Parallel gilt es auch, die technische Weiterentwicklung der Sozialplanungssoftware voranzutreiben, die Einiges an „Feintuning“ und eine regelmäßige Abstimmung erfordert. Durch Ablösung von aktuell im Datenaustausch mit den Kommunen noch verwendeten Excel-Dateien soll der Automatisierungsgrad weiter erhöht werden. Mit der Integrierten Sozialplanung steht den kreisangehörigen Kommunen ein wertvolles Instrument zur Verfügung, das ihnen auch eine Weiterentwicklung ihrer eigenen Planungskompetenzen und örtlichen Planungsprozesse zur sachgerechten Diskussion sozialpolitischer Themen ermöglicht. Sie verfolgt den Anspruch, den kommunalen Versorgungsauftrag im Sozialbereich an den als prioritär erkannten Bedarfen vor Ort auszurichten. Die Kommunen sind hierbei entscheidende Akteure, um Angebot und Bedarfe für die verschiedenen Lebenslagen tatsächlich regional abzugleichen, eine möglichst hohe Passgenauigkeit und Wirksamkeit zu erreichen sowie Synergieeffekte zu nutzen und Doppelangebote zu vermeiden. Katja de Jong ist Jugendhilfe- und Sozialplanerin im Fachbereich Soziales, Jugend, Schule und Gesundheit des Kreises Pinneberg. BOARD ALS WERKZEUG DER INTEGRIERTEN SOZIALPLANUNG VON CHRISTOPH KENNERKNECHT Seit zehn Jahren nutzt der Kreis Pinneberg das Business Intelligence (BI) System BOARD zur automatisierten Analyse von Daten. Ursprünglich für Controlling und Haushaltsplanung angeschafft, hat es sich heute zur zentralen Plattform der Berichterstattung weiterentwickelt. Über Schnittstellen zu unterschiedlichen Fachprogrammen und das Einspielen externer Daten, wie z.B. vom Statistischen Landesamt oder der Bundesagentur für Arbeit, können große Datenmengen georeferenziert und anonym erfasst werden. Eine Erweiterung der Datenquellen ist dabei jederzeit möglich. Mit der Sozialplanung ist in den letzten zwei Jahren ein eigenes Modul für Sozialmonitoring entwickelt worden. Auf einer neu entwickelten standardisierten grafischen Oberfläche (Dashboard) können 20 | TANORAMA alle Führungskräfte auf zentrale Kennzahlen zugreifen, so stehen z.B. Informationen aus dem SGB II-Bereich oder den Schuleingangsuntersuchungen des Gesundheitsamtes für die Jugendhilfeplanung zur Verfügung. Auch Anfragen aus dem politischen Raum können kurzfristig beantwortet und die Informationen bei Bedarf als Handout zur Verfügung gestellt werden. Die Fachkräfte des Sozialmonitorings haben erweiterte Möglichkeiten, eigene Tabellen im System zu erstellen, um sozialwissenschaftliche Hypothesen oder Zusammenhänge zu überprüfen. Christoph Kennerknecht ist Integrierter Sozialplaner im Fachbereich Soziales, Jugend, Schule und Gesundheit des Kreises Pinneberg. BOARD BOARD ist eine Business Intelligence Software des Schweizer Herstellers Board International. Nähere Informationen finden Sie auf der Internetseite von Board International unter: https://www.board.com/de FÜR ZWISCHENDURCH: SUCHRÄSTEL ZUM DATENBASIERTEN KOMMUNALEN BILDUNGSMANAGEMENT In untenstehendem Textkasten haben wir 20 Begriffe rund um das datenbasierte kommunale Bildungsmanagement versteckt. Können Sie alle finden? P K S W U Q D R Q S I B T N M W K F B Q X E K I I Y T P K J M F R V R H F W S X C W V R H X W R H X U O X R R K B Q F D W I M I G R A T I O N L P R Q V Z C K P T W M X D L G X X K K L P T P E U R Q G U M K X P S C W O C I R O Y T E V W T J M G H V K F E G N B G U Q O R F J C O X G T N K H D F S Q X G D U K V A B B T I I K Ü H Ä P M K R S M T I Y L T J Q N Y V Z E U O C V S L L X U B M V U X O D D K V T V P D Y V C V Z P L L F H H O V D T L E E E Y J M I A D M O F U T B V G W R L A B G D G Z O U N I R C N B F G N O E W R D R D C Q N V J S S I I I T I W N I N G S T C X Q I V X B I F N C R V R F D E M L B E N A M G N Y Ä F I C V V E G S W N U X G F L M A G I J D Y N T L E S I H N B O T W S R F I M G L R L H U S R Q J W U G S X P N L R B G W N F Q V U X V G C Y N V U W C A J B K N Y T F L G A X A E K P G H K N R S V M U V S K K L S I I Y G I R R A P N W C J L B X E T G S X A B I R A O U D W B L E S K M T N E D K R H B F Q Q H S R P Y D S C D O V D K Z D P K Q K U U F S L J I N T E G R A T I O N L N G P C A K Y U I O B I L N W C U Z A E K N F C M I G U O M H X E M T R O N T N F P X G V H F S A H K V O H Q E G X V N D V R G E E W G A F J C G X Q A X S O Z I A L B E R I C H T D O A E N P A K T E B N K S X F Y G Y K O X T P H F X V P K B N T C M H F X C R J N P J T T A G T H S A F I K R C L M S A T I P A Y Z M S E L K N I W R N P E Q V G N U D S N I F M R Y O T N M R O E N F M P S V N F Q P M G I K U V P T K F O Y O N L A O L N G Z G C D X H F G R E M I E N S T R U K T U R N J I G Q A G N M F D A B J W B A D T V E S G F Q L F K U H D U Q E J N J B D F W B I L D U N G S M A R K E T I N G O Q Z O I M O D S J B B D R L C J C B W D Y V E J O X O B K Y S W Q Y E J K I C T W Y I W E S M G L J C K O M M U N E U V E X Y Q N M R C M Y S C B F Y G O L W U F J U S P Y J A W D N S G Q T P E D O I O A H Z H N R N T R A N S F E R A G E N T U R R F Z I F A L V M C D J G Q C H J M G Z X S W Q N K D V P J N M T S K E R D I G I T A L I S I E R U N G L S N G Y W C J Q U D Y O M J G M S B M K E Q W M M J P I T B W C W Q Q I F U V S T M P N H P W Z P K B I B N N C L J M B X L P Q U X I P C T TANORAMA | 21 BLICK IN DIE PRAXIS: BERUFSBILDER IM DKBM JUGENDHILFE- UND SOZIALPLANER/-INNEN Wie und