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Volume Heft 15

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

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Illuffrirtes Panorama. 
neu, Weda's ». s. w. Der Glaube au das Uebernatürliche, der 
Aberglaube ward überall genährt, und deshalb waren schlaue Be 
trüger jener Art und mystischer Betrug ein Bedürfniß der Zeit. 
Das Wort Magie hat danach einen weiten Begriff 
und umfaßte alle Gegenstände, die dem befangenen Sinne 
des Volkes unbegreiflich erschienen, von der Astronomie, die 
damals nur in Verbindung mit der Astrologie gedacht wer 
den konnte, bis zu den Kartenkunststücken des Gauklers, und 
viele bedeutende Männer mußten ihren Ruf durch elende 
Taschenspielereien begründen, um nur ungehindert ihren 
wissenschaftlichen Forschungen obliegen zu können. Sie »ruß 
ten Furcht und Scheu zu erwecken suchen, um nicht gestört 
zrr werden, und die Requisite eines magischen Ateliers des 
Mittelalters waren oft sonderbarer Art. 
Durch die Völkerwanderung, wie durch die Krenzzüge 
wurden nicht allein die Völker, sondern auch ihre Eigenhei 
ten, Eigenschaften, ihre Gebräuche, ihr geistiger Besitz durch 
einander geschüttelt und zunächst entstand dadurch ein ver 
worrenes, unklares Conglvmerat aller möglichen Ansichten, 
Erfahrungen und Kenntnisse, die sich in der rohesten Form 
Geltung verschafften. Die späteren Religionskriege thaten 
für Deutschland noch ein klebriges, und es kann daher nicht 
Wunder nehmen, wenn einer der ersten Gelehrten aller Zei 
ten, der eigentliche Begründer der astronomischen Wissen 
schaft, als solcher sich mit Dingen umgab, biedern befangenen 
Menschen, der seines Raths bedürftig zu ihm trat, mit Schau 
der erfüllten. 
Betrachten wir uns das Arbeitszimmer dieses Mannes, 
wie es sich einst in Regensburg vorfand, näher. Schon der 
Stuhl trägt als außergewöhnliche Zierde die Eule, das 
Symbol der Weisheit. Das Teleskop durfte dem Manne, 
der die Gesetze des Planetenlanfs feststellte, nicht fehlen und 
wenn es auch eine Seltenheit in jener Zeit genannt werden 
mußte, so war es doch etivas Natürliches. Aber nun weiter 
— in wirrer Unordnung lagen am Boden umhex Bücher, 
damals noch von Vielen aus dem Volke mit einer gewissen 
Scheu betrachtet, Globen, alchymistische Geräthschafteu, De- 
stillir- und Electrisirmaschinen u. s. w. Wände und Decken 
waren mit menschlichen Gerippen, ausgestopften gräulich an 
zusehenden Thieren des Auslandes, Schädelknvchen von sol 
chen geschmückt und ausgestattet. Nebenbei hüpfte am Bo 
den ein großer Frosch umher oder schlüpfte eine Schlange 
durch die Zwischenräume, welche die Geräthschaften trennten. 
Das Loch mußte auch für den Unbefangenen einen wider 
lichen Aufenthalt abgeben. 
Doch alle diese Attribute waren nöthig, um die Person 
des Mannes zu sichern, und weil man nicht wagte, ihn selbst 
anzufassen, so zog man seine Mutter unter der Anschuldigung, 
eine Hexe zu sein und Hexenwesen getrieben zu haben, ein. 
Nur hohe Freunde und Gönner des Sohnes konnten die 
alte bereits halb kindische Frau vor der Folter und dem 
Feuer oder einem anderen qualvollen Tode bewahren. Doch 
wollte der würdige Rath von Regensburg Beide als äußerst 
gefährliche Menschen nicht länger dulden. Der Gelehrte, der 
Weise, welcher so mit Bosheit, Dummheit und Aberglauben 
kämpfen mußte, war — der Astronom Keppler. 
Einer seiner Gönner, sein Schüler und gewissermaßen 
sein Freund, war Wallenstein. Konnte er ahnen, daß seine 
Neigung zu astronomischen Forschungen einst ein falsches 
Licht auf ihn werfen sollte, daß er dieserhalb von der Nach 
welt für einen abergläubischen Dummkopf gehalten werden 
würde? Schiller hat die Schuld auf sich geladen, einen 
wirklich großen Mann karrikirt zu haben, wie dies Sheak- 
speare vor ihm schon mit Falstaff gethan, und Wallensteiu 
wie Falstaff stehen der Einb-ildnngskraft nur in jenen Um 
risse» vor Augen, welche ihnen die dichterischen Schöpfungen 
jener Autoren gaben. Dr. Förster hat durch eine Samm 
lung der eigenhändigen Briefe Wallenstein's die Ehre des 
selben gerettet und seinen wahren Charakter daraus erkennen 
