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Volume Heft 14

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

Illustrirtes Panorama. 
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wenn ich nicht gehorche und seien Sie versichert, daß es 
zwingende Gründe sind, die mich hierzu veranlassen. Ob 
wohl Buonarotti jede Wissenschaft hartnäckig leugnet, weiß 
ich doch, daß die Signora Bolino gerettet ist und sich in 
Ihrem Schutze befindet; die Agenten, denen ich das Leben 
danke und welche Sie gesendet, um über mich zu wachen, 
haben mir den glücklichen Erfolg Ihres so geschickt eingelei 
teten Planes verrathen. Aber der Graf Albino ist entflohen, 
ich habe das Gesindel gesehen, das sich ihm zur Verfügung 
gestellt, und die Besorgniß, daß er irgend einen Streich ge 
gen die Villa Foscari ausführen könnte, veranlaßt mich, 
ohne Säumen dorthin zu eilen, um den Marchese zu war 
nen, ehe ich mich zur Armee begebe. Haben Sie Dank, 
Contessa, für Alles, was Sie für mich gethan und was Sie 
mir verheißen. Nach der ersten Schlacht, sagten Sie, dürfe 
ich um Lucia bei Ihnen werben. Der Feind, so höre ich, 
dringt über den Tessino vor, das Heer des Königs geht ihm 
entgegen, und es sind vielleicht die Erbgüter Luciens, auf 
denen das erste Blut fließen wird, welches in diesem Kriege 
für Italiens Freiheit vergossen werden wird. Ich kämpfe 
also für ihr Hans, die Freiheit ihres Heerdes und, wie ich 
selig hoffe, des meinigen!" 
„Er wagt es nicht, Anna zu sehen?" murmelte die 
Gräfin vor sich hin, als sie den Brief gelesen. „Wen liebt 
er nun edler, Anna oder Lncia? Diejenige, die er flieht, oder 
die, welche er sucht? Mag das Schicksal entscheiden,-hier 
wäre es sündhaft, eingreifen zu wollen in das treibende 
Rad!" 
Wir schauen wieder hinaus nach dem Gange der Er 
eignisse, zwischen denen unser Drama spielt. - Carlo Alberto 
hatte sich zurückwenden müssen, um dem drohenden Angriff 
Radetzky's zu begegnen. Aber die erste fehlgeschlagene Hoff 
nung, welche die Brust gehoben, als man den Tessino über 
schritten, entmnthigte jetzt das Heer. Man sah, daß Verrath 
im Spiele oder vielmehr, daß die Spione, die Oesterreich 
verrathen sollten, sich getäuscht. 
Der Graf Albino erschien dreist und keck an der Spitze 
seines Freicorps in der Nähe des Lagers, als wolle er Jeden 
herausfordern, der es wagen sollte, ihn vor Gericht zu ziehen. 
Es war überall bekannt geworden, daß man sein Hotel 
durchsucht und ihn eines Verbrechens angeklagt; laut und 
stürmisch forderten die Offiziere, die Zeugen der Scene in 
Fvscaris Hause gewesen, daß man ihn zur Rechenschaft ziehe 
und ihm den Prozeß mache. Aber der Graf hatte eine 
Stellung inne zwischen dem Heere und den Ausläufern der 
Alpen. Er konnte trotzen und in die Gebirge entweichen, 
er konnte aber auch drohen und zu den Oesterreichern über 
gehen, dann war das Raubgesindel ein gefährlicher Gegner. 
Der General Durando erhielt ein Schreiben von ihm, 
gerade als man berathschlagte, wie man sich zu ihm und 
seinem Freicorps verhalten sollte. „General," so lautete der 
Brief, „in Sardinien regiert nicht mehr der König, sondern 
das geheime Comite. Es ist der Gräfin Bondelli mit 
Hülfe desselben gelungen, mir eine empfindliche Beleidigung 
zuzufügen, der Polizeipräsident hat sich erlaubt, auf eine 
verleumderische Anklage hin, mein Hotel zu durchsuchen, 
während ich verreist war, um die Ausführung eines Befehls 
zu hindern, den ich meinen Leuten gegeben. Ich wollte meine 
unglückliche Schwester in eine Heil-Anstalt bringen lassen, ich 
dachte die Ehre meines Hauses dadurch zu wahren, wenn 
ich die Schuld, durch welche sie gesunken, einer Geisteskrank 
heit zuschriebe, so hätte ich auch ihre Ehre gerettet. Aber 
meine Feindin wußte sich der Beamten des Königs zu bedienen, 
um diesen Plan zu vereiteln und eine niedrige Privat 
rache auszuüben. Ich werde dafür Genugthuung von den 
Gerichten fordern, sobald der Krieg beendet, die Anklage 
jedoch, die ich jetzt erhebe, gilt nicht meinem Interesse, sondern 
dem Interesse des Landes. Das geheime Comitö verräth den 
