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Volume Heft 15

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

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Illustrirtrs Panorama. 
Günther erwiderte die Umarmung des Bruders nur 
lau; es lag etwas Bissiges in seinen Worten, trotz der Mühe, 
die er sich gab, nnt Herzlichkeit zu sprechen. 
„Nun ja, meinetwegen!" antwortete er, „die.Strapazen 
des Dienstes haben mich mürbe gemacht, ich habe deshalb 
meinen Abschied genommen und will mich zur Ruhe setzen — 
damit Du's gleich weißt, Bruder, bei Dir! wenn der Standes 
herr von Hohenberg mir, meiner Pension und prinzlichen 
Appanage, sonst einen Winkel einräumen will!" 
„Ohne Frage, Bruder — lege ab, nimm Platz, Du 
bist zu Hause!" 
„Ich danke Dir und —!" 
Günther hielt inne. Die im Park mit einer Freundin 
promenirende Gräfin war durch den Wagen herbeigelockt 
worden und erschien jetzt, von der Ankunft des Schwagers 
in Kenntniß gesetzt, im Zimmer. 
„Ah, meine hochverehrte Schwägerin!" fuhr Günther 
fort, „schön wie am Hochzeitstage, ich konnte es mir nach 
dem Aussehen des guten Arthur denken; wir haben ein Le 
ben wie die Turteltauben geführt, davon bin ich überzeugt; 
verzeihen Sie, meine Gnädigste —!" 
Günther küßte seiner Schwägerin die Hand, welche da 
bei erröthete und einen fragenden Blick zu ihrem Gemahl 
hinübersandte. Auch auf sie hatte offenbar das Aussehen 
des Schwagers keinen guten Eindruck gemacht. 
„Willkommen, Herr Oberst!" sagte sie indessen, „ich 
bin erfreut, Sie wieder zu sehen." 
„Auch wenn ich mich hier einnisten will, meine gnä 
dige Frau Schwägerin?" fragte Jener. 
„Auch dann — der Bruder meines Gemahls wird uns 
stets —" 
Die Gräfin vollendete nicht, sondern warf einen zwei 
ten Blick auf ihren Gemahl, verbeugte sich aber zugleich. 
„Günther wird unser Hausgenosse werden!" sagte Graf 
Arthur lächelnd. 
Günther lächelte auch, doch spöttisch, während er sich 
erst vor der Gräfin, dann vor dem Bruder verneigte. 
„Das wäre also abgemacht!" sagte er dann leichthin, 
„doch wo ist mein theurer Neffe, der künftige Majorats- 
nnd Standesherc von Hohenberg. Ich sterbe vor Verlangen, 
dies theure Glied unserer Familie zu sehen!" 
„Ruft Arthur!" sagte der Graf zu einigen Dienern, 
welche dieser Scene an der offenen Thüre als Zeugen bei 
wohnten. 
„Ich will doch nicht hoffen, daß der künftige Standes 
herr ein Stubenhocker und Bücherwurm geworden ist?" meinte 
der Oberst, „dann müßte eine andere Erziehungsmethode 
für ihn eingeführt werden, wenn es nämlich noch Zeit ist. 
Weißt Du noch, Arthur, was wir unserer Zeit für wilde 
Rangen waren?" 
„Ich weiß," antwortete Arthur, „doch fürchte nichts, 
die Wissenschaften haben keinen Hohenberg unter ihren Trä 
gern oder Jüngern aufzuweisen, unsere edle Familie hat sich 
nie mit ihnen besonders befaßt!" 
„Und das beweist gerade, wie hoch sie steht!" rief der 
Oberst, „aber da ist mein Neffe —!" 
Arthur war für seine neunzehn Jahre sehr hoch ge 
wachsen und schlank gebaut, doch die Bewegung in Feld und 
Wald, die Ausübung der Jagd, «welche er leidenschaftlich 
liebte, hatten seine Muskeln gestählt und seine Glieder ge 
kräftigt; sein Gesicht trug die Farbe der Gesundheit und 
war edel geformt, sein dunkles Auge sprühte Funken. ■ 
„Theurer Ohm!" rief er und warf sich stürmisch in 
die Arme des Obersten. 
„Teufelsjunge!" rief dieser, die Umarmung herzlich er 
widernd, „das ist ein rechter echter Hohenberg; ich denke, 
wir werden Freunde werden, mein Junge!" 
„Die besten!" erwiderte Arthur lebhaft, „besonders 
