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156. bis 175. Sitzung (22. September bis 15. November 1920) 157. Sitzung. Donnerstag den 23. September 1920

Full text: Sitzungsberichte der Verfassunggebenden Preußischen Landesversammlung (Public Domain) Issue10.1919/21 156. bis 175. Sitzung (22. September bis 15. November 1920) (Public Domain)

12401 Verfassunggebende Preußische Landesversammlung 157. Sizung am 23. September-1920 12402 
[Nacktvorstellungen und unsittliches Schrifttum] sekt mit der unteren Instanz und evtl. laxere Anschauungen 
= dort zur Geltung kommen als hier. Gin zweiter Punkt 
[Dr Faßbender, Fragesteller (Zentr.)] ü zin wichiig, - daß beine Stilen Sven 2 die 
: ; H ines Tranzosen ange- Sensur für die ganze Bevölkerung passende Aus- 
fh Daß man glauben kann, wir feen m 2 wahl treffen muß und daß man sich nicht einseitig davon 
' u leiten läßt, daß man etwa sagt: na, die großstädtische 
(Zuruf: In Köln und Coblenz ist es noh besser!) Beuoiterinn ist 000 45 ee also jams man das 
-- ich kenne die dortigen Zustände nicht, ic< bin seit der zulassen. Der Film geht heute, wenn er zensuriert ist, 
Revolution nicht mehr am Rhein gewesen, ich habe Ihnen 02 in das entlegenste Dorf, wo man von vielen 
aber soeben gesagt, daß in Großstädten immer solche üblen Seiner no< auverühri ist, die sich 128 Innen 
Dinge vorkommen. Jett sind nun die Mißstände zweifel- reit machen. Deshalb muß immer im Auge behalten 
[o3, wie es der Antrag Menzel zeigt, =- werden, daß die Zensur für die ganze deutsche Bevölkerung 
| in Betracht kommt. Daher sind zweifellos Nacitanz- 
(Zuruf des Abgeordneten Adolph Hoffmann) darstellungen im Film überhaupt zu verbieten. 
-- später können Sie ja reden, Herr Abgeordneter Hoff- Die Filmzensur ist aber allein nicht ausreichend. 
mann = Wir Pe ifen dringend einer all a “. ; nen Ze ater- 
NR MIET : ' „- zensur. Solange ein harmloser Film und ein ganz 
(Abgeordneter 208 Pofmann: Ds I es keine Gud- zotiges Theaterstück im selben Raum aufgeführt werden 
aur: können, solange hat es selbstverständlich keinen Wert, die 
=-- ja, das wird in Berlin auch nicht notwendig sein, Zensur nur nach der einen Seite auszuüben. Mit Rü>- 
wenn Nacitänze aufgeführt werden. a, u dar Filmgeset En natürlich den aN 
. . 0 : ildstreifen so auswählen, daß er nur etwas aufweist, 
GREIFE AUE RUHE ADON eismann: Fragen Sie 1998 zensuriert ist; im Theaterstü> aber, das keiner 
ZM TI ? einne hat, können die alteren Zoten 
- Präsident Leinert (den Redner unterbrechend): Lorgeführt werden. Nun frage ich, was es für einen 
Herr Abgeordneter Dr Faßbender, ich bitte, die gesamten Zve> hat, wenn die Zensur in der ersten Hälfte einer 
Mitglieder des Hauses mit Ihren Worten zu beehren, Vorstellung erfolgt, aber nicht in der zweiten. I< fordere 
nicht nur ein eingiges. also eine AuSdehnung der Zensur auf das 
(Heiterkeit) gesamteSc<haustellungswesen. Das ist wichtig 
eitexteit. m Rest au die 9008: GR WiR die unser Zhemen 
: SUORRE wejen hier in Berlin genommen hat. enn man si 
mh D Fanpender: unstet DEN WE Ret auch nur die Titel der Stüe in einer Reihe von Theatern 
worten. Es ist zweifellos, wie es der Antrag Mentel ansieht. hatmen sofort den Eindrud, daß es sich hier 
auch an den Pranger stellt, daß eine ganz außerordentlich vielfach um eineschwüle natpralistishe Nealistik/mit Bor“ 
große Zunahme der Nachfrage na< Sc<mußliteratur, führung ae Cripfindungen vd Akte ves Menschen 
