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Volume Heft 2

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

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IUustrirtes Panorama. 
einem Kreise um dieselben sieht man die Stellung und die 
Bewegung der Planeten und des Mondes. Nach Ablauf des 
ersten Viertels schlägt ein Knabe mit einem Hammer gegen 
die Glocke; beim zweiten Viertel thut dies ein Jüngling an 
einer anderen, beim dritten Viertel ein Mann, beim vierten 
Viertel ein Greis; während der letztere die vier Viertel an 
schlägt, erscheint der Tod, wird aber vom Heiland zurückge 
halten, bis jener sein Werk vollbracht, erst dann darf er die 
Stunde, welche verlausen ist, anschlagen. Oberhalb dieses 
Mechanismus befindet sich eine Anzahl Scheiben, deren jede 
mit dem Namen einer bedeutenden Stadt bezeichnet ist und 
auf denen zugleich ein Uhrzeiger deren wirkliche Mittagszeit 
andeutet, woraus die Differenz derselben zwischen den ver 
schiedenen Orten leicht berechnet werden kann. Auch ein Glocken 
spiel ist vorhanden, welches sich in dem Thurme über der 
Uhr befindet und zu gewissen Stunden Melodieen anschlägt. 
An den drei großen Festen spielt es jedoch ein Lied und nach 
Beendigung desselben schüttelt sich der aus der Spitze des 
Thurmes befindliche Hahn, streckt den Hals ans, schlägt mit 
den Flügeln und kräht zwei Mal. 
Zu diesem in seiner Art einzigen Kunstwerke, würdig, 
das Innere eines solchen Baues, wie den Münster, zu zieren, 
ward bereits im Jahre 1571 von den beiden Mathematikern 
Dasypodins und Wolkinsterius der Plan entworfen und die 
Zeichnung gemacht. Die Ausführung ward den drei Habe 
rechts, Vater, Sohn und Enkel übertragen, davon Einer, der 
Sage nach, während der Arbeit erblindend, dennoch an dem 
Werke fortarbeitete. Indessen wird Aehnliches von dem 
Verfertiger einer gleich künstlichen Kirchenuhr in Norwegen 
behauptet. Leider ist das Kunstwerk nicht mehr in allen 
seinen Theilen gangbar und wird es auch wohl nie wieder 
werden; denn so geschickte Mechaniker auch die Gegenwatt 
auszuweisen hat, scheint doch keiner von ihnen Lust zu haben, 
sich an den complicirten Mechanismus des Werkes zu wagen. 
Schließlich sei noch bemerkt, daß Erwin dem Aelteren 
von Friedrich in Straßburg ein gelungenes Standbild in 
seinem Geburtsorte Steinbach gesetzt ward, das kühne Gesicht 
schaut halb gehoben zu dem von dem Meister begonnenen 
großen Werke in Straßburg hinüber. 
C. S. 
Eine Ägentm der geheimen post^et 3Tstposeon’s I. 
Novelle von Eugen Hermann. 
(Fortsetzung.) 
„Schöne Cousine," begann er, als sie sich der Wohnung 
Angela's näherten, „ich werde hier von Ihnen für heute Ab 
schied nehmen, da ich Geschäfte habe und Sie in einer Stim- 
mung sind, die mich nicht verführen könnte, die Berufs 
pflicht über eine süßere Beschäftigung zu vergessen. 
„Was haben Sie über den jungen Mann beschlossen?" 
„Ich werde, um Sie nicht noch mehr zu erzürnen, keine 
eigenmächtigen Schritte thun, sondern die Erledigung der 
ganzen Angelegenheit vertrauensvoll in die Hände meines 
Chefs legen." 
„Das heißt, ihn dem Kriegsgericht überliefern. Gerard, 
ich will das nicht. Wir haben den jungen Mann pro 
vocirt." 
„Schöne Cousine, darüber wird der Graf Daru ur 
theilen." 
Angela biß sich vor Unmuth auf die Lippen, aber sie 
antwortete nicht. Der Blick, mit dem sie Abschied von Ge 