wenn Du mir ein ganz klein wenig Wildheit zu Gute hal 
len willst —!" 
Der Oberst lachte laut. 
„Stelle Deine Bedingungen 'später, Arthur!" sagte 
jedoch der Vater, „Dein Oheim ist von der Reise ange 
griffen und unsere nächste Pflicht, für ihn zu sorgen. Nimm 
einstweilen mit den Gastzimmern vorlieb, Bruder, eineu 
Diener werde ich Dir bestimmen. Ruhe aus und schenke 
uns Deine Gegenwart bei Tische!" 
„Unfehlbar, Bruder — ich danke Dir, doch bitte, sorge, 
daß meine wenigen Habseligkeiten hereingeschafft werden." 
„Dafür werde ich sorgen!" rief Arthur und sprang 
hinaus. 
„Komm, Bruder!" sagte der Gras und verließ mit 
Günther, der sich noch vor der Gräfin verbeugte, das Zim 
mer. Die Gräfin sah Beiden sinnend nach und entfernte 
sich endlich kopfschüttelnd. 
Als Arthur von einigen Dienern, die das Gepäck tru 
gen, begleitet, in die von dem Onkel bezogenen Zimmer trat, 
umarmte er denselben nochmals. 
„Oheim!" flüsterte er, „ich muß Dich vor Tische noch 
sprechen!" 
„Komm, wann Du willst!" antwortete der Oheim, 
„gönne mir nur Zeit, mich umzukeiden." 
Arthur ging mit den Dienern hinaus; der Oberst blieb 
allein. 
II. 
ES waren einige Stunden vergangen. Graf Günther 
hatte entweder nicht das Bedürfniß der Ruhe gehabt, oder 
dasselbe aus anderen Gründen unterdrückt. Dagegen war 
er mit dem Geschäfte des Umkleidens, unter Mitwirkung 
eines Dieners, fertig geworden, und dieser arme Kerl hatte 
bei der Gelegenheit einige unliebsame, sonst nicht in Schloß 
Hohenberg angewendete Zurechtweisungen bekommen. Auch 
er schüttelte den Kopf, als er den neuen Bewohner des 
Schlosses verließ. 
Das Aeußere des Obersten zeigte, der Reisehüllen ent 
ledigt, noch mehr als früher den alten Soldaten, doch nicht 
jenen invaliden Krieger, von Kraft und Saft, mit der Nei 
gung zum Polteru und doch jovialer Gutmüthigkeit im Ge 
sicht, sondern den entnervten Wüstling, mit höhnischem Zuge 
um den Mund und boshaften Blicken, dessen Herz sich un 
zweifelhaft an den Qualen Anderer erfreuen konnte. 
Der Oberst ruhte, wie gesagt, nicht, aber er hatte nach 
der Entfernung des Dieners auf einem Sessel Platz genom 
men und saß hier, den Kopf in die Hand gestützt, den star 
ren Blick an den Boden geheftet, längere Zeit regungslos. 
Plötzlich hob er den Kopf. 
„Das ist Alles nichts!" stieß er hervor, „der Alte ist 
verständig wie der beste Bauer und der Junge hat einen 
Kern in sich, der so leicht nicht anzubohren sein dürfte. Ich 
werde bald genug mein Bündel wieder schnüren können!" 
Der Graf versank wieder in Nachdenken. Aus diesem 
riß ihn ein leises Pochen an der Thür und auf seine Nöthi- 
gung trat Arthur, erst vorsichtig, doch dann ohne weitere 
Scheu herein. 
„Schon erholt, Oheim?" rief der junge Mann lebhaft. 
„Bah!" inachte der Onkel, „was ist für den alten Sol 
daten Erholung, mein Junge?" 
„Ja, ja, ich glaube wohl, Onkel; Du bist an ein be 
wegtes Leben gewöhnt, und deshalb wirst Du es hier lang 
weilig finden, erschrecklich langweilig, sage ich Dir —; liebst 
Du die Jagd?" 
„Wenn mir Rheumatismus und Gicht dergleichen Extra 
vaganzen noch erlauben, v ja; vielleicht werde ich sie auch 
Deinetwegen lieben!" 
„Du bist ein prächtiger Mensch, Oheim; wir müssen 
Vertrante werden!" 
„Das wünsche ich selbst, Kind; ein alter und ein jugend 
licher Garpon unterscheiden sich nicht viel, verstehen sich jeden 
falls besser, als Eltern und Kinder, und können Discretion 
betreffs ihrer kleinen Geheininisse von einander erwarten."
	        
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