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114. bis 134. Sitzung (6. Februar bis 21. April 1920) 117. Sitzung. Freitag den 20. Februar 1920

Full text: Sitzungsberichte der Verfassunggebenden Preußischen Landesversammlung (Public Domain) Issue 8.1919/21 114. bis 134. Sitzung (6. Februar bis 21. April 1920) (Public Domain)

9651 Berfaßsunggevende"Preußische Landesverjammlung "117. Sitzung 'am 20. Februar 1920 9652 
[Erlaß des Reichsgesjetes über die Tuberkulose] Vizepräsident Dr'Frentel: Da3 Wort hat der 
= = Herr Abgeordnete Dr Brackmann. m 
jFrau Poehlmann, Abgeordnete (D. V.-P.)] Dr Neel AFeoee eier Een % Meine 
anzeigepflichtig sind, aber weiter geht der Erlaß vom 9. Juli Damen und Herren, i< will mich ganz kurz fassen, denn 
1907, der Anweisungen zur LE zins Merbreitg: iM kann wohl sagen, daß ich den Eindruek habe: das 
übertragbarer Krankheiten durch die Schule gibt. In ganze Haus ist darin einig, den Antrag des Herrn 
diesem Erlaß sind die Vorschriften gegeben, die da, wo An- Kollegen Dr Shloßmann zu unterstüßen. I< glaube, 
zeichen der Kehlkopf- oder Lungentuberkulose, wie Mattig- 19 brauche wohl nicht mehr darauf hinzuweisen, daß ein 
feit, Husten und ähnliches vorliegen, den Rat erteilen sollen, 8Ügemeines Gesetz eine Notwendigkeit ist, um die Tuber: 
den Arzt in Anspruch zu nehmen, und daß die übrigen lulose jeht kräftiger zu erfassen als biSher. Denn die 
Vorsicht8maßregeln, z. B. das Aufstellen der Speinäpfe, die ganzen Errungenschaften, die wir in Deutschland vor dem 
mit Wasser gefüllt sind, getroffen werden sollen. Freilich: Kriege erreicht hatten, sind durch den Krieg wieder ver- 
die Erkrankungen an Tuberkulose müßten angezeigt werden, !9ren gegangen. Es ist auch aus dem Grunde notwendig, 
aber dazu gehört, daß sie vollständig sicher festzustellen daß der Staat die Bekämpfung der Tuberkulose jet 
seien. Nun kann ja aber --- und darauf hat der Herr mehr als bisher in die Hand nimmt, weil die private 
Ministerialdirektor shon hiegewiejen = die Disposition zur Beteiligung an der Bekämpfung der Tuberkulose infolge 
Zrankheit vorhanden sein, und diese kann auch bei der Mangels an Mitteln in der lezten Zeit ganz erheblich 
Sektion nachgewiesen werden; aber es braucht sich aus dieser 1"3Dgelassen hat. | c 22-2ZEBDEE 
Disposition heraus die Tuberkulose noch nicht zu entwi>keln. . Die bisherigen Maßnahmen gegen die Tuberkulose 
Aber bei der ungeheuren Verbreitung der festgestellten Er- sind, aber nicht geeignet, die Krankheit wirksam einzu- 
franfungen nach den glänzenden Erfolgen der Bekämpfung |Pränken. Es würde vor allem darauf ankommen, die 
der Seuche vor dem Kriege ist der Ausbau der Geseßgebung, ldepflicht dahin zu erweitern, daß nicht wie bisher 
der jeht vom Reich vorgenommen wird, von allen Parteien bloß Todesfälle, sondern auch die Anfangsfälle, alfo 
freudig zu begrüßen, und es ist der einstimmige Wunsch, sämtliche Tuberkulösen, dem Anmeldungszwang unter: 
daß die Vorarbeiten, die durch das Reich sc<hon sehr weit worfen werden. Denn das neue Geseh würde ja nicht 
gefördert sind, bald zu einem günstigen Ende geführt 21oß auf eine DeSinfektionSmaßregel hinouslaufen sollen, 
Werden. sondern auf eine Vorsorge gegen die Tuberkuloje, da es 
darauf anfommt, die noc< nicht von der Krankheit Er- 
Was nun die einzelnen Maßregeln betrifft, die hier in griffenen zu shüßen. Sollte ein solches Gesey wirkjam 
Frage kommen, so sind die medizinischen ja shon des jein, so würden gewisse Zwangsmaßregeln notwendig 
weiteren erörtert worden. E3 ist ebenso davon gesprochen werden, namentlich eine zwangsweise Jjolierung der Fälle 
