Antisemitismus
von Links
Facetten der Judenfeindschaft
Thomas Haury
Baustein 8
Dr. Thomas Haury, geb. 1959, arbeitet seit seinem Studium der Soziologie sowie der Neueren und Neuesten Geschichte als Dozent. Seine
Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Antisemitismus, linker
Antizionismus und Nationalismus.
In der Publikationsreihe Bausteine werden von Wissenschaftler*innen,
Pädagog*innen und Publizist*innen pädagogische und gesellschaftspolitische Aspekte der Frage diskutiert, wie eine dem Schutz der Würde
aller Menschen verpflichtete Schule verwirklicht werden kann.
Genderneutral – ja oder nein?
Wir überlassen es den Schreibenden, ob sie in ihren Artikeln von Lehrern, Lehrer–innen, Lehrer*innen, LehrerInnen oder von Lehrerinnen
und Lehrern sprechen. So viel Freiheit und Vielfalt muss sein.
Impressum
© Aktion Courage e. V., Berlin 2019
Konzept: Eberhard Seidel
Erste Auflage 2019
Herausgegeben durch die Bundeskoordination
Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage, in der Trägerschaft des Aktion Courage e. V.
Jede Verwertung ist ohne Zustimmung von Aktion Courage e. V. unzulässig. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Mikroverfilmungen,
Übersetzungen und die Einspeicherung in elektronische Systeme.
ISBN 978-3-933247-75-9
Einleitung....................................................................5
1. Historischer Überblick: Antisemitismus von links
(und seine Kritik).........................................................9
II. Der moderne Antisemitismus.................................... 21
III. Der spätstalinistische „Antizionismus“ in der DDR.... 30
IV. Der Antizionismus der Neuen Linken der BRD.......... 39
V.
Antisemitismus von links im 21. Jahrhundert........... 48
Einleitung
Antisemitismus wird zu Recht primär auf Seiten der politischen Rechten verortet: International ist er ein konstitutiver
Bestandteil rechtsextremer beziehungsweise faschistischer
Ideologie ebenso wie radikaler islamistischer und dschihadistischer Strömungen. Diese Antisemitismen manifestieren sich immer wieder in entsprechenden Gewalttaten.
Erinnert sei hier nur an den Anschlag in Halle 2019 sowie
die antisemitischen Mordtaten auf eine Synagoge in Pittsburgh in den usa 2018 und in einem jüdischen Supermarkt
in Frankreich 2015. Insbesondere nach Auschwitz trat in den
westlichen Ländern ein öffentlich geäußerter und zu einer
umfassenden Weltanschauung ausformulierter Antisemitismus nur noch in rechten Gruppen, radikal-islamistischen
Gruppen und esoterischen Zirkeln auf.
Jedoch finden sich auch im linken Spektrum immer wieder Äußerungen, staatliche Maßnahmen wie auch Gewalttaten, die eindeutig als antisemitistisch zu klassifizieren
sind. Ein Antisemitismus von links erscheint paradox, widerspricht dies doch einem linken Selbstverständnis: fortschrittlich, humanistisch, antirassistisch, gegen rechts
und insbesondere antifaschistisch zu sein. Doch auch linke Weltdeutungen weisen Bestandteile und Momente auf,
die jenen des Antisemitismus nahestehen oder mitunter
derart ähneln, dass ein nicht offen ethnisch-rassistisch
formulierter Antisemitismus in sie einfließen oder aus ihnen heraus entstehen kann. Es lassen sich bis heute zwei
zentrale Themenfelder eines Antisemitismus von linker
Seite identifizieren. Erstens eine personalisierende Interpretation von Kapitalismus oder Imperialismus: In einer
5
– völlig unmarxistischen – zugleich personalisierend-verschwörungstheoretischen wie nationalistischen Deutung
des ökonomisch-gesellschaftlichen Systems Kapitalismus
(oder „Imperialismus“) wird der Kapitalismus auf Geld, Banken und Börse reduziert. Einer kleinen Gruppe von internationalen Kapitalisten, Bankern und Spekulanten wird
dann der Nationalstaat, das „Volk“ oder „die Völker“ als
das Gute entgegengesetzt. Das zweite Themenfeld ist der
Israel-Palästina-Konflikt, wenn dieser, wie auf linker Seite
häufig zu finden, als Gegensatz zwischen einem imperialistisch-rassistischen Bösen, „dem Zionismus“, und dem rein
Guten, dem „palästinensischen Volk“, mit dessen Kampf
man sich identifizieren will, gesehen wird.
Zur bislang öffentlichkeitswirksamsten Debatte über
Antisemitismus von links kam es 2011 im Zusammenhang
mit der Partei die linke. In allen großen Medien wurde
über Wochen berichtet, interviewt und debattiert, cdu und
fdp setzten das Thema (zweifelsohne auch aus parteipolitischem Kalkül) auf die Tagesordnung des Bundestages.
Ausgelöst wurde die Kontroverse durch einen sozialwissenschaftlichen Aufsatz, der eine lange Reihe von israelfeindlichen Vorkommnissen und Statements aus den Reihen der
Partei die linke auflistete und zu dem Schluss kam, es gebe
eine von einer relevanten Minderheit von Parteimitgliedern
betriebene Israelfeindschaft, die „häufig antisemitische
1
Züge aufweist“, von der Gesamtpartei aber toleriert werde:
• 2010 befanden sich drei prominente Mitglieder der linken an Bord der so genannten „Friedensflotte“, welche
die israelische Seeblockade des Gaza-Streifens durchbrechen wollte. An Planung und Durchführung dieser blutig
endenden Aktion waren islamistische Organisationen
maßgeblich beteiligt.
6
• Immer wieder riefen einzelne Politiker und Gliederungen der Partei die linke zur Teilnahme an der internationalen Boykott-Bewegung gegen Israel (bds) auf.
• Auf zahlreichen Demonstrationen zur Nahost-Thematik,
an denen die linke mit beteiligt war, kam es zu eindeutig antisemitischen Äußerungen in Parolen und auf
2
Transparenten.
• Politiker der linken forderten, die Hamas als Gesprächspartner anzuerkennen, während der offene Antisemitismus, der in der Charta der Hamas von 1988 nachzulesen
ist, keinerlei Erwähnung oder gar Kritik fand.
• Einzelne Funktionsträger der Partei sprachen sich gegen
die Anerkennung Israels aus, setzten Israel mit dem
Nationalsozialismus gleich, bagatellisierten und rechtfertigten terroristische Gewalt und solidarisierten sich
gar mit Hamas und Hisbollah – obwohl deren Islamismus,
brutale Herrschaftsmethoden, autokratische Strukturen
und Frauenfeindlichkeit nicht mit linken Idealen zusammenpassen.
Die Bundestagsfraktion der Partei die linke erklärte daraufhin, dass die Abgeordneten „auch in Zukunft gegen jede
Form von Antisemitismus in der Gesellschaft vorgehen
werden“ und dass „Rechtsextremismus und Antisemitismus heute und niemals einen Platz“ in der Partei haben
werden. Zugleich sei die Unterstützung von Israel-Boykott,
Gaza-Flottille und die Forderung nach einer Ein-Staaten-Lösung abzulehnen – was aber von einem Fünftel der Fraktion
nicht unterstützt und von nicht wenigen Parteimitgliedern
heftig kritisiert wurde. Zum anderen verwahrte sich mit
7
Gregor Gysi, Klaus Ernst und Gesine Lötzsch die gesamte
Parteispitze unisono gegen die „inflationäre Verwendung“
des Antisemitismusvorwurfs: Antisemitismus sei die konkrete Diskriminierung von Juden und so etwas gebe es in
der Partei nicht. Eine Kritik israelischer Politik dürfe nicht
3
als „Antisemitismus“ diskreditiert werden.
Die antiisraelischen Manifestationen aus der Partei die
linke waren keineswegs die ersten und schon gar nicht
die heftigsten Äußerungen eines Antisemitismus der politischen Linken. Dies zeigt ein kurzer Überblick über die
Geschichte des Antisemitismus von links und die bisherige
Debatte über diesen (Kapitel I). Dabei wird unter „links“ und
„der Linken“ im Folgenden ein breites, mitunter sehr disparates Spektrum gefasst, das sich selbst als links von der
reformorientierten Sozialdemokratie verortet. Es reicht von
orthodox-kommunistischen, trotzkistischen, antiimperialistischen, autonomen, AntiFa-, AntiRa- und dezidiert antizionistischen Gruppen bis hin zu „Dritte-Welt“-Solidarität,
links-christlichen Vereinigungen, Alternativ-, Öko- oder
globalisierungskritischen Bewegungen.
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I.
Historischer Überblick:
Antisemitismus von links
(und seine Kritik)
Es gibt keine durchgängige „antisemitische Tradition“ innerhalb der Linken, wie der Historiker Edmund Silberner
urteilte, der als erster umfangreiche Belege für Antisemitismus in der Linken zusammentrug. Anders als in den christlichen Kirchen, in denen sich Judenhass durch die Jahrhunderte zieht, und anders als bei den völkischen Nationalisten,
bei denen seit dem 19. Jahrhundert Antisemitismus zur
konstituierenden Ideologie gehörte, war Antisemitismus
zu keinem Zeitpunkt Grundausstattung linker Strömungen
und Bewegungen, die sich einem internationalistischen
Weltbild verpflichtet sahen.
Wohl aber finden sich seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts immer wieder deutliche Beispiele für einen Antise4
mitismus auf linker Seite. So sah etwa der Frühsozialist
Charles Fourier in den Juden „eine völlig unproduktive ...
Rasse“, eine „Pest, die den Körper der Gesellschaft verwüs5
tet“. Sein Schüler Alphonse Toussenel gilt mit seiner Schrift
Die Juden, Könige der Epoche. Eine Geschichte des Finanzfeudalismus (1846) als ein Mitbegründer des modernen Antisemitismus. Für Pierre-Joseph Proudhon wiederum waren die
Juden „die Souveräne der Epoche“, mächtiger als Könige und
Kaiser. „Der Jude ist der Feind der menschlichen Art. Man
6
muss diese Rasse nach Asien verweisen oder vernichten.“
Der Anarchist Michail Alexandrowitsch Bakunin schrieb
9
1871, die Juden bildeten „eine ausbeuterische Sekte, ein Blutegelvolk, einen einzigen fressenden Parasiten“, der „in der
7
Arbeit des Volkes spekuliert“.
Die spd des Kaiserreichs
Die Sozialdemokratie bekämpfte den politischen Antise8
mitismus. Friedrich Engels erklärte in seinem von zahlreichen sozialdemokratischen Zeitungen abgedruckten
Brief „Über den Antisemitismus“ dezidiert: „Damit können
wir nichts zu schaffen haben.“ Nicht anders positionierten
sich die Parteitheoretiker Karl Kautsky und Eduard Bernstein. Der Berliner Parteitag der spd verabschiedete 1892
eine Resolution gegen Antisemitismus, auf dem Kölner
Parteitag 1893 hielt August Bebel seine Rede „Antisemitismus und Sozialdemokratie“, die als Sonderdruck in großer
Auflage verbreitet wurde.
Zwar sah die spd den Antisemitismus lediglich als ideologische Reaktion bestimmter Schichten, die sich durch
die kapitalistische Entwicklung und jüdische Konkurrenz
bedroht fühlten, und glaubte, diese würden schon bald erkennen, dass nur die spd eine realistische politische Perspektive böte. Auch tauchten in der sozialdemokratischen
Presse immer wieder einzelne antijüdische Stereotype auf.
Doch nichtsdestoweniger war die spd die erste und lange
Zeit einzige Partei in Deutschland, die sich programmatisch
(und auch klarer als viele ihrer europäischen Schwesterparteien) gegen den Antisemitismus positionierte.
Seit im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts unter der
Führung von Theodor Herzl die zionistische Bewegung,
die mehrheitlich die Gründung eines eigenen jüdischen
Nationalstaats anstrebte, zu erstarken begann, wurde diese, vor allem unter Sozialdemokraten jüdischer Herkunft,
10
kontrovers diskutiert. Bis zum Ersten Weltkrieg dominierte
unter ihnen die Ablehnung des Zionismus, wie sie auch Karl
9
Kautsky formulierte. Man äußerte zwar Verständnis für
das zionistische Ziel eines jüdischen Nationalstaats, hielt
dies aber für die falsche Reaktionsweise auf den Antisemitismus: Denn die spd verfocht die Assimilation der Juden,
weil sie der Ansicht war, der Antisemitismus als Vorurteil
überkommener Zeiten und Schichten würde sukzessive
abnehmen und spätestens im Sozialismus endgültig verschwinden. Ein sich selbst so bezeichnender und ideologisch aufgeladener „Antizionismus“ entstand erst später,
vor allem auf Seiten des palästinensischen Nationalismus
sowie bei der radikaleren Linken.
Die kpd der Weimarer Republik
Auch die 1919 gegründete kpd lehnte als internationalistische Bewegung den Antisemitismus ab. Allerdings kam
sie ihm gleichzeitig immer dann gefährlich nahe, wenn
sie – wie 1923 während der Besetzung des Ruhrgebiets durch
Frankreich sowie in der Endphase der Weimarer Republik – versuchte, den völkischen Kräften den wachsenden
Massenanhang abzuwerben und dazu selbst eine heftige
nationalistische Propaganda betrieb. Hierzu schlug die kpd
die umworbenen Mittelschichten kurzerhand dem Proletariat zu und sprach fortan vom „arbeitenden deutschen
10
Volk“: Dieses werde zum einen ausgebeutet durch die
„kleine Bande“ der einheimischen „Spekulanten“, „Börsenhyänen“, „Blutsauger“ und „Schmarotzer“. Zum anderen
zielten die Reparationsforderungen der „internationalen
Kapitalkönige“ auf die „Versklavung Deutschlands und die
Vernichtung der deutschen Nation“ ab. Daher müsse das
„schaffende Volk“ sowohl den Klassenkampf im Inneren
11
als auch den Kampf um „nationale Befreiung“ gegen den
„internationalen Imperialismus“ führen. Mit der Anrede
„Schaffende Volksgenossen!“ rief die kpd auf zum Kampf
„gegen die Parasiten, die am Leibe Deutschlands wuchern“.
Damit wollte die kpd den Antisemitismus umformen zum
„richtigen“ revolutionären Klassenhass: „Zweifellos mästen
sich die jüdischen Kapitalisten durch die Ausbeutung des
deutschen Volkes“, es seien aber vor allem „Christen urdeutschen Abkommens“ für die Not verantwortlich. „Die
Volksrevolution wird mit den jüdischen Ausbeutern ebenso
Schluss machen wie mit den christlichen“ versprach die kpd
und forderte „ein Ende der Herrschaft der beschnittenen
und unbeschnittenen Kapitalisten“.
Auch wenn die kpd keine antisemitische Partei war und
Judenhass sowie antisemitische Gewalttaten klar ablehnte:
In ihrer national-kommunistischen Propaganda sprach sie
von einem spezifisch „jüdischen Kapital“, das hauptsächlich als „jüdisches Finanzkapital“ identifiziert und dem
„deutschen Volk“ entgegengesetzt wurde. Von Juden war
vor allem in Form von „Börsen-Juden“, „jüdischen Bankiers“ und „jüdischen Börsenjobbern“ die Rede, während der
„deutschen“ Seite das produzierende Gewerbe zugeordnet
wurde, zum Beispiel indem der kpd-Vorsitzende Heinrich
Brandler „nicht nur das verjudete Finanzkapital, sondern
noch mehr das arische Industrie- und Agrarkapital“ als
Gegner identifizierte.
Am bekanntesten wurde, vor allem wegen ihres ungezügelt aggressiven Gestus, eine Rede, die Ruth Fischer 1923 auf
einer kpd-Veranstaltung für völkische Studenten hielt: „Sie
sind gegen das Judenkapital ... Recht so. Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne, zertrampelt sie.
Aber, meine Herren, wie stehen Sie zu den Großkapitalisten,
den Stinnes, Klöckner ...?“ Der von der kpd betriebene natio-
12
nalistische Kommunismus besaß eine deutliche Anschlussfähigkeit an den Antisemitismus – wie sich nach 1949 auch
in der ddr wieder zeigen sollte.
Doch auch die Positionierung der kpd gegen den Zionismus verweist bereits auf die Zeit nach 1945. Während die spd
sich zunehmend pro-zionistisch orientierte, lehnten kpd wie
Kommunistische Internationale die zionistische Bewegung
alsbald vehement ab. Die Kommunistische Internationale
unterstützte die antikolonialen Kämpfe außerhalb Europas
als wichtigen Teil der kommenden Weltrevolution und suchte allerorten das Bündnis mit für ihre „nationale Befreiung“
von den Kolonialmächten kämpfenden „Völkern“. In Palästina wurden „die Araber“ als das revolutionäre antiimperialistische „Volk“ ausgemacht, die zionistische Seite galt nur
noch als reaktionärer Büttel des (britischen) Imperialismus.
Der spätstalinistische „Antizionismus“
Nach 1945 wurden die Ostblockstaaten rigoros der Herrschaft Moskaus unterworfen und auch die kommunistischen Parteien selbst so genannten Säuberungen unterzogen. Hierbei wurden auch große öffentliche Schauprozesse
inszeniert, in denen sich, begleitet von ostblockweiten
Medienkampagnen, höchstrangige kommunistische Parteifunktionäre in erfolterten „Geständnissen“ schlimmster
Verbrechen gegen Volk, Staat und Partei schuldig bekannten.
