7085 Verfassunggebende Preußische Landesversammlung 89. Sitzung am 3. Dezember 1919: 7086
[Unterricht8haushalt - . Ministerium, Kultus sie auch annehme. Die Jugend darf nicht verheßt werden
usw] gegen eine sol<e Regierung. Sie gehört da noch nicht
hin, es geschieht Unrecht an der Jugend, aber es ist auch
[Frau Dr Wegscheider, Abgeordnete (Soz.-Dem.)] eine große Verwirrung des politischen Gesamtbildes, wenn
äufchtsein. I< schiebe es Nerarößten Teile bei d das geschieht. Minoritäten, die in einem demokratischen
mmnein: „schiebe es zum allergrößten Teile bei der Staat sich gegen den augenblilihen Zustand wehren
Jugend auf die schle<hten Ernährungsverhältnisse der haben das Recht und die Pflicht, fich zu wehren; abet
leßten Jahre. Unsere Jungen und Mädchen haben gar Mingritäten haben niemals das Recht --- und wir wünschen
nicht mehr dieses Gefühl, das uns in unserer Jugend yon unserem Minister, daß er den Minoritäten das Recht
beschert war, das Gefühl, Bäume auSreißen zu können 0. ; ; ME 24% ie
/ / ! auch niemals zuerkennt =, ihre Opposition in die Schule
(Heiterkeit =- Zuruf im Zentrum) zu tragen.
alles leisten zu können, das Gefühl, das die Jugend (Lebhafte Zustimmung bei der Sozialdemokratischen Partei
haben muß, wenn sie jung sein will -=- Herr Kollege, und in der Mitte)
ich hoffe, Sie haben es nicht vergessen --, das Gefühl: Daß die Staatsregierung hier mit aller Energie eingreift,
die Welt ist unser. Sie haben vielfach das Gefühl, daß und daß sie, wie sie es durch Erlasse und Verordnungen
die Aufgaben, die vor uns als Volk stehen, zu schwer getan hat, nun auch in der Tat die Entpolitisierung
sind für die Kräfte, die nicht mehr stark genug sind. unseres Schulwesen3 wirklich durchsetzt, ist eine der not-Keine
Schicht des Volkes ist von dieser Unterernährung wendigsten Vorbedingungen für ein gesundes Schulleben.
der Jugend ausgenommen. Es ist nötig, daß körperlich
für die Jugend gesorgt wird, aber es ist auch nötig, daß (Zuruf rechts)
nun die geistigen Folgen dieser Schwäche, daß die Mut- -- Herr Kollege, wenn eine andere Regierung kommt,
[ofigkeit, der Mangel an natürlihem Frohsinn wieder sollte sie es als ihre größte Pflicht anerkennen, diese Entbehoben
werden. politisierung in einem ganz anderen Sinne vorzunehmen,
(Sehr richtig! links) als die frühere Regierung es getan hat. Die frühere
Verehrte Anwesende, wer nicht ein sehr schlechtes Ge- Regierung hat die Schule als Regiexung8maschine benußt.
