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114. bis 134. Sitzung (6. Februar bis 21. April 1920) 122. und 123. Sitzung. Donnerstag den 26. Februar 1920

Full text: Sitzungsberichte der Verfassunggebenden Preußischen Landesversammlung (Public Domain) Issue 8.1919/21 114. bis 134. Sitzung (6. Februar bis 21. April 1920) (Public Domain)

19035 BVerfassunggebende Preußische Landesversammlung 123. Sizung am 26. Februar 1920 10936 
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[Einrichtung einer Berufsberatung] opfern soll und muß, dann hat er au< da3 Reht, auf 
EZ Z7 - | Hilfe für seine LebenSerhaltung dur< die Allgemeinheit. 
[Kleinspehn, Abgeordneter (U. Soz.-Dem.)] Sodann möchte ich sagen, daß ich im Gegensaß zu 
Bir wollen nicht die lezten Vorräte im Lande ver- allen meinen Vorrednern der Meinung bin, daß die Art 
schärfen, wie Sie das tun im alleinigen Interesse des der von Ihnen vorgeschlagenen Organisation der Berufs- 
Brofits. Wofür ist denn die heutige Art der Kohlen- beratung nicht zwedienlich sein kann, noh werden wird. 
versorgung Beweis? Do< nur für die Anarchie unserer Das beste Instrument der Berufsberatung 
heutigen Wirtschaft! Wer bekommt denn heute Kohlen ist die Schule. In der Schule ist: die Grundlage der 
geliefert ? Die LuzuSindustrien, die Industrien, die für Berufsberatung enthalten. Je nach der Art des Auf- 
den Bedarf der Reichen arbeiten, bei denen die Ge- Lbaues der Schule ist dort auc< die entsprechende Or- 
stehungskosten keine Rolle mehr spielen. Vor allem aber ganisation der Berufsberatung. Nicht in der Shule als 
au die Vergnügungsstätten, die Bars, Kinos usw. Lerns<hule, wie wir sie heute haben, sondern in dex 
Trozdem geht Ihnen diese Anarchie noch nicht weit genug. Sdule als Arbeitss<ule, als Gemeins<aft 
zur Erziehung von Mensc<en. Die Scule, die 
(Rufe rechts: Berufsberatung!) besonderen Wert auf die Beobachtung und Pflege von 
- Das hängt natürlich eng damit zusammen, ist aber Fähigkeiten, Neigungen und besonderen Anlagen dex 
außerdem die Antwort auf Ihre Frage. Wollen wir zu Scüler legt, die nicht die Fertigkeiten durch Drill, 
einer guten und wirklihen Berufsberatung kommen, sondern die Berufseignung durch inneren Drang, durch 
wollen wir für die einzelnen die Möglichkeit schaffen, harmonische Entwiklung des Menschen pflegen will. 
an den geeigneten Blaß gestellt zu werden, so dürfen wir I<h bin der Meinung, daß es auch erst dann möglich 
niht für eine freie Wirtschaft eintreten, sondern wir werden würde, das Wort: freie Bahn dem Tüchtigen! 
müssen für einen organischen Aufbau des Wirtschaft8s- Wahrheit werden zu lassen. Denn heute ist es nur eine 
lebens eintreten. Nur dann besteht auch die Möglichkeit, leere Redensart, um Millionen Sand in die Augen zu 
ohne Rücksicht auf lokale Eigentümlichkeit und Wünsche, streuen. I< gebe zu, daß heute man<mal ein besonders 
den einzelnen wirklich an die Stelle im Wirtschaftsleben Tüctiger Aufstiegsmöglichkeiten haben kann. Aber es 
zu segen, für die er nach seiner körperlichen und geistigen Lesteht doch auch die Gefahr, daß dur< das Fördern nur 
Beschaffenheit besonders geeignet ist. Ist man bisher intellektueller Anlagen leiht Schaden für die Allgemein- 
immer nur darauf auS8gegangen, das beit entstehen kann, weil meines Erachtens ein Mensch, 
Geldkapital möglichst gut und planvoll der über sehr gute intellektuelle Anlagen verfügt, troßdem 
anzuwenden, so ist es heute notwendig, sittlich mors< sein kann. Wir haben ja hier ganz 
zu einer möglichst planvollen Anwendung bezeichnende Beispiele dafür erlebt. I< mödte als 
des organischen Kapitals, also des Wwischenbemerkung dazu sagen: es kann jemand 3. B. ein 
Menschen überzugehen. jehr guter RechtsSanwalt sein, ein vielseitig gebildeter 
Obgleich wir nun gerade in diesen Monaten sehen ensch, aber er braucht deShalb noch nicht einen guten 