lassen. Wallenstein war seinem Jahrhundert weit voraus 
und seine Gleichgültigkeit gegen religiöse Formen und Strei 
tigkeiten ließen ihn den Mißgriff machen, für den Katholi 
cismus einzutreten. Das war sein Fehler. Stellte er sich 
ans die andere Seite, dürften wir heute eine herrschende 
Dynastie Wallenstein kennen. Astrologe und Sterndeuter 
mußte er aber sei», weil das dumme Volk nur dadurch seine 
Neigung erklären konnte. Seine Geschichtschreiber waren leine 
Feinde, und es kam ihnen nicht darauf an, ihn zu verleumden. 
Wie Keppler mußten es »och viele Andere machen und 
sie wurden deshalb mit jenen Betrügern in eine Klasse ge 
worfen, die sich ihrer mangelhaften Kenntnisse der Natur 
kräfte bedienten, um Geld zu erwerben. 
Mit dem allgemeinen Bekanntwerden der Naturkräfte 
und ihrer Wirkungen, ihrer vielseitigen Verwendung der 
selben, mußte das Unwesen der letzteren Gesellen von selbst 
aufhören, und es blieben den neueren Magiern nur wenige 
Seiten übrig, nach denen hin sie sich bewegen konnten. 
Dennoch sollten wir in unserem aufgeklärten Jahrhundert, 
außer den Schaustellungen der sogenannten Taschenspieler, 
Dinge erleben, die den Beweis liefern, wie tief der Aber 
glaube in unserem Geschlechte wurzelt. Es gab kürzlich 
Teufelserscheinungen, Tischrücken und Geisterklopfen, und 
wie ein über Sumpf kommender Windhauch fuhr der tolle 
Wahn eine kurze Zeit dumpf und schwül über einen Theil 
des Erdballs. Wissenschaftlich gebildete Leute traten sogar 
für den Unsinn ans und behaupteten wie Gallilei — sie dreht 
sich doch! nur war ihr Ruf so bedeutungslos als lächerlich. 
Wahrscheinlich war die ganze Comödie Erfindung einer 
religiösen Secte, amtlich bescheinigt ist kein Teufelsauftreten, 
kein Tischdrehen und kein Geisterklopfen, dagegen hat be 
kanntlich die thätige Polizei einer größeren Stadt einen 
Klopfgeist in der 'Person eines sechszehnjährigen Burschen 
erwischt. Komische Scenen hat der kurze Wahn indessen 
genug hervorgebracht und nicht übel ist die Darstellung eines 
Drehtisches mit den Schatten eines großen und einiger klei 
nen Teufel; Schatten, die nur eine kranke Einbildungskraft 
zu schaffen im Stande. Was die Klopfgeister anbetrifft, so 
ist ein komischer Fall in einer Familie ebenso spaßhaft, als 
erläuternd. Man hört nämlich in der Nacht einen Klopf 
geist und alle Glieder der Familie werden wach oder wach 
gerufen; man geht dem Klopfen nach; es tönt ans einem 
gewissen Zimmer her, es muß in einem runden Tische sitzen, 
ein runder Tisch, das war ja das Erforderniß für Klopf 
geister, um ihre Anwesenheit und ihre Absichten kund zu 
thun. Man geräth aber bei der Geschichte in ängstliche 
Unruhe und der Hausherr greift zur Muskete. Doch 
der ganze Witz erhält sein natürliches Ende dadurch, daß 
sich aus dem alten morschen Tische (Seite 577) ein großer 
Bohrkäfer herausarbeitet und harmlos fortzuspazieren ver 
sucht, aber von der einen Tochter mit wahrem Todesmuthe 
durch ein Glas bedeckt und gefangen wird. Um die Lm- 
tuation der geängstigten Familie noch besser zu verstehen, 
muß bemerkt werden, daß sich ihre Mitglieder am Abend 
an zwei Bowlen Punsch erlabt hatten. Als der schreckliche 
Geist unschädlich gemacht worden, meinte deshalb auch die 
praktische Hausfrau, daß man es künftig bei einer Bowle 
bewenden lassen müsse. 
Man bedient sich heute einer Art Umschreibung der 
Sache, welche auf den Aussterbe-Etat gesetzt worden, und 
nennt sie natürliche Magie; aber Natur ist nicht Magie und 
die Magie will nichts Natürliches an sich haben, sie will 
eben übernatürlich sein, und somit ist es mit diesem Aus 
druck, wie mit der Sache selbst, nichts; denn sogar die 
höchste Potenz der heutigen Magie, das Citiren von Geistern 
und Gespenstern, ist bereits hinlänglich erklärt und bekannt. 
Ihr Auftreten wird durch aus besondere Weise angefertigte 
Spiegel und Dämpfe bewirkt. Man braucht also keine Ge 
spenster zu fürchte»; man darf die Magier nicht mehr scheuen, 
sie sind harmlos geworden, wie ändere Menschenkinder.
	        
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