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114. bis 134. Sitzung (6. Februar bis 21. April 1920) 118. Sitzung. Sonnabend den 21. Februar 1920

Full text: Sitzungsberichte der Verfassunggebenden Preußischen Landesversammlung (Public Domain) Issue 8.1919/21 114. bis 134. Sitzung (6. Februar bis 21. April 1920) (Public Domain)

9691 Verfassunggebände" Preußische Ländesversammlung 118. Sizung am 21. Februar 1920 - 19692 
[Zulassung der Frauen zu den“ juristischen tischen Vorbereitung3dienst nicht gestattet hat. Solange 
- Brüfungen usw] det Mangel nicht Feten ist, Kn von m: eehte 
. Beurteilung der Leistungsfähigkeit der Frau auf juristischem 
[Frau Dr Lauer, Abgeordnete (Zentr.)] Gebiete nicht die Rede sein. I< meine, wenn die Frau in 
Auch ohne gleichzeitige Zulassung zum Justizdienst hätte ihrer Befähigung für die juristische Tätigkeit wirklich gerecht 
der Befähigungönachweis für die Frauen schon für die veurteilt werden soll, dann muß erst ein längerer Zeitraum 
Stellungen, die außerhalb des Justizdienstes liegen, großen Praktischer Betätigung verstreihen. Denn selbstverständlich 
Wert. Wenn natürlich durch eine Änderung des Gerichts- können Frauen nicht in wenigen Jahren das lernen und 
verfassung2geseßes auch eine Zulassung der Frauen zum nadHholen, was Männer in jahrhundertelanger Rechtzübung 
Justizdienst möglich würde, so würden das viele Frauen sich angeeignet haben. 
begrüßen. Nun ist die Rechtöpflege sicherlich das Gebiet, wo am 
Diese Fragen sind aber durch eine Annahme de3 An- allerwenigsten mit unerprobten Neuerungen experimentiert 
trag3 in seiner jezigen Gestalt nicht zu lösen. Die ver- werden darf. DeShalb sollen sih Frauen auf juristischem 
schiedene Zuständigkeit von Reich und Staat für den Vor- Gebiet nac< Meinung meiner politischen Freunde nur auf 
bereitungsdienst und die Prüfungen und die geltende Inter- den Gebieten betätigen, wo sie nah ihrer Eigenart sicherlich 
pretation des Gericht3verfassungögeseßes können nicht im segenSreich wirken werden, nämlich auf dem Gebiete dex 
Plenum geflärt werden. DeShalb beantragt meine Partei Jugendpflege und bei Jugendgerichten und Vormundschafts- 
die Verweisung des Antrags an einen Ausschuß. 8 sowie 4 Schöffen und Geschworene besonders M 
.. Qs . . ) wo Frauen- und Kinderinteressen zu vertreten sind. Auc 
' Präßivent Leinert: Da3 Wort hat die Abgeordnete sind die Frauen zur Anwaltschaft zuzulassen. Es hat ja 
Frau Dr Spohr. ? ; ; j ; 
eine meiner Vorrednerinnen schon darauf hingewiesen, daß 
Frau Dr Spohr, Abgeordnete (D.-nat. V.-P.): sie als Recht3anwälte bereits seit einex Reihe von Jahren 
Meine - Damen und Herren, wenn Frauen sich irgendwie in anderen Ländern, in Schweden, Norwegen, Dänemark, 
im öffentlichen Rechtsleben betätigen sollen, dann muß Holland, Frankreich und in der Schweiz tätig sind. Überall 
ihnen auch, ganz gleih in welchem Umfange sie sich be- dort sind sie zum Teil schon seit 20 Jahren als Rechts- 
tätigen, eine möglichst sa<gemäße und möglichst gründlihe anwälte tätig, und die biSherigen Erfin sind gut. 
Ausbildung zuteil werden. DaS ist aber nur möglich, wenn Allerdings ist die Zahl der weiblichen Recht3anwälte noch 
die Frauen zu den abschließenden Prüfungen und zu dem klein. Daß aber die Erfahrungen gerade in der Anwalts- 
praktischen Vorbereitungsdienst zugelassen werden. praxis nur gut sind, ist leiht verständli<h. Haben doch 
(Sehr richtig!) Frauen sich überall dort immer bewährt, wo sie sich mit 
. ME 7 | ganzem Herzen für eine Sache einsezen konnten. Ob sich 
Nach meiner Ansicht ist dieser Antrag auch eine Forderung nun die Frau auch zum Richterberuf eignet, das allerdings 
