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99. bis 113. Sitzung (15. Dezember 1919 bis 5. Februar 1920) 112. Sitzung. Mittwoch den 4. Februar 1920

Full text: Sitzungsberichte der Verfassunggebenden Preußischen Landesversammlung (Public Domain) Issue 7.1919/21 99. bis 113. Sitzung (15. Dezember 1919 bis 5. Februar 1920) (Public Domain)

9301 Berfassunggebende Preußische Landesversammlung 112. Sißzung am 4. Februar 1520 930 
[Maßregelung von Landarbeitern] den Arbeitern durch den Rechisanwalt oder Gericht 
= =< - vollzieher zugestellt. Wenn die Arbeiter in einer Ve 
[Schmidt (Cöpenick), Fragesteller (Soz.-Dem.) | kennung der RechtSverhältnisse diese Kündigungen zurül 
Arbeitern so verfahren. =- In einem anderen Fall ist in schien, dann läßt man ihnen durch den Rechtsanwalt d 
Krusenfelde von dem Administrator Bäler einem Arbeiter, Kündigung noc<hmals zugehen, damit sie anertennenzung 
der 30 Jahre vort beschäftigt war und während seiner fi? die Kündigung empfangen haben. Der Pommerst 
Tätigkeit ein Auge verloren hat, gekündigt worden. So Landbund glaubt vielleicht, der Deutsche Landarbeite 
behandelt man die Leute. Überall jieht man, verband gehe auf den Leim ein und strenge zahlls 
daß e3 Vertrauensleute des Deutschen Prozesse gegen die Kündigung im Einzelfalle an. Nit 
Landarbeiterverbandes8 sind. =- Aus dem wenn die Herren so naiv sind und glauben, wir wüßte 
Kreise Schlawe werden viele Kündigungen „gemeldet. 1"iY- daß hier auf dem RechtSweg nichts zu machen is 
Troßdem sagt man, daß das nur in einzelnen Kreisen [9 irren je fi. Und das möchte ich noch jagen, mein 
der Fall sei, weil in einer Pressenotiz nur davon ge- Damen und Herren: wenn man immer auf den Rech 
sprochen wurde, daß in den Kreisen Anklam und Belgard veg verweist, so liegen die Dinge doch so, daß der Lan 
Kündigungen erfolgt seien, und behauptet dann einfach, Arbeiter mit dem Empfinden, wie er es auffaßt, einfä 
daß diese Kündigungen das Ortsübliche seien, was jedes €" großes Unrecht sieht, und nicht danach fragt, wie di 
Jahr erfolgt wäre. einzelnen Paragraphen beschaffen sind. Die BVerordn in 
Meine Damen und Herren, ic< kann die Aufmerk- vom 3. Dezember 1919, obwohl sie gut gemeint 1vat 
samkeit des Hohen Hauses nicht gar zu lange in Anspruch mi nim INN bil u steht: Arbeitgeber [ollen 
nehmen, sonst könnte ich noch lange reden; den ganzen IG <e d ietschaft M ZERG Zehen, D n 5 
Tag könnte ich reden, und ich würde immer noh nicht er Landwirtschaft pra ish in. den. wenigsten Fälle 
fertig sein, wenn ich alle die Fälle schildern wollte, in Arbeiterausschüsie aiot. Das sage ich gerade jenen Kreiss 
denen Arbeiter entlassen werden, die 10, 20, ja40Jahre '““ San Gegener Zie giamwen dai I Irn „Zau 
in der Landwirtschaft beschäftigt [indsWrapoen erledigt jei- Senso steht es mit den DOUNMNG 
weil sie den Mut haben, sich zu organisieren. Dann ausschüssen. Die Schlichtungsausschüsse können in vielt 
kommt man und redet von der Sicherung der landwirt- Fällen gar nicht eingreifen, weil die Richter sich auch al 
schaftlichen Produktion, wo man die eingearbeiteten Arbeiter dir + grunnpgen halten; fie Es Nen hab Einzelfall 
aus dem Dienst entläßt und dadurch schon eine Beun- önnten sie nict Einnreisen: DrShalh nnben Wenn 
ruhigung in der landwirtschaftlichen Produktion eintritt, arauf hingewir - daß Arbeitsgerichte eingeführ ere 
weil die Arbeiter wissen, daß sie zu einem gewissen Zeit- „Kündigungen sind ferner ausgesprochen worden m 
punkt das Land verlassen müssen. Wo sollen denn Kreise Greifenhagen in Pommern, im Kreise New 
die Leute hin? Ganz mit Recht schreiben die Ar- stettin, auf dem Gute Pinnow wurde ebenfalls einet 
