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Volume Heft 14

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

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Illustrirtes 
Panorama. 
dort den geheimen Kämmerier, so sage ihm, ich sei nicht 
wohl und könne nicht zum Essen zurückkehren, er möge mich 
entschuldigen. Ist er nicht mehr im Eßzimmer, so suche 
ihn in seinem Zimmer auf und sage ihm dasselbe." 
Der Jäger ging. Der Vater setzte seinen Spaziergang 
fort; Ernestine hat ein Strickzeug genommen und strickte 
stehend an das Clavier gelehnt; denn daß Kinder in Ge 
genwart des Vaters sich setzten, so lange dieser aufrecht war, 
das wäre unerhört gewesen. 
Da klopft es an die Thür. Ernestine sagte: „Das ist 
Fritz!" 
Der Vater rief, „Herein!" 
Fritz trat etwas befangen in die Stube und sagte, „der 
kranke junge Herr will durchaus nicht im Bette bleiben." 
„Gehe, sage ihm, ich ließ ihn bitten, noch einen Augen 
blick darin zu bleiben, ich käme gleich selbst." 
Fritz ging, Ernestine fragte zögernd und schüchtern: 
„Könnte nicht vielleicht der Page eine Mittelsperson zwischen 
dem Könige und Dir werden?" Der Vater sah sie an, ohne 
zu antworten, nickte ihr dann freundlich zu und verließ das 
Zimmer. Als er in die Patientenstube trat, lag der Page 
auf dem Lager, zwar unbekleidet, aber sorgfältig frisirt, in 
einem feinen weißen Hemde, welches mit Brabanterspitzen 
verziert war; er hob sich mit halbem Leibe in die Höhe 
und sprach in gewählten Worten seinen Dank für die wohl- 
wolleilde Aufnahme und Hülfe und zugleich eine ehrerbietige 
Entschuldigung aus, daß er den gütigen Hausherrn vorhin 
für einen Arzt gehalten, und ihn auch nach dieser Ansicht 
behandelt habe. 
„Sie haben sich nicht geirrt," sagte der Freiherr 
lächelnd, „ich bin der Arzt meiner Dorfbewohner, und da 
Sie in meinem Dorfe erkrankten, so mußten Sie sich's ge 
fallen lassen, daß ich auch der Ihrige wurde. Wie es 
scheint, ist meine Cür gut angeschlagen und da der Erfolg 
für die Güte meiner Mittel, spricht, so werden Sie sich wohl 
meinen ferneren Anforderungen unterwerfen, und mir Ihren 
Puls erlauben." 
Der Page hielt die Hand hin, der Freiherr fühlte den 
Puls flüchtig und sagte dann: „Völlig fieberfrei, Sie können 
morgen dem König vorreiten, ich werde für ein Pferd sorgen, 
das bequem geht und den Feldjäger ersuchen, daß er auf 
den Relais gleiche Sorge trägt. Dann wird der Ritt keine 
üble Folgen haben und der König braucht gar nicht zu er 
fahren, daß Sie unwohl gewesen sind." 
„Sie beschämen mich tief," sagte der Page, „ich war 
ein Etvurdi gegen Sie, und Sie rächen sich durch Wohl 
thaten." 
„Rache ist süß!" sagte der Freiherr scherzend. „Man 
sagt, Dankbarkeit sei die Kehrseite der Rache, aber die liebens 
würdige. Wollen Sie sich auf liebenswürdige Art rächen, so 
habe» Sie die beste Gelegenheit dazu; sagen Sie mir: Gibt 
der König wohl zuweilen da, wo er Nachtquartiere macht, 
Audienzen und an wen muß man sich wenden, um zu einer 
solchen zu gelangen?" 
Der Page sann einen Augenblick und sprach dann, in 
dem er sein großes bisher niedergeschlagenes Auge mit vollem 
Blick auf den Fragenden richtete: „Ich bin noch ein Neu 
ling in meinem Beruf, doch will ich nach bestem Willen und 
Wissen antworten, wenn auch das Wissen noch schwach ist. 
Der König frägt gern, aber er läßt sich nicht gern fragen, 
er ist mißtrauisch und glaubt, daß jeder Versuch zur An 
näherung aus. Eigennutz geschieht. Er weist Einen gewöhn 
lich verdrießlich zurück, das ist mit so mehr in diesen Tagen 
zu befürchten, denn ich habe bemerkt, daß er an den 
Füßen Gicht leidet, also an solche» Tagen ist ec immer 
mißgestimmt, wahrscheinlich aber werden Sie ungesucht Ge 
legenheit erhalte», sich gegen den König auszusprechen und 
Ihre Wünsche vorzutragen." 
Der Gutsbesitzer hörte, mit Spannung zu, gab aber 
