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Volume Heft 15

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

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Illustrirtes Panorama. 
That sehen, wenigstens das von ihr herrührende Geräusch 
Horen- 
Der Präsident hob dies besonders in seinem Resume 
hervor und obwohl er, weniger leidenschaftlich als der Staats 
anwalt, keine directen Beschuldigungen aussprach, so leuchtete 
dennoch aus seiner Rede hervor, daß er von der Schuld des 
Angeklagten überzeugt sei. Er schloß seine Rede mit der 
an die Geschworenen gerichteten Frage: 
„Ist der Angeklagte des Raubmordes an dem 
Handelsmann Meier Beudix aus G. schuldig oder 
nicht?." 
Die Geschworenen zogen sich zurück und traten bereits 
nach vielleicht zehn Minuten wieder in den Saal. Ihr Ob- 
mann gab das mit sieben gegen fünf Stimmen gefällte Ver- 
dict ab: 
„Der Angeklagte ist des Raubmordes an dem 
Meier Bendix schuldig!" 
Tiefe Stille herrschte nach diesen Worten. Dreyer stand 
wie erstarrt da. Das hatte er nicht erwartet. 
Da trat plötzlich der uns bekannte Landdragoner Weck 
mann in den Saal, sein Gesicht war hochgeröthet, sein An 
zug von oben bis unten mit Schmutz bedeckt. Er schritt 
eilig aus den ihn streng anblickenden Präsidenten zu, legte 
eine in seiner Hand befindliche Brieftasche, ans der verschie 
dene Papiere hervorsahen, vor ihn hin und flüsterte ihm 
einige Worte zu. 
Die Reihe, starr zu werden, schien jetzt an den Präsi 
denten gekommen zu sein. 
„Sie haben den eigentlichen Mörder!" schallte es vom 
Flure herein, „der Justiz-Amtmann ist unschuldig!" 
Dreyer 'sagte nichts, ein leichtes Beben durchschauerte 
seinen Körper und sein Blick richtete sich dankend nach oben. 
Sein Bruder, der nach seiner Vernehmung im Zuschauer 
raume Platz genommen, ließ sich nun nicht länger halten, 
sprang über die Barre und flog an die Brust des so schwer 
geprüften Mannes. 
Inzwischen hatte der Landdragoner auch noch eine Uhr, 
eine Börse und andere Kleinigkeiten vor den Präsidenten 
hingelegt, die Jüdin schrie von ihrem Platze aus, daß es die 
Sachen ihres verstorbenen Mannes seien. 
„Die Sitzung ist aufgehoben!" erklärte endlich der Prä 
sident mit einem tiefen Seufzer. 
Vor der Thüre des Gerichtsgebäudes umgab die Menge 
einen wild um sich blickenden gebundenen Kerl, den zwei 
Transporteure bewachten. Ein anderer nicht gebundener Mensch 
sah sich ängstlich in der Menge um; sie Beide wurden nach 
der Rückkehr des Landdragoners in das Gefängniß gebracht. 
(Schluß in Lief. 16.) 
Eine aste Straße in Mri8. 
(Illustration hierzu auf Seite 589.) 
Paris ist nicht mehr das frühere, darin sind sich die 
Besucher des alten Lutetia, welche es vor 1848 und jetzt 
sehen, einig. Die Veränderung und Verwandlung der Haupt 
stadt Frankreichs ist radikal zu nennen, gründlicher, als sie 
durch die Revolution von 1789 und ihre Folgen, wie durch 
Napoleon I., werden konnte. Was derselbe in dieser Hinsicht 
für Pläne hatte, ist unbekannt, sie konnten nicht zur Aus 
führung kommen, da ihm die Zeit gebrach. Der Neffe hat 
seine Ideen zur Wirklichkeit gemacht und dadurch theilweise 
ersetzt, was 'der bekannte 2. Dezember Böses verursachte. 
Später räumte ein Machtbefehl auch dort auf, wo es die 
Kanonen nicht gethan, und so entstand in einem Zeitraume 
von fünfzehn Jahren das neue Paris. Nur wenige der alten 
Winkel desselben vermochten sich vor der Umänderung zu 
retten und zu ihnen gehört die alte Straße Hautefeuille, die 
noch so geblieben, wie sie im sechszehnten Jahrhundert ge 
wesen. Sie wird dadurch noch bemerkenswcrther, daß sie 
auch frühere Stürme von Paris glücklich überdauert. 
Die Ansicht dieser Straße (Seite 589) ist vom Hotel 
Fecamp aus ausgenommen und zeigt im Vordergründe ein 
Bauwerk, dessen Ursprung und Entstehung unbekannt sind. 
Doch der burgartige Bau läßt fast daraus schließen, daß er 
von einem der früheren französischen Großen errichtet worden, 
deren Macht nach und nach, schließlich durch den Cardinal 
Richelieu) gebrochen worden. Ferner reihen sich die alten 
Formen der Häuser an einander, mit ihren Giebeln, Thürmen 
und Aufsätzen ohne Zweck und ohne Schönheitsregeln. Was 
aber könnten diese Häuser nicht erzählen? 
Daß die Straße noch jetzt in demselben Zustande, wie 
im sechszehnten Jahrhundert, ist, geht aus einer Beschreibung 
jener Zeit hervor, doch ist sie jedenfalls älter, und so dürften 
ihre Häuser wahrscheinlich Zeugniß ablegen können von dem 
feindlichen Besuche der Engländer in Paris um das Jahr 
1420, von den Ereignissen während der Hungersnoth von 
1438, von der ersten Einführung der Straßenbeleuchtung 
um 1465, von den Kämpfen der Fronde, der Bartholomäus 
nacht und endlich von allen jenen Unruhen, die seit der Zeit 
Paris unaufhörlich bewegten. 
Weshalb gerade die Rue Hautefeuille verschont geblieben, 
ist nicht bekannt, denn die Gegend um sie her ward eben 
falls gründlich verändert. Bei den Organisatoren des Stadt 
planes dürfte indessen wohl nicht Pietät und Achtung vor 
alten Gebäuden vorherrschend gewesen sein. Der dominirende 
Regulator bei der Abänderung von Paris war die Anlegung 
von Abflüssen und die Durchführung eines gründlichen Rein 
lichkeits-Systems, welches der Hauptstadt wirklich notb that. 
In dieser Hinsicht verdienen die Arbeiten Napoleon's 111. denn 
auch den größten Dank. Möglich, daß die alte Straße bei 
der Ausführung des entworfenen Planes diesem nicht in den 
Weg trat. C. S. 
Ä r t 0 u i\ 
Erzählung 
von 
Pari Schmcling. 
I. 
Ihre Burgen sind gefallen, 
Und der Wind streicht durch die Hallen. 
Ja, sie sind gefallen, die stolzen Burgen des Mittel 
alters; zum Theil gänzlich von der Erde verschwunden, nur 
der kleinere Theil trauert noch durch Ruinen auf den Stellen, 
wo sich einst die kühnen Hochwachten erhoben. Die trotzige, 
tapfere Ritterschaft, welche in diesen Burgen hauste, ging zur 
Ruhe, legte sich für immer schlafen und der Glanz ihrer 
Herrlichkeit, erblich im Zeitenwcchsel, vor den neuen Ideen, 
welche jener dem Menschengeiste einhauchte. 
Die Nachkommen der noch blühenden Adelsgeschlechter 
stiegen von den Höhen herab in die Ebene, um dort zu
	        
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