müssen, wie der einzelne, der Kapitalist, die s<limmsten Minister abzugeben. Besonders dann ist er es nicht, 
Schädigungen des Gesamtwirtschaftskörpers dur< jein wenn er nicht die Kraft hat, einem politischen Gegner 
persönliches Profitstreben herbeiführen kann, so ist doch fest- 5egenüber bei der Wahrheit zu bleiben. Oder aber, 
zuhalten, daß die Wirtschaft niht mehr auf individueller 'venn er nicht den Mut hat, Unwahrheiten, die ihm 
Brundlage beruht. Denn der einzelne ist ja nur ein BUnterlaufen sind, zurüfzunehmen. Wenn mandes- 
unselbständiges Glied in einem millionenfachen Räder- Ya2lb bei der Berufsberatung nur auf 
werk, und Millionen und aber Millionen haben nichts als den Intellekt und nichtauf den sittlichen 
ihre Arbeitskraft.. Diese stehen aber heute mehr als je Zern des Menschen achtet, so ist und bleibt sie 
bor der Gefahr, nicht arbeiten zu können. Denn die "Vl Halbheit. : | 
Krankheiten, die Unfallgefahren, aber auch die Invalidität Die Berufsberatung soll vor allen Dingen aber auch 
steigen immer mehr, so daß der Schuß derer, die nur ihre eine LebenSerleichterung und Leben3verschönerung für die 
Arbeitskraft zur Verfügung haben, zu einer Lebensfrage einzelnen ermöglichen. Daß wir gerade diese Möglich- 
der Gesellschaft geworden ist. Die Überspannung der keiten der Berufsberatung voll auszuschöpfen suchen, ist 
wirtschaftlichen Leistung8grenze, die wieder beginnt und mit heute dringend notwendig. Wir brauchen uns nur um 
allen Mitteln herbeizuführen versucht wird, müßte endlih den Gesundheitszustand unserer Volksshüler ein wenig 
zinmal aufhören. Wir haben ja vor wenigen Tagen im zu kümmern. Müssen wir da mit Screen feststellen, 
„Borwärts“ in einem Aufsaß des Herrn Kollegen Hue wie Blutarmut, Skrofulose, Tuberkulose usw auf das 
die schrelichsten Zahlen darüber lesen können, was es s<hre>lichste wirken. Natürlich zumeist als Folge des 
bedeutet, wenn die Arbeiter in einem bestimmten Beruf Krieges. Und diejenigen, die Schuld am Kriege sind, 
[ov überanstrengt werden, wie es bei den Bergarbeitern haben also auch die Schuld an diesen Dingen zu tragen. 
heute und während des. ganzen Krieges der Fall gewesen Der Krieg war ein Verbrechen an der Volksgesundheit, wie 
ist. Damit und in dieser Form kommen wir wirklich er ein Verbrechen an der Zukunft unseres Volkes ist. 
nicht zu einer Wirtschaftlihkeit am Volkskörper, die wir Es genügt nun aber auf keinen Fall, nur neue Or- 
doch jo dringend notwendig haben. Auch wenn es noh ganisationen der Berufsberatung zu schaffen. Vielmehr 
io s<wer fallen sollte, wenn da und dort für die Al«- muß mit neuem Geist, mit neuen sittlihen und erweiter- 
gemeinheit noc< größere Ginschränfungen als biSher in ten sozialen Grundsäßen an die Berufsberatung heran- 
nicht lebenswichtiger Bedürfnisbefriedigung notwendig gegangen werden. Hier nüßen uns keine Rückblicke, wie 
jein würden, so müßten wir es doch als unerschütterlihen es früher im Handwerk und in der Zeit des kleinindu= 
Grundsaß ansehen, daß das Leben, seine Erhaltung, striellen Betriebes gewesen ist. Wir müssen den Dingen 
Verfeinerung und Verlängerung der Ausgangspunkt von heute und der Zukunft ins Auge sehen. Da müssen 
mnserer Volkswirtschaft sein sollte und nicht dex Ge- wir aber feststellen, daß es nicht das erste für die Berufs- 
vinn. I< will hier nicht auf Einzelheiten eingehen beratung ist, für den jungen Menschen eine Lehrstelle bei 
ver e3 mit drastischen Beispielen belegen. Wir sind der einem Handwerker in Aussiht zu nehmen. Denn in 
fassung, wenn der einzelne, wie es während des den ausschlaggebenden Berufen gibt es heute fast keine 
rieges der Fall gewesen ist, dem Staate sein Leben Lehrlinge mehr, sondern nur jugendliche und erwachsene 
123. Sitzg Landesvers. 1919/20
	        
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