Der letzte große spätstalinistische Schauprozess fand im
November 1952 in Prag statt. Angeklagt waren der Generalsekretär der tschechoslowakischen kp, Rudolf Slánský, und
13 weitere ranghohe Parteifunktionäre. Der Prozess war offen antisemitisch geprägt: Nicht nur waren Slánský sowie
zehn seiner Mitangeklagten jüdischer Herkunft, sondern
der zentrale Anklagepunkt lautete „Zionismus“.
13
11
Der „Weltzionismus“, so der Staatsanwalt in seinem im
Radio übertragenen Schlussplädoyer, sei ein überaus mächtiger, international operierender Feind, der „mit tausendfachen Fäden ... mit dem Weltkapitalismus verknüpft“ sei.
Immer wieder hob er die jüdische Herkunft der Angeklagten
hervor: Sie hätten nie zum „Volk“ gehört, sondern seien
„Kosmopoliten“ „ohne Vaterland“, „Feinde der Menschheit“,
die sich zur „Verschacherung des Vaterlandes an die Imperialisten“ verschworen, Spionage betrieben und gar die
Ermordung von Staatspräsident Gottwald geplant hätten.
Dieses „Schädlingsgesindel“ habe eine „breitangelegte zersetzende Tätigkeit“ entfaltet, um den Aufbau des Sozialismus zu sabotieren und „ungeheuere Wuchergewinne“ aus
der Wirtschaft herauszupressen. Wie „Blutegel“ und „tausendarmige Meerpolypen hatten sie sich am Körper der
Republik festgesogen und saugten an ihrem Blut“. Nach
sieben Verhandlungstagen wurden elf der 14 Angeklagten
zum Tod verurteilt und sofort hingerichtet.
Schon im Januar 1953 verkündete das Zentralorgan der
kpdsu, die Prawda, die Aufdeckung eines weiteren zionistischen Komplotts „heimlicher Feinde des Volkes“. Mehrheitlich jüdische „Mörderärzte“ im Moskauer Kreml „hätten im
Auftrag einer „internationalen jüdischen ... Organisation“
sowjetische Spitzenfunktionäre durch falsche Behandlung
umgebracht und weitere Morde geplant. In der gesamten
sowjetischen Presse entfesselte sich eine unverhüllt antisemitische Hasspropaganda gegen die „wurzellosen Kosmopoliten“, die „Landesverräter hinter der Maske“ und
12
„Helfershelfer des Zionismus“. Auch in der ddr wurde ein
„antizionistischer“ Schauprozess vorbereitet. Die antisemitische Säuberungswelle fand nur aufgrund Stalins Tod im
März 1953 ein abruptes Ende.
Der spätstalinistische „Antizionismus“ richtete sich primär
14
gegen Parteifunktionäre jüdischer Herkunft, „Zionismus“
war ein Tarnwort für die behauptete weltweite jüdisch-kapitalistische Verschwörung gegen den Ostblock. Das 1948
gegründete Israel wurde seinerzeit zwar als Teil des weltweiten zionistischen Organisationsnetzes erwähnt, spielte allerdings keine bedeutende Rolle. Ein auf den Palästinakonflikt
konzentrierter linker Antizionismus, der Israel zum Haupt13
feind erklärte, erstarkte vor allem ab den 1960er Jahren.
Die Neue Linke der brd
Die reformorientierte Nachkriegslinke der brd vertrat zunächst dezidiert pro-israelische Positionen. Sie trug maßgeblich zum Zustandekommen des Wiedergutmachungsabkommens bei und engagierte sich für die Aufnahme
diplomatischer Beziehungen zu Israel. In Teilen herrschte
eine regelrecht philosemitische Begeisterung für den „Pionierstaat“ Israel und seine sozialistischen Kibbuzim. Die
sich ab Mitte der 1960er Jahre herausbildende und schnell
radikalisierende Neue Linke – die Außerparlamentarische
Opposition (apo) und die aus ihr hervorgehenden antiautoritären, sozialistischen, anarchistischen, maoistischen,
trotzkistischen oder marxistisch-leninistischen Gruppen
und Parteien – vollzog jedoch nach dem Sieg Israels im
Sechstagekrieg im Juni 1967 eine rapide Kehrtwende. In ihr
dominierte alsbald eine überbordende Verurteilung Israels
als „imperialistisch-faschistisches Staatengebilde“, gepaart
14
mit der Parteinahme für die „revolutionäre“ Al Fatah.
Bekannte Alt-Linke wie Jean Améry, Michael Landmann,
Jean-Paul Sartre und Ernst Bloch forderten eine Differenzierung zwischen der Existenz Israels und der Kritik an
der israelischen Regierungspolitik ein, verwiesen auf die
arabischen Vernichtungsdrohungen und warnten vor dem
15
Abgleiten des doktrinären Antiimperialismus in den An15
tisemitismus. Doch schon 1969 verübten Antizionisten
einen Terroranschlag: Die Schwarzen Ratten – Tupamaros
Westberlin um Dieter Kunzelmann, eine Vorläufergruppe
der Bewegung 2. Juni, beschmierten am Jahrestag der Pogromnacht von 1938 mehrere Mahnmale für jüdische Opfer
mit „Schalom und Napalm“ und „El Fath“. Außerdem deponierten sie in einem jüdischen Gemeindehaus, in dem
eine Gedenkfeier anlässlich des 9. Novembers stattfinden
sollte, eine Brandbombe. Hätte deren Zündung nicht versagt,
wären Holocaustüberlebende durch deutsche Antizionisten
verletzt oder gar ermordet worden.
Damit war der Antizionismus innerhalb der Linken nicht
etwa diskreditiert. Im Gegenteil, er erlebte in den 1970er
Jahren seine Hochkonjunktur. Palästinakomitees wurden
gegründet, ihre Organe trugen martialische Titel wie Die
Front oder Die Revolution. Für so gut wie alle der aus der
apo entstehenden linken Gruppen und Bewegungen, wie
zerstritten sie auch sonst oft waren, gehörten Parolen wie
16
„Nieder mit dem faschistischen Staatengebilde Israel!“
bis in die 1980er Jahre hinein zu den akzeptierten linken
Grundpositionen. Auch die Gruppen des bewaffneten Kampfes
positionierten sich antizionistisch, ließen sich allesamt in
palästinensischen Lagern militärisch ausbilden, erhielten
dort bei Bedarf Unterschlupf und arbeiteten mit palästinensischen Terroristen, deren erklärtes Ziel die Vernichtung
Israels war, zusammen: 1972 nahm ein Kommando von
Jassir Arafats Al-Fatah in München die israelische Olympiamannschaft als Geisel, elf israelische Sportler kamen
ums Leben. Die raf lobpries diese „revolutionäre Aktion“
in einer langen Erklärung als beispielhaft „antiimperialis17
tisch, antifaschistisch und internationalistisch“. 1977 entführte während der Geiselnahme Hanns Martin Schleyers
16
eine palästinensische Gruppe eine Passagiermaschine der
Lufthansa nach Mogadischu, um so die Freipressung von
raf-Gefangenen zu unterstützen. Die Revolutionären Zellen
(rz) verübten in Deutschland Anschläge auf israelische
Firmen, 1976 entführte ein Kommando aus palästinensischer pflp und deutschen rz ein Passagierflugzeug der Air
France nach Entebbe und forderte die Freilassung von 53
Gefangenen, darunter auch sechs Mitglieder von raf und
Bewegung 2. Juni.
Henryk M. Broder war 1976 der erste, der den Antizionismus der Neuen Linken frontal als Antisemitismus kriti18
sierte, wurde aber von dieser weitgehend ignoriert. Erste
Risse im antizionistischen Konsens zeigten sich erst 1982
im Zuge des Angriffs der israelischen Armee auf die plo im
Libanon und der Massaker der mit ihr verbündeten Milizen
in zwei palästinensischen Flüchtlingslagern. In sämtlichen
linken Organen bis hin zur taz warfen Journalisten Israel
„Völkermord“ und einen „Holocaust an den Palästinensern“
19
vor. Doch erstmals stießen derartige, schon seit 15 Jahren
vorgenommene ns-Gleichsetzungen auf nennenswerte Kritik aus den eigenen Reihen und führten zu einer langsam
anwachsenden linken Beschäftigung mit Antisemitismus
20
und nationalsozialistischer Judenvernichtung. Nunmehr
flammte der innerlinke Antisemitismusstreit anlassbezogen immer wieder auf. So etwa als während der ersten
Intifada die linke Israelfeindschaft wieder anwuchs und
1988 ein riesiges Wandbild an der besetzten Hafenstraße in
Hamburg propagierte „Boykottiert ‚Israel‘ ... Palästina – Das
Volk wird Dich befreien. Revolution bis zum Sieg“.
Nach der Wiedervereinigung
Im Zuge des zweiten Golfkriegs 1990/1991 entbrannte bun-
17
desweit ein Antisemitismusstreit innerhalb der Linken.
Die Friedensbewegung protestierte nicht nur vehement
gegen die usa als kriegslüsternen Aggressor und erinnerte
an die „Bombennächte“ des Zweiten Weltkriegs, sondern
ignorierte auch weitgehend, dass der Irak das nicht am
Krieg beteiligte Israel mit Scud-Raketen beschoss und angedroht hatte, diese mit Giftgas zu bestücken. Der damalige
grünen-Bundessprecher Hans-Christian Ströbele, Protagonist des linken Flügels seiner Partei, rechtfertigte gar
den Raketenbeschuss als „logische, fast zwingende Konsequenz“ der israelischen Besatzungspolitik. Nach heftiger
Kritik aus Deutschland und Israel trat Ströbele von seinem
21
Amt zurück. Auch in einem Teil der Linken stießen derlei Ignoranz oder gar Akzeptanz der Angriffe auf Israel auf
vehemente Kritik: Der Friedensbewegung wurden nicht nur
Deutschnationalismus und Antiamerikanismus, sondern
22
auch Antisemitismus vorgeworfen. Dies waren die ersten
Anzeichen einer neu entstehenden Strömung innerhalb des
linken Spektrums: Antisemitismusstreit, wachsender Wiedervereinigungsnationalismus, pogromartige Gewalttaten
und rassistische Morde wie in Mölln und Solingen führten
nach 1990 zur Bildung von „antinationalen“ und „antideutschen“ Gruppen. Bestärkt durch Daniel Jonah Goldhagens
1996 erschienene Studie Hitlers willige Vollstrecker bildete
Auschwitz für sie den zentralen Bezugspunkt. Sie sahen
in der Kritik von Antisemitismus und Nationalismus ihre
23
Aufgabe als Linke in Deutschland.
Nachdem der Oslo-Friedensprozess Mitte der 1990er Jahre
zu einem merklichen Rückgang des Antizionismus geführt
hatte, nahm dieser mit dem Beginn der zweiten, so genannten Al-Aqsa-Intifada ab Ende 2000, bei der islamistische
Gruppen führend waren, wieder deutlich zu. Obwohl Suizidattentate auf die israelische Bevölkerung in Bussen, Cafés
18
und Diskotheken Hauptkennzeichen dieser Intifada waren,
solidarisierten sich orthodoxe Kommunisten, antiimperialistische Gruppen und Autoren in der Jungen Welt mit der
palästinensischen Seite und bezichtigten Israel wieder des
24
„Völkermordes“. Auch im seinerzeit europaweit erstarkenden Netzwerk der Globalisierungskritiker Attac fand diese
aggressive Israelfeindschaft Anhänger und Multiplikatoren,
insbesondere bei der dort sehr aktiven trotzkistischen Organisation Linksruck, die rund 300 Mitglieder zählte und
sich 2007 auflöste. Diese neuerliche Welle des Antizionismus stieß nunmehr jedoch sofort auf heftige Kritik des
angewachsenen „antideutschen“ Spektrums. Der Kapitalismuskritik von Attac wurde außerdem vorgeworfen, dass sie
durch ihre Konzentration auf Finanzmärkte, -spekulation
und die „Gier der Banker“ mitunter kompatibel mit anti25
semitischen Argumentationen sei.
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 eskalierte
der Streit. Antiimperialistisch und marxistisch-leninistisch orientierte Gruppierungen erklärten die Anschläge
mit deutlicher Häme als direkte Folge der imperialistischen
Politik der usa, einige rechtfertigten den Terror gar als verständliche antiimperialistische Gegenwehr. Auf von Linken mitorganisierten antiisraelischen Demonstrationen
wurde Israel mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt,
palästinensische und arabische Teilnehmer feierten Hamas,
islamischen Dschihad und Suizidattentäter mit Fahnen,
„Märtyrer“-Stirnbändern und Sprengstoffattrappen.
Hiergegen wurden allerdings in zahlreichen Städten
Bündnisse gegen Antisemitismus und Antizionismus mit
Demonstrationen, Publikationen und Veranstaltungen aktiv. Man verwies auf den Judenhass der Attentäter vom 11.
September und die enge Verwandtschaft zwischen dem
nationalsozialistischen und dem im arabischen Raum weit-
19
verbreiteten islamisierten Antisemitismus. Eine Linke, die
dies nicht sehen wolle, sondern sich im Gegenteil mit Fundamentalisten gemein mache, sei selbst durchzogen von
Antiamerikanismus, völkischen Bedürfnissen und Antisemitismus. Es entbrannten innerlinke Auseinandersetzungen bis hin zu Spaltungen von Gruppen. Bei einigen
Demonstrationen und Veranstaltungen kam es zu körperlichen Angriffen auf Antideutsche.
Auch wenn Gerhard Zwerenz 1976 in der Zeit erklärte,
26
„Linker Antisemitismus ist unmöglich“, weil Antisemitismus nun einmal rechts sei, und die Parteispitze der Partei
die linke 2011 ihre Selbstfreisprechung damit begründete,
dass niemand in der Partei Juden direkt diskriminiere, stellt
sich angesichts dieses Überblicks die Frage: Wie lässt es
sich erklären, dass sich auch in der Linken immer wieder
Antisemitismus finden lässt? Dafür bedarf es eines fundierten Verständnisses davon, was Antisemitismus ist. Im
folgenden Kapitel wird daher ein Begriff des „klassischen“
modernen wie des sekundären Antisemitismus entwickelt,
mittels dessen ein besseres Erkennen und Verstehen des
Antisemitismus von links ermöglicht werden soll. Danach
werden zwei exemplarische Fälle des Antisemitismus von
links vorgestellt: die antisemitische Repressions- und Säuberungswelle in der spätstalinistischen ddr und der Antizionismus der westdeutschen „Neuen Linken“ zwischen
1968 und 1989 (Kapitel III und IV). Vor diesem Hintergrund
werden in den abschließenden Bemerkungen noch aktuellere Beispiele, insbesondere die internationale bds-Bewegung
diskutiert (Kapitel V).
20
II.
Der moderne Antisemitismus
Was genau ist Antisemitismus? Was unterscheidet ihn von
Rassismus oder von Nationalismus? Der im Laufe des 19.
Jahrhunderts europaweit entstehende moderne Antisemitismus ist ein umfassendes Weltbild, in welchem den Juden
eine zentrale Funktion und Position zukommt: Sie gelten
als die Verursacher aller abgelehnten Phänomene der Moderne in Ökonomie, Politik und Kultur. Damit sind sie der
absolute Feind und Gegenbild zur modernen Gesellschaft:
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der harmonischen Gemeinschaft „Volk“ oder „Nation“.
Erstens wird den Juden die Schuld für Ausbeutung, Konkurrenz, Krisen, kurz: für alle Verunsicherungen, welche
die moderne kapitalistische Ökonomie kennzeichnen, zugeschrieben. Als Grundübel ausgemacht wird die Zirkulationssphäre – Geld, Handel, Banken und Börse – das „raffende Kapital“, beherrscht von den die Arbeit scheuenden
Juden. Das positive Gegenüber verkörpert die Produktion:
das Handwerk, die Arbeit, die Industrie, das „schaffende
Kapital“. „Wertschaffende deutsche Arbeit“ steht gegen
„parasitäre jüdische Geldmacht“.
Zweitens identifiziert eine antisemitische Weltsicht
auch hinter allen irritierenden neuen Phänomenen in der
politischen Welt – Demokratie, widerstreitende Interessen
im Parlament, öffentliche Diskussion, Kritik der Obrigkeit,
Arbeiterbewegung – die Juden: Sie seien die wahren Herrscher hinter den Kulissen, die Politiker kauften und über
ihre Finanzmacht ganze Staaten erpressten. Sie seien die
geheimen Drahtzieher und Verschwörer, die Unfrieden im
21
Volk säten, es gegen Regierung und Kaiser aufhetzten und
Kriege zwischen den Völkern anzettelten. Überall arbeiteten die vaterlandslos-kosmopolitischen, zur Staatsbildung
unfähigen Juden an der inneren Schwächung der Nationen
mit dem letztendlichen Ziel der Weltherrschaft.
Drittens werden die Juden für die als Bedrohung empfundene kulturelle Moderne verantwortlich gemacht. Sie
würden Presse, Literatur, Kunst, Theater beherrschen, seien verantwortlich für Frauenemanzipation, Sittenverfall,
Pornografie und Prostitution, für die Unterminierung und
Auflösung traditionaler Geschlechts- und Autoritätsverhältnisse. Insbesondere die jüdische Presse mit ihrer „zersetzenden Publizistik“ und „ätzenden Kritik“ betreibe die
„Verunglimpfung unseres Volkes“ und untergrabe alles Althergebrachte. Überall seien die „deutsche Kultur“ und das
„deutsche Wesen“ von „jüdischer Zersetzung“ bedroht.