rard nahm, konnte ihm besser als Worte sagen, daß das 
Band der Freundschaft zwischen ihnen zerrissen sei. — 
Angela hatte kaum ihr Hotel betreten, so beflügelte sie 
ihre Schritte, um in ihr Boudoir zu gelangen. Mit einer 
Heftigkeit, die ihr sonst nicht eigen, schellte sie dem Kammer 
diener. „Sie eilen sogleich zum Grafen Daru," herrschte sie 
den erschrockenen Diener an, „ich lasse ihn bitten, sich un 
gesäumt zu mir zu bemühen. Ich hätte eine wichtige 
Nachricht — ja — und sollte er nicht zu Hause sein, so er 
warten Sie ihn in seinem Vorzinrmer." 
Als der Diener sie verlassen, schrieb Angela das Billet 
an Horst, das wir dem Leser mitgetheilt und erwartete dann 
in fieberhafter Ungeduld die Rückkehr ihres Kammerdieners. 
Wenn Daru zu Hause war, mußte ihre Botschaft ihn früher 
treffen, als Gerard kommen konnte, denn dieser, das wußte 
sie, legte zu einem solchen Besuche erst seine große Uniform 
an. War Zeit gewonnen, dann hatte Gerard verspielt, denn 
eigenmächtig wagte er es nicht, Horst verhaften zu lassen, seit 
dem sie die Partei des Studenten ergriffen. Herr von Bre- 
teuil war verreist, zum ersten Male fehlte ihr der Gatte, wo 
sie ihn hätte brauchen können. Während sie überlegte, was 
zu thun sei, bemerkte sie, daß ihre Glieder vor Ungeduld zit 
terten. Sie lächelte über sich selbst — sie fragte sich, wehe 
diese Erregung und wollte einen Moment sich glauben machen 
es sei die Empörung über Gerard's ungalantes, feindseliges 
Benehmen. Aber sie wurde nicht ruhiger, als der Wagen 
des Grafen Daru vor das Hotel rollte und sie also ihres 
Sieges gewiß war, im Gegentheil, sie fühlte eine unbe 
schreibliche Angst. Daru war in gewissen Dingen unbestech 
lich, er konnte Gerard's Anklage nicht ignoriren, eine Für 
bitte für Horst war also vergeblich. 
Sie mußte Alles daran setzen, ihn bis zur Dunkelheit 
festzuhalten, um daun Horst zur Flucht behülflich sein zu 
können. Aber wie den Grafen fesseln, der wichtige Nach 
richten erwartete. Noch nie war ihre Phantasie so verlegen 
um Erfindungen, wie in diesem Moment. 
Der Graf trat ein. Das Aeußere des Mannes, den 
Napoleon benutzte, um das unglückliche Preußen mit den 
ungeheuersten Erpressungen und rücksichtslosesten Forderungen 
zu martern, verrieth durchaus nicht das steinerne Herz, wel 
ches zu dem Wortspiel mit seinem Vornamen Pierre Veran 
lassung gab, als der Minister Stein nach Berlin gesandt 
wurde, um mit ihm zu unterhandeln —: Stein gegen 
Stein! — er war ein vornehm stolzer, überaus eitler Herr, 
pedantisch in der Etiquette und sehr ängstlich für seinen ho 
hen Posten und die Gunst des Kaisers besorgt. 
Die Botschaft Angela's hatte ihn in nicht geringe Un 
ruhe versetzt. Er wußte, daß Stein hinter seinem Rücken in 
Paris intriguirte, daß man ihn der Bestechlichkeit beschul 
digte, um ihn zu stürzen. Das böse Gewissen ließ ihn vor 
einer solchen Nachricht zittern, alles Andere war ihm mehr 
oder minder gleichgültig. 
„Sie haben Nachrichten, Madame?" 
Angela nickte ein „Ja" und gab sich eine schmerzlich 
entrüstete Miene. 
„Aus Paris?" 
Diese hastige Frage des Grafen brachte sie auf eine 
glückliche Idee. Sie kannte den Argwohn und die Besorg 
nisse Daru's. 
„Sie foltern mich, Madame, Ihre Miene deutet auf 
nichts Gutes."
	        
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