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Volume Heft 13

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

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IUustrirte 
Panorama. 
riens und der Berberei auf pfeilschnellen Rossen. Sie sind 
blutdürstig in der Schlacht, aber treu als Freunde und lieb 
reich als Familienväter. Die Dattel und das Wasser der 
Oase ist ihnen Speise und Trank, heilig ist ihnen die Ehre 
und das Gastrecht, ihre Schwärmerei ist die Freiheit. Wie 
sie in schöner Naturpoesie das Bild der Wüste beleben, wenn 
ihre Schaaren, wie Spreu vor dem Winde aufgejagt, ge- 
speustergleich in den weiten Mänteln vom Saume der Wüste 
heranstürmen, so steigt, auch eiu poetisches Bild, aber finster 
und drohend der Druse vom Libanon hernieder, sein weißer 
Turban soll als Zeichen der Reinheit gelten, aber die Reli 
gion der Drusen ist Wollust der Rache, Wollust der Sinne, 
ja selbst Wollust der Schmerzen. Rachsüchtig und grausam 
blitzt das Auge und unerbittlich wüthet ihr Schwert. . Fried 
fertiger Natur, tapfer aber nicht grausam im Kriege sind die 
Tartaren von Samarkand und Bokharo, sie sind die Couriere 
des Sultans, die Albanesen (Arnauten) sind blutgierig und 
grausam, sie sind die Raubritter der Türkei, Bosniaken, 
freiheitsdürstige Serben, Bulgaren, Montenegriner, Sulioten, 
Griechen und Perser stellen ihr Contingent zu dem Heere, 
dessen Fürsten den Kometenschweif des Sultans bilden, der 
jetzt den schwarzen Teppich betritt. Man hat diesen über 
die Schwelle der Moschee gelegt, damit des Großherrn Fuß 
nicht den Marmor berühre, er allein, als Groß-Chan der 
Tartarei, hat das Recht, einen schwarzen Teppich zu fordern. 
Die anwesenden Türken heulen ihr Lebehoch, der Gottes 
dienst beginnt in der Moschee, daö bunte Gemenge neugie 
rigen Volkes, Indier mit spitzen Hüten, verschleierte Frauen, 
Derwische, Mohren, Mulatten, Tunesen und Soldaten, Last 
träger und Reifende aus Kameelen, Landleute auf Eseln, 
Alles treibt aus einander, um die Wagen und Pferde der 
Großen zu bewundern, bis nach Beendigung des Gottes 
dienstes der Sultan zur Wasserthüre der Moschee heraus 
tritt und das glänzend gepolsterte Kaik besteigt, um i^ach dem 
Sommerpalaste zu fahren. Dreißig Ruderer in weißeil Hem 
den von Seidengaze und weißen Plumphosen mit rothen 
Gürtelshawls lassen das schlanke Boot über die glatten Wo 
gen fliegen, ein prächtiger Neger in Scharlach hält den 
Schirm über dem Haupte des Padischah, der bereits eine 
noch einfachere Toilette angelegt. Die Sclaven packen unter 
dessen alle Herrlichkeiten, den schwarzen Teppich, die Epau 
lettes und Ordenssterne, Nock und Weste in einige Bündel 
zusammen und tragen die Schätze wie ein Trödelmann davon. 
Auch wir wollen scheiden mit diesem Tage. Die Sonne 
taucht in das Meer, es zucken die goldenen Strahlen über 
die Wogen und flimmern von den Zinnen der Minarets 
und den Kuppeln der Moscheen, die Woge athmet den Duft 
der Berge und murmelt ihr Schlummerlied. Ein Traum 
von vergangener Hoheit weht über die Paläste den geheim 
nißvollen Zauber, die Poesie der Erinnerung. Abertausend 
Sterne funkeln am Himmelszelt und wie besäet mit Sternen 
flimmert das ganze Ufer, unzählige Lichter blinken wie leuch 
tende Johanniswürmchen aus dem Grün, die Berge schwim 
men im Mondlicht, die Paläste schauen ihr bleiches Bild in 
! der Welle und vom Minaret ertönt die Stimme des Jmans: 
„Gott ist das Licht des Himmels und der Erde!" 
Lebe wohl, du Zauberbild des Südens, du glühend Weib 
