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Volume Heft 14

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

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Illustrirtes Panorama. 
„Ich will Ihnen nicht verhehlen," sagte der. Beamte 
leise, „daß man Sie der That verdächtig hält. Sie wissen 
selbst, daß meine Ansicht darüber nichtsbedeutend ist, und 
ich nur auf Befehl handeln muß." 
„Ich habe nichts wider Sie!" sagte der Justiz-Amtmann 
gefaßt. „Beruhige Dich, Bruder, ich bin unschuldig, und 
werde diesen Verdacht leicht von mir schütteln können." 
„Das gebe Gott, Ferdinand!" seufzte Heinrich. 
„Aber der gute Weckmann hat Recht," fuhr Ferdinand 
fort, „zeigen wir unten ein heiteres Gesicht, setzen wir unser 
Frühstück fort, und zwar in Gesellschaft niit Weckmann. Ich 
werde dann mit Ihnen zurückreiten, mein Freund, und gebe 
Ihnen mein Ehrenwort, daß ich keinen Fluchtversuch machen 
werde. Dein Geld, Bruder, werde ich aber einstweilen nicht 
gebrauchen, denn die Wechsel können erst nach Regulirung 
der Hinterlassenschaft einkassirt werden. Du siehst, Bruder, 
da habe ich mit einem Male die gewünschte Frist." 
Der Justiz-Amtmann lachte. Er konnte wirklich noch 
scherzen in seiner Lage und setzte Solches sogar im Familien 
kreise fort. Heinrich und der Landdragoner waren indessen 
sehr einsilbig. Nach einer halben Stunde ungefähr nahm 
der Justiz-Amtmann Abschied von den Seinen und verließ 
mit dem Polizeibeamten das Gehöft; man sprach nur wenig 
unterwegs und erreichte in forcirtem Ritt die Stadt, wo der 
Beamte seinen Arrestanten sogleich an das Gefängniß ab 
lieferte. 
Der Verhaftete verlangte sofort ein Verhör. Dies ward 
ihm jedoch nicht gewährt, sondern der Gefängniß-Aufseher 
führte ihn in eine finstere Zelle, ergriff dort bereit liegende 
Fesseln und schritt damit auf Breyer zu. 
„Wie — auch das?!" schrie Breyer, ganz entsetzt zurück 
tretend. 
„Auf besonderen Befehl!" antwortete der Kerkermeister 
und legte ihm die Fesseln an. 
Der frühere Justiz-Amtmann war einen Moment mehr 
todt wie lebend. Als er in seinem Zwinger allein gelassen, 
über die Lage, in welche er gekommen, nachdachte, mußte er 
sich selbst sagen, daß seine Sache verteufelt schlecht zu stehen 
scheine. Es ward ihm plötzlich klar, wie leicht es sei, von 
Rechtswegen Ungerechtigkeiten zu begehen und die wilden 
Auswüchse des «Ins: fiat justicia, pereat mundus und 
summa jus, summam injuriam schwirrten ihm im Kopfe 
umher. 
(Fortsetzung in Lief. 14.) 
Die Herzogin 
(Illustrationen hierzu 
Während viele Religionen die Polygamie gebieten, an 
dere sie gestatten, und selbst die Gesetze Moses Kebsweiber 
kennen, auch die neue christliche oder unchristliche Seele der 
Mormonen sie nebst der Polyandrie etwas wild übt, unter 
sagen alle anderen christlichen Confessionen die Vielweiberei 
wie die Vielmännerei, und wo eine derselben als Staatsreli 
gion herrscht, da hat sich auch die Gesetzgebung der Sache 
angenommen, und Bigamie, wie es für beide Geschlechter 
heißt, zu einem Vergehen gestempelt, welches durch Strafe zu 
ahnden ist. 
Die Natur des gebildeten gesitteten Staates verträgt 
sich denn auch wirklich so wenig mit der Bigamie, wie mit 
dein wilden Zusammen- und Voueinanderlaufen, welches 
neuerdings gewisse Leute als ein Zeichen des Fortschritts ge 
nommen wissen wollten. Die Menschheit soll nicht, wie das 
