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Volume Heft 12

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

Illustrirtes Panorama 
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Heilungen, vielleicht habe ich mehr bei der folgenden: Der 
König ist, wie sehr er auch Quanz ehrte, doch nicht unbe 
dingt nachgebig gegen ihn, sondern weiß ihn auf eine feine 
Weise in die Schranken zurückzuweisen, wenn er sie einmal 
verläßt; einst hatte Musikdirector Kirnberger eine sehr scharfe 
Kritik über eine Quanz'sche Composition geschrieben, Quanz 
wurde dadurch so entrüstet, daß er mit der .Kritik zum König 
eilte und ihn bat, dem Kritiker sofort den Abschied zu geben; 
der König sagte, das könnte man wohl thun, aber man 
könnte noch etwas viel besseres thun, Er muß eine Schrift 
gegen den Kirnberger verfassen, so behalten wir ihn 
im Dienst und bekommen ein vortreffliches Werk mehr; nran 
kann des Guten nicht genug haben." 
Der Feldjäger sah es seinen Zuhörern an, daß Beide 
mit der Erzählung zufrieden waren und sann nach, ob er 
nicht eine ähnliche in seinem Anekdotenvorrath ausfinden 
könne, aber ehe er damit zu Stande kam, trat der Bediente 
ein und meldete, die Suppe steht auf dem Tisch. Das 
war die damals gebräuchliche Formel, mit der die Diener- 
präsentirt. Dadurch verging eine längere Zeit zwischen jedem 
Gericht, die Tafelfrende wurde verlängert und mehr Zeit für 
den Genuß der Weine gewonnen. So vortrefflich diese auch 
und so dringend die Nöthigungen des Hausherrn waren, 
der Gast sprach dem Glase ebenso mäßig zu, wie heute 
Morgen, auch kam es zu keiner recht lebendigen Unterhaltung. 
Der Verwalter war es gewohnt, während der Mittagstafel 
über Wirthschafteangelegenheiten zu berichten und sich Ver- 
haltnngsbesehle zu erbitten, das geschah auch heute und 
Ernestine wie der Feldjäger waren zu rücksichtsvoll, als daß 
sie, während der Freiherr mit dem Verwalter sprach, eine 
selbstständige Unterhaltung hätte führen können; so verging 
die Mittagszeit ziemlich langweilig und Beide freuten sich, 
als der Vater endlich das Zeichen zum Aufbruch gab; man 
ging nach dem Gartensaal zurück, in deur man vor dem 
Essen gewesen, um dort den Kaffee einzunehmen, wobei 
Ernestine nicht ohne einen kleinen Verdruß bemerkte, daß 
der Feldjäger einem feinen Gebäck, das sie selbst ange 
fertigt hatte, zwar fleißig zusprach, dasselbe aber, wie es 
Brasilianische Zustände. 
(Text hierzu auf Seite 469.) 
schaft auf dem Laude anzeigte, daß angerichtet sei, während 
in städtischen vornehmen Häusern der Kammerdiener, auch 
wenn er nicht französisch sprach, doch Nackaino il est servie 
die Worte sich einüben mußte. Der Freiherr wandte sich 
zum Feldjäger mit den Worten: „Wollen Sie meine Tochter 
zur Tafel führen?" Der bot ihr den Arm und führte sie 
durch die Thüren, welche der vorangehende Bediente öffnete, 
nach dem Speisesaal. Dort war schon der Verwalter gegen 
wärtig, der vor jedem der Eintretenden eine tiefe Verbeugung 
machte, Alle stellten sich darauf hinter die Stühle, faltete» 
die Hände und der Freiherr betete: „Komm, Herr Jesu, sei 
unser Gast, und segne, was Du uns bescheeret ffast." Nach 
dem Alle sich gesetzt, »ahm der Bediente die Suppenterrine 
von der Tafel fort, stellte sie auf einen Nebentisch, nahm 
den Teller von jedem Einzelnen, füllte ihn an den: Neben 
tisch mit Suppe und brachte ihn daun dem Speisenden wieder. 
Auch die folgenden Schüsseln wurden sämmtlich srst auf 
die Tafel gestellt, damit die Gäste sich erst mit den Augen 
daran weiden sollten, sodann wurden auch sie auf den Neben 
tisch gestellt, dort die Braten zerlegt und sodann den Gästen 
Jüiistrirte» Panorama. Band V. Lies. 12. 
schien, gedankenlos genoß, ohne irgend eine Bemerkung 
über dessen Wohlgeschmack zu machen, und doch war es, 
das durfte sie sich gestehen, ganz ausgezeichnet gerathen. Sie 
selbst mochte nicht erwähnen, daß es ihr Machwerk sei, hätte 
es aber gern gesehen, wenn der Vater, der darum wußte, 
es erwähnt hätte, der aber war, wie es schien, mit der be 
vorstehenden Ankunft des Königs so beschäftigt, daß er an 
nichts Anderes dachte, daher die Zeit des Kaffeetrinkens gleich 
der des Mittagsessens sehr eintönig vorüberging, und der 
Feldjäger, der nur den Unterschied zwischen dem lebhaften 
geistigen Verkehr des Vormittags bemerkte, glaubte, es fände 
eine Verstimmung statt und er trage die Schuld derselben 
durch seine ungeschickten Mittheilungen über den-König. 
Nun lag ihm aber sehr viel an denr Urtheil des Gutsbe 
sitzers, dessen milde Würde und feine Sicherheit ihm iurponirt 
hatte, und vielleicht lag ihm noch mehr an dem Urtheil 
Ernestine's, die ihm ein Interesse einflößte, das ihn fast un 
ruhig machte; er bemühte sich, irgend etwas zu finden, wodurch 
er sich in den Augen Beider wieder heben könne, er fand 
nichts, vevlor aber durch dies vergebliche Suchen imnrer mehr 
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