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114. bis 134. Sitzung (6. Februar bis 21. April 1920) 121. Sitzung. Mittwoch den 25. Februar 1920

Full text: Sitzungsberichte der Verfassunggebenden Preußischen Landesversammlung (Public Domain) Issue 8.1919/21 114. bis 134. Sitzung (6. Februar bis 21. April 1920) (Public Domain)

9929: Verfässunggebende Preußische Ländesversammlung"121"'Sizung am'25: Febritär 1920 -< 9930 
f|Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten und in dem vielleicht die weitere ärztliche Behandlung no< recht 
Regelung des Dirnenwesens] notwendig wäre. Manc<mal sind diese Kranken nur 
| mD scheinbar geheilt, auch der Arzt spricht die Heilung mit 
. „ „ gutem Glauben aus, während unter Umständen nach 10 
... Vizepräsident Dr v. Kries: Zur Geschäftsordnung und 20 Jahren sich die Sache rächt und alle schwere Ge- 
hat das Wort der Abgeordnete Dr S<hloßmann. hirnkranfheiten auftreten können. Diese Krankheiten sind 
tükisc<er Art und dürfen nicht mit anderen Krankheiten ver- 
Dr Schloßmann, Abgeordneter (D. Dem.): Ih wechselt werden, bei denen der Patient viel leichter zum 
beantrage im Namen meiner politischen Freunde, über den Arzt zu bringen ist. 
Absatz 4 gesondert abzustimmen. Die Ausbreitung des Leidens ist in den letzten Jahren 
vor dem Kriege nicht besonders s<limm geworden, es war 
Vizepräsident Dr v. Kries: Dem wird Folge ge<- ein gewisser Stillstand eingetreten, so daß man sagen 
geben werden. | Fonnte, die Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrank- 
I< eröffne die gemeinsame Besprechung über den heiten habe erreicht, daß wenigstens die Krankheit3ziffern 
Ausschußantrag und die Anträge Nr 1927 und 1938. Das nicht so stark gestiegen sind. Der Krieg hat naturgemäß 
Wort hat der Abgeordnete Gräf (Frankfurt). eine Verschlimmerung gebracht. Millionen junger Männer 
. waren von ihren Frauen getrennt und sind in Feindesland 
„Gräf (Frankfurt), Abgeordneter (So3z.-Dem.): zum Opfer von Geschlec<ht8krankheiten geworden, ohne daß 
Meine Damen und Herren, der Herr Berichterstatter hat fie direkt, wie man sagen kann, schuldig zu sprechen waren. 
shon darauf hingewiesen, wel<e wichtige Frage die Preu- Sie sind geschlechtskrank geworden, haben auf Urlaub und 
ßisc<he LandeSversammlung hier zu erledigen hat, wenn sie nach ihrer Entlassung ihre Frauen, junge Männer haben 
dem Reich Anregungen dieser Art gibt, re<t bald durh Mädchen angeste>t, bei denen man früher niemals eine 
Reichsgeseß diese wichtige Frage zu lösen. Daß die Frage Geschlechtskrankheit vermuten konnte, so daß man sagen 
bald gelöst werden muß, davon können sich alle die über- kann, die-Geschlechtskrankheiten sind jeht in Deutschland in 
zeugen, die einen Einbli> in die große Gefahr haben, die Stadt und Land so verbreitet, daß man manchmal sich an 
die Gesc<hlechtsfranfheiten für unser deutsches Volk, für den Kopf greifen muß, wie das nur möglich werden konnie. 
unjere Volksgesundheit bilden. Wenn wir heute einen Wir haben in manchem Dorfe sehr viel Krankheitsfälle, in 
RÜFbli> werfen auf da3, was alles bis jekt geichehen ist, denen früher Geschlechtskranfheiten niemals vorgekommen 
und troßdem eine sol<e Ausbreitung: der Krankheiten zu waren. Es ist ein Bericht aus dem besezten Rheinland 
veflagen ist, so müssen wir sagen, daß in allen Krankheiten eingegangen, in dem es heißt, daß in Ärztekreisen zuver- 
= da stimme ich mit dem Herrn Berichterstatter überein =- lässige Nachrichten verbreitet waren, daß die Zunahme der 
mandmal viel leichter zu arbeiten ist, daß der Kranke Geschlec<htskrankheiten als geradezu erschrefend zu be- 
jelbst williger den Anordnungen des Arztes sich fügt als zeichnen wären, und e3 heißt dann wörtlich: 