durch nichts Anderes als durch schweigsames Zuhören und 
durch das Bohren seines Blickes in das Auge des Sprechenden 
sein lebhaftes Verlangen zu erkennen, Weiteres und Näheres 
zu hören. 
Der Page fuhr daher nach einer kurzen Pause fort: 
„Der König hat mich unterwegs einigemal an seinen Wagen 
gerufen und manche Fragen über Ihre Person gethan, welche 
andeuteten, daß Sie ihm nicht unbekannt sein mußten; wahr 
scheinlich wird er Sie morgen früh rufen lassen, um von 
Ihnen Auskunft über Localverhältnisse zu erhalten. Dabei 
könnten Sie leichter als in einer nachgesuchten und kaum 
gewährten Audienz erreichen, was Sie wünschen — aber —" 
Der Page, der bisher mit Geläufigkeit, ja mit bewußter 
Sicherheit, die ihm einen Anstrich von Altklugheit gab, seine 
Worte gesetzt hatte, stockte jetzt. Der Freiherr sah ihn 
mit einem Blick an, in welchem lag: Ich verstehe! sagte nur: 
Ich wünsche nicht das Geringste für mich — von welcher 
Stunde an muß ich morgen früh drauf gefaßt sein, daß 
der König mich rufen läßt?" 
„Ich bedaure, daß ich eine sehr frühe nennen muß, der 
König schläft so wenig, daß er seinen Umgebungen auch nur 
wenig Ruhe gestattet; neulich ließ er einen Landrath des 
Morgens 6'/, Uhr rufen, der lag noch im Bette, und ehe 
er rasirt und frisirt war, verging eine so geraume Zeit, daß 
er sehr ungnädig empfangen wurde." 
„Se. Majestät sollen mich zu jeder Zeit bereit finden!" 
mit diesen Worten erhob sich der Freiherr, als wolle er 
gleich Alles besorgen, was zur Vorbereitung nöthig wäre, 
sagte sehr verbindlich: „Ich bin Ihnen recht sehr verpflichtet, 
für die Auskunft, die Sie mir gegeben haben!" und verließ 
mit freundlichem Gruße das Zimmer. 
Am anderen Morgen um fünf Uhr, waren Vater und 
Tochter schon im vollen Anzuge am Frühstückstisch; ihre 
Zimmer lagen unter denen, welche der König und sein Ge 
folge bewohnten; sie hatten schon vor einer Stunde Bewegung 
darin gespürt, sich schnell erhoben und angekleidet und 
waren in unausgesetzter Spannung, ob der König den Vater 
würde rufen lassen. Endlich um halb sieben Uhr ließ ein 
königlicher Kammerdiener sich melden und bestellt: „Se. Ma 
jestät der König erwarten den Gutsbesitzer." 
Herr von Blomberg erwiderte, er stehe zu jeder Mi- 
nute zu Befehl und fragte, ob er jetzt gleich kommen dürfe, 
der Kammerdiener bejahte dies, ließ ihn vorausgehen, bat ihn, 
im Vorzimmer zu warten, ging in das Königszimmer hinein, 
kam aber gleich darauf wieder heraus, behielt die offene Thüre 
in der Hand und sagte: „möchten eintreten." 
Mit einer beklommenen Scheu, die er vergeblich zu be 
kämpfen suchte, trat der Freiherr ein. Er war im Begriff, 
eine tiefe Verbeugung zu machen, als er bemerkte, daß der 
König, den Rücken ihm zugewandt, aus einem Lehnstuhl saß 
und mit Papieren beschäftigt war, die vor ihm auf einem 
Tisch lagen, ihn also nicht sehen konnte. Herr von Blom 
berg blieb daher in militairisch gerader Haltung stehen. Wohl 
fünf Minuten behielt d'er König seine Stellung bei, Herr 
von Blomberg die seinige. 
Da drehte der König sich plötzlich um, lüftete seinen 
Hut ein wenig und sagte: „Servitenr." 
Herr von Blomberg machte eine tiefe Verbeugung. 
Während sich sein Oberleib senkte, fragte der König rasch, so 
daß jener noch nicht wieder in aufrechter Stellung stand: 
„Wie lange ist Er hier schon Gutsherr?" 
Herr von Blomberg, der gehört halte, daß der König 
rasche Antworten liebte, antwortete, schon während er sich 
wieder aufrichtete: „Neunzehn Jahre Ew. Majestät." 
„Ist Er genau unterrichtet über den Viehstand der 
Bauern und. den Ertrag von Stroh, Heu und Körnern?" 
„Es ist immer mein Bestreben gewesen, mich darüber 
genau in Kenntniß zu setze», so viel von den Leuten zu er 
fahren war." 
„Wieviel Banerhöfe sind in der Gemeinde?" 
„Dreiundzwanzig."
	        
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