worden, wie die Unterernährung die entseßliche Verbreitung von Tuberkulose, die die Gefahr der Übertragung auf 
der Krankheit und das Anschwellen der Sterblichkeitöziffer andere Gesunde mit sich bringen, unter Umständen auch 
hervorgerufen hat, und es ist auch darauf hingewiesen eine zwangsweise Überführung in Krankenhäujer, wenn 
vorden, wie die große Knappheit an Wohnungen, das Zu- sich die Kranken den gesundheitlichen Vorschriften dauernd 
jammenpferchen der Kranken mit Gesunden ebenfalls dem widersetzen sollten. Es würden weiter Maßnahmen not 
allerungünstigsten Einfluß ausüben muß. Hier seht nun wendig jein, Tuberkulöse von solchen Berufen fernzuhalten, 
eine alte Forderung der Frauenvereine ein. Der Bund wo die Gefahr vorliegt, daß die Krankheit auf Kinder 
Deutscher Frauenvereine hat zu verschiedenen Malen, wenn Übertragen werden könnte, alio von dem Beruf der Heb- 
er die Ausbildung von Sozialbeamtinnen forderte, geltend mme, der Fürsorgerin und des Lehrers. Nach den 
gemacht, daß diese für die Vorbeugung aller Krankheiten, jebigen Auffassungen der Ärzte wird die Tuberkulose 
namentlich auch der Tuberkulose, in Zukunft unentbehrlich v9orzugsweise im KindeSalter erworben. Der Vorgang 
seien. Die. Sozialbeamtinnen, insbesondere Wohnungs- ik anscheinend der, daß Kinder in ihrem frühesten Lebens- 
pflegerinnen, werden in weitestem Umfange angestellt werden alter durch tuberkulöse Eltern auf dem Wege der soge 
müssen. Je elender und erbärmlicher die Verhältnisse der nannten Tröpfcheninfektion angeste>t werden, indem sie 
Wohnungen sind, desto mehr wird es notwendig sein, die 093 der Mutter geküßt oder angehustet werden und jo 
Wohnungspflege nach Möglichkeit zu betreiben. Für die de? Giftstoff in ihre Körper aufnehme. 
Wohnungspflege kommt -- das habe ich shon einmal an S5 wRxde sich also bei einem durcgreifenden Geseß 
anderer Stelle ausgeführt == in erster Linie die Frau in egen die Tuberkulose darum handeln, die jüngste Gene 
Betracht, weil fie mit der Wohnung am meisten zu tun hat ation gegen eine Anste>ung zu schüßen, und zwar würde 
und am meisten mit allen Hausarbeiten vertraut ist. Da is wohl dadurch nur möglich jein, daß die Kinder goil: 
die Schaffung einer genügenden Anzahl vom gesundheit- weise Von I<hwerkranken Eltern getrennt würden; ferner 
lichen Standpunkt einwandsfreier Wohnungen für Jahre müßten biejenigen. Kranken, Die, eine „Ge 1997 „ür ihre 
und Jahrzehnte hinaus nicht zu ermöglichen sein wird, so Umgebung bilden, so viel wie inöglich in Krankenhäuser 
wird sich unsere Forderung dahin richten müssen, daß gage men werden, damit die Anste>ungs8quelle ent- 
wenigstens die vorhandenen Wohnungen einer immex inten- « : ; “1 90 Zo NUSTTÜNINGEN 
siveren Pflege unterstellt werden und daß zu dieser Pflege EA O2 Re zn M MT 
ER Maren an en iel BIR 2 ze N die Annahme des Antrages Dr Friedberg aufs dringendste 
Dos ist Ene ENWG die sich aus der jammervollen und empfehlen. 
rauervollen Erfahrung von dem Aufschnellen der Tuber- : .* -. : Di UN 7 
fulose ergibt. Daß auch mit dieser Forderung alle Parteien ein präfivent Dr Frenkel: Die Besprähmmgist 
dieses Hauses übereinstimmen, ist nac<ß den vorangegangenen Das Schlußwort hat der Herr Abgeordnete Dr Schloß- 
Ausführungen wohl anzunehmen. Den Antrag selbst unter- 3zmugann. 
süßen auch meine politischen Freunde auf das. wärmste 
und wünschen ihm eine schleunige und segensreiche Ver- Dr Schloßmann, Antragsteller (D. Dem.): Meine 
wirklichung. Damen und Herren, ich pflege meine Vorlesungen über 
(Bravo! rechts) Tuberkulose immer mit den Worten zu beginnen: „Die 
117. Sitzg Landesvers. 1919/20 m 644*
	        
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