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Volume Heft 16

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

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Illuftrirtes Panorama. 
Vaters genügte. Sie erkannte ihr Unrecht und tadelte sich 1 
darüber; sic nannte sich schlecht und undankbar und bekannte 
ihrem Vater immer von Neuem ihr Unrecht, so oft, daß sie 
endlich den Muth verlor, es von Neuem zu bekennen, und 
einem leichtsinnigen Schuldner gleich, der sein Wort niemals 
hält, zuletzt den Muth verliert, zuletzt sich schämt, beim Gläu 
biger um neue Nachsicht zu bitten, sich gar nicht mehr ent 
schuldigt, weil ihm die alten Milderungsgründe schon zu ver 
braucht erscheinen und er deshalb lieber gar nicht mehr an 
seine Schuld erinnert. 
Aber das war nur der offene Grund der Verstummung. 
Es gab noch einen zweiten: Fritz kam nicht mehr in's Schloß. 
Die Unterrichtsstunden, die der Freiherr sonst seiner Tochter 
gegeben, mußten während ihrer Krankheit ausgesetzt werden. 
Fritz selbst lag an seinen Wunden darnieder und konnte sich 
nicht nach ihrem Befinden erkundigen; dadurch hörte jede 
Verbindung zwischen ihnen auf- 
Die Execution dauerte noch fort. Zwar waren keine 
Unordnungen mehr vorgefallen; die Bauern hatten sich in 
das Unabänderliche gefügt. Es geht durch diesen ganzen 
Stand überall derselbe Sinn und, bei manchen guten Eigen 
schaften, ein Zug deS Mißtrauens und des Geizes, ein Kleben 
an dem Hergebrachten, an dem Geiste der Opposition, der 
sich dennoch zuletzt stillschweigend unterwirft und sich in's 
Unabänderliche fügt. 
Es ist das eine Eigenthümlichkeit der Mark und deren 
angrenzenden sächsischen Landesstriche, welche die Umgegend 
von Göhren bilden, die man zwar öfters ähnlich, aber 
doch selten so stark hervortretend findet. Ich sprach einst mit 
einem Bauer jener Gegend über die ländlichen Abgaben und 
fragte ihn, ob sie wohl drückend wären? „I nu," erwiderte 
er, „wenn man muhß, dann tntt man's ja gerne." 
Das sollte heißen: wenn's nicht zu ändern ist, dann fügt 
man sich- 
Auch die Göhrener fügten sich. Herr von Blomberg 
kam ihnen zu Hülfe, so viel er konnte; er gab ihnen Stroh 
zum Decken der abgefütterten Dächer, er gab ihnen Brodkorn 
und Saatkorn, er gab ihnen Futter für ihr Vieh; er gab 
ihnen das Alles um einen Groschen billiger, als der Markt 
preis, weil er selbst das Fuhrlohn dabei berechnete, was ihn 
der Weg zur Stadt gekostet haben würde. 
Alle Vorschüsse, sowie diejenigen, die er ihnen zur Be 
köstigung der noch immer einquartierten Compagnie hergab, 
ließ er in ein besonderes Buch eintragen. Außerdem bekam 
jeder Bauer sein eigenes Contobuch, was er stets in Händen 
hatte und in welches jeder Vorschuß in seiner Gegenwart 
eingetragen wurde, so daß er sich immer überzeugen konnte, 
wie er mit seinem Gutsherrn stand. 
Herr von Blomberg hatte sogleich, nachdem die Bestra 
fung gegen die Gemeinde vollstreckt worden war, dem König 
berichtet, in welcher Art er sie vollführt. Er dankte dem 
König für die Gnade, die er ihm durch das Vertrauen ge 
schenkt, und setzte ihm auseinander, weshalb er zum Besten 
der Leute und ihrer Wirthschaften und um eines eclatanten 
Beispiels willen eine rasche Bestrafung hatte eintreten lassen. 
Nur beim Schulzen hätte er eine Ausnahme gemacht, weil 
dessen gebrechliche Gesundheit es erfordert. 
Zugleich zeigte Herr von Blomberg an, daß es scheine, 
als ob die Bauern die Königliche Gnade dankbar anerkenne- 
ten, sic unterwürfen sich allen Königlichen Bestimmungen, 
bearbeiteten fleißig ihre Aecker und erlaubten sich^ nicht die 
leiseste Widersetzlichkeit. Er gestatte sich deshalb, Seine Ma 
jestät allerunterthänigst zu bitten, die für die Bauern sehr j 
drückende Einquartierung nach Krossen zurückkehren zu lassen, 
und sage gut dafür, daß keine weiteren Unordnungen vor- ; 
fallen würden. 
Der König hatte darauf geantwortet: 
„Die Canaillen sind zu gut weggekommen; laß Er sie 
die Soldaten immer noch ein Weilchen füttern." 
