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Full text: Erinnerungen an Friedrich Philipp Wilmsen / Hesekiel, Friedrich (Public Domain)

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stellen und empfehlen soll. =- Und würde es ihm nicht 
ohne das Bewußtsein eigener HerzenSreinheit an festem 
Muth und an edler Freimüthigkeit fehlen? Würde er 
wohl, fern von Menschenfurcht und Menschengefällig- 
keit, Wahrheit lehren und einschärfen können, wenn sein 
Herz ihn beschuldigte , daß er selbst an der Wahrheit und 
Tugend zum Verräther geworden, daß er ein Sklave 
der Thorheit oder des Lasters sey? Nein, nur das Be- 
wußtsein eigener Pflichtmäßigkeit flößt unserem Herzen 
Muth und Freimüthigkeit ein; nur dieses selige Bewußt- 
sein giebt unserer Seele die Stärke, daß wir willig jeden 
Vortheil hingeben, der nur durch Verletung der Wahr- 
heit erlangt werden kann, und standhaft jedes Leiden er- 
dulden, das die treue Anhänglichkeit an Tugend und 
Wahrheit über uns herbeiführt. Und ist es nicht eben 
dieses selige Bewußtsein der Schuldlosigkeit, welches un- 
seren Muth auch dann aufrecht erhält, wenn wir die 
traurige Erfahrung machen, daß unsere besten Absichten 
hie und da verkannt und gemißdeutet werden, weil wir 
es nicht hindern konnten, daß ein böser Schein auf un- 
sere guten Handlungen fiel? Darf aber der öffentliche 
Religionslehrer wohl hoffen , von dieser bittern Erfah- 
rung frei zu bleiben; oder hat Er sie nicht ganz vorzüg- 
lich zu fürchten, da die Augen so vieler auf ihn gerich- 
tet sind, und die Mehrheit unter seinen Zeitgenossen nicht 
geneigt ist, ihm Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen, viel- 
mehr sich nur gar zu leicht durch Vorurtheile blenden, 
und von ihnen bei ihren Urtheilen leiten läßt? =- So 
sehr nun der Lehrer der Religion verpflichtet ist, solche 
Mißdeutungen möglichst zu verhüten, so sehr verpflich- 
tet ihn auch dagegen die Wichtigkeit und Würde seines 
„Amtes, sich selbst durch die gehäßigsten Deutungen 
welche entweder die Bosheit oder der Unverstand seinen 
Absichten giebt, nicht wankend machen zu lassen, so lange 
ihm sein Gewissen das Zeugniß giebt, daß er sich auf 
dem rechten Wege befinde, und. die Vernunft auf seiner
	        
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