Doch der moderne Antisemitismus ist mehr als eine
Anzahl von Vorurteilen und Stereotypen über Juden. Er ist
ein in sich konsistentes Weltbild, das nach bestimmten
Grundregeln aufgebaut ist. Ein erstes wesentliches Strukturmerkmal dieses Weltbildes ist die Personalisierung:
Gesellschaftliche Entwicklungen in Ökonomie, Politik und
Kultur, die sich subjektlos vollziehen, werden dem bewussten intentionalen Handeln böser Menschen zugeschrieben.
Das notwendige Korrelat dieser Personalisierung bildet
eine umfassende Verschwörungstheorie. Wenn alles Böse
der modernen Welt absichtlich ins Werk gesetzt wird, dann
muss dahinter eine immense Verschwörung eines verdeckt
agierenden, überaus mächtigen Feindes stecken, der über
Geld, Politik und Medien herrscht. Eine personalisierende
Erklärung der sich international durchsetzenden modernen
Gesellschaft muss sich logisch folgerichtig zu einer Weltverschwörungstheorie ausweiten.
22
Das zweite grundlegende Strukturmerkmal antisemitischen Denkens ist die Ethnifizierung. Die Verursacher
allen Übels, „die Juden“, werden – ganz egal, ob als „Stamm“,
„Volk“, „Nation“ oder „race“ bezeichnet – als Abstammungsgemeinschaft konstruiert, bei der das Schlechte – Geldgier,
Machtstreben, Zersetzung und ähnliches – unabänderlich
im „Blut“, „Volksgeist“ oder „Wesen“ verankert sei.
Doch nicht nur das Feindbild „Juden“, auch die „imagined
28
community“ der Eigengruppe „Volk“, die den zentralen
positiven Fluchtpunkt des modernen Antisemitismus wie
des Nationalismus bildet, wird als identitäre Abstammungsgemeinschaft konstruiert. Das eigene „Volk“, so die Verheißung, existiere schon seit Jahrtausenden, sei wesenhaft gut,
besitze einen spezifischen „Volkscharakter“ und eine „Nationalkultur“, sei eine naturgegebene, stabile, eng verbundene, familienähnliche und harmonische Gemeinschaft
ohne grundlegende innere Widersprüche und Konflikte.
Das dritte Strukturmerkmal des Antisemitismus ist, dass
er die zum „Volk“ ethnifizierten Juden gleichzeitig als ge29
nuines „Anti-Volk“ konzipiert. Dies unterscheidet das
antisemitische Feindbild „Juden“ sowohl vom Rassismus als
auch von allen sonstigen „Feindvölkern“, die Nationalismen
regelmäßig kreieren. Denn gewöhnliche Feind-Nationen
werden, wie gehasst und verachtet auch immer, prinzipiell
als ein „Volk“ anerkannt. Die Juden dagegen sind ein kategorial anderer, einzigartiger Feind: Kein anderes „Volk“ wird
mit Zuschreibungen wie „volkszersetzend“, „staatszerstörend“, „staatsunfähig“, „kosmopolitisch“ oder „anational“
belegt. Denn nur die Juden verkörpern im Antisemitismus
die Kernphänomene der Moderne – Geld, Konkurrenz, Gewinnstreben, Materialismus, Individualismus, kritischer
Intellekt, Widerspruch, Wurzellosigkeit, Kosmopolitismus,
Mobilität, Ambivalenz ebenso wie Uneindeutigkeit.
23
Damit stehen „Volk“ und „Juden“ in einer ganz spezifischen Beziehung: Die Juden stehen für all das, was in der
modernen Gesellschaft die ersehnte Gemeinschaft „Volk“
permanent dementiert. Und umgekehrt soll der Kampf gegen das „Anti-Volk“ die ersehnte, verloren geglaubte Harmonie der Volksgemeinschaft wiederherstellen. „Die Juden
sind unser Unglück!“ pointierte 1879 der Nationalhistoriker
Treitschke. Dabei gelten die Juden nicht nur als das Gegenprinzip zur eigenen „Nation“, sondern immer auch als welt30
weite „Völkerkrankheit“.
Eine – kontrafaktisch verkehrte – Täter-Opfer-Dichotomie
bis hin zum Manichäismus ist das vierte Strukturmerkmal
des Antisemitismus. „Die Juden“ seien der gefährliche, auf
Vernichtung zielende Angreifer, „das Volk“ dagegen das tödlich bedrohte, unschuldige Opfer, das zur „Notwehr“ schreiten dürfe und müsse. Und da das „völkerwidrige Judenthum“
zum genuinen „Feind jeder ... Nation“ erklärt wird, kann es
in diesem weltweit geführten Existenzkampf logisch nur
31
eine manichäische Perspektive geben: Erlösung der Welt
durch die endgültige Vernichtung des Bösen.
Daher gravitierte das antisemitische Weltbild bereits im
19. Jahrhundert (und nicht erst mit Hitler) aus seiner eigenen Logik heraus zu Vernichtungsvorstellungen. Dies zeigt
sich bei allen „Klassikern“ des modernen Antisemitismus
in Schädlings- und Krankheitsmetaphern sowie den damit
evozierten Gewaltphantasien und Vernichtungsassoziationen. Für den evangelischen Hofprediger Adolf Stöcker
ging es 1882 um „Sein oder Nichtsein!“: „Sie oder wir!“ Eugen Dühring formulierte als Ziel, „die Welt gründlich von
allem Judenwesen zu erlösen“. Dieser „Infection“ durch
„Krankheitsstoffe“ müsse „mit den modernsten Mitteln der
Desinfection“ begegnet werden. Paul de Lagarde forderte
1887, „dies wuchernde Ungeziefer zu zertreten“. Die Deutsch-
24
soziale Reformpartei postulierte 1899, die „Judenfrage“ als
„Weltfrage“ müsse von den „Völkern gemeinsam und endgültig durch völlige Absonderung und (wenn die Notwehr
es gebietet) schließliche Vernichtung des Judenvolkes gelöst
32
werden“.
Antisemitismus nach Auschwitz
Nach Auschwitz ist offener Antisemitismus in den westlichen Staaten und besonders in Deutschland moralisch diskreditiert und als politische Ideologie aus dem öffentlichen
Diskurs verbannt. Während sich in einer Umfrage 1952 noch
34 Prozent der befragten Deutschen selbst als Antisemiten
33
bezeichneten, will heute kaum noch jemand – auch vor
sich selbst – als „Antisemit“ gelten. Trotzdem belegen alle
Umfragen die europaweite Fortdauer antisemitischer Einstellungen. Der Antisemitismus nach Auschwitz ist ein
34
„Antisemitismus ohne Antisemiten“. Häufig werden daher
Bezeichnungen wie „die Juden“ oder „Judentum“ vermieden
und stattdessen Andeutungen, Code- und Tarnwörter wie
„Finanztum“, „bestimmte einflussreiche Kreise“ an der „Ostküste“ und „die Wall-Street“ benutzt oder lediglich Namen
wie „Goldman Sachs“ erwähnt.
Vor allem aber ist Antisemitismus nach 1945 – auch für
Antisemiten – untrennbar an Auschwitz geknüpft und steht
damit vor einem Legitimationsproblem, richtet er sich doch
gegen jene, die als Sinnbild des unschuldig verfolgten Opfers gelten. Antisemitisch Eingestellte, wollen sie Auschwitz
nicht affirmieren, versuchen deshalb, die Ermordung der
Juden zumindest zu relativieren oder zu bagatellisieren. Vor
allem aber gewinnt nach Auschwitz die vom Antisemitismus schon immer vorgenommene Verkehrung von Täter
und Opfer eine noch größere Bedeutung: Juden müssen von
25
unschuldigen Opfern des Nationalsozialismus zu Tätern
umgedeutet werden, deren eigenes Tun erst den Antisemitismus hervorrufe. Auch das weltweite Phänomen der
Holocaustleugnung ist Ausdruck dieser Verkehrung: Nicht
nur wird hier der Opferstatus der Juden grundsätzlich bestritten, sondern die Juden werden als jene mächtigen Täter
identifiziert, die „den Völkern“ mittels einer neuerlichen
weltweiten Verschwörung die „Auschwitz-Lüge“ einredeten,
um ihre Ziele – Wiedergutmachungszahlungen, die Gründung Israels oder anderes – durchzusetzen. Insbesondere
aber die Verschiebung des antisemitischen Ressentiments
35
auf den „kollektiven Juden“ Israel ermöglicht eine Camouflage, ist doch nun die Rede von „Zionisten“, „Zionismus“
und weltweiter „pro-israelischer Lobby“. Und tatsächlich ist
infolge des oft gewaltsamen Realkonflikts zwischen Israel
und Palästinensern die Präsentation jüdischer Täter ein
Leichtes – dem dann die entlastende Erklärung, dass die
israelische Politik die Hauptursache des weltweiten Antisemitismus sei, folgen kann.
Sekundärer Antisemitismus
Nach 1945 entstand in den Nachfolgestaaten des Nationalsozialismus eine neue Form des Antisemitismus: der „se36
kundäre Antisemitismus“. Dieser ist nicht lediglich eine
neue Äußerung des „alten“ Ressentiments, sondern er entsteht aufgrund eines historisch neuen, spezifisch deutschen
Dilemmas: Jedes „Nationalgefühl“ basiert auf der Überzeugung, einer „guten Nation“ anzugehören. Hierzulande jedoch verhindert das Menschheitsverbrechen „Ausch37
witz“ die Identifikation mit der „Nation“. Die Entlastung
der „deutschen Nation“ und des „deutschen Volkes“ von
Schuld ist daher ein Grundbedürfnis jedes Nationalismus
26
in Deutschland.
Hierzu gibt es zwei prinzipielle, miteinander kombinierbare Verfahren, die seit 1945 in zahlreichen Varianten beobachtbar sind: Erstens wird versucht, die Schuld der „Täternation“ zu minimieren, indem zum Beispiel die Verbrechen
nur Hitler und seinem engsten Zirkel zur Last gelegt oder
diese mit dem Verweis auf Untaten anderer Staaten relativiert werden. Gerne auch wird darauf verwiesen, dass das
„deutsche Volk“ selbst doch ebenfalls „Opfer“ geworden sei,
von „Bombennächten“, Vertreibung, Nachkriegsnot, „Sieger38
justiz“ oder Kollektivschuldvorwürfen.
Die zweite Möglichkeit der Abwehr von Schuld besteht
darin, den Opferstatus der Juden zu minimieren oder zu
bestreiten: So schreiben über 20 Prozent der deutschen Bevölkerung den Juden eine (Mit-)Schuld am Antisemitismus
39
zu. Oder man verweist auf „jüdische“ Täter, die doch fast
genauso schlimm wie die Nazis seien. Dies kann implizit
geschehen mittels des alle historischen Unterschiede verwischenden Begriffs „Opfer“: Die Palästinenser werden als
„Opfer der Opfer“ bezeichnet, Juden unter der Hand zu den
neuen Nazis erklärt und so die Deutschen von ihrer Geschichte entlastet. Der direkten Gleichsetzung – „Was Israel
heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip nichts
anderes als das, was die Nazis mit den Juden gemacht haben“
40
– stimmt rund die Hälfte der deutschen Bevölkerung zu.
Idealtypisch zeigt sich die sekundärantisemitische Verkehrung von Täter und Opfer in der Klage über die nicht
enden wollende Thematisierung der Vergangenheit. Schon
1950 war die Forderung, man müsse jetzt doch endlich
einen „Schlussstrich“ unter „die Vergangenheit“ ziehen,
populär, bis heute wird sie in Umfragen von einer deutli41
chen Mehrheit geteilt. In ihr wird nicht nur das Bedürfnis
nach nationaler Identifikation deutlich, sondern auch eine
27
zumindest latente Aggression gegen jene offenbar, denen
unterstellt wird, diesen längst fälligen „Schlussstrich“ zu
verhindern: Dem Statement „Ich ärgere mich darüber, dass
den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden“ stimmen durchgängig zwischen
42
58 und 70 Prozent zu.
Manifest wird diese Aggression auch in Briefen und
E-Mails an den Zentralrat der Juden in Deutschland, in
43
denen der Hass immer offener geäußert wird. „Die Juden
werden als verkörperte Ermahnung, den Holocaust und
seine Ursachen nicht zu vergessen, für den prekären Zustand des nationalen Selbstbewusstseins verantwortlich
44
gemacht.“ Damit ist die Verkehrung von Täter und Opfer
perfekt: Unschuldige Deutsche sind die Opfer böswilliger
jüdischer Täter.
Auch die übrigen Grundstrukturen des sekundären gleichen jenen des klassischen modernen Antisemitismus:
Wieder sollen es „die Juden“ sein, die verhindern, dass „die
Nation“ zu sich selbst kommen kann, wenn auch nicht mehr
innerhalb einer umfassenden antimodernen Weltanschauung. Im sekundären Antisemitismus wird das durch die
„deutsche Tat“ Auschwitz entstandene Dilemma des Bedürfnisses nach „nationaler Identität“ personalisiert und
mit den damit verknüpften Wut- und Schuldgefühlen auf
die Juden projiziert. Es scheint paradox, aber aus der Vernichtung der Juden kann so ein neuerlicher Antisemitismus
erwachsen. Das viel zitierte Bonmot des Psychoanalytikers
Zvi Rex bringt dies treffend auf den Punkt: „Die Deutschen
45
werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.“
Neben diesen Grundstrukturen finden sich im sekundären Antisemitismus auch zahlreiche weitere Motive des
klassischen modernen Antisemitismus neu gewendet. Das
alte christlich-antijudaistische Stereotyp vom rachsüchti-
28
gen Juden kehrt wieder in der bei fast der Hälfte der deutschen Bevölkerung zu findenden Auffassung, die Juden
wollten die Deutschen immer wieder an ihre Schuld erinnern. Das Motiv der raffgierigen Juden, die sich auf Kosten
der Deutschen bereicherten, zeigt sich in 32 bis 54 Prozent
Zustimmung zu dem Statement: „Viele Juden versuchen, aus
der Vergangenheit des Dritten Reiches heute ihren Vorteil
46
zu ziehen.“
Auch die Motive von der jüdischen Weltverschwörung, der
jüdischen Macht über Politik und Medien finden sich in der
Vorstellung, es gebe eine „sagenhafte jüdische Lobby“, deren
„mächtiger publizistischer Maschinerie“ es zuzuschreiben
47
sei, dass die deutsche Vergangenheit nicht vergehen wolle.
Und mittels der Behauptung, diese jüdisch-linksintellektuelle Medienmacht schwinge eine bedrohliche „Moralkeu48
le“, immunisiert sich Antisemitismus antisemitisch gegen
den Antisemitismusvorwurf und konstruiert im gleichen
Zug aufs Neue die Deutschen als Opfer jüdischer Angreifer.
Die durch zahlreiche Umfragen belegte hohe Zustimmung
zu nationalistisch-sekundärantisemitischen Aussagen in
der deutschen Bevölkerung gilt auch für die Linke: Zum
Beispiel wird das Statement „Ich ärgere mich darüber, dass
den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den
Juden vorgehalten werden“ ebenfalls bei jenen, die sich als
49
politisch „links“ einordnen, mehrheitlich bejaht. Und
auch im „Antizionismus“ der ddr wie der Neuen Linken der
brd wurde das sekundär-antisemitische Bedürfnis offenbar.
29
III.
Der spätstalinistische
„Antizionismus“ in der ddr
Der Prager Slánský-Schauprozess im November 1953 sollte
den Auftakt bilden für eine ostblockweite Säuberungswelle mit antisemitischer Ausrichtung. Das sed-Parteiorgan
Neues Deutschland (nd) entsandte einen Sonderkorrespondenten, der täglich seitenlang vom Prozess berichtete. Am
4. Januar 1953 ließ das Zentralkomitee der sed im nd seinen
umfangreichen Beschluss „Lehren aus dem Prozess gegen
das Verschwörerzentrum Slánský“ veröffentlichen. Das zk
warnte darin vor „getarnten Spionen, Agenten und Saboteuren“, die überall in der ddr, auch in der Partei selbst, ihr
Unwesen trieben, und betonte hierbei die „verbrecherische
Tätigkeit der zionistischen Organisationen“. Paul Merker,
bis 1950 Mitglied von zk und Politbüro, und weitere hochrangige Parteifunktionäre wurden angeklagt, schon seit
Jahren in den Reihen der Partei als „zionistische Agenten“
die „Ausplünderung Deutschlands“ und die „Verschiebung
von deutschem Volksvermögen“ zugunsten des us-amerikanischen Finanzkapitals und „jüdischer Monopolkapitalisten“ bezweckt zu haben.
Zeitgleich mit der „antizionistischen“ Propaganda hatten
in der ddr, wenn auch verhaltener als im übrigen Ostblock,
Repressalien gegen Juden begonnen: Die sed verfügte die
Überprüfung der Kaderakten von allen Genossen jüdischer
Abstammung, jüdische Angestellte in den Stadt- und Bezirksverwaltungen wurden entlassen. Paul Merker, selbst
30
kein Jude, wurde Ende November inhaftiert. Den jüdischen
Gemeinden, denunziert als Agenturen des Zionismus und
Imperialismus, wurde die Unterstützung entzogen, kulturelle Veranstaltungen wurden verboten, Büros durchsucht.
