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99. bis 113. Sitzung (15. Dezember 1919 bis 5. Februar 1920) 104. Sitzung. Freitag den 23. Januar 1920

Full text: Sitzungsberichte der Verfassunggebenden Preußischen Landesversammlung (Public Domain) Issue 7.1919/21 99. bis 113. Sitzung (15. Dezember 1919 bis 5. Februar 1920) (Public Domain)

86338 Berfassunggebende Preußische LandeSvertammlung 194. Sißung am 23. Januar 1920 563 
[Förderung des Landbaus] liche Produktion zu steigern? Von der Enß 
| scheidung dieser Frage hängt lezten Endes alles ab, hängt 
[Dr Schreiber (Salle), Abgeordneier (D. Dem.)] [eten Endes Ne Zukunft unseres deutschen Bois ab, 
- Wenn nun feststeht, daß die Ernten von Jahr zu Jahr denn darüber wollen wir uns doc< bis zum Letten hier 
eit 1914 ERT ind, A zwar bis “ "0% Zam im Hause klar sein, daß, um es klar auszusprechen, unser 
früheren Ertrages, wie wir das von autoritativer Stelle Elend sc<ließlich nur daher kommt, daß wir 
gehört haben, jo ergibt sich klar, daß wir auch ehr verbrauchen, als wir in Deuts<land 
durch die energischste und restlose Erfassung Produzieren. 
der Lebensmittel nicht in den Stand gesehbt (Sehr richtig! bei der Deutschen Demokratischen Partei) 
würden, unser Volk zu ernähren; auch wenn man die AE ; n 
leßte Kartoffel und das lezte Korn Getreide erfaßte, würde Und weil wir so viel mehr verbrauchen, als sich das deutsche 
das, was in Deutschland geerntet ist, ni<t ausreichen, um Volk bei seiner jeßigen Produktion leisten dürfte, deShalb 
unser Volk so zu ernähren, wie e8 ernährt werden muß. fommen wir immer weiter in die Schuldknechtschaft des 
Wir sind also durch die Not dazu gezwungen, vom Aus- AuSsSlandes hinein, denn diesen Mehrverbrauch 
lande unter allen Umständen Lebensmittel schenkt uns niemand auf der Welt, und da wir ihn auf die 
zu kaufen, und das können wir auf die Dauer nicht, Dauer nicht bezahlen können, deShalb sinkt unser Kredit 
weil uns der sc<hlehte Stand unseres Geldes daran hindert. und sinkt unsere Valuta immer weiter. Und das ist 
Wir müssen also bei sinkenden Exnteerträgen immer mehr wiederum einer der hauptsächlichsten Gründe dafür, daß 
in die Verschuldung des AusSlandes hineingeraten, wenn bei uns in Deutschland die Preise immer. weiter steigen. 
wir weiter eine Wirtschafts8politik betreiben wie bhiöSher. Und Wir müssen also. in Zukunft. weniger 
weitere Verschuldung ans AuSland bedeutet importieren und mehr produzieren. Jst es 
weiteres Sinken unserer Valuta und nicht geradezu ein Wahnsinn, der in weiten Kreisen 
weiteres Steigen der Preise in Deuts<land, bis unsere3 Volkes herrscht, daß viele Leute bei uns in 
schließlich der Augenbli> gekommen ist, in welchem im Aus- Deutsc<land glauben, wir könnten jeßt 
lande zwar NRahrungsmittel in genügender Menge vor- weniger arbeiten, wie wir das8 früher 
handen sind, die wir kaufen könnten, die wir aber tat- mußten? Vor dem Kriege produzierten wir mehr, als 
jählich nicht kaufen können, weil wir kein Geld haben, wir in Deutschland verbrauchten, jeßt aber produzieren 
die Preije zu zahlen, die das Ausland fordert. Diesen wir sehr viel weniger, und weil wir so viel weniger pro- 
Zeitpunkt dürfen wir nicht tatenlos ab- duzieren als wir verbrauchen, de8halb befindet sich unsere 
warten, sondern wir müssen gemeinsam und sorgfältig Wirtschaft in einer so großen Not, in einem so großen 
überlegen, und zwar mit der Absicht, uns zu verständigen, Elend. Wenn unser Volk nicht do< no<h ein- 
wenn es irgend geht, wie wir diesen Zeitpunkt, den ih sieht, daß es das Verhängnisvollste von der 
