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Volume Heft 15

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

Die Nachricht, daß es der Redaction gelungen ist, Ernst Pitawall den schnell beliebt gewordenen Verfasser von Maria Stuart') als 
Hauptnlitardeiter zu gewinnen, dürfte gewiß allerseits auf das Angenehmste überraschen. Ein großer Roman Ernst Pitawall's eröffnet den sech 
sten Jahrgang des Jllustrirten Panorama. Sein Inhalt sei hier schon mit leichten Strichen angedeutete „Wir sehen August des Starten Hof 
in «Lachse» und Polen, das deutsche Versailles, wie es aufblüht in duftiger Schöne aus dem Elend der Zeit. Der Sturm des Krieges verwüstet 
Europa und das Volk seufzt und darbt, wahrend hier durch stolze Läle, reich gestrahlt vom Flammenmeere, was da schön ist und galant, heiß 
in rauschenden Gewändern wild im Tanze stürmisch wogt. — Todt sind die Schätze des grünen Gewölbes, aber in unserem Gemälde werden 
sie lebendig — da schmücken brokatene Kleider die schönen Formen der holden Aurora von Königsmark, da funkeln die Diamauren an dem 
Busen der verführerischen Circassierin Fatinie, da schlürfen die rosigen Lippen der Fürstin von Tesche» vom goldenen Pocal und die stolze Gräfin 
von Koset hält die damascirte Pistole drohend in der zierlichen Hand Aber zwischen die Liebeleien hindurch ertönt ernst die Kriegs- 
drommete. Der Eisenkopf von Schweden, Karl XII., stürmt mit seinem Schwedenheer gegen Rußland und Polen bis hinab zur Türkei und in 
tollem Ritt kehrt er heim mit den ihm gebliebenen Getreuen. Der Czar Peter, der Zimmermann von Saardam, erhebt das Mädchen von Marien 
burg zur Beherrscherin aller Reusseu und erscheint plötzlich, noch blutig vom Mordanfall der Strelitze», an dem Hoflagcr August des Starke» ..." 
’) Ueber „Maria Stuart von Ernst Pitawall" gibt die Umschlagseite dieses Heftes näheren Aufschluß. D. Red. 
Aus gewittersihwerer Zeit 
oder 
Drei Emissäre der Revolution. 
Historischer, die denkwürdigen Vorgänge des Jahres 1848 behandelnder Roman. 
(Fortsetzung.) 
„Gott hört Dich nicht, Lucia. Es kann Dich nichts 
retten, als Gehorsam." 
Sie ließ das Haupt sinke», wie gebrochen stand sie da, 
aber plötzlich schaute sie auf. 
„Albino," sagte sie, „ich werde Ihnen einen Vorschlag 
machen. Lösen Sie die Fesseln meines Vaters, lassen Sie 
ihn frei — wenn er ungehindert die Villa verlassen, will 
ich Ihnen folgen." 
„Das geht nicht, Lucia, er würde mich anklagen, und 
ich wäre ein Thor, ihm dazu zu helfen." 
„Er wird schwören, dies nicht zu thun." 
„Was ist ein Eid! sagten Sie vorhin." 
„Ich bürge für meinen Vater. Er wird den Eid 
halten." 
Der Conte schien unschlüssig. Es war einerseits ver 
lockend, de» Vorschlag anzunehmen. Der Widerstand Lucia's 
hatte seine Leidenschaft auf's Höchste gereizt, der Gedanke, 
sie zu besitzen, ohne Gewalt deshalb anwenden zu müssen, 
war verführerisch genug, um Albino schwankend zu machen. 
Es war ein Leichtes, den Marchese scheinbar ungehindert 
ziehen zu lassen, um ihn durch Leute des Freikorps in der 
nächsten Stunde einzufangen. Aber lver bürgte ihm dafür, 
daß Lncil nicht den erste» Moment der Freiheit dazu be 
nutzte, zu entfliehen, oder seine Leute gegen ihn aufzuwie 
geln, im ersten Gasthofe Hilfe Iu rufen? 
„Nein," sagte er nach kurzer Pause, „die Leidenschaft 
JllnstrtrtkS Panorama Band V. Llcf IS. 
der Liebe hat mich zum Verbrecher gemacht, Lucia, Du hast 
mir in's Antlitz gespieen und ich soll nicht glanbeu, daß Du 
nichts Arges im Schilde führst? Das Verbrechen ist began 
gen, mag es seine Fortsetzung finden, man sagt ja, der Weg 
führe bergab. Hättest Du Deinen thörichten Widerwillen 
bezwungen, Lucia, ich hätte Dich glücklich gemacht, jetzt bist 
Du schuld, daß ich Deinen Vater tobten muß, um mich von 
einem Ankläger zu befreien." 
Er sagte dies mit erschreckender Ruhe. Lucia fühlte es, 
daß er Scherz trieb mit ihrer Angst uud daß es ihm ein 
grausames Vergnügen war, sie schwebend zwischen Furcht 
und Hoffnung zu erhalten. Ihr Blick schweifte umher, nach 
Rettung zu spähen, nach irgend einer Waffe, die sie der 
Gewalt des grausamen Henkers entzog. 
Plötzlich leuchtete ihr Auge, aber nur einen Moment, 
sie verbarg die Freude, als zittere sie, daß er ihren Plan 
errathen könne. 
„Albino," flehte sie, „gestatten Sie mir wenigstens, mit 
meinem Vater zu beten. Lassen Sie mich los,' ich kann 
Ihnen ja nicht entrinnen. Sie sagen, daß ich Schuld an 
seinem Tode tragen soll, das ist entsetzlich. Das ist eine 
Grausamkeit, die ich Ihnen nie verzeihe und die Ihnen Gott 
vergeben möge, sie ist schlimmer, als der Mord." 
Er ließ die Arme, die er zusammengeschnürt, unwill 
kürlich locker. „Lucia," sagte er, „ich stellte Dir die Wahl, 
mein Weib zu werden, um Deinen Vater zu retten, oder 
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