Die Gemeindevorsitzenden wurden über Hilfssendungen
der us-amerikanischen jüdischen Wohlfahrtsorganisation
Joint verhört und Listen der Gemeindemitglieder verlangt,
denn alle Empfänger von Care-Paketen galten als dringend
der Spionage verdächtig. Rund ein Viertel der circa 3.500
jüdischen Gemeindemitglieder floh aus der ddr, darunter
auch fünf der insgesamt acht Gemeindevorsitzenden. Ein
Schauprozess mit antisemitischer Ausrichtung stand auch
in der ddr bevor.
Wie konnte es dazu kommen, dass sich – nur sieben Jahre
nach dem Ende des Nationalsozialismus – in der sich als
sozialistisch und antifaschistisch verstehenden ddr ein
antisemitischer „Antizionismus“ in Propaganda und Repressionen äußern konnte? Zweifelsohne war Stalin der
Hauptverantwortliche und die sed leistete den Anweisungen aus Moskau Folge. Doch ist damit die Bedenken- und
Widerstandslosigkeit, mit der die sed-Spitze die antizionistische Wendung aktiv umsetzte, erklärt? Wie ist es zu verstehen, dass manche Parteigenossen – so etwa der Chronist
der nationalsozialistischen Judenverfolgung, Victor Klemperer – den antisemitischen Gehalt des Antizionismus gar
nicht bemerkten?
50
Grundfolie des Weltbildes der sed bildete der seit den
1920er Jahren kanonisierte „Marxismus-Leninismus“. Dieser
war Ende 1947 von Stalins Chefideologen Andrei Shdanow
zur so genannten „Zwei-Lager-Theorie“ aktualisiert worden.
Die auch von der sed seit 1949 ständig propagierte Zwei-Lager-Theorie teilte die gesamte Welt in Gut und Böse auf: in
das Lager des „kriegslüsternen Imperialismus“ unter der
31
Vorherrschaft der usa versus dem weltweiten „Friedenslager“ – die realsozialistischen Staaten unter der Führung
der udssr, die kps in aller Welt sowie sämtliche „Völker“ der
Erde. Der Feind wurde zum absolut Bösen und zur existentiellen Bedrohung dämonisiert: „Die Weltherrschaft, ... die
Ausrottung anderer Völker“ seien die wahren Ziele des „amerikanischen Raubimperialismus“. Deswegen arbeite er auf
die Entfesselung eines atomar geführten dritten Weltkrieges
hin, um das sozialistische Friedenslager zu vernichten.
Dieser „Weltimperialismus“ galt der sed als das Werk
einer kleinen Gruppe von „kriegslüsternen“ „Weltimperialisten“ und „Dollarkönigen“. Diese „Handvoll habgieriger
Milliardäre“ beherrsche die halbe Welt und hecke „finstere
Pläne“ und „Verschwörungen“ aus, um auch noch die sozialistische Welthälfte unter ihre Herrschaft zu bekommen.
Es war die Rede von der „Internationale der Bankiers“, von
„Finanzhyänen“, „Dollargeiern“, „Spekulanten“ und – auch
dies war in der sed-Propaganda zu finden – „Blutsaugern“
und „Parasiten“. Leidtragender der „terroristischen Mörderinternationale von der Wall Street“ war keineswegs nur das
Proletariat, sondern „die Völker“ generell: Die „Raubtiere
der Wallstreet“ würden „die Völker ... aussaugen“ und seien
daher die „Erzfeinde ... der gesamten ... Menschheit“.
Um die sozialistischen Staaten zu erobern, so verkündete
die sed in Permanenz, habe der Imperialismus im Inneren
der „volksdemokratischen Staaten“, ja sogar in der Partei
selbst „ein weitverzweigtes Netz von Agenten“ aufgebaut,
die es schleunigst unschädlich zu machen gelte. Nicht
nur von der „Wühlarbeit“ und der „Zersetzungsarbeit“ der
Agenten war die Rede, sondern auch von „Volksfeinden“,
deren „Entlarvung“ und „Vernichtung“ die oberste Pflicht
sei. Selbst die Vokabel des „Volksschädlings“ findet sich in
der Propaganda der sed.
32
Im Gegensatz zu allen anderen Ostblockstaaten fehlte der
ddr als Teilstaat von Moskaus Gnaden eine Grundakzeptanz als Staat in der Bevölkerung. Zudem bestritt die brd
dem sed-Staat offensiv jegliche politische wie „nationale“
Legitimation. Dieser überaus prekären Lage versuchte die
ddr mit einer vehementen deutsch-nationalen Kampagne
zu begegnen.
Die brd wurde beschrieben als ein „von den Gnaden des
Dollarimperialismus abhängiger ... Marionettenstaat‘“. Die
Bonner Politik sei nichts als „nationaler Verrat“ und „Verschwörung“. „Bezahlte Werkzeuge“ hätten sich dazu hergegeben, das deutsche Volk „an die angloamerikanischen
Imperialisten zu verschachern“ und dieses zu „versklaven“.
Insbesondere die „Wucherzinsen“ für Marshallplankredite
„plündern das deutsche Volk aus“. Und so forderte die sed:
„Sofortige Einstellung ... der Überfremdung der deutschen
Wirtschaft durch ausländische Kapitalisten. Beseitigung
der Dollarzinsknechtschaft.“
Sich selbst präsentierte die sed als „Vortrupp des deutschen Volkes“ und rief in flammenden Manifesten „alle gesunden Volkskräfte“ zum „nationalen Befreiungskampf“ zur
„Befreiung der Nation aus den Klauen des Dollarimperialismus“ auf: „Finanzkapital oder Nation – so steht die Frage“.
Mit derlei Nationalismus korrespondierte notwendig eine
Freisprechung des „deutschen Volkes“ von Schuld und Verantwortung für die Verbrechen des Nationalsozialismus.
Dies war mittels der marxistisch-leninistischen Faschismusdefinition Georgi Dimitroffs von 1933, welche den Nationalsozialismus als bloße Diktatur des Finanzkapitals erklärte, einfach zu leisten. Mit ihr konnte die sed alle Schuld den
Monopolkapitalisten und deren Werkzeug Hitler zuweisen,
der „den Namen der deutschen Nation geschändet“ habe,
während „das deutsche Volk ... von faschistischen Macht-
33
habern versklavt“ gewesen sei.
Folgerichtig lehnte die sed auch die Rückerstattung enteigneten jüdischen Eigentums und Entschädigungsleistungen an Juden ab. Rückerstattung würde, so die Begründung,
dem Aufbau des Sozialismus entgegenlaufen. Außerdem
würden Zahlungen an im Ausland lebende jüdische Kapitalisten die Not des unter den Folgen des Krieges leidenden
deutschen Volkes weiter vergrößern. Das antisemitische
Stereotyp, dass alle Juden Ausbeuter und Kapitalisten seien,
und der Nationalismus der sed verbanden sich mit vereinfachenden „klassenkämpferischen“ Ideologemen zu einer erschreckenden Ignoranz gegenüber dem jüdischen Schicksal
und einer offensiven Abwehr von deutscher Schuld. Schon
1950 galt in den Verhören der Zentralen Parteikontrollkommission das Eintreten für Entschädigung und Rückerstattung als „parteiwidrige Auffassung“, als schwerwiegendes
Verdachtsmoment und sogar als Begründung für die Degradierung von sed-Funktionären.
Der zk-Beschluss „Lehren aus dem Prozess gegen das Verschwörerzentrum Slansky“ ist das zentrale Dokument des
Antizionismus der ddr. Auch die „Lehren“ repetierten das
Szenario einer tödlichen Bedrohung durch den Imperialismus und dessen Agenten, behaupteten das „werktätige
deutsche Volk“ als existentiell bedroht durch „Todfeinde“,
die internationalen Finanzkapitalisten. Allerdings stellten das zk der sed in den „Lehren“ dem us-Imperialismus
nunmehr einen neuen Akteur zur Seite: die „zionistischen
Organisationen“. Imperialismus und Zionismus verschmolzen zu einem einzigen Verschwörungszusammenhang. „Die
zionistische Bewegung ... wird beherrscht, gelenkt und befehligt vom usa-Imperialismus, dient ausschließlich seinen
Interessen und den Interessen der jüdischen Kapitalisten.“
Der gleiche Vorgang zeigte sich auch bezüglich der in-
34
neren Feinde. Wurde schon seit Jahren die Wühlarbeit imperialistischer Organisationen behauptet, so griff das zk
nunmehr „die verbrecherische Tätigkeit der zionistischen
Organisationen“ in der ddr an. Paul Merker wurde vorgeworfen, er habe „alle Genossen jüdischer Abstammung“
aufgefordert, in jüdische Gemeinden einzutreten, um sie
mittels Care-Paketen der Hilfsorganisation Joint als Agenten
zu ködern. Indem die schon seit Jahren an die Wand gemalten gefährlichen Agenten des Imperialismus nunmehr mit
dem Adjektiv „zionistisch“ näher klassifiziert wurden, reproduzierte die sed das klassisch antisemitische Stereotyp
des landesverräterischen und zersetzenden Juden.
Darüber hinaus füllte die sed den aus Moskau kommenden Antizionismus noch mit dem spezifisch deutschen Thema Rückerstattung und Entschädigung. Paul Merker war
während des Nationalsozialismus nach Mexiko emigriert
und hatte die dortige kommunistische Exilgruppe geleitet.
Tief betroffen vom Schicksal der Juden, hatte er sich in zahlreichen Artikeln für die Gründung eines jüdischen Nationalstaates, für die Rückerstattung „arisierten“ Eigentums
sowie für Entschädigungszahlungen eingesetzt. Nach seiner
Rückkehr nach Deutschland war Merker in Politbüro und zk
der sed jedoch der einzige Befürworter von Rückerstattung
und Entschädigung. Eben dies warf das zk Merker in den
„Lehren“ nun vor. Seine Forderungen nach Rückerstattung
und Entschädigungsleistungen seien nichts als perfide Manöver von „zionistischen Monopolkapitalisten“ zur „Verschiebung von deutschem Volksvermögen“. „Es unterliegt
keinem Zweifel mehr, dass Merker ein Subjekt der usa-Finanzoligarchie ist, der die Entschädigung der jüdischen
Vermögen nur forderte, um dem usa-Finanzkapital das Eindringen in Deutschland zu ermöglichen. Das ist die wahre
Ursache seines Zionismus.“ Auch zu den Arisierungen der
35
Nazis nahm das zk der sed einen marxistisch-leninistisch
verbrämten Standpunkt ein: „Merker fälschte die aus den ...
Arbeitern herausgepressten Maximalprofite der Monopolkapitalisten in angebliches Eigentum des jüdischen Volkes
um. In Wirklichkeit sind bei der ‚Arisierung‘ dieses Kapitals
nur die Profite ‚jüdischer‘ Monopolkapitalisten in die Hände
‚arischer‘ Monopolkapitalisten übergewechselt.“ Damit hatte
die sed festgestellt, dass alle Juden raffende Monopolkapitalisten gewesen seien, die sich auf Kosten des „schaffenden
deutschen Volkes“ bereichert hätten und deshalb seitens der
sed mit keinerlei Rückerstattung zu rechnen hätten.
Auch die weitere Geschichte Merkers belegt die Antriebe
des Antizionismus der ddr: Paul Merker wurde nach Stalins Tod nicht freigelassen, sondern stand im März 1955 in
einem Geheimprozess vor dem Obersten Gericht der ddr.
Die Urteilsbegründung, zwei Jahre nach Stalins Tod verfasst,
warf Merker vor, er „propagierte ... die Entschädigung der
jüdischen Kapitalisten“ und damit „eine Nachkriegspolitik
für Deutschland ..., die nicht den Interessen des deutschen
Volkes, sondern denen des amerikanischen Imperialismus
entsprach“. „Weiter vertrat er ... zionistische Tendenzen, indem er ... die Schaffung eines jüdischen Nationalstaates propagierte“. Merker wurde zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt.
Lässt man die Ideologie und Propaganda der ddr vor dem
Slánský-Prozess Revue passieren, so wird deutlich, dass
diese in ihren Inhalten wie Struktur zahlreiche Ähnlichkeiten, Nähen und Überschneidungen zum „klassischen“
modernen Antisemitismus aufwies:
Schon seit 1949 hatte die sed in ihrer Propaganda ein
dem Antisemitismus teilweise überaus nahes Vokabular
benutzt: Sie sprach von „Börsenhyänen“ und „Parasiten“,
von der „unsichtbaren, aber allgewaltigen“ Herrschaft der
„Internationale der Wallstreet“, von der „Zersetzung“ durch
36
innere Feinde, forderte die „Entlarvung“ und „Ausmerzung“
von „Schädlingen“ und „Volksfeinden“ und agitierte gegen
„Dollarzinsknechtschaft“.
Entscheidender noch als die einzelnen Termini aber ist
die ideologische Gesamtstruktur, durch die diese Begriffe
ihre Bedeutung und Brisanz erst zugewiesen bekommen:
ein manichäisches Weltbild, das eine existentielle Bedrohung durch innere und äußere Todfeinde behauptete, Personalisierung und Verschwörungstheorie im Weltmaßstab
und die Entgegensetzung „werktätige Völker“ versus einem
Nicht-Volk bzw. Anti-Volk, die „Internationale der Bankiers“. Allein die prominente Stelle des Bösen war noch nicht
ethnifiziert, sondern von den „internationalen Finanzkapitalisten“ besetzt.
Zudem betrieb gerade die ddr eine deutsch-nationale
Propaganda, die sich mit ihrem Marxismus-Leninismus
bestens vereinbaren ließ. „Finanzkapital oder Nation“ – so
stand für die sed die Frage, ihre antisemitische Beantwortung war zwar nicht zwingend, wohl aber möglich. Als im
Zuge des Slánský-Prozesses der Imperialismus mit dem
internationalen Zionismus verschmolzen wurde und neben
die imperialistischen nun noch zionistische Kapitalisten
traten und neben imperialistischen nun auch zionistische
Agenten verfolgt wurden, stellte dies keine genuin neue
Argumentation dar. Zugespitzt formuliert: Durch den Zusatz der Adjektive „jüdisch“ und „zionistisch“ wurde das
strukturell mit dem Antisemitismus zu weiten Teilen deckungsgleiche Weltbild der sed gleitend auch inhaltlich
antisemitisch.
Der spätstalinistische „Antizionismus“ ist unverkennbar
eine Variante des „klassischen“ modernen Antisemitismus.
Zur Einpassung in den Marxismus-Leninismus bedurfte er
allerdings einer entscheidenden Camouflage: „Die Juden“
37
oder „das Judentum“ konnten nicht als Ziel genannt werden, eine derartige offensichtliche Ethnifizierung hätte sich
nicht mit dem Marxismus-Leninismus vereinbaren lassen.
Stattdessen gab man vor, etwas Politisch-Ökonomisches,
den „Zionismus“ und dessen Vertreter, die „Zionisten“, zu
bekämpfen. Zudem wäre es nach Auschwitz nicht opportun gewesen, „die Juden“ als Ziel zu nennen. Insofern zeigt
sich im spätstalinistischen „Antizionismus“ auch eine prototypische erste Formulierung eines Antisemitismus von
links nach Auschwitz, innerhalb dessen die sed mittels
sekundär-antisemitischer Verkehrung von Täter und Opfer
zusätzlich noch die Rückerstattung und Entschädigung als
Ausbeutung des deutschen Volks durch jüdische Kapitalisten ablehnen konnte.
38
IV.
Der Antizionismus der
Neuen Linken der brd
Seit Ende der 1960er bis Anfang der 1980er Jahre vereinte
ein antizionistischer Grundkonsens äußerst disparate und
sich mitunter bekämpfende Gruppen, Strömungen und Parteien der westdeutschen Linken: sds, Palästina-Gruppen,
marxistisch-leninistische, maoistische und trotzkistische
Kaderparteien, Spontis, Antiimperialisten und Autonome,
ddr-treue dkp, Gruppen des bewaffneten Kampfes, aber auch
kirchliche und „Dritte-Welt“-Gruppen, Alternativbewegung
und Teile der grünen. Zwar unterschieden sich diese Gruppen in der Vehemenz und der ideologischen Konsequenz,
mit welcher der Antizionismus formuliert und vertreten
wurde. Doch im Grundsatz war man sich einig, nicht umsonst wurde innerlinke Kritik am Antizionismus erst in
den 1980er Jahren laut: Sein antisemitischer Gehalt wollte
vorher niemandem auffallen. Darüber hinaus findet sich ein
derartiger Antizionismus, national leicht variiert, ebenso in
der gesamten Linken Westeuropas wie auch in den sozia51
listischen Staaten des Warschauer Paktes.
Grundlage dieser übergreifenden linken Gemeinsamkeit war eine von allen geteilte, relativ einfach gestrickte
Weltsicht: ein „antiimperialistisches Weltbild“, mit der
das Weltgeschehen geordnet und bewertet wurde. Deren
Grundzüge finden sich bereits in Lenins Imperialismustheorie und wurden von Kommunistischer Internationale
und Marxismus-Leninismus weiter schematisiert. Diese
Interpretationsschablone sieht die kapitalistische Welt
39
beherrscht von einem einheitlich agierenden Machtblock
aus Staat und Kapital, gesteuert von einer kleinen Clique
von „Herrschenden“. Diese halten in ihren Staaten „die
Beherrschten“ mittels direkter Repression, Befriedung per
Sozialpolitik sowie geschickter Propaganda nieder. Ungeschminkt brutal zeige sich der Imperialismus gegenüber
der „Dritten Welt“, wo er die „Völker“ unterdrücke, ausbeute
und mit Krieg überziehe.
