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Volume Heft 14

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

Illustrirtcs Panorama. 
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die Frohnleichnams-Prozcssion nicht einmal in Rom so schon, 
als in einem gewissen GebirgSdorf, wo Wald und Flur im 
eigentlichen Sinn des Wortes geplündert wurden. Am Aller 
seelentag feiert die katholische Kirche das Andenken der Ver 
storbenen. Alt und Jung geht da mit Blumen und Krän 
zen hinaus ans den Kirchhof, um die Gräber zu schmücken. 
Das Immergrün, die Levkoye, die Immortelle spielen unter 
den Blumen eine Hauptrolle. In der heiligen Weihnacht 
erblühen mehrere Pflanzen zu Ehren des Heilandes. Die 
Nelken blühten in der Christnacht, der Safran, die Rose 
von Jericho, die zuerst unter den Tritten der heiligen Jung 
frau hervorsproßte, als sic mit ihrem Sohne nach Egypten 
entfloh. Besonders merkwürdig ist eS, daß um die Mitter 
nachtsstunde der Christnacht Aepfelbäume Frucht tragen, da 
doch von dieser Frucht einst die Voreltern im Paradies ge 
gessen. Aus Thränen sproß die Lilie hervor, aus Bluts 
tropfen die Rose. Kinder mit Blumen zu bekränzen ist nicht 
gut, denn sie sterben bald. Der Blumenorakel gibt es gar 
mancherlei. An vielen Orten wird das Sprüchlein dabei 
hergesagt: „Er liebt mich — von Herzen — mit Schmer 
zen — ein wenig — oder gar nicht." In der Schweiz 
sagen die Mädchen: „Ledig si? Hochsig han? Jn's Chlö- 
sterli gan?" Das Uracher Todtenköpfchen (Ophrys) erblühte 
an der Stelle, wo Nikodemus Frischlin, dessen Element Licht, 
Luft und Bewegung war, in seinem Fluchtversuch aus dem 
dunklen Kerker in der Tiefe sein stürmisches Leben endete. 
Die Lilie war bei den Römern Zeichen der Hoffnung, bei 
den Morgenländern Zeichen der Reinheit und Unschuld. 
Wenn einer der Klosterbrüder von Corvey sterben sollte, so 
fand er drei Tage vor seinem Tod eine weiße Lilie ans sei 
nem Stuhl, und wie diese welkte, so auch er. Der Lauch 
war in früheren Zeiten als Bild eines Helden verehrt. 
Gudrun spricht: So war mein Sigurd, Wie hoch ans 
Halmen, Edles Lauch sich hebt. Das Gras nannte man 
das Haar der Erde, und nach einer alten Sage nahm Gott 
bei Erschaffung des Adam Stein zu dessen Knochen, Ge 
wölle zum Gehirn, Thau zum Schweiß und Gras zum 
Haar. Die Bibernelle galt für wohlthätig gegen Seuchen, 
besonders zur Zeit des schwarzen Todes. Ein Mann in 
Toggenburg hatte damals eine Stimme vom Himmel ge 
hört: „Esset Bibernelle, So sterbt ihr nicht so schnelle." 
Der Rosmarin wird von Hochzeitsleuten getragen, hisweilen 
auch bei Leichenbegängnissen.» Wenn man von Rosmarin 
träumt, ist es ein düsteres Vorzeichen. Darum heißt es in 
einem Volkslied: „Ich hab' die Nacht geträumet, Wohl einen 
schweren Traum, Es wuchs in meinem Garten Ein Ros 
marinenbaum." Die brennende Nessel ist merkwürdiger Weise 
eine bevorzugte Blume. Sie wird zum Liebeszauber und 
Schatzheben benutzt- Die Theerose ist trotz all ihrer Pracht 
dem Menschen unheimlich, und besonders Kinder werden 
davor gewarnt. Der Löwenrachen ist alten Weibern wohl 
bekannt, denn ein Absud desselben soll verjüngen. Die 
Schlüsselblume, von schwäbischen Kindern manchmal Schlüssel 
zum Himmel genannt, erschließt nicht nur den Lenz, sondern 
auch verborgene Schätze. Der Klee ist in der ersten christ 
lichen Zeit ein Sinnbild der Dreifaltigkeit. Ein vierblätt 
riger gilt allenthalben als ein glückbringendes Zeichen. Unter 
