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Full text: Erinnerungen an Friedrich Philipp Wilmsen / Hesekiel, Friedrich (Public Domain)

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die Geringeren herabschautf, und in diesen Geringen nicht 
Eure Brüder erkennen wollt, die Ihr Euch im Dünfel 
hoher Bildung spöttische Urtheile erlaubt, immer zu Ge- 
richt sitet, und den Splitter in des Bruders Auge wohl 
sehet“ nicht aber den Balken in Curem eignen? O möch- 
tet Ihr erkennen, daß Wissen biSsher nur aufgeblähet, 
nur Dünkel erzeugt hat, daß aber nur die Liebe bessert, 
demüthig, sanft und milde macht; möchtet Ihr stets das 
Wort vor Augen haben: wer sich dünken lässet, daß er 
stehe, der sehe zu, daß er nicht falle. =- Und werdet 
Ihr lieben können, wie Christus die Seinen, und selbst 
die Sünder liebte, Ihr Unglückseligen, die Ihr bisher 
unaufhörlich gezürnt und Fesündigt habt, die Ihr -oft 
die Sonne über Eurem Zorn untergehen ließet, nicht 
vergeben wolltet, und selbst geringe Vergehen und Ver- 
lezungen nachtragen konntet, ja wohl in Fluchen und 
mit Schimpfwörtern “Eurem leidenschaftlichen, auffahren- 
den Gemüthe Luft machtet? 'O wie traurig, daß diese 
Sünde so weit verbreitet ist unter unserm Volke, und so 
tief gewurzelt, daß fast auf jedem Schritte uns Men- 
schen aufstoßen, die sich nicht schämen, in die härtesten, 
lieblosesten, widrigsten und unreinsten Worte des Zorns, 
der Lästerung und des Grimms gegen Hausgenossen und 
Nachbarn, ja selbst gegen ihre eignen Kinder auszubre- 
<en; die nicht. einmal lieben können, von welchen sie 
geliebt. werden , viel weniger ihre Beleidiger und Feinde. 
O habet Ihr doch das Bild des Sanftmüthigen und von 
Herzen Demüthigen allezeit vor Augen, die Ihr nun 
auch zu den Erlösten Jesu Christi gehört, und lernet 
von ihm liebreich und wohlwollend; nachsichtsvoll und 
milde selbst gegen die seyn, so Euch beleidigend verfol- 
gen; werdet die Friedfertigen, welche Gottes Kinder hei- 
ßen, werdet die Sanftmüthigen, die das Erdreich - be- 
siten sollen, und jaget dem Frieden nach, den Ihr, so 
viel an Cuch ist, mit allen Menschen halten sollet. =- 
Endlich möchte ich fragen: werdet Ihr Christi vornehm-
	        
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