beiter aus Pommern: es müßten ja wahre Völkerwande- Arbeiter gekündigt, der 15 Jahre im Dienst ist. ZU 
zungen entstehen, wenn alle diese Kündigungen zur Tat- andern Falle geschieht es wieder wegen Nichtstellung eins 
sache werden würden. In den Städten ist kein Plag, Hosgängers. Auf diesem Gute ist ein Arbeiter Spielet 
die städtischen Arbeiter sind froh, wenn sie selbst unter- entlassen worden, 'der 52 Jahre alt ist und seit seinäl 
kommen; und da entläßt man die Arbeiter und will sie Jugend auf diesem Gute im Dienst steht, weil dte 
rüsicht8l08 aus der Arbeit herausziehen. Mann es noch in seinen vorgeschrittenen Jahren i be 
Man spricht davon, daß spartakistishe Unruhen vor- "9ommen hat, einen Vertrauensposten in der Gewerkschä 
gefommen seien. Ja, wenn man diesen Sachen nachgeht, 32 Übernehmen. | | | . .. 
dann wird man finden, daß die Arbeiter dazu getrieben So könnte ich no<h weiter viele Fälle vorbringe 
wurden. Und heute heißt es ja immer: es sind Sparta- Da schreiben uns die Kollegen: wir nehmen an, daß die 
kisten, wenn ein Arbeiter seine Rechte wahrzunehmen Kündigungen aus politischen und gewerkschaftlichen Gründe! 
sucht. erfolgt sind; falls der Verband diese Kündigungen nid 
Übrigens, wenn man von der Wohnung3not spricht, rü>gängig machen kann, sind wir gezwungen, die Arbe 
so ist es ja ganz eigenartig, daß es dem Pommerschen aufzugeben.. Da höhnt man denn in der „Pommers 
Landbund gelungen ist, in Stettin Müller's Hotel für Tagespost“ darüber und sagt, der Deutsche Landarbeit 
sich mit Beschlag zu belegen. Die Reisenden müssen verband sei wohl am Ende seiner Macht angelangt, die Mi 
nachts in Stettin herumlaufen und finden kein Unter- glieder würden nun seine Reihen verlassen. Ach, mein 
kommen. Diese Leute nehmen Hotels in Beschlag, die Hexren, wir wüßten schon, was wir zu tun haben. NY 
vorzüglich für Wohnungszwee geeignet sind. Aber diese wir bleiben auf dem Boden der Gesetze stehen. Des ja 
Herren scheinen ja in Pommern tatsächlich die Macht müssen wir die Regierung auffordern, in dieser Säl 
derart in Händen zu haben, daß sie alles durchführen etwas zu tun und hier einzugreifen, damit nicht 
können. Landarbeiter massenhaft das Land verlassen mühle 
Auf dem Gute in Klein-Spiegel, Kreis Saaßig, sind Wenn die Landwirte immer für sich dü 
ebenfalls vier Arbeiter entlassen worden, von denen der Recht in Anspruch nehmen, mit den wen 
eine elf Jahre, der andere neun Jahre im Dienste war. vollsten Produktionsmitteln des Gru 
Ein anderer Arbeiter ist Kriegsinvalide und seit 19417 und Bodens frei zu wirtschaften, dan 
dort im Dienste, ein anderer war ebenfalls neun Jahre haben sieaberauc<h nicht das Re<ht, wahr 
dort beschäftigt. Und so geht es weiter. Auf dem Gute 198 Arbeiterfamilien brotlos zu mach? 
Kummerow, eis Schlawe, sind zwei Arbeiterfamilien und in Massen zu entlassen. 
zum 1. April 1920 gekündigt. Der eine Arbeiter ist :<tig! bei ialde : i 
EK rfivenber. der. and xe Kafierer des Deutschen Land- (Sehr richtig! bei ir Sozialdemokratishen Bartei) 
arbeiterverbande3. Ebenso liegt es in anderen Gütern Das müssen Sie sich gefallen lassen, daß hier ein EingU 
des Kreises Schlawe, wo auch Arbeiterfamilien ohne An- der Regierung erfolgt, und die Regierung hat ja bis 
gabe irgendeine3 Grundes gekündigt worden ist. Da schon das Notwendige getan. Ferner ist im Kreise Ne 
ist einem Kollegen, der über 15 Jahre auf dem Gute stettin bei einem Gutsbesiter Otto in Woltersd?L 
beschäftigt war, einem anderen, der 16 Jahre beschäftigt 7 Arbeiterfamilien und 20 freien Arbeitern gekünd 
war, gefündiat worden. Diese Kündigungen werden dann worden: das sind nicht weniger als 27 Arbeiter auf ein
	        
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