wann sind Sie zur Sozial-/Jugendhilfeplanung gekommen? Stefanie Hellriegel: Ich bin Diplom-Sozialarbeiterin/-pädagogin. Mein beruflicher Wechsel zum Kreis Schleswig-Flensburg fand am 1. Juli 2013 statt. Dort war die Stabsstelle der Jugendhilfe- und Sozialplanung im Fachbereich Jugend und Familie („Jugendamt“) ausgeschrieben. Damals betrug der Anteil der klassischen Fachplanung der Jugendhilfeplanung 60 Prozent der Stelle, 40 Prozent waren Integrierte Sozialplanung. Dennis Brodersen: Zum 1. März 2018 übernahm ich eine halbe Stelle der Jugendhilfeund Sozialplanung im Fachbereich Jugend und Familie, Frau Hellriegel hatte den Stundenanteil reduziert. Seit Februar 2019 ist es uns gelungen, den Stellenanteil der Jugendhilfeplanung dauerhaft um ca. 15 Stunden zu erhöhen, welche ich innehabe. So stehen uns insgesamt knapp 1½ statt vorher einer Stelle für die Tätigkeiten zur Verfügung. Mein Studienabschluss ist B.A. Soziologie und Erziehungswissenschaften. In fünf Sätzen: Was macht eigentlich eine Sozial-/Jugendhilfeplanerin? In der Jugendhilfeplanung gibt es bei uns neben eher „trockenen“ Bereichen wie der Zulieferung von Daten für Statistiken, für das Berichtswesen des Kreises oder des Benchmarkings der Jugendhilfe (Vergleichsring Jugendhilfe der Landkreise Schleswig-Holsteins) ganz spannende Arbeitsfelder. Die Trägeranerkennung der freien Jugendhilfe nach §75 SGB VIII liegt in unserem Bereich. Wir wirken fachlich im Jugendhilfeausschuss oder bei der Organisationsentwicklung unseres Fachbereiches mit. Wir sind Mitglieder und derzeitigen Projektleitung der „Ständigen Planungsgruppe“ der Integrierten Sozialplanung, die besteht aus uns fünf Kolleginnen und Kollegen mit insg. 1,4 Stellen. Unsere inhaltlichen Schwerpunkte sind Sozialberichterstattung, Regionalkonferenzen, Analyse der Daten, Aufbau fachbereichsübergreifender Strategie und Weiterführung in der jeweiligen Fachplanung: » 2016 Veröffentlichung des ersten Sozialberichts des Kreises Schleswig-Flensburg, mit Kreispolitik erarbeitete Indikatoren, z.B. Struktur- oder Gesundheitsdaten. DIGITALER SOZIALBERICHT Den digitalen Sozialbericht des Kreises Schleswig-Flensburg finden Sie hier: http://www.schleswig-flensburg.de/ Digitaler Sozialbericht » Zahlenpräsentation in Fachausschüssen Kreistag/regionalen pol. Ausschüssen Wir haben neben eigenen Projekten wie „Fa- » 2017 fünf Regionalkonferenzen zur Sozialmilienstuben/Familienzentren“ auch Drittplanung mittel aus Bundes- und Landesprogrammen » 2019 Veröffentlichung der Fortschreibunakquiriert, und begleiten diese Bereiche auch gen als digitale Version des Sozialberichts fachlich im Rahmen der Jugendhilfeplanung: auf der Kreishomepage. So lassen sich Familienzentren, Frühe Hilfen, Bildung intepositive wie negative Verlaufskurven und griert, JUGEND STÄRKEN, ProKindertages-​ Trends in den Bereichen und Regionen erpflege. kennen. 22 | TANORAMA » Vorstellung markanter Entwicklungstendenzen in den Fachausschüssen des Kreistages sowie nahezu allen Ausschüssen der 18 Regionen bis Herbst 2019 » Aufbau Modellprojekt zur Verbesserung der Lebenslagen von Kindern 2020 Welche Fähigkeiten oder Qualifikationen muss eine Sozial-/Jugendhilfeplanerin mitbringen? Formale Voraussetzung für die Stelle ist ein erfolgreich abgeschlossenes Fachhochschuloder Hochschulstudium im Bereich Sozialer Arbeit oder ähnlicher Fachrichtung. In gewissem Maße erforderlich sind berufliche Erfahrungen im Rechtskreis des SGB VIII, Kenntnisse in der Anwendung wissenschaftlicher Arbeitsmethoden (Evaluation, Statistik) und von Planungsprozessen der Jugendhilfe (sozialräumlich, bedarfsgerecht). Mitzubringen sind Verhandlungsgeschick, Belastbarkeit, Verantwortungsbewusstsein, analytische Fähigkeiten, strategische Kompetenz und Erfahrung in der Moderation und Leitung von Arbeitsgremien. Diese Fähigkeiten erweisen sich als nützlich für die oben dargestellten vielfältigen Aufgabenfelder der Jugendhilfe- und Sozialplanung in unserem Kreis. Wir haben beide zeitversetzt die eineinhalbjährige Weiterbildung/Zertifizierung Sozialplanung beim VSOP (Verein für Sozialplanung e.V.) absolviert. Was kann/soll Sozial-/Jugendhilfeplanung in Ihren Augen in der Kommune leisten? Gezielte Planungsprozesse sind angesichts des immer wieder und unmittelbar anstehenden Problemlösungsdrucks in der alltäglichen Arbeit eine Herausforderung. Exakt diese Planungsprozesse sind aber erforderlich, um die Suche nach einem Umgang mit den knappen Ressourcen zu befördern. Ein Interview mit Stefanie Hellriegel und Dennis Brodersen, Jugendhilfe- und Sozialplanung im Fachbereich Jugend und Familie des Kreises Schleswig-Flensburg SOZIALPLANUNG „Sozialplanung ist eine kontinuierliche Informations-, Kommunikations-, Kooperations- und Vernetzungsaufgabe. Grundvoraussetzung einer erfolgreichen Sozialplanung ist es, die kommunalen Akteure über die soziale Lage der Kommune zu informieren und sie für die sozialpolitischen Herausforderungen zu sensibilisieren, andererseits Informationen aus der Stadt/Kreisgesellschaft aufzunehmen.