in berauschender, Sinne betäubender Schöne und dufte durch 
alle Träume der Erinnerung an die Pracht des Orients, du 
süße, unvergeßliche Buhlerin Stambul! 
/lud) Liner aus Cayenne. 
Skizze von Carl Schmeling. 
(Illustrationen hierzu auf Seite 508 und 509.) 
„Und nun schnell — wo ist Margarethe Leon? Ich 
sterbe vor Ungeduld, sie zu sehen, sie zu begrüßen!" 
Diese Worte wurden von einem stattlichen Herrn, in 
größter Aufregung, zu einem andern gesprochen, der offen 
bar überrascht sich vergeblich zu fassen suchte. 
Einen Moment vorher hätten sich Beide in den Armen 
gelegen. Eine (Scene unverhofften Wiedersehens hatte statt 
gefunden, wenigstens unverhofft von Seiten dessen, an den 
jene Frage gerichtet worden. Dies ging aus seinem ganzen 
Aussehen und Benehmen hervor, während er zugleich mehr 
mals schnell hintereinander seine Gesichtsfarbe wechselte. 
„Freund, Bruder — theurer Axel!" stammelte er end 
lich hervor, „gönne mir Zeit, zur Besinnung zu kommen, 
noch kann ich nicht begreifen —" 
„Begreife später!" fuhr Axel, ihn unterbrechend und 
seine Worte hervorsprudelnd, fort, „nur sage mir, wo ich Deine 
Schwester finde — sprich, wo ist Margarethe?" 
„Meine Schwester?" murmelte Leon erbleichend „Bru 
der, zähme Deine Ungeduld, Margarethe ist — sie ist 
verreist!" 
„Verreist?!" stieß Axel fast erstarrend hervor, „also 
nur verreist —?" 
„Sa, nur verreist!" wiederholte Leon, plötzlich sicher- 
werdend, „beruhige Dich, Theurer, und nimm zuvörderst Platz; 
ich glaube wohl, daß Dir dies unangenehm ist, doch lege 
es dem Zufall zur Last; — nochmals beruhige Dich, während 
w'r plaudern, Deine Sehnsucht wird noch zeitig genug be 
friedigt werden!" 
„Verreist, und in diesem Momente verreist?" murmelte 
Axel, sichtbar enttäuscht und so bitter, als habe jener erste 
Ausdruck noch eine andere als seine sonst gewöhnliche Be 
deutung für ihn. Sein Auge suchte den Boden. 
„Setz' Dich, Axel!" wiederholte Leon seine Einladung 
und jener kam derselben zögernd nach. 
„Verreist?" murmelten nochmals seine Lippen. 
Leon betrachtete ihn aufmerksam, als wollte er in seinen 
Zügen lesen und es war auch wirklich darin zu lesen. 
Axel war wie gesagt ein stattlicher Manu und zwar, 
wie es auf den ersten Blick schien, von gereiften Jahren. 
Doch eine nähere Prüfung zeigte bald, daß er älter aussah, 
als er sein konnte. Zwar war ihm Haupt und Barthaar 
ergraut, sein Gesicht durchfurcht, doch das Feuer des Auges 
und seine schnellen Bewegungen deuteten auf jüngere Jahre. 
Axel. zählte wirklich erst deren dreißig; die grauen 
Haare, die Furchen des Gesichtes, die schmutzig-gelbe Farbe 
der Haut, waren die Folge seines Aufenthalts in einem 
tropischen Clima, die Folge seiner Verbannung — nach 
Cayenne. 
Cayenne — fürchterliches Wort! noch fürchterlicher da 
durch, daß die dieser Pestscholle überlieferten Unglücklichen 
unschuldig sind, unschuldig auf jeden Fall dem gegenüber, 
dessen Opfer sie geworden. Das Wort Cayenne ist gleich 
lautend mit hundertfachem Tode. — 
Es war zehn Jahre vor dem jetzigen Auftreten Axel's, 
als wiederum einmal Kampf und Krieg, Aufstand und 
Revolution in Paris tobten. Axel war damals glücklich. 
Zu jung und zu lebensfroh, um sich viel mit Politik zu be 
schäftigen, hatten ihn die Jahre 1848 und 1849 wenig be 
rührt. Später liebend und geliebt, verlobt mit der Geliebten, 
lebte er nur seiner Liebe. Da brach jener Kampf aus, der
	        
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