Pornographien eingetreten und daß folgerichtig au eine WRENBON ET en ZU ie It er np 
Zunahme der Verbreitung derselben zu vermerken ist. findende den NU: d . . DUE U7 
Dabei ist bemerkenswert, daß Preise für diese Schund- empfindende den Augen anderer zu entziehen um dai 
: * ! “ ja der Grundbegriff der Schamhaftigkeit überhaupt. 
erzeugnisse des Schrifttums gezahlt werden, die geradezu Solche T ide b | 
als ungeheuerlich zu bezeichnen sind. Bezeichnend ist, olche Zheaterstüke bahnen aber zweifellos den Weg 
daß 200 bis 300 4 für ein unsittlihes Buch, 2000 30x Prostitution. DesShalb steht die Gesundung unseres 
bis 3000 4 für eine Mappe mit Pornographien ge- Theaterwesens in engstem Zusammenhang mit der Volks- 
zahlt werden. I< weiß das aus absolut zuverlässigen gesundheit und dem Kampfe gegen die Geschlechtskrank= 
Quellen buchhändlerischer Kreise. Die Verbreitung Peiten- Wenn junge Menschen in derartigen Theaterstücken 
pornographischer Bilder und Ansicht3postkarten, zum Teil jim afin Kennins von Aussereitungen auf gelle 
nach dem Leben hergestellt, ist ganz außerordentlich groß, livem Gebiete exha ien sondern ie B br Nreaung 
und man findet sie in Buchhandlungen, die Schulbücher Lmpfangen, es in der ichtung sexueller Betätigung leicht 
führen, wo Sculkinder verkehren. Wenn man dur< 323 nehmen, dann werden sie den Weg zur Prostitution 
die Straßen Berlins geht und den Schaufensterauslagen ehr leicht finden. Deshalb sage 19: Met iur die eue 
auch nur eine oberflächliche Aufmerksamkeit zuwendet, jo Werte der Shim ue Verständnis hat =- es so 
sieht man, welche Gefahr für das unverdorbene Gemüt nämlich solc<e Leute geben = 
der Jugend hier droht. Dasselbe gilt aber besonders auch (sehr wahr! und Heiterkeit) 
von den Refsaimen an dei Anjchlagsäulen. der sollte sich wenigstens von der Rüdsicht auf die 
(Sehr richtig! im Zentrum und rechts) Volksgesundheit leiten lassen und zu einer Ge- 
- Was das Filmwesen angeht, so ist die Grundlage sundung unseres Theaterwesens die Hand bieten. Nicht 
zur Abstellung der größten Mißstände zweifellos in dem allein schlüpfrige Schaustellungen, sondern auch solche 
am 12. Mai d. Js für das gesamte Deutsche Reich ver- Vorstellungen, in denen Reinheit und reine Mütterlichkeit 
fündeten und am 29. Mai in Kraft getretenen, 20 Para- verspottet wird, sinden wir sehr häufig. Daß man die 
graphen umfassenden Lichtspielgeseß geboten. Aber zwei Gelübde der katholischen Orden, das Gelübde der Keuschheit 
Gesichtsöpunkte sind vor allem ins Auge zu fassen, um zum Gegenstand komischer Darstellungen auf dex Bühne 
dieses Geseß in seiner Wirkung zur Entfaltung zu bringen. macht, daß man in Couplets und in Varieiees die hoffende 
Erstens einmal, daß die Berufungsinstanz, die Ober- Mutter als einen beliebten Wiß in zotigen Formen bringt, 
zensurstelle, die im Geseß vorgesehen ist, sich von den das ist sehr häufig der Fall, wie jeder weiß. 
gleichen sittlihen Anschauungen leiten läßt wie auch die (Zurufe links) 
untere Stelle. Wenn beide eine Divergenz aufweisen, 
dann ist es möglich, daß auch die besten Absichten der =- Jawohl, das ist uralt. Aber man bedenkt nicht, daß 
unteren Stelle durch die obere Berufungsinstanz aufgehoben dieses Herabziehen des Jdeal3 der Sittlichkeit nicht allein 
werden, wenn man sich bei der Oberinstanz in Widerspru< auf die heranwachsende Generation, sondern überhaupt
	        
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