“ Handbuch Moderne Sozialplanung, 2011 Die Darstellung der Lebenslagen der Menschen im Kreisgebiet durch den mittlerweile digitalen Sozialbericht ist ein unverzichtbares Mittel und ein erster Schritt, bei der Gestaltung des Sozialen im Kreis Schleswig-Flensburg vom Gefühl zum Belegbaren zu gelangen. Was sich eher noch im Aufbau oder der Weiterentwicklung befindet, ist die gezielte Interpretation und Analyse der Daten, der Aufbau fachbereichsübergreifender Strategie und Weiterführung in der jeweiligen Fachplanung. Erste Analyseansätze und regelhafte Treffen mit den Fachbereichsleitungen existieren bereits. Diese Ergebnisse münden idealerweise in ein abgestimmtes Sozialplanungsverfahren zwischen den Fachbereichen des Kreises untereinander (intern) und mit den Akteuren in den Kreisregionen (extern). Wie sollen Strukturen, Angebote und Projekte nach einem abgestimmten Verfahren für die Menschen wirken? Sie... » werden nur begründet geplant und umgesetzt, » orientieren sich an den realen lokalen Bedingungen und bedürfen eines strukturierten und regelmäßigen Abgleichs und » bedürfen der regelmäßigen Anpassung an Veränderungen, wenn sie wirksam sein sollen. Und ganz konkret: Was war ein persönliches berufliches Highlight in Ihrer bisherigen Tätigkeit? Hellriegel: Bei der Integrierten Sozialplanung die fünf Regionalkonferenzen nach der Veröffentlichung des ersten Sozialberichts und der stetige Zuwachs an TeilnehmerInnen bei jeder Konferenz. Wir haben mit insgesamt über 500 Menschen an interessanten Themen gearbeitet, wie bspw. „Bildung und Gesundheit. Aspekte und Perspektiven in der formalen und außerschulischen Bildung“ oder „Armut ist weiblich? Welche innovativen Ansätze sind in unserer Region möglich?“. Zudem haben wir durch die gemeinsame Planung, Organisation/Ausrichtung und Nachbereitung auf und mit der örtlichen Ebene viele neue Kontakte zu Verwaltung(sspitzen) und Politik erreicht. Im Bereich der Fachplanung Jugendhilfeplanung gefällt mir die Möglichkeit, in sehr vielen unterschiedlichen Kontexten mit Themen und KooperationspartnerInnen zu agieren. Es wird nicht langweilig und wir haben große Spielräume und Möglichkeiten! Brodersen: Besonders spannend ist die Verknüpfung der fachbereichsübergreifenden Sozial­ planung mit der jeweiligen Fachplanung, intern sowie extern in den Regionen. Mein persönliches Highlight ist es nach wie vor, zu sehen, welch eine Reichweite der Digitale Sozialbericht mittlerweile erreicht hat. Er dient zum einen für die Träger und Akteure in den Regionen als unterstützendes Mittel, eine bedarfsgerechte Angebotsplanung vorzunehmen. Zum anderen stellt er für Politik und Verwaltung eine gute Basis dar, um die fachliche Arbeit und Weiterentwicklung auf Grundlage von aufbereiteten Daten und he- rausgestellten Korrelationen zu unterstützen. So haben sich bereits erste Modellprojekte entwickelt, die in den Regionen gezielt auf die Verbesserung der Datenlage ausgerichtet sind. Ausblick Die Sozialplanung im Kreis Schleswig-Flensburg befasst sich neben der laufenden Datenfortschreibung weiterhin mit der inhaltlichen Vorbereitung entsprechender Themenberichte und Fachkonferenzen. Auf Basis der Daten des digitalen Sozialberichts werden Korrelationen in den Regionen dargestellt, um speziell in den Bereichen Kinderarmut, Schuleingangsuntersuchung und stationären Jugendhilfeeinrichtungen sowie dem Bereich Pflege Zusammenhänge aufzuzeigen. Die Korrelationen werden weiter analysiert und in Form eines Themenberichts verschriftlicht. Eine politische Begleitgruppe aus Kreispolitik und aus den Regionen wird vorbereitet. In einer Gemeinde wird es ein Modellprojekt hinsichtlich der Werte der Schuleingangsuntersuchung (Übergewicht/Adipositas und Motorik) geben. Begonnen wird mit einem Workshop in der Gemeinde mit allen Institutionen (Kita, Schule, Bildungscampus usw.) und Politik zum Thema, moderiert durch die Jugendhilfe- und Sozialplanung. In der Jugendhilfeplanung bereiten wir aktuell u.a. den Ausbau und fachliche Verknüpfung der präventiven Bereiche Familienzentren, Familienbildungsstätten und der Frühen Hilfen vor. TANORAMA | 23 DATENBASIERTES ARBEITEN IN DER LANDESHAUPTSTADT SCHWERIN VON LISA MANHART, ULRIKE JUST UND ANJA PÄBKE Der Anfang: Veröffentlichung des ersten Sozialberichts Die Sozialberichterstattung ist ein Planungsinstrument, das am Anfang und Ende eines jeden „Planungszyklus“ steht. Sie ist zentraler Bestandteil der integrierten Sozialplanung und hat die Aufgabe, durch Dokumentation, Analyse und Vernetzung relevanter Daten Problemkonstellationen und Problementwicklungen differenziert aufzuzeigen und Zusammenhänge zu verdeutlichen. Die Berichterstattung baut auf Indikatoren zur Messung der sozialen Lage auf; dient aber auch dem Zweck, die breite Öffentlichkeit zu informieren und Handlungsempfehlungen für die kommunale Sozialpolitik zu formulieren. Anders als auf Bundesebene, wo Sozialberichte seit vielen Jahren veröffentlicht werden, ist die Sozialberichterstattung auf kommunaler Ebene noch nicht sehr verbreitet und entwickelt. Einheitliche kommunale Standards für die Beobachtung von Strukturdaten gibt es nicht. Die Sozialberichterstattung bietet jedoch eine gute Möglichkeit, verschiedene Fachplanungen zusammenzubringen. Im Fokus stehen nicht nur die Schnittmengen, 24 | TANORAMA sondern auch das gemeinsame Anliegen, wie in diesen Bereichen die Teilhabechancen und die Lebenslagen von Menschen verbessert werden können. Die Darstellung und Analyse der sozialen Situation sind demzufolge wichtige Grundlagen für die strategische