Wohlgemerkt: Nicht die Parteinahme für die „Dritte Welt“
oder die grundsätzliche Kritik (spät-)kolonialer Machtpolitik
bildet das Problem, sondern die Simplizität und die Grundstrukturen dieser Weltsicht: Die ganze Welt wird eindeutig
in Gut und Böse, Opfer und Täter aufgeteilt. Alle Herrschaft
und alle Ausbeutung wird einer kleinen internationalen
Gruppe von „Herrschenden“, ihren verwerflichen Zielen
und Taten zur Last gelegt und damit personalisierend und
tendenziell verschwörungstheoretisch erklärt. Als Gegenpol
zu „Imperialismus“, „Herrschenden“ und „Finanzkapitalisten“ fungierte das „Volk“ im eigenen Land wie die „Völker
der Dritten Welt“.
Und je mehr sich Ende der 1960er Jahre die hochfliegenden Hoffnungen auf die kurz bevorstehende Umwälzung
aller Verhältnisse als Illusion erwiesen und das eigene „Volk“
sich wenig revolutionsbereit zeigte, desto mehr wollte die
Neue Linke in den nationalen Befreiungsbewegungen der
„Dritten Welt“ die Verkörperung der weltrevolutionären
Kräfte sehen. So enthusiastisch wie unkritisch wurden
verschiedenste „revolutionäre“ Befreiungsbewegungen heroisiert, verbunden mit einer romantisch-nationalistischen
52
Identifikation mit dem jeweiligen „kämpfenden Volk“.
„Sieg im Volkskrieg!“ lautete eine geläufige Parole.
Dieses antiimperialistische Weltbild stellt einen Schlüssel zum Verständnis des Antizionismus selbst wie auch
40
von dessen breiter Akzeptanz als Teil des linken Grundkonsenses dar. Nach 1967 wurde der Palästinakonflikt nur
noch wahrgenommen als ein Bestandteil des revolutionären
Kampfes der unterdrückten Völker der „Dritten Welt“ gegen den Imperialismus. Wenn man aber im Palästina-Israel-Konflikt ein sich wehrendes „Opfer-Volk“ sucht, so findet
man hierfür die palästinensische Seite; Israel dagegen muss
zum imperialistischen bösen Täter werden. Die dkp-Zeitung
Unsere Zeit führte 1975 aus: „Die Welt im Nahen Osten ist in
zwei Fronten geteilt. Da sind die arabischen Völker, die von
den progressiven Kräften der Welt ... unterstützt werden,
dem gegenüber stehen die zionistischen Kreise, die jüdische
Bourgeoisie und Monopole in und außerhalb Israels, die von
53
der gesamten kapitalistischen Welt unterstützt werden.“
Der jüdische Staat wurde verschmolzen mit Kapitalismus
und (us-)Imperialismus sowie verdammt als „Brückenkopf
des Imperialismus“ und „zionistischer Aggressorstaat“ mit
54
durch und durch schlechtem Wesen. Israel wurde charakterisiert als „Garten des Bösen“, als ein Staat, der „ein einziges Kontinuum des Verbrechens gegen die Menschlichkeit
55
ist“. Ebenso fungierte der Zionismus als Metapher für das
Böse schlechthin: Er „wehrt sich vehement gegen ein friedliches Zusammenleben der Völker“; angesichts der „durch
keine Vernunft und Menschlichkeit gebundenen Ungeheuerlichkeit zionistischer Aggressionen“ sei der Zionismus
„nicht nur der unversöhnliche und unreformierbare Feind
der Palästinenser, er ist auch unser Feind, er ist der Feind
56
aller Menschen“.
Die Gewalttaten „revolutionärer“ palästinensischer Gruppen inklusive Flugzeugentführungen, Geiselnahmen und
terroristischen Morden fanden dagegen Verständnis und
Beifall. Von der palästinensischen Bevölkerung war nur
in der kollektivierenden Formel „Volk“ die Rede. „Alle Ak-
41
tionen und Forderungen beweisen die Einheit des palästinensischen Volkes ... Israel ... ist mit dem gesamten Volk
57
konfrontiert.“ Auf „das Volk“ konnte sich die antiimperialistische und antizionistische Linke gar nicht oft genug
berufen. Die kpd erklärte 1974, sie unterstütze „rückhaltlos die gerechte Sache des palästinensischen Volkes. Es
ist unser fester Wunsch, dass sich die palästinensischen
Kämpfer ... fest auf die Volksmassen stützen, ... auf ... die
Kraft ihrer arabischen Brudervölker vertrauen und im lang
58
anhaltenden Volkskrieg ausharren.“
Israel dagegen durfte nach dem antiimperialistischen
Schema kein Volk haben. Manche Antizionisten gestanden
zwar die Existenz eines jüdischen Volkes zu, allerdings
habe Israel mit diesem rein gar nichts zu tun. Israel sei nur
„ein künstliches Gebilde“, das der Zionismus als „Heim59
stätte aller Juden tarnen“ würde. Andere Antizionisten
bestritten gleich generell die Existenz eines jüdischen Volkes. Die Juden seien ein „angebliches Volk“, „das niemals
60
existiert hat“. Um dies zu belegen, zitierten Antizionisten
gerne die palästinensische Nationalcharta: Die Palästinenser seien ein Volk mit „Heimatboden“ und einer „Identität“
qua Abstammung als „unauslöschliche“ Kennzeichen. Den
zerstreut in vielen Ländern lebenden „Zionisten“ dagegen
fehle all dies, erläuterte 1989 die in Marburg erscheinende
antizionistische Zeitschrift Al Karamah: „Sie bilden keine
Nation und müssen sich nationale Eigenschaften durch
61
Raub erwerben.“
Zahlreiche weitere klassisch antisemitische Stereotype
flossen in die von einer solchen Weltsicht geprägte antizionistische Agitation ein: Al Karamah schrieb 1986 von der
„zionistischen Weltbewegung“, das Antiimperialistische
Informationsbulletin 1971 von den „zionistischen Multimillionären, die ... sich immer wieder zu privaten Konfe-
42
62
renzen (treffen), um Israels Aggression zu unterstützen“.
Es findet sich (die auch heute nicht unbekannte) Klage über
die „Beherrschung der Weltöffentlichkeit durch die zionistische Propaganda“, die „jede kritische Äußerung gegen den
zionistischen Staat Israel zum Schweigen zu bringen“ ver63
suche. Unbefangen wurde vom „jüdischen Kapital“, dem
„internationalen Zionismus“ oder dem „Weltzionismus“ ge64
schrieben. Der Kommunistische Bund bezeichnete Israel
als ein „mit geraubtem Land und geschnorrtem Geld errichtetes künstliches Gebilde“, ein Journalist der Zeitschrift
65
Konkret attestierte Israel einen „parasitären Charakter“.
Was tun, wenn ein echtes bodenverbundenes „Volk“ von
einem genuin bösen, „räuberischen“, „parasitären“ und
„künstlichen“ „Gebilde“ bedroht wird? Der Kommunistische
Bund 1973: „Der Konflikt im Nahen Osten kann nicht anders
gelöst werden als durch die Zerschlagung des zionistischen
Staates.“ Der sds Frankfurt 1970: „Nieder mit dem chauvinistisch-rassistischen Staatengebilde Israel.“ Die bundesweit
verbreitete Autonomen-Zeitschrift interim aus Berlin 1992:
66
„Israel muss weg!“ Und der Kommunistische Bund Westdeutschland ließ 1975 den Gründer der palästinensischen
dflp für sich sprechen: „Wir sind diejenigen, die kämpfen,
um den Staat Israel zu vernichten, das zionistische, kolonisatorische und koloniale Gebilde zu zerstören und es mit
67
seinen Wurzeln herauszureißen“.
Um allerdings derart gegen den jüdischen Staat zu agitieren, musste die Shoah möglichst dethematisiert werden.
Der Dimitroffschen Faschismus-Definition folgend, stellte
die Linke in ihren Faschismusanalysen ausführlich die Zerschlagung der Arbeiterbewegung, die Profite der Industrie,
die Unterdrückung der Arbeiterschaft und den kommunistischen Widerstand dar. Antisemitismus dagegen fand
sich nur kurz erwähnt als Ablenkungspropaganda der Herr-
43
schenden und die Vernichtung der Juden als ein weiteres
Beispiel für die Brutalität finanzkapitalistischer Diktatur.
Diese in der Linken verbreitete Marginalisierung der Sho68
ah machte es Antizionisten leicht, Israel von Auschwitz zu
trennen und seine „Zerschlagung“ zu fordern.
Entsprechend empfindlich reagierten sie auf jede Erinnerung an Auschwitz. In der 1979 im deutschen Fernsehen mit
großem Publikumserfolg ausgestrahlten us-Fernsehserie
„Holocaust“, welche die Judenvernichtung verpackt in eine
Familiengeschichte thematisierte, wollte der Kommunistische Bund Westdeutschlands (kbw) nichts als „zionistische
69
Propaganda“ sehen. Das Nahostkomitee Heidelberg warnte
vor diesem „hinterhältigen Legitimationsversuch für den
imperialistischen Brückenkopf Israel“ – die imperialistisch-zionistische Verschwörung reichte für manchen Anti70
zionisten bis in Hollywoods Filmindustrie hinein.
War der Nationalsozialismus entsprechend der Dimitroffschen Faschismus-Formel aber nichts als die Diktatur
der Finanzkapitalisten, so konnte die Mitte der 1970er Jahre
links majorisierte Evangelische Studentengemeinde erklären: „Das erste Opfer des Faschismus war das deutsche
71
Volk selber.“ Die kpd verkündete zur gleichen Zeit, dass
die deutsche Monopolbourgeoisie „bis zum Schluss das
72
Mark aus den Knochen des eigenen Volkes ... saugte“. Der
kb schlussfolgerte 1975: „Vergangenheitsbewältigung ist
ein Begriff, den die Arbeiterklasse nicht nötig hat. Sie hat
doch die Leiden des Faschismus und des Krieges am grau73
samsten und am krassesten am eigenen Leibe verspürt.“
Insbesondere sich selbst attestierten deutsche Antizionisten
qua später Geburt und linkem Bewusstsein, dass sie nichts
mit dem ns zu tun hätten. „Die junge Generation in der
Bundesrepublik ... fühlt sich für die Naziverbrechen an den
74
europäischen Juden nicht verantwortlich.“
44
So wenig die Neue Linke über Antisemitismus, Auschwitz,
deutsche Verantwortung oder gar eigenes Verhaftetsein
darin nachdenken wollte, so treffsicher wusste sie, wo in
der Gegenwart der neue Faschismus-Nationalsozialismus
zu finden sei: Die penetrante Gleichsetzung von Israel mit
dem Nationalsozialismus ist ein durchgängiges Kennzeichen gerade des deutschen Antizionismus. So behauptete
der sds Heidelberg, die israelische Regierung wolle „mit den
arabischen Völkern ebenso verfahren ... wie die Nazis mit
75
den Völkern Polens und der udssr“. Die kpd bezeichnete
die Zionisten 1973 als „die Nazis unserer Tage“, die Palästi76
na „araberfrei“ machen wollten. Die raf schrieb in ihrer
Lobeshymne auf die Geiselnahme der israelischen Olympiamannschaft in München durch palästinensische Terroristen vom „Moshe-Dayan-Faschismus – diesem Himmler Is77
raels“, der „seine Sportler verheizt wie die Nazis die Juden“.
In unzähligen Karikaturen wurde der Davidstern mit dem
Hakenkreuz verschmolzen, man schrieb von „Nazisrael“
78
oder vom „Nazionismus“. Die Zeitschrift Al Karamah verkündete in den späten 80er Jahren gar, „die faschistischen
Vernichtungsmaßnahmen des zionistischen Siedlerstaates“ würden jene „des deutschen Faschismus bei weitem
79
übertreffen“. Und in nationalistisch-antisemitischer Wir/
Sie-Entgegensetzung stellten deutsche Antizionisten fest,
80
„so sind sie uns perverserweise ähnlich geworden“. In solchen Projektionen liegt nicht nur die Entlastung der Deutschen von ihrer Vergangenheit: Erklärt man die Zionisten/
Juden/Israelis zu den Nazis von heute und die Palästinenser
81
zu den „Juden der Juden“, ist dies auch eine Aufforderung
zum „antifaschistischem Kampf“ gegen den jüdischen Staat.
Im Nordirland-Info hieß es dementsprechend 1983 drohend:
„Die Juden sollen nicht glauben sie hätten durch unsere Ta82
ten eine Art Mordbonus erhalten.“
45
Das Bekennerschreiben der Tupamaros Westberlin für den
bereits erwähnten missglückten Anschlag auf das jüdische
Gemeindezentrum am 9. November 1969 erklärte, dass das
Datum bewusst gewählt worden sei. Der Anschlag und das
Beschmieren „jüdischer Mahnmale“ seien aber keine rechten Taten, sondern „wahrer Antifaschismus“, denn „aus den
vom Faschismus vertriebenen Juden sind selbst Faschisten
geworden, die in Kollaboration mit dem amerikanischen
83
Kapital das palästinensische Volk ausradieren wollen.“
Dieter Kunzelmann, der Initiator des Anschlags, forderte
in der Berliner Untergrundzeitschrift Agit 883, die deutsche
Linke müsse endlich ihren „Judenknax“, das schlechte Gewissen wegen Auschwitz, überwinden und zusammen mit
der Al Fatah den Kampf gegen „die faschistische Ideologie ‚Zionismus‘“ und das „Dritte Reich“ Israel aufnehmen.
„Wann endlich beginnt ... der organisierte Kampf gegen die
84
heilige Kuh Israel?“
Was bleibt als Fazit festzuhalten? Der Antizionismus
konstruiert kein umfassendes Weltbild zur Erklärung der
Moderne wie der klassische Antisemitismus, wohl aber erklärt er den Israel-Palästina-Konflikt nach eindeutig antisemitischem Muster. Schon das antiimperialistische Weltbild
ist geprägt von Manichäismus, personalisierendem und verschwörungstheoretischem Denken, von Nationalismus und
der Entgegensetzung von „Völkern“ und internationalem
Imperialismus. Es weist in seiner Struktur somit deutliche
Nähen zum Antisemitismus auf. Allerdings: Das Feindbild,
das anationale Finanzkapital, wird nicht ethnifiziert.
Wird aber der Israel-Palästina-Konflikt innerhalb dieses
Schemas gedeutet, so entsteht schnell ein israelbezogener
Antisemitismus, wie er sich (unterschiedlich deutlich ausformuliert) auch im antizionistischen Schrifttum zeigt.
Denn setzt man den jüdischen Staat an die Position des
46
genuin Bösen, so wird das Feindbild zwangsläufig ethnisiert: „Zionisten“ genannte Juden werden mit Imperialismus und internationalem Finanzkapital identifiziert (wenn
auch nicht das Finanzkapital mit den Juden), Zionisten beziehungsweise „jüdische Kapitalisten“ seien weltweit vernetzt und Teil der „(us-)imperialistischen Verschwörungen“
gegen „die arabischen Völker“ im Allgemeinen und das
palästinensische „Volk“ im Besonderen. Die Juden dürfen
kein echtes „Volk“ sein und Israel könne nur ein „imperialistischer Brückenkopf“ sein: kein jüdischer Nationalstaat,
ein bloßes „zionistisches Gebilde“, das mit antisemitischen
Attributen wie „räuberisch“, „künstlich“ und „parasitär“ belegt wird. Das ist die klassisch antisemitische Konstruktion:
Ein echtes „Volk“ ist bedroht von einer anationalen, internationalen, genuin bösen Macht, die mitunter gar zum „Feind
aller Menschen“ gerät.
Darüber hinaus zeugen die Gleichsetzungen von Israel
oder dem Zionismus mit dem Nationalsozialismus und der
damit einhergehenden Verkehrung von Täter und Opfer von
einem auch in der deutschen Linken virulenten Verlangen:
Erklärt man Israel zum Faschismus der Gegenwart, so sind
die Deutschen entlastet durch die Belastung der Juden. Im
deutschen Antizionismus ist also auch der sekundäre Antisemitismus deutlich präsent.
47
V.
Antisemitismus von links
im 21. Jahrhundert
Wie der geschichtliche Abriss sowie die beiden Fallbeispiele
zeigen, ist Antisemitismus auf linker Seite nicht nur historische Realität, sondern auch ein internationales und gegenwärtiges Phänomen. So begann nach den Anschlägen vom
11. September 2001 und der weltweiten Zunahme des Antizionismus im Zuge der zweiten Intifada eine internationale
Debatte über einen „neuen Antisemitismus“, der sich vor
85
allem gegen den „Ersatzjuden“ Israel richte. Doch wie nicht
zuletzt die aktuelle Kontroverse um die in England, den usa
und Skandinavien erheblich stärkere bds-Bewegung zeigt,
ist eine dezidiert antizionistische Positionierung innerhalb der Linken außerhalb Deutschlands deutlich weniger
86
umstritten.
In der Auseinandersetzung um Antisemitismus von links
werden zumeist unterkomplexe und von den eigenen politischen Standpunkten geprägte Antisemitismus-Definitionen
verwendet. So will etwa die Partei die linke erst dann von
Antisemitismus sprechen, wenn jüdische Menschen direkt
diskriminiert werden oder wenn sich explizit ausgesprochener Hass gegen ausnahmslos jeden Juden richtet. Mittels
solcher überaus engen Definitionen kann ein Selbstfreispruch umgehend erfolgen.
Dagegen fassen Definitionen der Antisemitismuskritiker
Antisemitismus meist relativ weit und nicht scharf genug.
