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Volume Heft 10

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

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Illustrirtes Panorama 
Damit war die Unterhaltung über den Grafen für dies 
mal beendet; mir Wilhelm beobachtete die Schwester noch 
einige Zeit sinnend, gab sich aber zufrieden, als er deren 
fortwährenden Gleichmnth bemerkte. Demungeachtet hatte 
Julie nicht allein die Huldigungen des Grafen erkannt, son 
dern dieselben waren auch nicht ganz ohne Einwirkung ans 
sie geblieben. Es ist keine junge Dame gleichgültig gegen 
den Eindruck, welchen sie auf junge Männer macht, doch 
war Julie zu verständig, um in dieser Begegnung mehr als 
ein Spiel leichten Jugendfrohsinns zu suchen. An eine Be 
werbung des Grafen um ihre Liebe, oder gar um ihre Hand, 
dachte sie im Entferntesten nicht. 
Es wurde zwar des Grafen noch zu anderen Zeiten in 
einzelnen Andeutungen Erwähnung gethan; doch zu einer 
längeren Unterhaltung hatte er erst gestern wieder Veran 
lassung gegeben, und er fast noch weniger, als sein Begleiter, 
den keines der Familienglieder kannte, von dem jedoch der 
alte Maler ohne Weiteres behauptete, daß er, seinen Gesichts 
zügen nach, ein schlechter Kerl sein müsse. Sowohl Wilhelm 
als Julie hatten um Aufklärung gebeten und Vater Fran- 
chini hielt eine förmliche Vorlesung über Physiognomik, die 
endlich ganz von den Grafen der Hohenberge abführte und 
diese vergessen machte. Als jedoch Arthur heute vor der Villa 
anlangte, dachten alle Vier unwillkürlich an jenes Gespräch 
und an seinen Begleiter. 
Arthur ward von der Familie mit der Zuvorkommenheit 
gebildeter Leute empfangen und sah sich bald durch den 
asten Herrn in ein Gespräch über Kunst verwickelt, dem Wil 
helm, mitunter lächelnd, zuhörte. Mutter und Tochter waren 
hinausgegangen. Etwas später lud die wiedererscheinende 
Mutter den jungen Grafen ein, am Frühstück Theil zu nehmen. 
Der junge Mann war an diese kurze Art von Einla 
dung, an die künstlerische Hinwegsetzung über gewisse For 
men nicht gewöhnt und gerielh deshalb in einige Verlegen 
heit. Indessen nahm er doch die Einladung an und folgte 
der Familie in das Speisezimmer, wo inan wieder mit Julie 
zusammentraf. Die junge Dame war Arthur nie schöner er 
schienen, als heute. 
Bei seiner Befangenheit aus doppelten Gründen durfte 
man nicht viel Ansprüche an Arthur's Unterhaltungsgabe bei 
Tische gemacht haben, doch es genügte auch schon, daß er 
überhaupt nur an derselben Theil nahm, weil ohnehin das : 
Gespräch nicht stockte, vielmehr, besonders Vater und Sohn, 
dasselbe durch ein Witzgeplänkel erheiterten, welches auch den 
Grafen ermunterte; Arthur befand sich endlich ganz wohl in ! 
diesem Cirkel und bemerkte kaum das Schwinden der Zeit. 
Die beiden Damen entfernten sich endlich und nach 
einiger Zeit verließ auch der Vater das Zimmer. Arthur und 
Wilhelm blieben allein und jener ward dadurch wieder auf 
seine eigentliche Absicht bei diesem Besuche zurückgeleitet. 
Diese aber war nach einem von ihm auf dem Herwege ge 
faßten Entschlüsse keine andere, als sich gegen Julie zu er 
klären. Plötzlich jedoch kam ihm ein neuer Gedanke und 
tioch immer unter der Einwirkung seiner früheren Regungen 
stand er nicht an, denselben auszuführen. 
„Herr Franchini!" sagte er, die Hand des jungen 
Malers ergreifend, „schenken Sie mir Ihre Freundschaft!" 
Wilhelm sah den jungen Herrn forschend an, ehe er 
antwortete. 
„Herr Graf!" erwiderte er dann langsam, „Ihr An 
erbieten kann mich nur ehren, und muß mir deshalb 
werth sein!" 
„Sie weichen mir ckns!" sagte Arthur, „Sie haben Recht, 
meine Freundschaft für Sie ist nicht ohne Eigennutz^ Ich j 
bin nicht im Stande, anders, als gerade und offen zu 
handeln; .ich liebe Ihre Schwester, habe aber nicht den 