König und seine Armee. Während die sichersten Nachrichten 
vorhanden waren, daß der Feind sich gegen Pavia bewege, 
bestimmten erfundene Nachrichten dieses Comito's den König, 
gegen Mailand vorzugehen. Die Absicht der Verräther liegt 
nahe- Man will nicht den Sieg der königlichen Truppen, 
sondern die Vernichtung der Armee, damit auch hier die 
Revolution ihr Haupt erheben kann und sich dann ausbreite 
über das ganze Italien. Man verhafte die Gräfin Bondelli 
und man wird in ihrem Hause Papiere finden, welche die 
geheimen Zwecke der Carbonaris darlegen. Das Comitc; 
nennt Carlo Alberto einen Verräther an der Sache Italiens. 
General, wenn Sie verhindern wollen, daß die Schmach einer 
Niederlage das Heer Piemonts trifft, so zerreißen Sie die 
Netze, welche die Mazzinisten um den König geschlungen, 
dulden Sie nicht, daß die tapferen Truppen durch schmäh 
lichen Verrath entehrt werden." 
Dieser Brief war von ungeheurer Wirkung. Man war 
nur zu sehr geneigt, an Verrath der Republikaner zu glauben, 
da man den Feind plötzlich in der Flanke sah. Die Dreistig 
keit Albino's ließ ihn schuldlos erscheinen, man konnte nicht 
ahnen, daß er so keck auftreten werde, wenn er nicht Be 
weise für seine Behauptungen liefern könne. Der General 
begab sich zum Könige, um ihm die Anklage mitzutheilen, 
aber der Fürst wagte es ebenso wenig, in dieser entscheidende» 
Krisis mit der mächtigen Partei der Republikaner zu brechen, 
als den Führer eines Freicorps, welches im Stande war, der 
Armee alle Zufuhren und Cvmmunicationen abzuschneiden, 
verhaften zu lassen. 
Er befahl, Albino ausweichend zu antworten, ihm die 
strengste Untersuchung seiner Beschwerde zu versprechen und 
ihm zum Zeichen des Vertrauens den Capitains-Charakter zu 
verleihen. 
Der Graf hatte aber seinen Brief an Durando drucken 
und in tausenden von Exemplaren au die Armee vertheilen 
lassen. Das Gerücht „die Armee ist verrathen" schlich durch 
die Reihen, errregte Argwohn und Besorgnisse, Niemand 
vertraute den Führern, Niemand dem Monarchen. 
Die Folgen dieser traurigen Entmuthigung sollten bald 
an den Tag treten. Die feindlichen Heere trafen sich wieder 
bei Mortara, Radetzky war mit der Schnelligkeit des Blitzes 
vorgedrungen und hatte ganz Piemont in Schrecken versetzt. 
Der Herzog von Savoyen, der Thronerbe Sardiniens, com- 
mandirte persönlich das Centrum, aber die Reihen wurden 
durchbrochen, und beim Einbruch der Dunkelheit stürmte 
Benedeck die Stadt. Die flüchtigen Piemontesen waren 
kaum zu halten, mit Mühe gelang es Durando, einige Ba 
taillone zu sammeln und den Feind zu umzingeln. Benedeck 
hatte nur zwei Bataillone, er war gefangen, wenn ihn nicht 
ein Wunder rettete. Er ließ aus niedergestochenen Artillerie 
pferden und eroberten Mnnitionswagen eine Barrikade er 
richten, rückte in der Dunkelheit vor, nachdem er sich also 
den Rücken gesichert, und forderte unter dem Kugelregen des 
vierfach stärkeren Feindes denselben auf, die Waffen zu 
strecken, da er umgangen sei. Die kecke List gelang, obwohl 
mehrere Offiziere den Befehl zum Angriff gaben, riefen die 
Leute Verrath, man will uns niedermetzeln lassen, und sie 
streckten das Gewehr vor einem Feinde, dessen geringe Zahl 
sie in der Dunkelheit nicht sahen. 
Das war die erste Wirkung jener Proclamation. Der 
König Carlo Alberto schlief die Nacht bei seinen Truppen, 
unter freiem Himmel, in eine wollene Decke gehüllt, als 
Polster unter dem Kopfe den Tornister eines Soldaten. 
Seine lange Gestalt lag ausgestreckt auf dem Boden, das 
Gesicht wär bleifarben, krampfhaft zuckten die Muskel», 
schwere Träume schienen die Seele des Fürsten zu bewegen. 
So beschreibt ein Augenzeuge diese Scene, die von dem 
bleichen Scheine der erlöschenden Wachtfeuer mit einem ge 
spenstischen Lichte beleuchtet wnrde. 
Vor langen Jahren hatte dieser König die Carbonaris 
verrathen und die Gefangenen an Oesterreich ausgeliefert. 
Dann hatte er sich der Actionspartei in die Arme geworfen 
und dem Hanse Habsburg den Krieg auf Tod und Leben
	        
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