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Full text: Erinnerungen an Friedrich Philipp Wilmsen / Hesekiel, Friedrich (Public Domain)

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Aus einem Briefe an eine Freundin. 
Den 10. Februar 1824. 
Sie klagen über meine Strenge 5). Ich finde selbst, 
daß ich strenger geworden bin, freue mich dessen, und 
glaube dadurch meine Ansichten verbessert zu haben. Jh 
habe mich überzeugt, daß es ganz im Geiste der wahren 
Religiosität liegt, in der Beurtheilung des moralischen 
Werthes unsrer Handlungen jede Art von Nachsicht zu 
verbannen, weil die <ristliche Tugend durchaus Lauter- 
keit und Festigkeit verlangt, und ihr Wesen darin be- 
gründet ist; und weil keine innige Verehrung Gottes 
ohne das lebendigste Gefühl der Demuth möglich ist. 
Ich fürchte nicht, daß diese meine jeßige Ansicht Ihrem 
Vertrauen zu meiner Milde Abbruch thun werde. 
An seine Tochter. 
Den 18, Januar 1825. 
Hätte ich ahnen können, geliebte Julie, daß Du in 
solchem Grade trostbedürftig wärest, gewiß ich würde 
auch bei dem Andrange der Geschäfte , in dem ich immer 
in den leßten und ersten 8 Tagen des Jahres mich be- 
finde, eine Stunde gefunden haben, Dir einen Trostbrief 
zu schreiben. Aber kaum würde es Dir, von Angst und 
Sorge so sehr niedergedrückt, ein Trostbrief gewesen seyn, 
und es war vielleicht gut, daß Du durch die Entbeh- 
rung des väterlichen Trostes, ganz allein auf den höch- 
sten Trost hingewiesen wurdest, und ihn durch die immer 
höher steigende Inbrunst Deines Gebetes zu erringen 
wußtest, So hat Dir denn eigentlich nichts gefehlt, und 
das Verlangen näch einem Briefe von mir kann nur 
flüchtig gewesen seyn. Jc< preise Gott, daß er Dir Dei- 
nen Engel gelassen hat, der Dir nun doppelt theuer 
*) Bezieht sich auf die, in der Erzählung /, Elisens Jugendleben“ 
Cin der Theodora ) aufgestellten religibsen Ansichten.
	        
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