der Gerechtigkeit. Denn es ist uns doh Gleichbere<htigung muß sich erst erweisen, und meine politischen Freunde sind 
zugesagt worden. . der Ansicht, daß eine Zulassung zu diesen verantwortung3- 
(Sehr richtig!) vollsten Stellen nicht Rien kann, ENEN die Zin au 
Und so muß denn diese theoretische Zusage auch auf allen den eben erwähnten Gebieten nachgewiesen hat, daß sie die 
Gebieten, wo es möglich ist, in die Praxis übergeführt erforderliche Konzentration, die augenbliliche Entsc<hlossen- 
werden. heit, die Autorität usw wirklich besitt. 
Nun sind wir allerdings nicht für eine Mechanisierung Bedenken könnte man gegen die Überfüllung hegen, 
dieser Gleichberechtigung. Männer und Frauen sollen sih die ja jekt shon im juristischen Berufe in besonders hohem 
da betätigen, wo sie ihrer besonderen Eigenart na< der Maße vorhanden ist und die, wie manche behaupten, durc 
Allgemeinheit am besten dienen können. das Hinzutreten der Frauen no< bedeutend erhöht würde. 
(Sehr richtig!) E3 wird ferner gesagt, daß die Konkurrenz dur<h die Frau 
| RIESTER „-. dann noch größer wird. I< persönlich meine, daß doch die 
Das aber kann niemals durch aprioristische Schlüsse fest- Frauen dieselbe Existenzberechtigung haben wie die Männer, 
geseßt werden, sondern immer nur dur< praktis<e Er- und daß ihnen infolgedessen gerade jeht, wo die Heirats- 
brobung. Es kann auc<h in diesem Falle ni<t durh möglichkeiten für die Frauen um so viele3 geringer ge- 
Parallelen mit anderen Berufen festgeseht werden, denn die worden sind, neue Existenzmöglichkeiten erschlossen, zum 
Einzigartigkeit der juristischen Tätigkeit läßt eine Parallele mindesten nicht verschlossen werden dürfen. Was die Kon- 
mit irgendwelchen anderen Berufen nicht zu. kurrenz betrifft, so werden ja nur die wirklich tüchtigen 
(Sehr richtig!) Frauen in der Anwaltspraxis usw den Männern Kon- 
Bei dem erst kurzen Zeitraum wissenschaftlicher Frauen- furrenz machen. | | 
ausbildung kann man jeht noch nicht feststellen, in welchem Die überfüllung =“ Darauf hat anm schon eine meiner 
Umfange etwa die weibliche Eigenart durch wissenschaftliche Vorrednerinnen hingewiesen =- wird wahrscheinlich durc< 
Schulung diszipliniert werden kann. das Eintreten der Frauen in die juristischen Berufe nicht 
I. „-.. sonderlich gesteigert. Eine meiner Vorrednerinnen hat 
(Sehr richtig!) Zahlen in dieser Beziehung genannt und darauf aufmerksam 
Deswegen find wir auch unter diesem Gesicht3punkt dafür, gemacht, daß es überhaupt nur 120 bis 150 Juristinnen 
daß der Jrau jede Ausbildungsmöglichkeit gewährt wird. gibt. Im Sommersemester 1919 haben auf den preußischen 
(Sehr richtig!) Universitäten nur in8gesamt 79 Juristinnen studiert, und 
ag: ich glaube, selbst wenn der juristische Beruf in Zukunft aus- 
Gerade den Juristinnen hat man biSher keine Ge- sicht3voller wird, wird doch die Zahl der Juristinnen nicht 
rechtigkeit widerfahren lassen. In allen anderen Berufen allzu groß sein und damit die Übersüllung kaum um Vieles 
ist der Zulassung zum Studium und zur Ausbildung auch gesteigert werden. Wir können das aus den Ländern 
die Zulassung zum abschließenden Examen und die Zu- schließen, wo die weibliche Anwaltschaft shon seit Jahren 
lassung zu dem praktischen Vorbereitungsdienst gefolgt. besteht, 3. B. in Schweden, wo sie bereits seit 1897 ein- 
Der Juristin aber hat man die Ausbildung ihrer vollen geführt ist, aus den Erfahrungen, die man in Frankreich 
Leistungsfähigkeit dadurch versagt, daß man ihr den prak- gemacht hat, wo seit 1900 weibliche Anwälte tätig sind. I< 
118, Sitg Landesvers. 1919/20
	        
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