den Küchenpflanzen schenkte man dem Kohl am ineisten Auf 
merksamkeit. Sauerkraut muß man an Weihnachten essen, 
wenn man viel Geld bekommen will. Die Alpenrose heißt 
in vielen Gebirgsgegenden „Donnerrvse", weil sie den Blitz 
anziehen soll. Der Seidelbast soll einst ein stolzer Baum 
gewesen sein, bis die Juden das Kreuz Christi davon z>m- 
merten und ihn der Finch traf. Interessant ist namentlich 
auch das Kapitel vom Wein, der mit so großer Sorgfalt 
von unS Deutschen gepflegt wurde, daß wir unser Vater 
land kaum ohne Rebenhügel uns denken können. Die Hasel 
nuß gehörte einst zum Todtencnltns. Es finden sich Hasel 
nüsse in den Gräbern der alten Germanen. Von der Kraft, 
die das , Volk dem Haselnußstock zuschreibt, hat gewiß schon 
mancher Schulknabe einen schlagenden Beweis erhalten. Die 
Palme, deren Zweige Christi gestreut wurden, soll Dornen 
bekommen haben, und zur Stechpalme geworden sein. An 
einer Weide soll sich Judas erhängt haben, weshalb noch 
alle Weiden hohl sind. Die Espe zittert, weil bei dein 
Tode des Heilands alle Bäume bebten, und nur sie theil- 
nahmSlos blieb. Wer sich noch seiner Kinderjahre entsinnen 
kann, der erinnert sich gewiß, mit welcher Vorliebe er die 
„Lichtlein" des Löwenrachens ausgeblasen hat. Wer im 
Stande ist, sie ans einmal wegzublasen, hat Glück in der 
Liebe. Ans dem letzten Kapitel, das von den Bäumen han 
delt und voll duftender Poesie ist, weht es uns an wie 
frische Waldesluft. — Mit diesen wenigen Proben glauben 
wir, die Aufmerksamkeit unserer Leser auf ein Buch gerichtet 
zu haben, dessen Lectüre gewiß Keinen ohne geistigen Genuß 
lassen wird. Mit Wehmuth blickt der Verfasser in die Zeit 
seiner Jugendjahre zurück, wo auf dem Prater in Wien 
Ulmen, Weiden, Erlen und noch viele andere Bäume und 
Sträucher das Auge ergötzten, wo das bunte Heer der 
Schmetterlinge aus den Kelchen der Blumen sein kurzes 
Dasein fristete. Die Lieder der Nachtigall sind jetzt ver 
stummt, und man hört nur das schrille Pfeifen der Lvco- 
motive! 
D. Red. 
Die strenge Zttndererzieyung. 
(Illustrationen hierzu 
Die Kindererziehung oder Kinderzncht, wie man die 
Sache auch zu nennen beliebt, ohne zu bedenken, daß dieser 
Ansdruck in doppelter Hinsicht, sobald es sich um Kinder 
erziehung handelt, falsch ist, bietet ein so unendlich weites 
Gebiet, daß es wohl nie gänzlich beackert werden dürfte. 
Es ist »och gar nicht eben lange her, daß ältere Leute mit 
einem gewissen Wohlbehagen erzählten, wie ihnen im Eltern 
hause, in der Schule, im Lehrverhältniß der Bakel Schliff, 
Kunstgriffe und Fertigkeiten beigebracht habe, und wie eine 
st'lche Behandlung a»ch der Heranwachsenden Generation un 
umgänglich nöthig sei, um etwas Rechtes ans derselben zu 
auf Seite 552 und 553.» 
machen. Bequem ist die Geschichte allerdings, brevi manu 
Ermahnung und Belehrung durch den Stock abzumachen. 
Der Stock war ja lange das geistige Hebungsmittel des 
: deutschen Volkes, wohlgemerkt des Volkes, und noch ist das- 
j selbe ja nicht von ihm emancipirt, denn wenn ec auch nur 
' auf einer Stelle des Vaterlandes officiell ist, so erheben sich 
doch aller Augenblicke, im Norden und Süden, im Osten 
I und Westen, Stimmen für denselben, für gesetzliche Prügelei 
- und Prügelstrafen. Jung gewohnt, alt gethan, gehört zu 
! den allgemeinen Lebensregeln, und was will man dazu sagen, 
I wenn Leute, die zu Hause, in der Schule, in der Lehre mir
	        
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