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Volume Heft 14

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

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Illustrirtes Panorama. 
an dem Kinde straften und ihn noch vor dem Tode der 
Königin dem Schuster Simon zur Erziehung übergaben. 
Wie unzählige Scenen der Art, wie sie die Illustration zeigt, 
mögen zwischen dem Unmenschen und dem königlichen Knaben 
vorgekonimen sein, bis derselbe endlich einer der schrecklichsten 
Krankheiten, der Rhachitis, nach zwei Jahren unterlag. In 
fünfzehn Monaten sprach der arme Knabe fast gar- nicht; 
Stumpfheit und Energie zugleich hatten ihn vielleicht diesen 
Entschluß fassen lassen. Dennoch soll er auf eine Frage des 
Schuhmachers, was er zuerst thun würde, wenn er König 
werden sollte, gesagt haben: 
„Dir verzeihen!" 
Es war nun zwar Simon's Werk keine Erziehung, keine 
Erziehungsmethode; es war dasselbe der Ausdruck eines durch 
seine Rachegelüste irre geleiteten Volkes oder vielmehr einer 
Fraktion desselben — es war die Handlungsweise eines Tollen. 
pferch kann keine angenehmen Eindrücke hinterlassen. Eines 
paßt sich nicht für Alle, am wenigsten für Kinder, die erst auf 
verschiedenen Wegen dahin gebracht werden sollen, sich ver 
möge der gewonnenen Einsicht unter denselben Verhältnissen, 
denselben Gesetzen zu bewegen. 
Daß die Erziehung früh, mit dem jungen Kinde, viel 
leicht spielend begonnen werden kann, ist sicher, und einen 
erquicklicheren Anblick liefert uns das zweite Bild (Seite 552). 
Der ruhige Ernst auf dem edlen Gesichte des Meisters und 
Vaters hört die kindlichen Fragen seines kleinen Gehülfen 
geduldig an und wird sie gewiß sachgemäß und dem Ver 
stände des Kleinen angemessen beantworten. Eine Anleitung 
dieser Art läßt die Beschäftigung lieb gewinnen und durch 
sie das Dasein schätzen. Eine ernste und doch milde Be 
handlung legt auch den Grund zu Ernst und Milde im 
Charakter des Mensche». Das Kind, ohne Erfahrung und 
Die strenge Kindererziehung. 
(Text hierzu auf Seite 651.1 
Dennoch streift oder streifte sie an andere Vorgänge, deren 
genug constatirt sind. Die Behandlung von Waisen, von 
Kindern in den Erziehungshäusern, die noch nicht einmal 
Waisen sind, ist häufig kaum besser gewesen. 
Es ist »«Nöthig, einzelne Fälle aufzuzählen. Englands, 
Frankreichs wie Deutschlands Publicisten haben auf diesem 
Gebiete Schleier gelüftet, die Schlimnies verbargen. Es läßt 
sich überhaupt viel gegen Erziehungs-Anstalten, sie mögen 
Name» haben, wie sie wollen, sagen. Die Eindrücke der 
Jugend bleiben dem Menschen für immer, und ein Kinder- 
mit beschränkten Begriffen, mit beengter Weltanschauung, kann 
die Welt, die Gesellschaft der Erwachsenen, nicht verstehen; 
Beispiel und Belehrung sollen es dieseni Ziele entgegen führen. 
Das Kind fragt gern: warum? weshalb? Es sieht leicht ein, 
wenn es Unrecht gehabt oder gehandelt, aber auch eben so 
leicht, wenn es ungerecht behandelt worden, und es muß eine 
Zeit eintreten, zu der es sich dagegen auflehnt und empört. 
Nur angeborner oder eingeborner Stumpfsinn kann sich bei 
Prügeln immer beruhigen, Verkümmerung an Leib und Geist 
dieselben auf die Dauer ertragen. C. S. 
JllustrirteS Panorama. Band V. Lief. 11. 
70
	        
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