87
Der häufig angewandte „3-D-Test“ für den israelbezogenen
48
Antisemitismus mittels der drei Kriterien Doppelstandards,
Dämonisierung und Delegitimierung ist zwar als heuristisches Mittel durchaus brauchbar. Aber doppelte moralische
Standards und Dämonisierung des Gegners finden sich in
allen ausgeprägteren Konflikten auf beiden Seiten. Und
selbst die Delegitimierung Israels könnte auch anderen als
nur antisemitischen Motiven entspringen. Häufig zu findende Definitionen wie „Feindschaft gegen die Juden, weil sie
Juden sind“, oder „eine bestimmte Wahrnehmung von Ju88
den, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann“,
sind relativ unspezifisch und entsprechend wenig trennscharf: Es bleibt unklar, was das Besondere des modernen
Antisemitismus ausmacht, und damit auch, was ihn von
Rassismus, vom religiösen Antijudaismus des Mittelalters
oder von nationalistischem Hass auf Israelis beziehungsweise auf Juden unterscheidet.
Der in Kapitel II vorgestellte Begriff des modernen Antisemitismus soll deswegen Analysekriterien bieten für ein begründetes Urteil über potenziell antisemitische Aussagen.
Der moderne Antisemitismus wird hier verstanden als eine
spezifische Weltsicht, die den Juden die abgelehnten Phänomene der modernen Gesellschaft zur Last legt und ihnen
gegenüber das Wunschbild einer harmonischen nationalen
Gemeinschaft zeichnet. Dieses Weltbild ist strukturiert
durch vier grundlegende Denkprinzipien:
(1) Personalisierung gesellschaftlicher Phänomene mit der
Folge verschwörungstheoretischer Vorstellungen von einer umfassenden, hinter den Kulissen wirkenden Macht,
die Wirtschaft, Politik, Medien und Kultur bestimmt;
(2) Ethnifizierung sowohl der Juden als auch der Eigengruppe zu identitären Kollektiven;
49
(3) Konstruktion der Juden als ein außerhalb der Gemeinschaft „normaler Völker“ stehendes Anti-Volk, als „Feind
aller Völker“;
(4) kontrafaktische Täter-Opfer-Dichotomie bis hin zu einer
tödlichen Bedrohung der Existenz und der Identität der
Eigengruppe durch jüdische Angreifer mit entsprechend
gewaltförmigen Lösungsperspektiven.
Zwar ist nach Auschwitz in den westlichen Ländern ein
offener, öffentlich geäußerter und zu einer umfassenden
Weltanschauung ausformulierter Antisemitismus nur relativ selten. Wohl aber bestehen die einzelnen stereotypen
Vorstellungsgehalte über Juden wie auch die Tendenz zur
Personalisierung gesellschaftlicher Entwicklungen, das Bedürfnis nach nationaler Gemeinschaft, und das Denken im
simplen Täter-Opfer-Schema weiterhin fort. Entsprechend
häufig finden sich weiterhin Versatzstücke antisemitischen
Denkens oder dieses wird als antisemitische Deutung des
Israel-Palästina-Konflikts oder als sekundär-antisemitische
Schuldabwehr virulent. Hierbei findet allerdings meist eine
bewusste oder unbewusste sprachliche und argumentative
Camouflage des Ressentiments statt. Um solch weniger
expliziten, weniger weltbildhaften und camouflierten Antisemitismus zu erkennen und zu belegen, aber auch um
nicht vorschnell Antisemitismus zu attestieren, bedarf es
daher im Einzelfall einer genauen Analyse. Bei dieser geht
es nicht allein um einzelne Worte, Stereotype und Aussagen, sondern um die zugrunde liegende Gesamtstruktur
des Denkens, durch den erstere erst ihre Bedeutung zugewiesen bekommen: Werden bestimmte gesellschaftliche
Phänomene personalisiert und verschwörungstheoretisch
gedeutet? Findet sich die Entgegensetzung Volksgemein-
50
schaft versus „jüdischer“ Gesellschaft oder die Bedrohung
„nationaler Identität“ durch „Jüdisches“? Werden Täter und
Opfer sekundärantisemitisch verkehrt? Im Einzelfall ist
das Urteil immer begründungspflichtig, manchmal ist es
schwierig zu fällen und entsprechend strittig.
In der Anfang des Jahrtausends rapide wachsenden globalisierungskritischen Bewegung hatte sich ein weites Spektrum von linken Christen, Gewerkschaftern, Grünen bis hin
zu Autonomen und Kommunisten zusammengefunden,
aus der immer wieder auch eine personalisierende und auf
den Finanzsektor fixierte Globalisierungskritik formuliert
wurde. Es war die Rede von der „Gier“ der „gewissenlosen
Eliten“, im „Handbuch für Globalisierungskritiker“ wurde
die „Wucherei“ kritisiert, in einem Attac-Gutachten wurden
Finanzspekulanten als „Parasiten“ charakterisiert, Attac
Österreich schrieb vom Gegensatz von „Finanzkapital“ und
„Realkapital“. Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler sprach
von der „Weltherrschaft“ einer „ganz kleinen Gruppe von
Oligarchen, die das Finanzkapital beherrschen“, einer
„Horde wild wütender Spekulanten“. Der kanadische Ökonom Michel Chossudovsky behauptete, weltweit seien alle
Konflikte „künstlich erzeugt“ und „offen oder geheim von
den westlichen Eliten finanziert“. Diesen „Herrschenden“
wurden immer wieder „die Völker“ oder gar „die Menschheit“ entgegengestellt, deren „Kultur“, „Moral“ und gemeinschaftlicher Zusammenhalt zunehmend von Auflösung
bedroht sei. Ein von No-Globals verbreitetes Zitat des Zapatisten-Führers Subcommandante Marcos sprach vom
89
„internationalen Krieg des Geldes gegen die Menschheit“.
Nationalistische, auf den Finanzsektor reduzierte Kapitalismuskritik zeigte sich seinerzeit auch bei der sozialdemokratischen Linken. Der spd-Vorsitzende Franz Müntefering
löste 2005 mit seiner Rede von den internationalen Finanz-
51
investoren, die wie „Heuschreckenschwärme“ über Industrieunternehmen herfielen, eine längere Debatte aus, über
die sich diese assoziationsreiche Tiermetapher (auf einer
Verdi-Demonstration wurde auf einem Transparent einer als
„Börsenungeziefer“ bezeichneten Heuschrecke mit Gift aus
90
der Sprühdose begegnet) weit verbreitete. Noch problematischer waren 2005 die Illustrationen des Monatsmagazins
der ig Metall zu der Titelgeschichte „Die Aussauger. us-Fir91
men in Deutschland“. Auf dem Cover prangte im Großformat eine Stechmücke mit langem spitzem Saugrüssel,
einem Goldzahn, Stars-&-Stripes-Zylinder, Dollarzeichen
in den Augen und einem Koffer voller Geldscheine in der
Hand; im Heft flog ein riesiger Schwarm dieser Blutsauger
im Sturzflug auf eine deutsche Fabrik zu, deren Schornstein
bereits kraftlos in sich zusammensackte.
All das richtete sich nicht gegen Juden und kann daher
nicht als Antisemitismus bezeichnet werden, doch gleichwohl gibt es bedenkliche Nähen: Personalisierung, der Gebrauch von auch im Antisemitismus häufig verwendeten
Tiermetaphern wie Heuschrecke oder Krake, verschwörungstheoretische Tendenzen, die Entgegensetzung einer
kleinen macht- und profitgierigen internationalen Finanzelite versus „nationaler Arbeit“, „Völker“ oder „Menschheit“
zeigen deutliche strukturelle Nähen zur antisemitischen
Weltsicht.
Dass ein solcher Antikapitalismus auch antisemitische
Affekte ansprechen kann, zeigen Vorfälle bei der 2011 von
New York ausgehenden Occupy-Wall-Street-Bewegung.
Die Bewegung behauptete, für die unteren 99 Prozent der
Menschheit zu sprechen, denen sie das oberste ein Prozent entgegensetzte. Folgerichtig verkündete ein Schild auf
einer Berliner Occupy-Demonstration: „Eine Welt ohne 1 %
ist nötig“, in Hamburg wurde gefordert „Bring your Banker
52
to your Henker“. In New York tauchten bei Occupy-Protesten vereinzelt antisemitische Schilder auf wie „Humanity
vs. the Rothschilds“ oder „Zionists control Wall St.“, in Los
Angeles verbreitete eine Occupy-Aktivistin Entsprechendes
92
offen in Fernsehinterviews.
Das häufigste Einfallstor für Antisemitismus von links
stellt allerdings der Israel-Palästina-Konflikt dar. Zwar ist
der Antizionismus heute nicht mehr linker Konsens und
artikuliert sich meist nicht mehr so offen und rabiat wie jener der 1970er Jahre. Doch in der heute so genannten „Israelkritik“ insbesondere von antiimperialistischer, orthodoxer
und trotzkistischer Seite, in der globalisierungskritischen
Bewegung, in Teilen der Partei die linke, bei Autoren der
Zeitung Junge Welt und anderen – finden sich regelmäßig
die meisten schon aus den 1970er Jahren bekannten Momente des Antizionismus mit teilweise leicht verändertem
Vokabular wieder.
Innerhalb der einfachen antiimperialistischen Gut-Böse-Weltsicht ist etwa für Werner Pirker von der Jungen Welt
allein der jüdische Staat „die treibende Kraft der ständigen Reproduktion der Barbarei in der Nahost-Region“ und
bildet „in nahöstlicher Aktionseinheit mit der alleinigen
Supermacht usa das Gravitationszentrum des imperialis93
tischen Krieges“. Damit einher geht die Identifikation mit
der „guten“ Seite: Die islamistische, antisemitische, Frauen
unterdrückende, diktatorisch herrschende Hamas galt dem
trotzkistischen Linksruck als „Befreiungsbewegung gegen
den Imperialismus“ und einzelnen Politikern der Partei
die linke als „unsere Verbündeten“ oder als „Volksbefreiungsbewegung“, die, so der außenpolitische Sprecher der
linken-Bundestagsfraktion Norman Paech 2008, lediglich
94
„Neujahrsraketen“ auf Israel abfeuere.
Israel ist für antiimperialistische und antizionistische
53
Linke weiterhin kein richtiger, kein „natürlicher“ Staat,
die Israelis sind keine „Nation“: Werner Pirker urteilt in
der Jungen Welt, Israel sei „als Staat ohne Nation“ „aus der
Retorte“ entstanden und die „Künstlichkeit seiner Existenz
95
evident“. Deshalb sei, so war bis 2011 auf der Website der
Bremer linken zu lesen, die „Anerkennung des Existenz96
rechts Israels“ ein „ideologisches Hirngespinst“. Der Fraktionschef der linken in Duisburg bezeichnete die Frage des
97
Existenzrechts Israels als „läppisch“.
Boycott, Divestment and Sanctions (bds)
In jüngster Zeit ist eine neue antizionistische Kampagne
zunehmend aktiv: der internationale Israel-Boykott bds
(Boycott, Divestment and Sanctions), der 2005 von 171 „Reprä98
sentantInnen der palästinensischen Zivilgesellschaft“ ausgerufen wurde. Israel sei, so der Gründungsaufruf, größtenteils auf Land gegründet worden, das „ethnisch gesäubert“
worden sei, habe wie ehemals Südafrika ein Apartheidsystem installiert und breche mit seiner Besatzung und
Siedlungspolitik anhaltend internationales Recht. Damit
verstoße Israel gegen „die universellen Prinzipien der Menschenrechte“.
Mittels eines gewaltlosen und umfassenden Boykotts auf
politischem, wirtschaftlichem, akademischem und kulturellem Gebiet sollen drei Kernforderungen durchgesetzt
werden: Beendigung der „Besetzung und Kolonisation allen
arabischen Landes“ sowie der „in Israels System verwurzelten rassistischen Diskriminierung“ der palästinensischen
Israelis und das „Rückkehrrecht“ aller palästinensischen
Flüchtlinge „in ihre Heimat und zu ihrem Eigentum“.
Ein palästinensisches bds National Committee (bnc) gibt
die Richtlinien vor und koordiniert das internationale Netz-
54
werk unterschiedlicher Unterstützergruppen und Initiativen, von denen sich viele als „links“ verstehen. Am stärksten
ist die Kampagne in Kanada, den usa, Großbritannien sowie
den skandinavischen Ländern vertreten, vor allem an den
Universitäten und im kulturellen Bereich.
In Deutschland macht bds erst seit 2014 durch verschiedene Aktivitäten von sich reden. Aktivisten in weißen Kitteln mit der Aufschrift „bds-Inspektion“ durchsuchten das
Obst- und Gemüse-Sortiment von Supermärkten nach Waren aus den Siedlungen im Westjordanland. Außerdem gibt
es Kampagnen gegen Firmen, denen auch nur mittelbare Geschäftsverbindungen zu den besetzten Gebieten nachgesagt
werden, Störungen von pro-israelischen Veranstaltungen
sowie Boykottaufrufe gegen Festivals und Events, bei denen
israelische Künstler auftreten.
Im Mai 2019 verurteilte eine breite Mehrheit des Bundestags bds mittels einer relativ weiten Antisemitismusdefinition als generell antisemitisch und beschloss, keine Organisationen oder Projekte finanziell zu fördern, die bds aktiv
unterstützen. Hiergegen erhob sich allerdings auch Widerspruch. So wandten sich etwa 60 israelische und jüdische
Wissenschaftler in einem Appell gegen den bds-Beschluss
des Bundestages: Es gebe eine zunehmende Tendenz, alle
Unterstützer palästinensischer Menschenrechte als Antisemiten abzustempeln. bds aber sei nicht antisemitisch,
sondern eine gewaltfreie, antirassistische und an den Men99
schenrechten orientierte Bewegung.
Ist bds als antisemitisch zu bezeichnen? Nach dem hier
vorgeschlagenen Antisemitismus-Begriff genügt es nicht,
nur einzelne Aussagen zu betrachten. Denn etwa eine extrem parteiische Sicht und Doppelmoral sind kein Alleinstellungsmerkmal des Antisemitismus. Und so sehr auch
ein gegen Israel gerichteter Boykott an die ns-Zeit erinnert,
55
muss er nicht per se antisemitisch sein: Es kommt auf den
Gesamtzusammenhang an. Dieser sei hier kurz skizziert.
bds präsentiert sich als gewaltfreie Aktion aus der Zivilgesellschaft. Allerdings war an der Gründung von bds das
Council of Palestinian National and Islamic Forces an führender Stelle beteiligt. Diese „zivilgesellschaftliche Organisation“ ist eine Koalition von 15 politisch-militärischen
Organisationen, darunter die Hamas, der Islamische Dschihad und die pflp. Alle drei sind militant, antisemitisch,
verantwortlich für Raketenangriffe und Suizidanschläge
auf die israelische Zivilbevölkerung. Seitens bds gibt es keinerlei Distanzierung von gewaltsamen und terroristischen
Aktionen. Omar Barghouti, der wohl bekannteste Kopf des
bnc, erklärt ausdrücklich, er sei „stolz“ auf den „bewaffneten Widerstand“, denn eine Bevölkerung unter Besatzung
100
habe ein Recht auf „Widerstand mit allen Mitteln“. Ebenso
befinden sich unter dem bds-Aufruf auch ngos, die durch
Antisemitismus aufgefallen sind oder palästinensische At101
tentäterinnen verehren. In Deutschland wiederum sind
einige bds-Gruppen den örtlichen pflp-Ablegern verbunden
und bewarben zum Bespiel deren Veranstaltungen mit einer
102
früheren Terroristin. Im Zuge von bds-Veranstaltungen,
Aktionen und Demonstrationen kommt es immer wieder zu
103
antisemitischen Parolen und gewalttätigen Übergriffen.
Wichtiger aber noch sind die Ziele von bds und deren Begründung. Auf den ersten Blick scheinen die unter Berufung
auf Menschen- und Völkerrecht vorgebrachten Forderungen
vielen unterstützenswert, doch beim genauen Hinsehen
zeigt sich ein anders Bild.
(1) b
ds fordert die Beendigung der Besetzung „allen arabischen Landes“. Ob dies nur die seit 1967 besetzten Gebiete
meint oder ganz Israel wird – erst einmal – bewusst im
56
Diffusen gelassen.
(2) bds fordert ein „Rückkehrrecht“ für alle Flüchtlinge.
Im Zuge der Kriege 1948 und 1967 gab es etwa eine Million Flüchtlinge. Da aber, weltweit einmalig, auch all
deren Kinder, Enkel und so weiter als Flüchtlinge gezählt werden, bezieht sich die Forderung nach einem
Recht auf Rückkehr auf mittlerweile über fünf Millionen
Menschen. Doch würden alle, die deswegen formal als
Flüchtlinge zählen, nach Israel einwandern, entstünde
eine palästinensische Bevölkerungsmehrheit. Eben dies
benennt Omar Barghouti offen als den Grund für das Insistieren auf einem „unveräußerlichen Recht“ auf Rückkehr: „A return for refugees would end Israel‘s existence
1 04
as a Jewish state.“
un-Beschlüsse und Völkerrecht – der un-Teilungsbeschluss
von 1947 oder die Anerkennung Israels durch die un – zählen
offensichtlich nicht, wenn sie Israels Existenz versichern.