eben gezeigt habe, vermeiden können, weil er für unser Welt ift, wenn man gerade jeßt, wo wir eine 
Volk unbedingt vermieden werden muß. erhöhte Produktion brauchen, um wieder zu ge- 
Wenn ich mich nun frage: wie ist es denkbar unden Verhältnissen zu kommen, eine immer weiter- 
und 210 Eu IE IIDTZTG und die gehende Herabjekung der Arbeitsleistung, 
Lebensbedingungen unseres Volkes ver- der Arbeitszeit fordert, dann glaube ich kaum, 
bessern, so bin ih der Meinung, daß das nur geschehen daß wir wieder zu gesunden wirtschaftlichen Zuständen 
fann, wenn wir wirklich endlich einmal eine programm- kommen werden. 
matische Blanwirtsc<haft betreiben, (Sehr richtig! bei der Deutschen Demokratischen Partei) 
(sehr richtig! bei der Deutschen Demokratischen Partei) I< glaube, wir alle, die wir hier als Volks8vertreter sind, 
haben die Aufgabe, das Unsrige dazu beizu- 
nicht eine Planwirtschaft im Wissel-Möllendorffschen Sinne, tragen, daß das deutsche Volk diese klaren, 
nicht in dem Sinne, daß man die Wirtschaft bevormundet naheliegenden Zusammenhänge des Wirt- 
an allen E>en und Enden, mit allen möglich Dach- und schafts8lebens endlich einmal begreift. Wir 
Fachverbänden, die zu einer Hemmung der gesunden und müssen diese Wirtschaft3fragen freimachen von den Sc<lag- 
natürlichen Entwieklung unserer Wirtschaft führen müßten, worten, die dazu beitragen, daß dieses Verständnis nicht 
sondern ich meine, daß wir planvoller als biSher vorhanden ist, daß das Volk nicht das nötige Verständnis 
diewenigen Reichtümer, die wir no< haben, hat, die Zusammenhänge zu verstehen. Solange diese3 Veor- 
ausnüßen sollten. ständnis in unserm Volke nicht eingekehrt ist, sehe ich keine 
. NNEN | N Ne ! Besserungsmöglichfeit gegenüber den jeßigen Zuständen. 
(Sehr richtig! bei der Deutschen Demokratischen Partei) s is . NEE von einer DEREM nihe 
Unter diesen Reichtümern verstehe ich in erster Linie unsere sprach, jo meine ich darunter in dem Zusammenhange, I 
Gehlert und unsere Landwirtschaft. Wenn man ein dem ich hier zu sprechen habe, zunächst einmal, daß wir 
Wirtschaftsprogramm aufstellen wollte, würde es natürlich unseren Import, auf den wir vorläufig nod „angewiesen 
sehr schwer sein, nur ein Gebiet herauszugreifen, z. B. die sind, so einrichten, daß wir möglichst wenig an das 
Landwirtschaft; denn es greift alles ineinander, und wenn Ausland für die Güter, die wir einzuführen haben, 
wir eine gesunde, planvolle Wirtschaft bekommen wollen, zahlen müssen, und das können wir nur erreichen, wenn wir 
so müssen wir von der Regierung erwarten, daß sie mehr alsbisher dazu übergehen, an Stelle von Fertig: 
ein großzügiges Wirtshaftsprogramm auf- fabrikaten Rohprodukte einzuführen. Wenn. ich 
stellt, das alle Gebiete der Wirts<haft um- also von landwirtschaftlichen Dingen spreche, so meine ich, 
faßt. I< kann im Rahmen meiner heutigen Au8- daß an Stelle von Fleisch und Fett Futtermittel ein- 
führungen selbstverständlich nur über die Wirtschaftspolitik geführt werden sollten, denn wenn wir nicht die Futter- 
sprechen, die mit der landwirts<aftlichen Er- mittel einführen, sondern das Fertigfabrikat, dann müssen 
zeuqung in Verbindung steht. Da scheint mir die Kardinal- wir nicht nur die hohen Auslandspreise für das Roh- 
frage die zu sein: was müssen wir tun, und was produkt zahlen, sondern auch die hohen Valuta- 
fönnen wir tun. um unsere landwirtis<aft- preise für die aus8ländische Arbeitö8kraft.
	        
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