Steuerung der sozialen Infrastruktur, die Stadtentwicklung und die Kommunalpolitik. Stadtverwaltung Schwerin verfasst. Hierzu wurde eine fachübergreifende Arbeitsgruppe aus Vertretungen der Fachdienste Soziales, Vermessung und Geoinformation, Stadtentwicklung, Wirtschaft, Gesundheit, Integration, Fachgruppe Statistik, Bildung und Sport sowie Jugend gebildet. Geleitet wurde die Arbeitsgruppe durch die Sozialplanerin. Im März 2017 hatte die Stadtvertretung der Landeshauptstadt Schwerin die Stadtverwaltung beauftragt, mindestens alle drei Jahre einen Sozialbericht zu erstellen und zu veröffentlichen. Im Oktober 2018 wurde der 1. Integrierte Sozialbericht der Landeshauptstadt Schwerin veröffentlicht. Der Bericht ist so angelegt, dass mit jedem Erscheinen ein inhaltliches Schwerpunktthema behandelt wird. Neben der Beschreibung der Bevölkerungs- und Sozialstruktur – deren Daten auch zukünftig regelmäßig aktualisiert und fortgeführt werden sollen – widmete sich der 1. Bericht vertiefend dem Themenschwerpunkt „Armutsrisiken“. Für die Erstellung des Sozialberichts wurden vorrangig eigene Daten der Verwaltung, des Statistischen Amtes Mecklenburg-Vorpommern sowie Daten der Bundesagentur für Arbeit verwendet. Ebenso wurde auf allgemein zugängliche Veröffentlichungen oder Datenquellen zurückgegriffen. Nicht berücksichtigt werden konnten Statistiken von freien Trägern der Wohlfahrtspflege sowie qualitative Daten. Konkrete Problemlagen und Hilfsangebote werden häufig auf Stadtteil- oder Quartiersebene sichtbar. Diese Daten wurden - soweit verfügbar - auf Stadtteilebene dargestellt. Je nach Themenfeld und Datenlage wurden Vergleiche zum Landesdurchschnitt gezogen. Der Sozialbericht wurde in enger Abstimmung der unterschiedlichen Fachdienste der Die Besonderheit an diesem Sozialbericht war die kommunale fachdienstübergreifen- de Zusammenarbeit. Potenziale aus unterschiedlichsten Fachbereichen konnten im Rahmen der Erarbeitung des Berichts strukturiert verknüpft werden. Weiterhin hatte die Zusammenarbeit gezeigt, wie wichtig eine einheitliche Datengrundlage für eine integrierte Planung ist. Sozialberichterstattung ist immer als ein kontinuierlicher Prozess zu verstehen, der auf Dauer angelegt ist und so Entwicklungen in den unterschiedlichen Bereichen sichtbar macht. Eine Kontinuität in der Sozialberichterstattung bietet die Möglichkeit, die Wirksamkeit von Maßnahmen, Ressourceneinsatz und Vereinbarungen regelmäßig zu evaluieren und deren Entwicklungen festzuhalten. Für eine kommunale Sozialberichterstattung braucht es jedoch langfristig eine bessere, transparentere Datenlage, je nach Thema sind möglicherweise weitere und tiefergehende Analysen notwendig. Um letztendlich Erfolge und weitere Herausforderungen der Stadt erfassen zu können, sind eine kontinuierliche Analyse der demografischen Entwicklung und ein Monitoring für die Landeshauptstadt Schwerin unerlässlich. Weiterhin erfordert die Bewertung der Analyseergebnisse die Beteiligung von Fachleuten, die diese Ergebnisse vor dem Hintergrund ihrer Kenntnis lokaler Gegebenheiten kritisch reflektieren und an der Feinjustierung von Bedarfsaussagen mitwirken. Für den nächsten Sozialbericht der Landeshauptstadt Schwerin wurde das Thema „Bildung“ als Schwerpunktthema gewählt. Weiterentwicklung: Aufbau einer Datenbank als Grundlage datenbasierten Arbeitens Ausgehend von diesen oben aufgeführten Erkenntnissen ist die Initiative zum Aufbau einer dezernatsübergreifenden Dateninfrastruktur innerhalb der Stadtverwaltung entstanden. Aktuell werden Datenanfragen, -aufbereitungen und Fachplanungen in der Verwaltung zum Großteil dezentral organisiert und bearbeitet. Verwendete Grundlagendaten sind aufgrund unterschiedlicher Quellen, Definitionen, Methoden und Annahmen zum Teil nicht ausreichend vergleichbar. Mithilfe einer neuen fachübergreifenden Arbeitsgruppe wird das Ziel verfolgt, eine zentrale, einheitliche und verbindliche Datenbasis aufzubauen. Im Zuge dessen sollen eindeutige Datenquellen eruiert und klare Datenflüsse einschließlich einer technischen Lösung bestimmt werden. Der Aufbau der Dateninfrastruktur erfolgt in verschiedenen Schritten und Teilzielen. Zunächst wird eine Datenübersicht entwickelt. Darauf aufbauend wird – unter Berücksichtigung der Datenverfügbarkeit, der Datenaufbereitung, des Datenschutzes, der Datenwege sowie der Handlungs- und Steuerungsrelevanz der Daten und Informationen – eine gesamtstädtische Datenbank aufgebaut. Zusammengefasst gehört dazu: » einheitliche, verbindliche Datenquellen mit klaren Datenflüssen zu bestimmen, » durch thematische, zeitliche und räumliche Begriffsdefinitionen die Vergleichbarkeit der Daten zu gewährleisten, » eine Basis für einen einheitlichen, nachvollziehbaren Datenauftritt zu schaffen » Strategien der Datengewinnung, -pflegeund -zugriffe zu regeln, » Kommunale Registerdaten aus Fachverfahren nutzbar zu machen und für kleinräumige infrastrukturelle Planungen zu betrachten, » Daten zu verknüpfen, Indikatoren und Kennzahlen fachübergreifend zu bilden, » Maßnahmen datenbasiert zu überprüfen (Kontrollmechanismen) und Entscheidungen wirkungsorientiert zu treffen. Die Arbeitsgruppe, die von einer Mitarbeiterin der kommunalen Statistikstelle geleitet und durch die Sozialplanerin sowie durch die