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99. bis 113. Sitzung (15. Dezember 1919 bis 5. Februar 1920) 106. Sitzung. Mittwoch den 28. Januar 1920

Full text: Sitzungsberichte der Verfassunggebenden Preußischen Landesversammlung (Public Domain) Issue 7.1919/21 99. bis 113. Sitzung (15. Dezember 1919 bis 5. Februar 1920) (Public Domain)

8821. Verfassunggebende Preußische Ländesversammling“ 106.“Sizung am 28 'Jämtar 1920 882) 
[Arbeitsrecht für HauSangestellte] joei kann. Die Regierung würde, wenn das wirklich 
ir eintrifft, dann eben einen anderen Auweg für diesen 
[Frau Seßberger, Abgeordnete (Zentr.)] Mittelstand finden müssen. 9 für diesen 
Mahlzeiten, die Sicherung der Abendruhe, daß von einer , Gs gibt noch andere Auswege. I< möchte nur den 
bestimmten Zeit des Abends an die außerordentlichen Ar- einen erwähnen, den ja auch Amerika gefunden hat. Da 
beiten aufhören müssen, die Freizeit einmal Nachmittags hat man eben das liebe Ausland genommen, und ich 
in der Woche und für bestimmte Sonntage, entsprechender Plaube, in dem schon zu drei Vierteln verhungerten Indien 
Urlaub usw. Alle diese Bestimmungen würden wir sehr und in China wird es immer no< Arbeitskräfte geben. 
befürworten; sol<e Bestimmungen werden an dem eigent- Die Regierung würde dann schließlih aus Not zu dem 
lichen Charakter der Arbeit nichts ändern. Wenn die be- Standpunkt kommen müssen, zu dem man seinerzeit bei den 
stimmte Ruhezeit garantiert ist, dann kann man die Ar- landwirtschaftlihen Arbeitern gekommen ist, daß man eben 
beitSzeit so individualisieren, wie es die häuslihen Ver- aus dem Ausland Hilfskräfte heranzieht, 
hältnisse eben notwendigerweise erheischen. Mit solchen (aha! links) 
Bestimmungen rüttelt man auch niht an dem Fundament | | 
der geordneten Wirtschaftsführung; ganz im Gegenteil, man um die Familien nicht zusammenbrechen zu lassen. Und 
würde mit sol<en Bestimmungen eine geordnete Einteilung» das in demselben Moment, meine Damen und Herren, wo 
der Arbeit im HauShalt fördern, was wir aufs aller- wir gezwungen sind, die Blüte unserer Jugend in das Aus- 
dringendste wünschen. Wir wünschen ja absolut nicht, daß land auswandern lassen zu müssen, weil wir ihr keinen 
Nr als aneinnesin 0824245 von der wir zu- Unterhalt geben können. 
gestehen, daß in vielen Fällen mit ihr Mißbrauch getrieben : 
worden ist, erhalten bleibt; wir wünschen nur, daß der (Zurufe links und Unruhe) 
Eigenart der häuslichen Arbeit Rechnung getragen wird. Das wäre eine Konsequenz, die aufs Allertiefste zu be- 
' Allerdings wird dabei anscheinend immer no< eine dauern wäre. Aber, meine verehrten Damen und Herren, 
längere Arbeitszeit herauskommen, als man gewöhnlich in das ist für mich eigentlich nicht das Ausschlaggebende. Das 
der gewerblichen Arbeit zugibt. Die Arbeit im Haus8halt Ausschlaggebende, weshalb ich diesen Standpunkt bekämpfe, 
ist aber auch eine wesentlich andere. Die Arbeit im Hau8- ist die Rücsicht auf den Arbeiterstand. E3 ist eine unum- 
halt wechselt mit wirklich schwerer, anstrengender Arbeit stößliche Tatsache, daß unsere Hausgehilfinnen recht be- 
mit einer Arbeit, die man gemeinhin fast nur Beschäftigung gehrte Hausfrauen sind. Die Mädchen, die im HauShalt 
nennt. Das ist ja der große Unterschied, der die häuslihe vorgebildet sind, verheiraten sich notorisch viel leichter als 
Arbeit von der gewerblichen Arbeit trennt, in der die die Arbeiterin aus der Fabrik. Und nun wollen Sie sich 
Arbeiterin Stunde um Stunde an der Maschine steht und doch, bitte, einmal vorstellen, was das für Hausfrauen sind, 
immer denselben anstrengenden Handgriff machen oder im die von ihrer frühesten Jugend an, zehn Jahre lang ge- 
