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Volume Heft 15

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

Illu strirtrs Panorama 
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bte arme Schlafende zu blicken. Die kleine Oellampe warf 
zugleich einen Scheür auf den schönen Kopf des Mädchens, 
und die Muttergottes mit den: Jesuskinde, sowie das un 
glückliche Geschöpf neben dem Sterbelager ihres Geliebten 
bildete ein rührend schönes Bild mit strahlenden, zitternden 
Lichtern und tiefe», schwarzen Schatten, wie ein Correggio 
kaum im Stande ist, es im kühnsten Schwünge seiner Phan 
tasie zu schaffen. 
Nach zwei Tagen war das Lager am Beichtstühle leer. 
Gleich Vielen ruhte der arme Bräutigam draußen bei den 
Sch lachtgesahrten unter den kleinen hölzernen Kreuzen, welche 
die Liebe und Pietät der Soldaten ihren gefallenen Kame 
raden setzte." 
In der Kirche S- Rosalia lag auch Carlo Buonarotti; 
er hatte eine weniger gefährliche, aber desto schmerzhaftere 
Wunde. Neben ihm war Platz geworden, der Tod halte 
aufgeräumt und den Aerzten die Arbeit erleichtert. 
Es waren bereits acht Tage vergangen und noch hatte 
er keine Nachricht von seinem Freunde, kein Besuch hatte 
theilnehmend nach seinem Schicksal geforscht, vergessen und 
vereinsamt lag er da. 
Es ist Abend, man zündet die Kerzen an und der Meß 
gesang ertönt, die Verwundeten zu trösten, den Sterbenden 
eine letzte Weihe zu geben. Da nahen sich zwei verschleierte 
Damen in tiefer Trauer- Sie gehen bei den Kranken vor 
über, plötzlich bleibt die Eine stehen — sie beugt sich nieder 
zu dem Lager des Kranken und flüstert: „Carlo!" 
Er zuckt zusammen bei diesem Ton der Stimme, das 
bleiche Antlitz röther sich und im Auge strahlt eine Thräne 
der Rührung. 
„Contessa, Ihr seid's? Ihr wagt Euch hierher, und 
das um meinetwillen?" 
„Um Deinetwillen, Carlo — wer steht mir näher, wer 
ist mir theurer, als Du. Aber nenne meinen Namen nicht, 
auch hier haben die Oesterreicher ihre Späher- Wer ist Dein 
Arzt? Erlaubt er, daß ich Dich mit fortnehme, es ist ent 
setzlich hier, und Du liegst unter den Henkern Italiens, dem 
Gesindel aller Lande, das sie zusammengetrommelt, um uns 
zu knechten." 
Der Haß dieser Frau war so tief gewurzelt, daß er 
selbst im Spital nicht schwieg, daß sie kein Mitleid fühlte 
für die, welche ebenso elend wie der Geliebte, weil sie einer 
anderen Fahne gefolgt. 
Aber freilich — wer hatte Mitleid gehabt mit ihrem 
Vater, mit den Gefangenen im Spielberg? 
Sie mochte daran denken, aber Carlo schauderte vor 
dem Herzen, das hier an der Stätte des Elends das Gefühl 
verleugnete. Die Kranken, mit denen er gelitten, waren 
seine Brüder geworden. Leidensgefährten, die gleiches Elend 
duldeten, gleicher Pflege sich erfreuten. Noch nie hatte er es 
so lief gefühlt, daß diese Frau ein fremdartiges Wesen, als 
jetzt, wo sie ihm Beweise der Liebe gab; er schauderte und 
ihm graute vor dem Weibe, das hier fluchen konnte, wo 
nian Sterbenden die Sacraniente gereicht. 
„Contessa," sagte er, „der Arzt wünschte es längst, 
daß ich ein anderes Unterkommen suche, aber ich mag und 
darf Ihnen nicht zur Last fallen. Ihre Güte vergißt, daß 
Sie für die eigene Sicherheit zu sorgen haben und dann 
auch, daß es Hülfsbedürftigere gibt, als mich." 
„Carlo, was ist das?" flüsterte sie und ihre Stimme 
zitterte leise. „Du wählst einen förmlichen Ton, wo ich 
mehr als das Leben, wo ich die Freiheit wage, um Dich zu 
sehen? Ich sollte an Andere denken, bevor ich Dich gerettet? 
Willst Du mich beleidigen in der Stunde, wo ich Dir mehr 
verrathe, als meiir Stolz je für niöglich gehalten? Carlotta 
Bondelli kommt zu Dir, wie ein liebesieches Weib, und Du 
verschmähst es, ihre Hand zu ergreifen, weil sie Dir herz 
licher dargeboten als je?" 