Thier, nur für Nachkommenschaft sorgen, sondern soll diese 
Nachkommenschaft auch zu Staatsbürgern und gesitteten 
Menschen bilden, eine Aufgabe, die ohne Familienbande und 
Familien-Anhänglichkeit gar nicht zu lösen ist. 
Demungeachtet sehen wir in neuerer Zeit dieses Ver 
gehen sich mehren, sich in vielfachen Formen wiederholen 
und fast alle größeren Städte liefern ihr Contingent z» die 
ser Classe von Sündern und Gesetzes-Uebertreteru, sowohl 
männlichen, wie weiblichen Geschlechts. 
Mag auch der Leichtsinn bei der größeren Mehrzahl der 
doppelliebigen Gesellschaft eine große Rolle spielen, so ist doch 
nicht gut abzusehen, wie die Herrschaften so leicht über den 
Gedanken an Entdeckung und an das Strafgesetz hinweggehen 
können. Denn Gesetzesunkenntniß kann hier nicht vorhanden 
sein, da durch Eingehung einer früheren Ehe allein schon 
eine solche ausgehoben wird. Gewinn und Vortheil erklären 
freilich in manchen Fällen die unüberlegte Handlungsweise 
der Bigamisten. 
Der am meisten Aufsehen erregende Fall einer Unter 
suchung und Verurtheilung wegen Bigamie ist wohl der 
die als Herzogin von Kingston verstorbene Elisabeth Chndleigh 
betreffende. 
voll Kingston. 
nf Seite 445 und 549.) 
Elisabeth war die Tochter eines englischen Obersten, der 
bereits 1743 starb; nach dem Tode des Vaters gelang es 
derselben, eine Stelle als Hofdame bei der damaligen Prin 
zessin von Wales zu erhalten und in diesem Verhältniß 
warb der Herzog von Hamilton, hingerissen von ihrer Schön 
heit und ihren geistigen Vorzügen, um ihre Hand, die ihni 
Elisabeth auch zusagte. Eine Reise des Herzogs nach dem 
Continent verhinderte jedoch einstweilen die Vermählung, 
oder hob sie vielmehr ganz auf, da es im Interesse eines 
Dritten lag, dieselbe nicht zu Stande kommen zu lassen. 
Dieser Dritte war ein Sohn des Grasen von Bristol, 
Namens Hervey, der schon längere Zeit Elisabeth liebte und 
mit seinen Anträgen verfolgte. Sobald der Lord abgereist war, 
traf er Anstalt, die Briefe der Verlobten aufzufangen und 
Beide dadurch zu dem Wahn zu veranlassen, daß der eine 
Theil den anderen vergessen. Bei dem reichen, hochgestellten 
Herzoge ward eine solche Umwandlung noch erklärlicher, wenn 
mau in Betracht zog, daß seine Verlobte ein arincs Mädchen 
ohne Familie und Rang war. 
Hervey näherte sich, nachdem er so. wie ein L-churke 
gehandelt, wieder seiner Herzenskönigin und erneuerte seine 
Anträge. Elisabeth mochte wohl denken, kann es kein Herzog 
sein, so mag es auch ein Graf thun, und gab endlich den 
Wünschen Hervey's Gehör; Beide vermählten sich im Gehei 
men und lebten auch einige Tage recht gut zusammen, bis 
Hervey in einer Schäferstunde seinen edlen Streich beichtete 
und dafür die Verachtung seiner jungen Gemahlin einerntete, 
die ihn sofort wieder verließ und au ihre Stelle bei Hofe 
zurücktrat. Hervey selbst trat aus Verdruß in die Marine 
und segelte nach Westindien. Die Folge der kurzen Ehe 
war ein Kind, das ebenfalls im Geheimen geboren, bald 
starb und Elisabeth galt noch immer als Fräulein Chndleigh, 
ging einige Zeit auf Reisen und hielt sich namentlich auch 
in Deutschland auf. 
Es ist wohl anzunehmen, daß Elisabeth bis zu ihrer 
Vermählung mit Hervey eine tugendhafte Dame gewesen. 
Mit der Kenntniß von dem ihr gespielten Schurkenstreiche
	        
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