Kontor ununterbrochen arbeiten muß. Es3 wird aber wohl wöhnt sind, den Achtstundentag einzuhalten, ihr Pflicht- 
niemand behaupten, daß die Arbeit im Haushalt eine der- und Verantwortlichkeit3gefühl im Haushalt mit der Gramm- 
artige ununterbrochene Kraftanstrengung beansprucht, daß wage der Achtstundenarbeit zu messen, daß, wenn die acht 
. PB. des SPieuennhen mit den Kindern, Gemüse pußen, Stunden vorbei sind, selbst die notwendigste Arbeit aufhört. 
artoffeln schälen oder die nüßliche Arbeit des Strümpfe- : : Eta H 
stopfens auch nur annähernd mit der Arbeit in einem Ge- (Zuruf Hei den Sy EEA HREENN Siemen aman M 
werbe verglichen werden kann. Die I | nI - M n MÖRIDEN:.. 
EIT ; ie Frau, die zehn Jahre hindurch diese Schule durc- 
(Sehr richtig! im Zentrum) gemacht hat, würde höchstwahrscheinlich diese Auffassung 
J 08 vein no< eina: Ze Stundeunbeit Dine auch in ihren neuen Lebens8beruf mitbringen. 
Auffassung, als wenn die häusliche Arbeit ein gewerblicher EEE ' . . 
Zmiassun denn dann 10 va . den Ie Geist 3er (Sehr richtig! im Zentrum =- Lebhafter Widerspruch bei 
hauswirtschaftlichen Arbeit töten, und es wäre unmöglich, der Sozialdemokratischen Partei) 
eine? geordnete Wirtschaftsführung zu erhalten. Alle die kleinen unnennbaren Feinheiten der häuslichen 
Aber, meine Damen und Herren, wir wollen uns auh Arbeit, die wirklich oft recht mühselig sind, die aber dem 
einmal klar machen, welche Folgen es hätte, wenn wir die HausShalt erst Leben geben, =“- der Geist der Hausfrau, die 
hauswirtichaftliche Arbeit wirklich in eine Stundenarbeit sich die Mühe um eine Kleinigkeit nicht verdrießen läßt, 
hineinpressen wollten. Am allerleichtesten würden sih mit die würden ganz bestimmt aus dem Leben der Arbeiter 
diesem Modus die wohlhabenden Familien abfinden. Das sc<aft dann vielfach verschwinden müssen. Was man in der 
wäre sehr einfach; denn man macht einfach das, was man Jugend lernt, führt man später aus. Und wenn Sie eine 
im gewerblichen Leben die Wechselschicht nennt, man sol<e Erziehung der künftigen Hausfrauen wollen, ja, 
engagiert sich eben -- man hat ja Geld genug -- no< ein meine verehrten Damen und Herren, dann sehe ich keinen 
oder zwei Hausgehilfinnen, und shon ist der Fall erledigt. anderen Ausweg = die Arbeit im HauShalt muß nun 
Wesentlich schwerer würde der Mittelstand zu tragen haben. einmal in allen Familien getan werden --, dann wird 
Meine verehrten Damen, die Frau des Mittelstandes es wohl an der Zeit sein, unsere männliche Jugend bald 
arbeitet dur<gängig ihre 16 Stunden; zur hauswirtschaftlichen Arbeit heranzuziehen. 
(sehr richtig! im Zentrum) (Sehr richtig! im Zentrum und Heiterkeit) 
es ist die Regel, daß sie das tut. I< möchte einmal zu Einen anderen Ausweg kenne ich nicht. 
bedenken gehen, ob Sie es von Ihrem bevölkerungs3- Am zweischneidigsten finde ich diese Wünsche für 
politischen Gewissen aus verantworten können, dieser Frau, unsere Mädchen, für unsere HauSsgehilfinnen selbst. Wieder- 
die nicht in der Lage ist, sich eine zweite Hilfskraft zu be- holt ist hier auch von der großen Verarmung gesprochen 
schaffen, no< mehr Arbeit zuzumuten; worden, der Menne ngen bun ken Stein die uns 
; zu einer Einfachheit, zu einer Sparsamkeit ohnegleichen 
| | (jehr gut! im Zentrum) | - | zwingen. Die Wohnungen müssen verkleinert werden der 
sie wird dann einfach zusammenbrechen, und ich möchte die Wohnungsnot halber, die großen Wohnungen können nicht 
Regierung sehen, die sich diesen Erwägungen ganz ver- mehr gemietet werden der Verarmung halber, der hohen
	        
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