Muth, ihr dies Geständniß zu machen, ich bitte Sie, Julie 
von meiner Neigung in Kenntniß zu setzen." 
Wilhelm machte seine Hand los und sah den jungen 
Mann mit blitzenden Augen an. 
„Sie lieben meine Schwester?" wiederholte er langsam. 
„Herr Graf, dies Wort kann in Ihrem Munde, der Tochter 
des Malers Franchini gegenüber, einen weiten Begriff, eine 
gehässige Bedeutung haben, oder eine ehrenwerthe Absicht 
ausdrücken. Ich muß Sie deshalb um nähere Erklärung 
bitten!" 
Arthur stutzte und verstand offenbar den jungen Maler 
nicht ganz. 
„Ich kenne nur eine Bedeutung meiner Worte," sagte 
er endlich, „und wollte Ihnen nur diese geben. Kurz, wenn 
Julie meine Neigung zu erwidern im Stande wäre, so 
würde ich meine Eltern um die Erlaubniß bitten, um die 
Hand Juliens bei Ihrem Vater zu werben." 
Auf Wilhelm's Antlitz zeigten sich schnell hintereinander 
verschiedene Wandlungen in seinen Zügen, es waren nach 
einander Staunen, Heiterkeit, Bedauern und Theilnahme, 
doch auch etwas wie Achtung vor der Offenheit des Jünglings. 
„Herr Graf," erwiderte er endlich, „Sie schenken mir 
da ein Vertrauen, welches ich wohl anzuerkennen vermag, 
doch nicht verdienen kann. In einer so delikaten Angelegen 
heit meine Mitwirkung zuzusagen, ist mir unmöglich. Sie 
werden dies leicht begreifen, wenn Sie bedenken, daß es 
meine Pflicht wäre, Ihre Mittheilung sofort meinem Vater 
zu hinterbringen. Ferner aber, wenn Julie Sie der Er 
widerung Ihrer Neigung durch mich versichern ließe und 
Ihre Eltern verböten weitere Schritte, in welchem Lichte 
müßten Julie nnd ich dann erscheinen, wie sollten wir unser 
Treiben vor unseren Eltern verantworten? Ich darf mir 
nicht herausnehmen, über Ihre Schritte zu urtheilen, und 
will es auch nicht; doch die Ehre meiner Familie bin ich in 
jeder Weise zu wahren verpflichtet." 
Arthur war bei diesen Worten bald roth, bald blaß 
geworden. 
„Ich will Niemandes Ehre verletzen!" ries er hastig, 
„ich bin linkisch, ungeschickt. Rathen Sie mir, wie ich mich 
benehmen soll. Von der Lauterkeit meiner Absichten müssen 
Sie überzeugt sein!" 
„Vollkommen, Herr Graf; aber eben deswegen dürfte 
mein Vorschlag dahin gehen, sich mit der Erlaubniß Ihrer 
Eltern an Juliens Vater zu wenden; sollte Julie dann den 
ehrenwertheu Antrag zurückweisen — so —" 
„Ich verstehe!" rief Arthur heftig. „Sie mögen Recht 
haben; lassen Sie dies Gespräch unter uns bleiben, be 
trachten Sie es als — kurz, als was Sie wollen; — aber 
ich muß mich doch Ihren Eltern empfehlen!" 
Wilhelm begleitete den jungen Mann in den Garten, 
wo sich die übrigen Familienglieder befanden und Arthur sagte 
Allen Lebewohl; sein Auge ruhete einen Moment brennend 
auf Julie, doch suchte er sich sonst in jeder Hinsicht zu be 
herrschen, um nicht noch mehr Verstoße zu machen. Wenige 
Secunden später saß er im Sattel und ritt davon. Seine 
Unruhe war noch vermehrt worden; außer verschiedenen an 
deren Personen grollte er sich jetzt auch selbst und die Worte» 
des Oheims — gieb das Mädchen ans — rollten ihm fort 
während vor den Ohren umher. 
Wilhelur verrieth zwar nichts von seiner Unterhaltung 
mit Arthur; die Eltern erriethen auch nichts; doch, seit der 
junge Graf sich entfernt, ruhte Juliens Auge häufig prü 
fend auf dem Antlitz des Bruders. Ihr blieb nicht ver 
borgen, daß zwischen den beiden jungen Männern etwas Be 
sonderes vorgegangen sein mußte. 
V. 
Graf Günther hatte seinen Neffen ohne Bewegung 
scheiden sehen und gab sich einige Zeit hindurch gänzlich seinen 
Gedanken hin. Er nickte dabei mehrmals mit dem Kopfe, als 
bestätige er seine Ansichten und Entschlüsse. Dann schellte 
er dem Diener, um sich ankleiden zu lassen, ein Geschäft, 
bei dem der arme Bursche Blut und Wasser schwitzte. 
Der Oberst begab sich hiernach in das Familieuzimmer
	        
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