Barghouti wie andere führende Köpfe von bds sprechen sich
dezidiert gegen die Zwei-Staaten-Lösung aus: „Most definitely we oppose a Jewish state in any part of Palestine. No
105
Palestinian ... will ever accept a Jewish state in Palestine.“
Als positives Ziel wird „ein demokratischer Staat“ in ganz
Palästina propagiert, der palästinensisch sein wird. Zumal
die Juden gar keine richtige Nation seien: „Binationalism
makes two problematic assumptions: that Jews are a nation, and that such a nation has a right to exist as such in
106
Palestine.“ In Israel gebe es keine „jüdische Nation“, sondern zugewanderte „weiße Siedler“ und „Kolonisatoren“,
die eine „rassistische Herrschaft“ über das autochthone
palästinensische Volk errichtet hätten. Dabei wird Israel
nicht nur der Besatzung und Unterdrückung der unter Mi-
57
litärherrschaft stehenden Bevölkerung, völkerrechtlich illegaler Siedlungen, Enteignungen und anderem angeklagt.
Vielmehr werden regelmäßig auch historisch falsche und
begrifflich unangebrachte Vorwürfe wie die der Apartheid in
Israel, der ethnischen Säuberung oder gar des Genozids erhoben. Innerhalb dieses Feindbildes ist Israel nicht – wie die
Juden im Antisemitismus – der Schlüssel zur Erklärung alles
Bösen der modernen Gesellschaft. Wohl aber verkörpert „der
Zionismus“ alle abzulehnenden Übel wie Rassismus, Kolonialismus, Imperialismus, rücksichtslose Unterdrückung,
Apartheid oder ethnische Säuberungen. Der Zionismus ist
der Antagonist des unschuldigen Opfers, des palästinensischen Volks, sowie der ganzen arabischen Welt, aber auch
von allen Grundwerten der internationalen Gemeinschaft.
Auch verschwörungstheoretische Tendenzen finden sich
bei bds deutlich. So präsentieren sich bds-Gruppen, schlägt
ihnen politischer Widerstand entgegen, regelmäßig als Opfer der auch verdeckt wirkenden „Israel-Lobby“. Entsprechend verlautbart das bnc, Israel, dessen Lobbygruppen
sowie „Milliardäre“ hätten „eine beispiellose weltweite und
finanziell gut ausgestattete Kampagne gestartet, um das
palästinensische Narrativ zum Schweigen zu bringen“ und
bds zu „kriminalisieren“, was im Westen „die bürgerlichen
107
Freiheiten insgesamt“ bedrohe. Auch Omar Barghouti
beklagt immer wieder den „zionistischen Einfluss in den
Medien“ und Israels „enorme Macht und ... beispiellosen
Einfluss auf Washington“: „Der Kongress ist gekauft und bezahlt von der israelischen Lobby.“ Nicht anders sei die Lage
in Europa: Israel „has protégés that are handsomely paid ...
Israel has managed to dictate the discourse, the political
line, in the European mainstream media, parliaments and
108
power milieus.“
Was bleibt als Fazit festzuhalten? bds bleibt in Wortwahl
58
wie Argumentationsweise verschleiert und diffus und ist
so in der Lage, ein möglichst breites Spektrum hinter seiner Kampagne zu vereinen. In Deutschland beteiligen sich
palästinensische, arabische, islamistische, jüdische, christliche sowie linke bis antiimperialistische Gruppen und Personen an der Kampagne. Argumentiert wird mit Menschenund Völkerrecht, Antirassismus und Antikolonialismus,
doch das letztendliche Ziel der Kampagne ist ein palästinensisches Palästina durch das Ende Israels. Geworben wird
auch mit Vokabeln wie Zivilgesellschaft und Gewaltfreiheit
sowie der Behauptung, sich nicht gegen Juden, sondern nur
gegen „Zionisten“ zu wenden. Dem aber widerspricht nicht
nur, dass Hamas und andere unter den bds-Gründern zu
finden sind: Die sechs Millionen jüdische Israelis dürften
wohl kaum gewaltfrei von einer Auflösung ihres Staates zu
überzeugen sein. Insofern ist bds primär eine Aktionsform
eines radikalen, kompromisslosen und letztendlich gewaltförmigen palästinensischen Nationalismus.
Innerhalb dieses Nationalismus finden sich zudem Elemente des Antisemitismus, was angesichts des in Predigten,
Zeitungen und tv verbreiteten offenen Antisemitismus in
den palästinensischen Gebieten wie auch in der arabischen
Welt generell – den etwa Omar Barghouti völlig in Abrede
109
stellt – kaum verwunderlich ist. bds hat antisemitische
Mitglieder, toleriert und ignoriert Antisemitismus, bestreitet seine Existenz, die bds-Argumentation ist zumindest
als teilweise antisemitisch zu klassifizieren: In einem radikalen Gut-Böse- ebenso wie im Täter-Opfer-Antagonismus ist der Zionismus das durch und durch Böse und die
Juden beziehungsweise Israelis gelten bds nicht als richtiges
„Volk“ oder „Nation“ wie die Palästinenser. Es finden sich
deutliche verschwörungstheoretische Vorstellungen von der
jüdisch-israelisch-zionistischen Macht, die mittels Geldes
59
und Lobbyarbeit Politik und Medien beeinflusse, kaufe und
steuere. Zwar wird nicht die gesamte moderne Welt mittels
der Juden erklärt, wohl aber gelten sie als das Grundübel im
arabischen Raum, als westliches Implantat, das beseitigt
werden muss.
Abgesehen davon, wie hoch der Anteil von Antisemitismus bei bnc, bds oder einzelnen bds-Gruppen ist: bds ist
Ausdruck eines kompromisslosen Nationalismus, dessen
Ziel die Auflösung des jüdischen Staates ist. Schon dies
sollte genügen, sich von der Kampagne zumindest fernzuhalten. Dennoch beteiligen sich viele Linke an der bds-Bewegung und arbeiten mit Gruppen zusammen, die nicht
nur nationalistisch, sondern teilweise islamistisch und
antisemitisch (sowie auch autoritär, frauenfeindlich und
homophob) sind. Die Ursachen hierfür gleichen jenen für
den linken Antizionismus der 1970er Jahre: Zum einen ein
Weltbild, das komplizierte politische Konflikte nach einem
simplen Gut-Böse-Schema sortieren will, gepaart mit dem
nationalistischen Bedürfnis, sich mit einem gegen das Böse
kämpfenden „Volk“ zu identifizieren. Zum anderen ist aber
immer auch zu fragen, welches die Antriebe sind, warum
sich so viele Linke speziell auf den Israel-Palästina-Konflikt
konzentrieren und weshalb gerade dieser so viel Emotion
und Identifikation hervorzurufen vermag.
60
61
001 Vgl. Salzborn, Samuel/Voigt, Sebastian: Antisemiten als Koalitionspartner?, in: Zeitschrift für Politik, Nr. 3/2011, S. 296. Zur Kritik
dieser Studie s. Ullrich, Peter/Werner, Alban: Ist „DIE LINKE“
antisemitisch? Über Grauzonen der „Israelkritik“ und ihre Kritiker,
in: Zeitschrift für Politik, Nr. 4/2012, S. 424-441.
002 Im Sommer 2014 fanden sich insbesondere in Nordrhein-Westfalen auf zahlreichen Demonstrationen gegen den Gazakrieg
antisemitische Parolen und Transparente, auch auf einer von
der Linksjugend Solid veranstalteten Demonstration am 18. Juli in
Essen; die linke NRW hatte sich Anfang Juli pauschal mit allen
in NRW stattfindenden Demonstrationen solidarisch erklärt.
Vgl. Bottermann, Arndt: Sommer des Antisemitismus?, Lotta-Magazin, 1.11.2014, unter: http://www.lotta-magazin.de/ausgabe/57/
sommer-des-antisemitismus (zuletzt abgerufen am 10.09.2019).
003 Vgl. Pohl, Ines: Wir müssen der Kritik Grenzen setzen, taz online
vom 16.6.2011, unter: https://taz.de/Gregor-Gysi-ueber-Antisemitismus-Debatte/!5118493/; Hengst, Björn: Linke zerstreitet
sich mit Zentralrat der Juden, Spiegel online vom 20.06.2011,
unter: https://www.spiegel.de/politik/deutschland/antisemitismus-vorwurf-linke-zerstreitet-sich-mit-zentralrat-der-juden-a-769441.html (beide zuletzt abgerufen am 18.8.2019)
und www.nibelungen-kurier.de/?t=news&s=Aus%20aller%20
Welt&ID=37883, zuletzt abgerufen am 27.06.2011.
004 Silberner, Edmund: Sozialisten zur Judenfrage. Ein Beitrag zur
Geschichte des Sozialismus vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis
1914, Berlin 1962, S. 142. Vgl. auch: Ders., Kommunisten zur Judenfrage. Zur Geschichte von Theorie und Praxis des Kommunismus,
Opladen 1983.
005 Zitiert nach Silberner 1962, S. 18 f.
006 Zitiert nach Benz, Wolfgang (Hg.): Handbuch des Antisemitismus.
Bd. 2, Berlin 2009, S. 657 f.
007 Zitiert nach Silberner 1962, S. 275. In vielen Schriften wird auch
62
Karl Marx (vor allem in seiner Frühschrift Zur Judenfrage) Antisemitismus attestiert (vgl. exemplarisch: Silberner 1962, S.
107-142). Analysiert man jedoch die Marxsche Schrift mittels
des im folgenden vorgestellten Antisemitismusbegriffs, so wird
deutlich, dass Marx zwar ein antijüdisches Bild (Juden seien
vorrangig in der Zirkulationssphäre tätig) benutzt, allerdings
nicht, um die Juden anzugreifen (Marx sprach sich dezidiert für
ihre Emanzipation aus), sondern um die bürgerliche Gesellschaft
insgesamt zu kritisieren. Er beschuldigt die Juden weder, „das
Volk” auszubeuten, noch die geheimen Herrscher in Politik und
Ökonomie oder gar „die Feinde der Menschheit” zu sein. Vgl.
Haury, Thomas: Zur Judenfrage, in: Berg, Nicolas (Hg.): Kapitalismusdebatten. Über antisemitisierende Semantiken des Jüdischen,
Leipzig 2011, S. 141-179.
008 Vgl. zur SPD: Haury, Thomas: Antisemitismus von Links: Kommunistische Ideologie, Nationalismus und Antizionismus in der frühen
DDR, Hamburg 2002, S. 183-209; Leuschen-Seppel, Rosemarie:
Sozialdemokratie und Antisemitismus im Kaiserreich, Bonn 1978;
Henke, Hans-Gerd: Der „Jude" als Kollektivsymbol in der deutschen
Sozialdemokratie 1890-1914, Mainz 1994.
009 Kautsky, Karl: Rasse und Judentum, Berlin/Stuttgart 1914. Vgl.
auch Haury 2002, S. 204 ff.
010 D
ieses und alle im Absatz folgenden Zitate stammen aus Beschlüssen und Verlautbarungen der KPD-Parteiführung sowie
aus Artikeln und Aufsätzen in den Parteiorganen Rote Fahne und
Die Internationale. Einzelnachweise dieser Zitate in: Haury 2002,
S. 267-288. Grundlegend zur KPD vgl. Kistenmacher, Olaf: Arbeit
und „jüdisches Kapital”, Bremen 2016.
011 Dieses und alle folgenden Zitate aus dem Schlussplädoyer finden
sich im in der DDR als Buch erhältlichen Prozessprotokoll: Prozess
gegen die Leitung des staatsfeindlichen Verschwörerzentrums mit
Rudolf Slánský an der Spitze, Prag 1953, hier S. 598-638. Vgl. zum
Slánský-Prozess auch: London, Artur: Ich gestehe. Der Prozess um
Rudolf Slansky, Berlin 1991, sowie Holz, Klaus: Nationaler Anti-
63
semitismus. Wissenssoziologie einer Weltanschauung, Hamburg
2001, S. 431 ff.
012 Zitiert nach Lustiger, Arno: Stalin und die Juden. Die tragische
Geschichte des Jüdischen Antifaschistischen Komitees und der sowjetischen Juden, Berlin 2000, S. 281; Rapoport, Louis: Hammer,
Sichel, Davidstern. Judenverfolgung in der Sowjetunion, Berlin 1992,
S. 182 ff.
013 Vgl. zum Verhältnis der DDR zu Israel: Haury, Thomas: Die DDR
und der „Aggressorstaat Israel”, in: Tribüne, 2005/173, S. 202-215;
Timm, Angelika: Hammer, Zirkel, Davidstern. Das gestörte Verhältnis der DDR zu Zionismus und Staat Israel, Bonn 1997.
014 Vgl. zur Geschichte des Antizionismus in der Neuen Linken
insbesondere Kloke, Martin: Israel und die deutsche Linke. Zur
Geschichte eines schwierigen Verhältnisses, Frankfurt 1990.
015 Vgl. Poliakov, Léon: Vom Antizionismus zum Antisemitismus, Freiburg 1992; Landmann, Michael: Das Israelpseudos der Pseudolinken, Freiburg 2013; Améry, Jean: Der ehrbare Antisemitismus, in:
ders.: Werke, Bd. 7, Stuttgart 2005, S. 131-140.
016 S DS Frankfurt 1970, zitiert nach Kloke 1990, S. 80.
017 Rote Armee Fraktion: Texte und Materialien zur Geschichte der RAF,
Berlin 1997, S. 151.
018 Broder, Henryk M.: Antizionismus – Antisemitismus von links?, in:
Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 24/1976, S. 31-46. Vgl. auch
ders.: Ihr bleibt die Kinder Eurer Eltern, in: Die Zeit, Nr. 10/27.2.1981
sowie ders.: Der ewige Antisemit, Frankfurt 1986.
019 Zit. n. Kloke 1990, S. 140.
020 Vgl. z.B. Wetzel, Dieter: Die Verlängerung von Geschichte. Deutsche, Juden und der Palästinakonflikt, Frankfurt 1983; Schneider,
Karlheinz/Simon, Nikolaus: Solidarität und deutsche Geschichte.
64
Die Linke zwischen Antisemitismus und Israelkritik, Berlin 1987.
021 So Hans-Christian Ströbele im Interview mit Henryk M. Broder,
in: Süddeutsche Zeitung, 19.2.1991.
022 Vgl. z.B. Broder, Henryk M. u.a.: Liebesgrüße aus Bagdad, Berlin
1991.
023 Vgl. zu dieser Strömung wie auch deren eigenen ideologischen
Wirrungen und Verirrungen, Flügelkämpfen und Fraktionierungen (die hier nicht Thema sind): Hagen, Patrick: Die Antideutschen und die Debatte der Linken über Israel, unter: http://
www.theopenunderground.de/@pdf/toug/moribund/hagen.pdf
(zuletzt abgerufen am 9.7.2019) sowie Haury, Thomas: Der neue
Antisemitismusstreit in der deutschen Linken, in: Rabinovici, Doron
u.a. (Hg.): Neuer Antisemitismus? Eine globale Debatte, Frankfurt
2004, S. 143-167.
024 Zitiert nach Haury 2004, S. 150.
025 Vgl. Haury, Thomas: „... ziehen die Fäden im Hintergrund“. No-Globals, Antisemitismus und Antiamerikanismus, in: Loewy, Hanno:
Gerüchte über die Juden. Antisemitismus, Philosemitismus und aktuelle Verschwörungstheorien, Essen 2005, S. 72 ff.
026 Zwerenz, Gerhard: Linker Antisemitismus ist unmöglich, in: Die
Zeit, Nr. 16/9.4.1976, S. 34.
027 Vgl. Holz 2001; Haury 2002.
028 Anderson, Benedict: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines
folgenreichen Konzepts, Frankfurt 1988.
029 Améry, Jean: Widersprüche, München 1990, S. 201.
030 So der Philosoph Jakob Friedrich Fries 1816, zitiert nach Haury
2002, S. 113.
65
031 Entsprechend äußerten sich Eugen Dühring und Paul de Lagarde,
zitiert nach Haury 2002, S. 101.
032 Alles zit. n. Haury 2002, S. 112-114.
033 Bergmann, Werner/Erb, Rainer: Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland. Ergebnisse der empirischen Forschung 1946–1989,
Opladen 1991, S. 58.
034 Marin, Bernd: Ein historisch neuartiger „Antisemitismus ohne Antisemiten“?, in: Geschichte und Gesellschaft, 1979/4, S. 545-569.
035 Klug, Brian: The collective Jew. Israel and the new antisemitism, in:
Patterns of Prejudice 37/2, S. 117-138.
036 Diese neue Form des Antisemitismus trat aufgrund einer Reihe
vergangenheitspolitischer Konflikte im Laufe der 1980er Jahre
zunehmend deutlicher hervor. Vgl. für viele: Bergmann, Werner/
Erb, Rainer: Kommunikationslatenz, Moralkommunikation und
öffentliche Meinung. Theoretische Überlegungen zum Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland, in: Kölner Zeitschrift für
Soziologie und Sozialpsychologie, 1986/38, S. 223-246; Broder 1986.
037 Nicht von ungefähr hieß der Aufsatz von Ernst Nolte, der den
„Historikerstreit“ mit auslöste, Vergangenheit, die nicht vergehen
will (in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.6.1986).
038 Vgl. z.B. die Rede der sächsischen NPD vom „Bombenholocaust“
in Dresden 2005. Das „Allgemeinwissen“ vom Kollektivschuldvorwurf, der von den Alliierten in keinem einzigen offiziellen
Dokument erhoben wurde, deutet auf einen Projektionsprozess
hin. Vgl. grundlegend zu den bereits ab 1945 feststellbaren Entlastungsstrategien: Adorno, Theodor W.: Schuld und Abwehr, in:
Pollock, Friedrich (Hg.): Gruppenexperiment. Ein Studienbericht,
Frankfurt 1955.