zerade bei den Geschlec<htskrankheiten, bei denen oft Un- . | E 
fenntnis, Prüderie, Dummheit usw sehr ungünstig auf das Die Verseuchung der deutschen Bevölkerung mit 
Heilverfahren einwirken können. Geschlechtsfranfheiten hat fürchterlich zugenommen. 
) Te , N Da in der lezten Zeit vielfach behauptet wurde, daß 
- Aber auch unsere Geseßgebung hat früher vieles ver- . IBG eu .. ie N 
6 ? , . auch viele 12- bis 16 jährige Mädchen bereits an- 
säumt, wenn ich daran erinnere, wie auch der Gesekßgeber gesteft sind, wurden von einigen Ärzten in 
in diesen Fragen zurüFhaltend war, wie er 3. B. bei der größeren Städten Stichproben gemacht. Die Re- 
Krankenversiherung in den ersten Jahrzehnten den - ; ; : “ .. .. 
7 . jultate zweier solcher Untersuchungen liegen mir 
Krankenkassen in Aussicht stellte, die Geschle<htskranken vor. Danach wurden in einem Fall unter 18 
als Batienten zweiten Grades zu betrachten, indem er 3wölf- bis sechzehnjährigen Mädchen 7 geschlechts- 
sagte: bei Geschlechtskranfheiten kann die Krankenunter- Franke) Binder Ue bitzlls 9 ie 
stüßung verweigert werden. Beinahe 904 aller Kranken- 9 : 
fassen haben in den ersten Jahrzehnten davon Gebrauch Auf die weitere Verlesung der Notiz will ich verzichten, um 
gemacht. Dadurch ist herbeigeführt worden, daß man Ge- Jhre Geduld nicht zu sehr in Anspruch zu nehmen. 
jc<lechtsfranfe ohne jegliche Unterstüßung gelassen hat und Was ist daraus zu ersehen? Daß in den beseßten Ge- 
die Bekämpfung der Krankheit nicht so gefördert ist, wie bieten durch die französischen Besagungstruppen, Schwarzen 
es sein sollte. usw, die in vit Anstetung viel größer ist, daß die Beo- 
1.167 ; : : jaßung3behörden den Kampf dagegen nicht so aufgenommen 
. Eehr want! bei der Syasasdemutratischen Parten) haben, wie es sein mußte, und daß die Krankheiten einen 
Eine Änderung trat erst dann ein, als die organisierte viel größeren Umfang haben, als man bereits angenommen 
Arbeiterschaft fih mehr um die Krankenversicherung hatte. Der Berichterstatter hat mit Recht darauf hingewiesen, 
fümmerte und den wenigen Einfluß, den sie sonst auf die 5aß die gesamte Ärzteschaft in den Kampf gegen die Ge- 
Geseßgebung hatte, benußte, um eine Änderung auf diesem schlecht8krankheiten eintreten muß und daß es falsch ist, sich 
wichtigen Gebiete herbeizuführen. Von diesem Augenbli> in diesem Falle nur auf die Fachärzte, oder wie man früher 
ab datiert die Zusammenarbeit zwischen Arbeiterschaft und jagte, Spezialärzte, zu beschränken. I< möchte aber nicht 
Ärzteschaft, die in der Gesellschaft zur Bekämpfung der yersäumen, darauf hinzuweisen, daß die Ärzte nicht ge- 
Geschlechtskranfheiten Hervorragendes geleistet hat, und nügend ausgebildet sind. Wenn man aber besser aus- 
von diesem Augenbli> an ist eine neue Ära in der Be- gebildete Ärzte haben will, muß man an die Universitäts- 
fämpfung der Geschlec<htsfranfheiten zu verzeihnen reform herangehen. Der Berichterstatter ist mit mir einer 
gewesen. Meinung, daß die Universitäten in dieser Frage der Be- 
- Die Wissenschaft hat sich ebenfalls mehr und mehr mit kämpfung der Geschlechtskrankheiten in Zukunft mehr 
dieser Frage beschäftigt, um diese tückische Krankheit, von leisten müssen als biSher. Es müssen alle Ärzte auf diesem 
der man sagen kann, daß viele Patienten gar nicht wissen, wichtigen Gebiete ausgebildet werden, und man darf nicht 
ob fie nod) frank sind, zu bekämpfen. Die Anste>ung ist mehr auf den Universitäten dem jungen Studenten sagen: 
jehr leicht, die Heilung sehr schwer, und die Patienten find du kannst ja Spezialarzt werden; wenn du es nicht machen 
gerade in einem Stadium nicht mehr zum Arzt zu bringen, willst, bist du als allgemeiner Arzt gut genug, denn dann
	        
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