Bildungskoordinatorin für Neuzugewanderte organisatorisch wie konzeptionell unterstützt wird, hat ihre Arbeit Anfang 2020 begonnen. Bis zum Sommer 2020 soll eine erste Datenübersicht erstellt werden. Im Anschluss daran erfolgt die weitere Erarbeitung der Datenbank auch mit Blick auf eine technische Umsetzung. Lisa Manhart ist Sozialplanerin in der Landeshauptstadt Schwerin. Ulrike Just ist als Bildungskoordinatorin für Neuzugewanderte in Schwerin tätig, Anja Päbke ist Mitarbeiterin in der kommunalen Statistikstelle. TANORAMA | 25 INTEGRIERTE SOZIALPLANUNG IM KREIS SEGEBERG VON JANINA SCHIMPF UND SUSANNE STÜRWOHLDT Die Kreisverwaltung Segeberg, genauer der Fachbereich Soziales, Jugend, Bildung, Gesundheit, hat sich vor ca. drei Jahren auf den Weg gemacht, ein Konzept zur Umsetzung einer integrierten sozialen Planung zu entwickeln. Schon bevor der Begriff „Integrierte Sozialplanung“ im Raum stand, war den Beteiligten, insbesondere der Fachbereichsleiterin, klar, wie wichtig der Austausch und die Zusammenarbeit zwischen den sozialen Fachplanungen ist. So gab es bereits seit 2016 eine sich regelmäßig treffende „Planungsrunde“ bestehend aus Sozial-, Bildungs-, Jugendhilfe-, Gesundheits- und Integrationsplanung, ergänzt durch die Perspektiven Demografie und Finanzen. Um der bestehenden Zusammenarbeit einen Rahmen zu verleihen und für den Kreis Segeberg ein passendes Konzept zur Umsetzung zu finden, wälzte das Team unzählige Positionspapiere, Fachbücher, Präsentationen etc. und machte sich darüber hinaus – im wahrsten Sinne des Wortes – auf den Weg zu anderen Kreisen in Nordrhein-Westfalen sowie Niedersachsen, in denen integrierte Sozialplanung bzw. datenbasierte Arbeit erfolgreich in der Praxis funktionierte. Im Frühling 2019, als das Konzept stand, konnte es im Rahmen eines ausschussübergreifenden Fachdialogs mit etwa 30 Teilnehmenden der Kreispolitik vorgestellt werden, welche dieses im Anschluss in den Fachausschüssen sowie im Hauptausschuss anerkennend beschlossen. Wesentliche Elemente und Prinzipien einer integrierten (sozialen) Planung sind regelhafte und koordinierte Zusammenarbeit verschiedener Fachplanungen ebenso wie interdisziplinäre Zusammenarbeit. Dazu gehören die Abstimmung der Planungsverfahren untereinander, die organisatorisch und strukturell abgesicherte Verzahnung dieser sowie die Verknüpfung systematischer Prozesse, Leitlinien, Konzepte etc. der jeweiligen Planungsbereiche. Diese Elemente zu vereinen bedarf einer speziellen Denk- und Arbeitsweise, als welche sich die Integrierte Sozialplanung im Kreis Segeberg versteht. Hier steht das Thema im Mittelpunkt und nicht die Fachplanung an sich oder eine einzelne Zielgruppe. Jede beteiligte Fachplanung arbeitet nach oben genannten Prinzipien. Je nach Thema werden Arbeitsgruppen anlass- und themenbezogen einberufen und zusammengestellt, die gemeinsam den Planungsauftrag besprechen, bearbeiten und koordinieren. Hierzu gehören außerdem die Formulierung von Zielen sowie die Erarbeitung von Kennzahlen und Indikatoren zur Wirkungsmessung. Ständige Arbeitsgruppe bleibt die oben erwähnte Planungsgruppe, in welcher alle relevanten Fachplanungen aufeinandertreffen. Das zentrale Ziel der Integrierten Sozialplanung im Kreis Segeberg ist, Entwicklungen frühzeitig zu erkennen, um diesen mit gezielten, bedarfsgerechten Maßnahmen zu begegnen und die Bedingungen vor Ort für alle im Kreis verbessern zu können bzw. gleichwertige Bedingungen zu schaffen. Weitere 26 | TANORAMA Ziele sind außerdem der handlungsbezogene, gezielte Einsatz von Ressourcen, die bedarfsorientierte Abstimmung und Verbesserung des Angebots an sozialen Dienstleistungen, Transparenz in Entscheidungen und die kleinräumige, datenbasierte Analyse. Wie oben bereits kurz erwähnt, stehen bei der Integrierten Sozialplanung im Kreis Segeberg nicht einzelne Zielgruppen im Fokus, sondern Themen. Die Identifizierung bzw. Bestimmung dieser zu behandelnden Themen gestaltet sich unterschiedlich. So können zum Beispiel Themen durch die Politik vorgegeben werden und die Verwaltung bearbeitet dieses Thema dann entlang des Steuerungskreislaufs, beginnend mit einer datenbasierten Analyse. Am Ende des Kreislaufs stehen Wirkungsmessung und Controlling sowie die Berichterstattung in den politischen Gremien. Eine andere Herangehensweise bei der Identifizierung von Themen ist, dass die Initiative aus der Verwaltung heraus erfolgt. Wenn den entsprechenden Fach- und/oder Führungskräften ein Thema als bearbeitungswürdig erscheint und erste Datenanalysen einen Handlungsbedarf bestätigen, wird dieses in Form einer Beschlussvorlage für politische Gremien aufbereitet, gerne bereits mit Handlungsempfehlungen für das weitere Vorgehen. Darüber hinaus ist auch die Bearbeitung von Themen, die von externen Akteuren an die Verwaltung herangetragen werden, sofern diese relevant erscheinen, denkbar. Der Steuerungskreislauf, an welchem sich die Bearbeitung der Themen standardmäßig orientiert, ist weitestgehend bekannt bzw. findet so - oder so ähnlich - auch in anderen Branchen regelmäßig Verwendung. Zu Beginn des idealtypischen Kreislaufs steht die Identifizierung und Bestimmung eines Themas. Es folgt die kleinräumige, datenbasierte Analyse unter Berücksichtigung relevanter Kennzah- DER KREIS SEGEBERG IN ZAHLEN Amt