039 Der Aussage, dass die Juden gar an ihrer Verfolgung eine Mitschuld tragen, stimmten zwischen neun und 18 Prozent zu. Vgl.
66
Zick, Andreas; Küpper, Beate: Antisemitismus in Deutschland und
Europa, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 31/2007, S. 17.
040 Vgl. Küpper/Zick 2007; dies.: Antisemitische Mentalitäten. Bericht
über Ergebnisse des Forschungsprojektes Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Deutschland und Europa. Expertise für den
Expertenkreis Antisemitismus, Bielefeld 2011, S. 20; Heitmeyer,
Wilhelm (Hg.): 2012 – Deutsche Zustände 10, Frankfurt 2012, S.
185 f.; Hagemann, Steffen; Nathanson, Roby: Deutschland und
Israel heute, Gütersloh 2015.
041 Vgl. Adorno 1955: 375 f.; Zick/Küpper 2007; Hagemann/Nathanson 2015.
042 Heitmeyer (Hg.): Deutsche Zustände 3, Frankfurt 2005, S. 151;
Zick/Küpper 2011: S. 23; Leibold, Jürgen u.a.: Mehr oder weniger
erwünscht? Entwicklung und Akzeptanz von Vorurteilen gegenüber
Muslimen und Juden, in: Heitmeyer 2012: S. 185 f.; Hagemann/
Nathanson 2015.
043 Vgl. Schwarz-Friesel, Monika; Reinharz, Jehuda: Die Sprache der
Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert, Berlin 2013.
044 Bergmann/Erb 1991, S. 216.
045 Zitiert nach Broder 1986: 125.
046 Leibold u.a. 2012: 185 f.; Bergmann 2008: 7; Küpper/Zick 2007.
047 Quick und Frankfurter Allgemeine Zeitung 1986 (zit. n. Haury 2002,
S. 151 f.)
048 Walser, Martin: Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede,
Frankfurt 1998, S. 46.
049 Heitmeyer (Hg.) 2005, S. 231 f.
050 Alle SED-Zitate aus den Jahren 1948-1953 dieses Abschnitts stam-
67
men (soweit nicht anders angegeben) aus offiziellen Erklärungen
von Zentralkomitee und Politbüro der SED, aus den offiziellen
Parteiorganen Einheit und Neues Deutschland sowie aus Schriften der obersten SED-Parteiführung wie Wilhelm Pieck, Walter
Ulbricht, Alexander Abusch, Albert Norden u.a. Für genaue Belegstellen und ausführlicher s. Haury 2002, S. 349-387.
051 Allerdings ist ein deutlicher Unterschied festzuhalten: Die Ostblockstaaten forderten nie die „Zerstörung des zionistischen
Staatengebildes”. Den antisemitischen Antizionismus radikal
auf seine ideologisch folgerichtige Spitze zu treiben, blieb der von
Realpolitik entbundenen Neuen Linken vorbehalten.
052 Vgl. als frühe Kritik: Landmann 2013; s. auch Haury, Thomas:
Zur Logik des bundesdeutschen Antizionismus, in: Poliakov 1992,
S. 125-159.
053 Unsere Zeit vom 13.3.1975.
054 22. Delegiertenkonferenz des SDS 1967; Flugblatt Berliner Maoisten
1973 (zit. n. Kloke 1990, S. 77, 91).
055 Elias, Marwan: Zionismus und deutsche Argumentation, in: Irland-Info Nr.17/18, 1983, S. 93; Khella, Karam: Der Imperialismus
sitzt in den Köpfen der Linken, in: Redaktion „Arbeiterkampf” (Hg.):
Deutsche Linke zwischen Israel und Palästina, Hamburg 1988, S. 19.
056 Nahostgruppe Freiburg: Internationale Solidarität, Flugblatt, Freiburg 1988; Elias 1983, S. 94; Autonome Nahostgruppe Hamburg/
Gruppe Arbeiterpolitik: Zionismus, Faschismus, Kollektivschuld,
Hamburg 1989, S. 2.
057 Nahostgruppe Freiburg: Der Zionismus und der Volksaufstand in
Palästina, Flugblatt, Freiburg 1988.
058 Rote Fahne, 5.6.1974.
059 konkret, 28.6.1973; Nahostgruppe Freiburg, Internationale Solidari-
68
tät, 1988.
060 Rote Presse Korrespondenz 1973; Palästina-Nachrichten Nr. 7; beide
zitiert nach Broder 1976, S. 35 f.
061 Redaktion Al Karamah (Hg.): Es gibt kein Zurück mehr, Gießen
1989, S. 123 ff.
062 Al Karamah, Nr. 3/1986, S. 18; Antiimperialistisches Informationsbulletin 1971, zitiert nach Broder 1976, S. 43.
063 Al Karamah, Nr. 3/1986, S. 18.
064 Palästina-Komitee Bonn 1971; KB 1973; Berliner Maoisten 1971; zit.
n. Kloke 1990, S. 108.
065 Arbeiterkampf 1975; Konkret 1973; beide zit. n. Broder 1976, S. 42.
066 Interim Nr. 180/13.2.1992, S. 6.
067 Arbeiterkampf, zit. n. Broder 1976, S. 42; SDS zit. n. Kloke 1990, S.
80; KBW zit. n. Ludwig, Andrea: Neue oder deutsche Linke. Nation
und Nationalismus im Denken von Linken und Grünen, Opladen
1995, S. 60.
068 Vgl. hierzu auch Postone, Moishe: Deutschland, die Linke und der
Holocaust. Politische Interventionen, Freiburg 2005.
069 Kommunistische Volkszeitung, 29.1.1979.
070 Zit. n. Kloke 1990: S. 95.
071 Zit. n. Kloke 1990, S. 93.
072 K PD 1975, zit. n. Ludwig 1995, S. 56.
073 Arbeiterkampf, zit. n. Ludwig 1995, S. 57.
69
074 Zit. n. Kloke 1990, S. 107.
075 Flugblatt Rote Kommentare, 20.2.1970.
076 Rote Fahne 1973, zit. n. Broder 1976, S. 42.
077 Zit. n. Rote Armee Fraktion 1997, S. 173.
078 Vgl. Kloke 1990, S. 107 ff.; Al Karamah Nr. 3/1986, S. 19, 24; Nr.
9/1988, S. 12.
079 Al Karamah Nr. 7/1988, S. 3. Nr. 8/1988, S. 3.
080 Elias 1983, S. 92.
081 Offenberg, Mario: Überlegungen zu Politik und Geschichte des Antisemitismus in Deutschland, in: Irland-Info, Nr.17/18, August 1983,
S. 104.
082 E
lias 1983, S. 91.
083 AGIT 883, Nr. 40 vom 13.11.1969, S. 9.
084 AGIT Nr. 42 vom 27.11.1969, S. 5; AGIT Nr. 55 vom 3.4.1970, S. 11.
085 Vgl. für viele: Rabinovici u.a. 2004; Heilbronn, Christian u.a.
(Hg.): Neuer Antisemitismus?, Berlin 2019.
086 Vgl. z.B. für die USA: Gansinger, Simon: Antizionistische Identität,
in: Grimm, Marc; Kahmann, Bodo: Antisemitismus im 21. Jahrhundert: Virulenz einer alten Feindschaft in Zeiten von Islamismus
und Terror, Berlin/Boston 2018, S. 411-439.
087 Sharansky, Natan: Antisemitismus in 3-D vom 5.3.2004, unter:
www.hagalil.com/antisemitismus/europa/sharansky.htm (zuletzt abgerufen am 9.7.2019).
088 So aktuell beispielsweise die International Holocaust Remem-
70
brance Alliance. Vgl. dazu die im Mai 2016 beschlossene Arbeitsdefinition von Antisemitismus, unter: https://www.holocaustremembrance.com/de/node/196 (zuletzt abgerufen am 9.7.2019).
089 Alle Zitate aus: Haury: … ziehen die Fäden, 2005, S. 72 ff.
090 Urban, Monika: Von Ratten, Schmeißfliegen und Heuschrecken.
Judenfeindliche Tiersymbolisierungen und die postfaschistischen
Grenzen des Sagbaren, Konstanz 2014, S. 213 ff.
091 metall, Nr. 5/Mai 2005.
092 A lle Zitate aus: Die Welt, 16.11.2011, sowie Feuerherdt, Alex:
Das Volk gegen ein Prozent, in: Jungle World Nr. 48/1.12.2011.
Das Interview mit der Aktivistin aus Los Angeles ist zu finden
unter https://www.huffpost.com/entry/patricia-mcallister-fired_n_1020252 (zuletzt abgerufen am 9.7.2019).
093 Pirker, Werner: Massenvernichtungswaffe „Demokratie“, in: Junge
Welt vom 22.2.2003; Ders.: Im Zweifel für Israel, in: Junge Welt,
25.4.2008.
094 Ferschke, Michael: Nein zum Krieg gegen den Irak! Herausforderungen für die Friedensbewegung, unter www.sozialismus-von-unten.
de/archiv/argumente_nr1/krieg-gegen-irak.htm (zuletzt abgerufen am 9.7.2019); Bommarius, Christian: Kostümierte Antisemiten, in: Berliner Zeitung, 22.6.2011; http://bak-shalom.de/
wp-content/2008/05/notizen_zur_veranstaltung_mit_normanpaech_neukoelln0804.pdf (zuletzt abgerufen am 20.8.2019).
095 Pirker, Werner: Einen anderen Zionismus gibt es nicht, in: Junge
Welt, 24.4.2002.
096 Hein, Jan-Philipp: Studie zu Antisemiten in der Linkspartei, Frankfurter Rundschau online vom 18.5.2011, unter: https://www.fr.de/
politik/studie-antisemiten-linkspartei-11395875.html (zuletzt
abgerufen am 10.9.2019).
71
097 „Dierkes live“, Video unter: https://www.youtube.com/
watch?v=fC81JHDx9os (zuletzt abgerufen am 9.7.2019).
098 Alle Zitate aus: BDS-Kampagne: Der Aufruf der palästinensischen
Zivilgesellschaft zu BDS vom 9.7.2005, unter: http://bds-kampagne.
de/aufruf/aufruf-der-palstinensischen-zivilgesellschaft/ (zuletzt
abgerufen am 9.7.2019).
099 Aufruf von Jüdischen und Israelischen Wissenschaftlern an
Deutsche Parteien zu ‚BDS‘, 15.05.2019, unter https://de.scribd.
com/document/410140639/Aufruf-von-Jüdischen-und-Israelischen-Wissenschaftler-an-Deutsche-Parteien-zu-BDS (zuletzt
abgerufen am 9.7.2019).
100 Omar Barghouti - BDS - The Global Struggle For Palestinian Rights,
Video unter https://www.youtube.com/watch?v=8QODAPfPAaw&=&feature=youtu.be&=&t=143 (zuletzt abgerufen am 9.7.2019).
101 Vgl. z.B. Feuerherdt, Alex: Schweizer Kooperation mit israelfeindlichen NGOs: ein Anfang vom Ende?, Audiatur online, 11.09.2017,
unter: https://www.audiatur-online.ch/2017/09/11/schweizer-kooperation-mit-israelfeindlichen-ngos-ein-anfang-vom-ende/; Passover blood libel in Hanan Ashrawi's Miftah website vom
28.03.2013, unter: http://elderofziyon.blogspot.com/2013/03/passover-blood-libel-in-hanan-ashrawis.html; Miftah silently removes
its essay praising suicide bombers vom 3.4.2013, unter: http://elderofziyon.blogspot.com/2013/04/miftah-removes-its-essay-praising.html (alle zuletzt abgerufen am 20.8.2019).
102 Vgl. BDS Berlin, Palästinensische Frauen im Befreiungskampf,
13.3.2019, unter http://bdsberlin.org/2019/03/13/palaestinensische-frauen-im-befreiungskampf/; Schindler, Frederik: Verurteilte Terroristin soll auftreten, taz online vom 13.3.2019, unter
http://www.taz.de/Veranstaltung-mit-Rasmea-Odeh-in-Berlin/!5580444/ (beide zuletzt am 9.7.2019 abgerufen); Leemhuis,
Remko: Die antisemitische Boykottkampagne gegen Israel, Berlin
2018, S. 16.
72
103 Kopietz, Andreas: Ihr sollt alle vergast werden! Polizei ermittelt
nach Demo in Kreuzberg, Berliner Zeitung online vom 7.3.2016,
unter https://www.berliner-zeitung.de/berlin/polizei/-ihr-solltalle-vergast-werden-----polizei-ermittelt-nach-demo-in-kreuzberg-23683134 (zuletzt abgerufen am 9.7.2019); Leemhuis 2018,
S. 14 ff; Schönball, Ralf: Drei Israel-Gegner stören Veranstaltung in
der Humboldt-Uni, Tagesspiegel online vom 23.6.2017, unter https://
www.tagesspiegel.de/berlin/antisemitismus-in-berlin-drei-israel-gegner-stoeren-veranstaltung-in-der-humboldt-uni/19974986.
html (zuletzt abgerufen am 9.7.2019).
104 in: Mustafa, Ali: ‚Boycotts work‘: An interview with Omar Barghouti,
The electronic intifada, 31.5.2009, unter: https://electronicintifada.
net/content/boycotts-work-interview-omar-barghouti/8263 (zuletzt abgerufen am 9.7.2019).
105 O
mar Barghouti – Strategies for change, Video unter https://vimeo.
com/75201955 (zuletzt abgerufen am 9.7.2019).
106 Barghouti, Omar: Relative Humanity: The Fundamental Obstacle
to a One-State Solution in Historic Palestine, The electronic intifada,
6.1.2004, unter: https://electronicintifada.net/content/relative-humanity-fundamental-obstacle-one-state-solution-historic-palestine-22/4940 (zuletzt abgerufen am 9.7.2019).
107 https://bdsmovement.net/news/israel%E2%80%99s-legal-warfare-bds-fosters-repression-and-mccarthyism-across-world (zuletzt abgerufen am 20.8.2019).
108 Cattori, Silvia: Omar Barghouti: ‚No State Has the Right to Exist
as a Racist State‘, Voltairenet.org vom 7.12.2007, unter: https://
www.voltairenet.org/article153536.html (zuletzt abgerufen am
9.7.2019), Rabbi Lord sacks on Anti-Semitism, Video unter: https://
www.youtube.com/watch?v=1FtH5SGz7qA (zuletzt abgerufen
am 9.7.2019).
109 The many lies of Omar Barghouti, Video unter https://www.youtube.com/watch?v=5sdieDhMkr0&t=25s (abgerufen am 9.7.2019).
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bereits erschienen in der Reihe Sind:
Unser Präventionsansatz
Eine gute und nachhaltige Präventionsarbeit an unseren
Schulen stärkt Kinder und Jugendliche, sich für eine demokratische Gesellschaft, für Menschenrechte und ein solidarisches Miteinander einzusetzen. Der Präventionsansatz
von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage wendet
sich gegen alle Ideologien der Ungleichwertigkeit.
Gender & Islam in Deutschland
Im schulischen Alltag gibt es derzeit große Unsicherheiten
im Umgang mit Kindern und Jugendlichen aus muslimischen Familien. Dieser Baustein möchte die Pädagog*innen
in ihrer interkulturellen Kompetenz stärken, damit sie auch
gegenüber diesen Schüler*innen ihrem Bildungsauftrag im
Sinne des Kindeswohls nachkommen können.
Die Rolle der Schulsozialarbeit
Der Baustein „Die Rolle der Schulsozialarbeit in der Menschenrechtserziehung“ zeigt auf, warum Schulsozialarbeit
für eine diskriminierungssensible Schule so wichtig ist und
benennt Voraussetzungen einer erfolgreichen Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe.
Reden über Rassismus in Deutschland
In dem vierten Baustein debattieren Aktivist*innen und
Journalist*innen generationsübergreifend über Rassismus,
Antirassismusarbeit in Deutschland, Rassismusbegriffe und
Ansätze der Kritischen Weißseinsforschung.
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Antisemitismus und Migration
Antisemitismus macht vor den Schulen nicht halt. Besondere Aufmerksamkeit erfährt dabei in letzter Zeit die
Frage, ob eine originär muslimische Judenfeindschaft für
die Zunahme antisemitischer Einstellungen in Deutschland verantwortlich sei. Diese Debatte greift der Islamwissenschaftler Dr. Michael Kiefer auf.
Transanationaler Extremismus
Ultranationalismus, Rechtsextremismus unter migrantischen Gruppen sowie Antisemitismus und Islamismus
stellen für Pädagog*innen eine Herausforderung dar –
unter anderem, weil diese transnationalen Extremismen nicht nur durch gesellschaftliche Verhältnisse in
Deutschland geprägt sind, sondern auch durch Dynamiken in anderen Ländern.
Antimuslimischer Populismus
Antimuslimischer Populismus ist der Treibstoff des
Rechtspopulismus in Deutschland und Europa. Der Islam dient dabei als Projektionsfläche für Feindbildkonstruktionen, die bis in die Mitte der Gesellschaft hinein
Wirkung entfalten. Sie sind Ausdruck einer neuen Form
des Rassismus, in der die tatsächliche oder auch nur zugeschriebene religiöse Zugehörigkeit ethnisiert wird.
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Die Veröffentlichungen stellen keine Meinungsäußerung des BMFSFJ oder des
BAFzA dar. Für inhaltliche Aussagen trägt der Autor/die Autorin bzw. tragen die
Autoren/die Autorinnen die Verantwortung.