Herr von Blomberg hatte in seinem Bericht nichts da 
von erwähnt, daß er der völlig mittellosen Gemeinde die 
Mittel zur Verpflegung ihrer Einquartierung vorschießen 
müsse, und daß ihm das eine Ausgabe verursache, welche 
auf die Dauer sein Vermögen fast übersteige. Er erwähnte 
auch jetzt nichts darüber, sah sich aber genöthigt, nach Cur 
land auf sein Majorat zu reisen, um dort die nöthigen 
Summen aufzunehmen, denn das ländliche Creditwesen war 
in jener Zeit noch nicht so geordnet, daß ihm das hier mög 
lich gewesen wäre; in Curland dagegen war der persönliche 
Credit eines Mannes, der für reich galt, fast unbeschränkt, 
dagegen mußten diejenigen, welche Geld bedurften, es denen, 
die dergleichen hatten, mit sehr hohen Opfern bezahlen. 
Herr von Blomberg berieth sich mit dem Arzte, ob 
Ernestine eine solche Reise unternehmen dürfe. Der Arzt 
war entschieden dagegen. Selbst der Vater sah ein, daß für 
beide Theile eine Entfernung für einige Zeit eine Wohlthat 
sein könnte; er beschloß daher, die Reise ohne die Tochter 
auszuführen. Ihre Krankheit hatte im Anfang die Abwesen 
heit vom Mittagstisch nothwendig, in der letzten Zeit 
rathsam gemacht; sie hatte sich mit ihren militairischen 
Gästen seit Monaten nur in der Entfernung gesehen; auch der 
Vater hatte sich bei ihnen entschuldigt, daß er die Pflichten 
des Vaters höher stelle, als die des Wirthes, und hatte, 
selbst nachdem die Tochter fast genesen, es vorgezogen, die 
Mittagsstunde mit ihr zu verleben. 
Als die Reise nach Curland herannahte und mit ihr 
die erste längere Trennung zwischen Vater und Tochter, 
wurde dieser bange um's Herz. Sie wäre gern mitgereist, 
aber gewöhnt, ihre Wünsche den väterlichen Wünschen unter 
zuordnen, fügte sie sich schweigend; nur ihr Herz widersprach, 
nicht ihr Mund. 
Herr von Blomberg hätte gern den Abmarsch der Ein 
quartierung vor seiner Reise gesehen; er wagte es und trug 
beim König zum zweiten Male darauf an. Er erhielt aber 
den kurzen Bescheid: 
„Wenn's wird Zeit sein, werde ich's befehlen." 
Da mußte er sich in's Unvermeidliche fügen nach dem 
Bauernspruch: „Wenn mau muß, daun thut man's ja gern." 
Als die Trennung ganz nahe bevor stand, war Ernestine 
zu Muthe, als stände ihr eine Trennung für's Leben bevor. 
Beide hatten sich noch niemals für so lange Zeit getrennt. 
Ernestine erkannte jetzt mit bitterem Selbstvorwurs, wie sehr 
und wie oft sie gegen ihren Vater gefehlt habe. Sic fragte 
sich, wie sie es tragen solle, wenn der Vater nicht wieder 
heimkehrte, und sie ihr Unrecht nicht wieder gut machen 
könne. Sie war sich selbst unbegreiflich. Alle Rücksichten, 
alle zarten Rücksichten die der Vater auf sie genommen hatte, 
traten ihr vor die Seele, alle Reizbarkeit, die sie gegen ihn, 
verschuldet hatte, fühlte sie mit doppelter Schärfe. Ihr war's, 
als könne ihr Vater nicht vergeben, als bedürfe sie ein sicht 
bares Zeichen seiner Verzeihung. Sie bat ihn, den Prediger 
aus Sonunerfeld kommen zu lassen, der sie einst confirmirt 
hatte, damit er ihnen Beiden das Abendmahl reiche, der 
Vater stimmte ihr von Herzen bei. 
Nach der damals bei dem Landädel allgemein ver 
breiteten Sitte ging die Gemeinde nicht mit der Herrschaft 
zusammen zum Abendmahl, vielmehr wurde es ihr besonders 
gereicht. Der Prediger ließ daher durch den Boten ant 
worten, den Herr von Blomberg an ihn gesandt hatte, er 
würde ohnedies am Sonntag über acht Tage nach Göhren 
hinaus kommen, um dort in der Kirche das Abendmahl 
zu vertheilen; ob er an dem Tage für denselben Zweck 
kommen solle. ... .... 
Bis dahin konnte die Reise nrcht aufgeschoben werden, 
Herr von Blomberg war daher genöthigt, ihn zu bitten, schon 
in den nächsten Tagen zu kommen. 
Er zeigte seine Ankunft schon für den folgenden Tag 
air. Ehe er kam und die Beichtrede hielt, hatten Vater und 
Tochter Beide auf ihrem Zimmer lange auf den Knieen ge 
legen, hatten Gott gebeten, daß er ihnen vergeben möge,
	        
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