Bornhöved Amt Boostedt-Rickling Amt Trave-Land Amt Bad BramstedtLand BAD BRAMSTEDT Amt KaltenkirchenLand Amt KALTENKisdorf KIRCHEN WAHLSTEDT BAD SEGEBERG Amt Leezen Amt Itzstedt HENSTEDTULZBURG ELLERAU NORDERSTEDT len und Indikatoren mit darauffolgender Ergebnisinterpretation. Hieraus können Bedarfe erkannt und Maßnahmen geplant werden, welche im nächsten Schritt gesteuert und umgesetzt werden. Zum Schluss werden die Maßnahmen auf ihre Wirkung hin geprüft und gegebenenfalls angepasst. Alle Schritte im Steuerungskreislauf sollen transparent und kooperativ gestaltet werden. Partizipation mit internen sowie externen Akteuren (z.B. kreisangehörige Kommunen, Träger und Verbände, Politik und Öffentlichkeit) ist fester Bestandteil des Konzepts der Integrierten Sozialplanung im Kreis Segeberg. Gestützt wird die Integrierte Sozialplanung durch datenbasierte Planung und Monitoring. Monitoring, also ein kontinuierlicher Datenerhebungs- und Analyseprozess quantitativer sowie qualitativer Kennzahlen, dient der Verwaltung als objektive Entscheidungsgrundlage. Mithilfe dieses Sozialmonitorings lassen sich Entwicklungen über einen längeren Zeitraum sowie in regelmäßigen Intervallen beobachten und interpretieren, Handlungsbedarfe erkennen, umgesetzte Maßnahmen bewerten und Handlungsempfehlungen ableiten. Zu diesem Zweck wurde im Fachbereich eigens eine Software angeschafft, auf die alle beteiligten Fachplanungen gemeinsam zugreifen können. Als zentrale Datenbank gewährleistet die Software einerseits die Nut- zung verlässlicher sowie identischer Daten und ermöglicht andererseits freie Kombinationsmöglichkeiten verschiedenster Kennzahlen und Indikatoren im Sinne einer interdisziplinären Analyse und Planung. Ein entscheidender Vorteil der Software ist die intuitive Bedienbarkeit, die nun eine erleichterte Darstellung räumlicher Ausprägungen sozial-relevanter Kennzahlen im Kreisgebiet für alle Anwendenden ermöglicht. Der Kreis Segeberg hat sich im Rahmen der Konzeptentwicklung relativ schnell darauf geeinigt, auf die andernorts übliche und verbreitete Aufteilung des Kreisgebiets in sogenannte Sozialräume zu verzichten. Noch werden im Kreis Segeberg von verschiedenen Fachdiensten, je nach Aufgabenstellung, unterschiedliche Raumeinteilungen genutzt. Eine Vereinheitlichung zum jetzigen Zeitpunkt macht keinen Sinn und würde wahrscheinlich außerdem (noch) nicht auf Zustimmung stoßen. Trotzdem konnte man sich auf folgende Begriffe im Rahmen der Integrierten Sozialplanung festlegen: Die kleinste gemeinsame Raumeinheit für alle sozialen Planungen bildet die Gemeinde, eine administrative Einheit, deren Grenzen klar definiert sind und auf deren Basis diverse öffentliche statistische Daten zur Verfügung stehen. Die nächstgrößere räumliche Einheit bilden die Städte, amtsfreien Gemeinden und Ämter. Diese Ebene, bestehend aus 15 Der Kreis Segeberg, mit seinen ca. 276.000 Einwohnerinnen und Einwohnern, liegt nördlich von Hamburg und zentral in Schleswig-Holsteins Süden. Kreisstadt und Sitz der Verwaltung ist Bad Segeberg, bekannt durch die jährlichen Karl-May-Spiele am Kalkberg. Der Kreis gliedert sich in 95 Gemeinden, zu denen auch die fünf Städte Bad Bramstedt, Bad Segeberg, Kaltenkirchen, Norderstedt und Wahlstedt gehören. Neben den Städten und Gemeinden gibt es zwei amtsfreie Gemeinden (Henstedt-Ulzburg und Ellerau). Die übrigen 88 Gemeinden, die insgesamt eher ländlich geprägt sind, verteilen sich als nächstgrößere räumliche Einheit auf acht Ämter (andernorts auch „Gemeindeverbände“ genannt) mit jeweils eigener Verwaltung. Für die datenbasierte Planung im Rahmen der Integrierten Sozialplanung des Kreises können die teils enormen Unterschiede zwischen einzelnen Gemeinden (z.B. Einwohnerzahl) noch eine große Herausforderung darstellen. Räumen, dient dem Kreis als grundsätzliche räumliche Erhebungs- und Analyseebene. Daneben gibt es weiterhin „Planungsräume“, die der speziellen themenzentrierten Zusammenarbeit dienen und „Handlungsräume“, die als Basis für situationsbezogene, kleinräumige Diskussionen gebildet werden können. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass allein die Verknüpfung der oben genannten Bausteine der Integrierten Sozialplanung im Kreis Segeberg, also die neue Denk- und Arbeitsweise einerseits, die nur mit der entsprechenden Haltung und Motivation der beteiligten Fachplanungen funktioniert, sowie das kontinuierliche, datenbasierte Sozialmonitoring in Kombination mit verschiedenen räumlichen Bezugsgrößen andererseits, eine solide und voranbringende Methode zur integrierten sozialen Planung darstellt und daher Sinn macht. Die Planungskräfte des Kreises Segeberg haben sich mit dieser Methode gemeinsam auf einen für sie neuen Weg begeben und arbeiten auch weiterhin an der Optimierung ihres Konzepts. Während des gesamten Prozesses von großer Bedeutung waren der uneingeschränkte Rückhalt und die kritische Begleitung durch die Fachbereichsleitung. Janina Schimpf ist Bildungsmonitorerin im Kreis Segeberg. Ihre Kollegin Susanne Stürwohldt ist dort als Sozialplanerin tätig. TANORAMA | 27 SCHNELLER, SCHLAUER, DIGITALER: BUSINESS INTELLIGENCE FLENSBURG GEHT IN DIE NÄCHSTE PHASE VON TIM DERTWINKEL Wie können Mitarbeitende und Entscheidungsinstanzen der Stadtverwaltung Flensburg besser und effizienter