„Verzeihe, Carlotta, ich dachte, Du bist nicht allein!" 
Das Auge der Gräfin strahlte. „Also das war es!" 
rief sie, und ihre Brust athmete auf. „Ich dachte schon, 
daß Carlo Buonarotti sich auch verändert, wie Alle. Aber 
wir verlieren Zeit mit Schwatzen. Gibt es hier einen Trage 
korb? Wo sind Deine Wärter?" 
„Dort bei der Sacristei steht ein Wärter. Dlt brauchst 
nur zu winkeil, aber noch einmal, Carlotta, wenn irgendwie 
der Dienst, den Du mir erweisen willst, Deine Sicherheit 
gefährden könnte, dann beschwöre ich Dich, lasse mich hier. 
Ich bin in guter Pflege." 
„Sei unbesorgt, guter Carlo, Hermann Weber hat Dir 
einen Passirschein erwirkt. Er wartet auf uns." 
„Er wartet? Warum begleitete er Dich nicht?" 
„Er ist als Kutscher verkleioet und hält beim Wagen." 
Die Gräfin hatte den Wärter herbeigerufen ilnd gab 
ihm jetzt den Auftrag, einen Tragekvrb zu holen, indem sie 
ihm den Passirschein zeigte. 
Buonarotti war durch die Verwendung Hermann's beim 
Grafen Holms aus der Kriegsgefangenschaft hiermit erlöst. 
Als Carlo den Versuch machte, sich aufzurichten, wollte 
die Gräfin ihm behülflich sein; aber sie griff so derb zu, 
daß sie ihm Schmerzen verursachte, sie ließ daher ihre Be 
gleiterin gewähren, als diese sich erbot, dein Verwundeten 
zu helfen. 
„Thue das, Anna," lächelte sie halb unmuthig, halb 
selbstgefällig in ihrem bitteren Stolz — „ich bin kein rechtes 
Weib, ich verstehe besser, Wunden zu schlagen, als Kranke 
zu pflegen." 
Sie sagte damit Alles, was Buonarotti fühlte- Wäre 
sie ein Mann gewesen, so hätte er in ihr den theuersten 
Freund besessen; aber das Unweibliche an ihr stieß ihn ge 
rade dann zurück, wenn sie Zärtlichkeit bewies, und das 
machte einen um so peinlicheren Eindruck, als ihre edle 
Schönheit nur dieses sanften Hauches der Weiblichkeit be 
durft hätte, um vollkommen zu sein. 
Der Kranke ward von deir Spitaldienern in den Trage 
korb gelegt und zum Wagen gebracht. Es war eine ver 
schlossene Chaise, deren Vordersitz durch einige Kissen bald 
in ein ziemlich bequemes Lager hergerichtet war. Die beiden 
Damen setzten sich auf den Rücksitz, Hermann Weber führte 
die Zügel, der eigentliche Kutscher saß als Lakai neben ihm. 
Hermann begrüßte den Freund nur mit den Augen, 
aber Carlo las es aus seinen bleichen verstörten Zügen, daß 
die Geschichte der letzten Tage für ihn eine schmerzliche 
gewesen. 
„Frage Hermann nicht nach dem, was ihn betrübt," flü 
sterte die Gräfin, als der Wagen durch die Straßen rasselte, 
„er hgt Entsetzliches erlebt. Du siehst mich in Trauer — 
aber freilich," unterbrach sich die Contessa mit bitterem Lä 
cheln, „ich trauerte ja stets uni das Elend Italiens und habe 
jetzt mehr Ursache dazu, als je. Aber heute trauere ich dop 
pelt — meine Lucia ist nicht mehr!" 
„Sie ist gemordet — von ihm — ?" — 
„Gott weiß es — schmähe nicht den Todten. Meine 
Freundin," damit wies sie ans ihre Begleiterin, „Anna 
Bolino trauert »m ihren Bruder, Banditen hatten die Villa 
geplündert und angezündet, Hermann kam zu spät, er fand 
den Marchese wahnsinnig und, neben der Leiche seiner Braut, 
die des Grafen Albino." 
Ein leises Schluchzen begleitete die Worte der Gräfin 
und mit tiefer Bewegung sah Carlo ans die Trauernde, die 
den beweinte, der sie verfolgt — 
Als der Wagen in Turin eingetroffen und. Carlo im 
Hause der Gräfin gebeitet worden, trat Hermann Weber an 
sein Lager- 
„Lebe wobl," sagte er, „ich gehe nach Deutschland zu 
rück, um die Stütze meines allen Vaters zu werden- Bei 
Novara habe ich den Schwur gelöst, den wir einst zu 
sammen niit einem Dritten geleistet, für die Freiheit zu fech 
ten. Ich danke Gott, dap ich diese Bande gelöst, sie haben 
viel Elend über mich gebracht."
	        
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