dächtni3 au ver weiß, daß va je<s Jahren die deutsche (Lebhaftes Sehr gut! links)
Jugend besser lachen konnte in heits, Wir wissen doch, was wir ins Lehrerzimmer hineinbekamen,
(Sehr gut! links) was wir immer tun mußten, was wir sagen mußten, wie
Wir müssen die deutsche Jugend wieder lachen lehren, wir in die Schule Bilder hängen mußten mit soundsowir
müssen sie wieder sorglos und frei machen, und viel U-Booten, mit der zehnfachen Zahl von U-Booten,
darum dürfen wir sie nicht politisieren. Das ist an sih die je gebaut wurden. |
ein Wahnsinn, die Jugend zu politisieren, (Heiterkeit)
(lebhafte Zustimmung links und in der Mitte) Dann stand auch noch eine kleine Bemerkung unten, daß
es ist aber ein Verbrechen an einer Jugend wie der heutigen. "natürlich auf dem kleinen Blatt nicht alle: U-Boote hätten
In ruhigen Zeiten ging das wohl relativ spurlos an aufgezeichnet werden können, und was wir sonst noch alles
vielen dieser jugendlichen Objekte. politischer Belehrung für herrliche Belehrung auf diesem Gebiete zu erteilen
vorüber, da lief es wie andere Belehrung glatt an der hatten. Auch das ist eine Politisierung der Jugend, die
Haut der meisten jungen Leute ab. Heute ist die Empfind- man der heutigen Regierung in der Tat nicht vorwerfen
lichkeit, die Aufnahmefähigkeit auf diesem Gebiet psyc<ho- kann, zu der sie auch nicht den geringsten Ansa macht,
[ogisch natürlich sehr gesteigert, und es ist immer ein und die wir bei jeder Regierung ebenso bekämpfen würden
persönlicher Schaden für ein Kind, wenn man ihm etwas Pie die Politisierung durch irgendeine politische Minderanderes
nahebringt als die Sachen, die für sein Alter heit- Es gilt, die Schule ganz frei davon zu halten, =-passen,
die für die Aufgaben, die ihm Schule und häus- nicht frei zu halten natürlich von einer wirklichen staatsliches
Leben stellen, passen, die ihm dazu dienen, seine bürgerlichen Belehrung und Erziehung. Tatsachen in er“
Kräfte zu stählen; jedes solche Wort ist heute ein Ver- zieherischer Form zur Belehrung zu verwenden, das gehört
brechen. zur Bildung eines Volkes, dessen Zwanzigjährige Wähler sind.
(Sehr richtig!) Und im Schulleben selbst ist das Verantwortungsgefühl
| ' | i .- für den OrganiSmuSs, in dem man steht, für diesen kleinen
EZ istaber nicht nur ein Verbrechen an der so politisierten Schulstaat zu stärken durch Selbstverwaltung der Schüler,
Jugend, sondern es ist auch ein Verbrechen an dem dadurc<, daß man den Schülern Pflichten und Rechte gibt
anderen Teile der Jugend. Denn wenn der eine Teil -. es wurde neulich im Hause gesagt: sie sind immer
politisiert wird, politisiert sim der andere Teil ganz von eins in dieser Beziehung. Das gehört zur staatsbürger*
jelbst. MIE lichen Erziehung; das ist dis äußerste Spitze dessen, was
(Sehr richtig! links) die Reichsverfassung im ArbeitSunterricht meint, den sie
Dann wird der Streit in die Schule getragen, dann bildet 18 nach den Auslegungen der betreffenden Stellen nicht
sich die Schule ein, in den öffentlichen Streit eingreifen ur als einen Fachunterricht in werktägiger Arbeit, sondern
zu müssen, und sie erfaßt nicht, daß nicht darin das Wesen 18 eine Methode des Unterrichts in der Weise ansieht,
der Demokratie besteht, daß jeder beliebig hineinredet, daß niht das Wort von außen allein belehrt, sondern
einerlei, ob er es versteht oder nicht, sondern daß das dur eigene Tätigkeit der Schüler die Dinge zum Erlebnis
Wesen moderner Demokratie darin besteht, daß auf einem gestaltet werden, in das Wesen des Kindes hineingesüg
regulären und geseßlich geregelten Wege das Volk aller werden und in diesem Wesen verwächsen. In diesem Sinne
Urt die Vertrauenöleute wählt, denen es dann aber auch wünschen wir den Ausbau der Selbstverwaltung auch der
mit Vertrauen die Sachen überläßt. die es ihm überträgt. Zuhean ERMEENEBLLREI SELN |
„-. ine schwierige und au on bei den Beratunge
(Sehr richtig!) im Ausschuß inaußerordentlich lebhafter Debatte besprochene
Darauf beruht die Notwendigkeit der Treue zu jeder auf Frage ist nun die Frage der paritätischen Besezung det
demokratischer Basis stehenden Regierung, wel<e Form Stellen in den Verwaltungs8körpern. Verehrte Anwesende,