zusammenarbeiten? Um dies herauszufinden, wurde unter der Leitung von Dr. Thorben Kelling in Zusammenarbeit mit der Hochschule Flensburg die vom mFUND des BMVI geförderte Vorstudie „BIF – Business Intelligence Flensburg“ durchgeführt - einen zugehörigen Bericht fanden Sie in der letzten Ausgabe 1/2019 dieses Magazins. ABSCHLUSSBERICHT „BIF“ Der ausführliche Abschlussbericht zur Vorstudie „BIF – Business Intelligence Flensburg“ steht hier zum Download bereit: https://edocs.tib.eu/files/ e01fb19/1665723041.pdf Zur Erinnerung: Ziel der innovativen Vorstudie war - neben der Herstellung von Transparenz und dem Definieren neuer Qualitätsstandards im Umgang mit relevanten Daten der Kommunalverwaltung – ganz explizit das Ausloten, welche technisch-infrastrukturellen Grundlagen für eine abgestimmte, integrierte und strategische (Sozial-)Planung über einzelne Fachbereiche und Personengruppen hinweg erforderlich sind. Doch wie gestaltet sich die Umsetzung nun konkret und wie geht es weiter? Dafür bedarf es an erster Stelle der nötigen Ressourcen wie Personal- und Sachmittel, denn innovative Ideen und deren Umsetzung sind in erster Linie eine Investition - eine Investition in die Zukunft, die sich langfristig auszahlen wird. 28 | TANORAMA Mit dem Folgeprojekt BI-F 2022 werden die aufbauenden Arbeiten mit einem Gesamtvolumen von ca. 1,7 Mio. Euro von November 2019 bis Oktober 2022 durch den mFUND des BMVI weiter finanziert. Die Stadtverwaltung Flensburg wird dabei von der Hochschule Flensburg und der Firma AKQUINET mit Expertise zum Themenbereich „Business Intelligence“ unter der Gesamtleitung des Projekts von Dr. Thorben Kelling unterstützt. In drei großen Arbeitspakten wird jetzt unter Hochdruck an der Umsetzung gearbeitet, so dass Ende 2022 der Testbetrieb in den Regelbetrieb übernommen werden kann. Von großer Bedeutung ist die genuin fachbereichsübergreifende Arbeit, die bereits in innovativen Projekten wie z.B. dem datenbasierten kommunalen Bildungsmanagement (DKBM) verfolgt wird, in diesem Ausmaß jedoch ein echtes Novum in der Stadtverwaltung ist. Dafür werden explizit sogenannte Multiplikatoren, also Expertinnen und Experten auf ihrem jeweiligen Sachgebiet, in den Fachbereichen und in den Abteilungen eingestellt. So können relevanten Daten ganz direkt mit den Mitarbeitenden der Abteilungen identifiziert und für ein Datenbanksystem aufbereitet werden. Zum Aufbau und zur Pflege der Datenbanksysteme sind zusätzlich Fachleute eingestellt worden, die nochmals von einem Profi für Geo-Informationssysteme (GIS) unterstützt werden. Damit können ansprechende Dashboards (Oberflächen zum Zugriff auf die Daten) und Karten erstellt werden. Zur Optimierung arbeitet hier die Stadtverwaltung mit Prof. Dr. Jan Gerken von der Hochschule Flensburg und der Firma AKQUINET eng zusammen. Sensible Daten, wie Bevölkerungszahlen und Schul- bzw. Schüler/-innendaten, müssen auch besonders geschützt werden. Das Projekt BI-F 2022 ist dafür in einer sogenannten kommunalen Statistikstelle organisatorisch aufgehängt. Dies ist ein speziell gesicherter Bereich in der Stadtverwaltung, so dass sensible Daten nur auf speziellen Servern und Mit der Forschungsinitiative mFUND (Modernitätsfonds) fördert das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) seit 2016 Forschungs- und Entwicklungsprojekte rund um digitale datenbasierte Anwendungen für die Mobilität 4.0. mFUND wird dabei durch eine grundlegende Datenorientierung charakterisiert. Förderschwerpunkte sind daher themenübergreifend die Bereiche „Datenzugang“, „Datenbasierte Anwendungen“ und „Daten-Governance“. Der Modernitätsfonds sieht zwei Förderlinien vor: In Förderlinie 1, über die in Flensburg die 12-monatige Vorstudie zu einem großen Teil finanziert wurde, ist eine maximale Fördersumme von 100.000 Euro vorgesehen. Förderlinie 2 fördert Projekte mit bis zu 3 Millionen Euro. In Flensburg fließen Mittel aus dieser Förderlinie in die 36-monatige Testphase ein. Bewerbungen in Förderlinie 2 sind nur auf der Grundlage von Förderaufrufen möglich. Nähere Informationen zur Forschungsinitiative mFUND finden Sie hier: https://www.bmvi.de/DE/Themen/ Digitales/mFund/Ueberblick/ ueberblick.html durch besonders geschultes Personal aufbereitet und anonymisiert werden können, denn nur anonyme Daten können dann verwaltungsweit genutzt werden. Doch für eine fachbereichsübergreifende Arbeit ist mehr nötig als nur ein Zugriff auf Daten, es braucht auch neue Formen der Kommunikation - sowohl für den persönlichen als auch für den Datenaustausch. Hierfür wird z.B. aktiv ein Dokumentenmanagementsystem genutzt, das dem Zugriff und der Verteilung von wichtigen Unterlagen dient, sowie auch Sprach- und Videokonferenzsysteme. Zur Verteilung der individuellen Arbeitspakete wird über eine Software nach der Kanban-Methode vorgegangen. So geht das Projekt BI-F 2022 als zentrales eGovernment- und Digitalisierungsprojekt mit gutem Beispiel voran. Zurzeit gibt es noch viele Planungs- und Informationsdokumente, die abgegrenzt voneinander erstellt werden, wie der Zahlenspiegel der Statistikstelle, der Sozialatlas oder auch die Kitabedarfs- und Schulentwicklungsplanung. Synergieeffekte kommen so nicht zum Tragen. Das Projekt wird in Zukunft Daten über Themenbereiche miteinander verknüpfen, so dass es nur noch einen „Single Point of Truth“ (eine verlässliche Datenquelle) braucht. Ein manuelles Zusammensuchen von Daten ist dann nicht mehr nötig und die Zeitersparnis kann für bessere Planungen genutzt werden. Das Bildungsmanagement unter der Leitung von Annika Peters mit dem Bildungsmonitorer Tim Dertwinkel ist beispielsweise von Anfang an Teil des Projekts. Die derzeitige Schulentwicklungs- und Kitabedarfsplanung sowie weitere Bildungsdaten für die Erstellung eines übergreifenden Bildungsberichtes werden so parallel digital im Projekt begleitet und mit weiteren Daten wie z.B. kleinräumigen Bevölkerungs- und Sozialdaten auf Stadtteilebene verknüpft. Größere Darstellungen, wie das Integrierte Stadtentwicklungskonzept (ISEK) „Perspektiven für Flensburg“ und die sich daraus ergebenden „Stadtteilprofile“, können somit ebenfalls zügig, verlässlich und einfach mit zum Beispiel Schul- und Kitadaten bereichert werden. Kennzahlen können dann direkt über die Nutzeroberfläche eingesehen, für ad-hoc Analysen oder für regelmäßig zu erstellende (Bildungs-/Sozial-)Berichte exportiert oder auch auf Karten dargestellt werden. Gerade das einfache Zugreifen auf die Daten aber auch das Zusammenwirken der verschiedenen Daten wird die Arbeit der Mitarbeitenden und Entscheidungsinstanzen der Stadt effizienter gestalten und deren Blickwinkel und Planungsansätze erweitern und verbessern. Tim Dertwinkel ist verantwortlich für Bildungsmonitoring und Fachplanung Business Intelligence im Fachbereich Bildung, Sport, Kultur der Stadt Flensburg. TANORAMA | 29 LITERATURTIPPS An dieser Stelle finden Sie eine durchaus subjektive und keinesfalls erschöpfende Sammlung von Literaturtipps aus dem Themenfeld der integrierten Sozialplanung, die uns im Rahmen der Recherche zu diesem Magazin aufgefallen sind. Wir wünschen viel Spaß beim Schmökern! kostenpflichtiges Angebot kostenfrei abrufbar Werkzeugkasten Sozialberichterstattung: Ein Praxisleitfaden für niedersächsische Kommunen HAWK - Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/ Holzminden/Göttingen (Hrsg.) Hildesheim 2019 ISBN 978-3-00-062186-4 Integrierte Sozialplanung in Landkreisen und Kommunen Sozialplanung als Instrument der Kommunalverwaltung in Nordrhein-Westfalen Anna Nutz und Prof. Dr. Herbert Schubert (Hrsg.) Deutscher Gemeindeverlag 2019 ISBN 978-3-555-02097-6 Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales des Landes NordrheinWestfalen (Hrsg.) Düsseldorf 2014 Integrierte Sozialplanung für die Versorgung im Alter: Grundlagen, Bausteine, Praxisbeispiele Konzept sozialer Entwicklung und Steuerung im Kreis Pinneberg: FOKUS PI Prof. Dr. Herbert Schubert (Hrsg.) Springer VS 2019 ISBN 978-3-658-21240-7 Fachbereich Soziales, Jugend, Schule und Gesundheit des Kreises Pinneberg (Hrsg.) App für iOS 9.0 oder neuer, verfügbar im App Store für iPad VSOP Kursbuch Sozialplanung: Orientierung für Praxis und Wissenschaft Sozialstrukturatlas Landkreis Görlitz 2019 Ingo Gottschalk (Hrsg.) Springer VS 2019 ISBN 978-3-658-25445-2 Landratsamt Görlitz, Dezernat für Gesundheit und Soziales, Integrierte Sozialplanung (Hrsg.) Görlitz 2019 socialnet Lexikon: Sozialplanung Zweiter Thüringer Sozialstrukturatlas mit Fokussierung auf Armut und Armutsprävention socialnet GmbH (Hrsg.) Beitrag von Prof. Dr. Herbert Schubert https://www.socialnet.de/ lexikon/Sozialplanung Thüringer Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie (Hrsg.) Erfurt 2020 30 | TANORAMA IMPRESSUM Texte Die jeweiligen Autorinnen und Autoren dieses Magazins sind eingangs jedes Beitrags benannt. Redaktion Thies Schulz-Holland, Maybrit Windmann Gestaltung Thies Schulz-Holland Herausgeberin Gemeinnützige Deutsche Kinder- und Jugendstiftung GmbH Tempelhofer Ufer 11 10963 Berlin Bildnachweis Fotos: ©iStock: CHUYN (Titel), akindo (S. 15, 22, 31). ©Adobe Stock: Tryfonov (S. 3/10), darknightsky (S. 3/18), Dirk Petersen (S. 24/25). ©Photocase.de: REHvolution.de (S. 3/4), David-W- (S. 3/12). ©Svetlana Grigorieva (S. 2). ©Unsplash: Franki Chamaki (S. 29). ©Pixabay: Monika Schröder (S. 29). Druck Flyeralarm GmbH, Würzburg 1. Auflage 2020 (250 Exemplare) Dieses Vorhaben wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert. Die Transferagentur Nord-Ost der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung unterstützt Kommunen in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein beim Aufbau eines datengestützten Bildungsmanagements. Sie ist Teil der „Transferinitiative Kommunales Bildungsmanagement“. Mit dem Erfahrungswissen aus dem Bundesprogramm „Lernen vor Ort“ und anderen relevanten Programmen sowie mit Impulsen aus der Wissenschaft und der kommunalen Praxis im Gepäck setzt die Transferagentur Nord-Ost genau dort an, wo Kommunen stehen. www.transferagentur-nord-ost.de Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) setzt sich für Bildungserfolg und gesellschaftliche Teilhabe junger Menschen ein. Für dieses Ziel bringt die DKJS Akteure aus Staat, Wirtschaft, Praxis und Zivilgesellschaft zusammen und entwickelt mit ihnen praktische Antworten auf aktuelle Herausforderungen im Bildungssystem. www.dkjs.de TANORAMA | 31 Alle Veranstaltungen der Transferagentur Nord-Ost finden Sie unter www.transferagentur-nord-ost.de/veranstaltungen
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