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Volume Heft 11

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

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Illustrirtes Panorsma 
anschließen, wenn dadurch nicht die ganze Anklage zusammen 
fiele und ihr der Boden entzogen würde. Concnrs Hai er 
bekanntlich nicht angemeldet, obwohl er oft genug dazu von 
seinem Onkel gedrängt wurde; seine Zahlungen hat er zwar 
vom moralische», jedoch nicht vom juristischen Standpunkte 
eingestellt, denn er hat stets gezahlt, wenn er sich auch 
wiederholt das Geld dazu, wie Sie aus den Zeugen-Ausfageu 
sich noch wohl erinnern werden, erst hat leihen müssen. 
Folgen Sie dem Zuge Ihres Herzens, so müssen Sie den 
Angeklagten Gerke freisprechen und doch müssen Sie leider 
Vas Schuldig über ihn erkennen, damit Müller nicht 
wieder der Gerechtigkeit und Strafgewalt entschlüpft, denn 
wie Sie wissen werden, ist Müller nur der wissentlichen 
Theilnahme und Vorschubleistung bei einem betrügerischen 
Bankerott angeklagt. Nehmen Sie aber an, daß Gerke sich 
keines betrügerischen Bankerotts schuldig gemacht hat, und ein 
solcher nicht stattgefunden, so kann er auch keinen Theilnehmer 
dabei gehabt haben, und wenn kein Verbrechen vorliegt, so 
fällt die Theilnahme von selbst fort. Es ist dies eine schein 
bare und doch wohl überlegte Jnconsequeuz der Staatsan 
waltschaft, wie Sie sich bald überzeugen werden. Sehen Sie 
den Angeklagten Müller an, den stupid aussehenden Mann 
im schlichten bäuerlichen Gewände. Er lächelt still und ge 
lassen vor sich hin und scheint an der Verhandlung gar keinen 
Antheil zu nehmen und doch entgeht seinem kleinen schielen 
den Auge, seiner scharfen Beobachtungsgabe nicht der geringste 
Umstand. Bis jetzt hat er noch auf seinen glücklichen Stern 
gehofft, doch die Zuversicht scheint ihn allmälig zu verlassen, 
wie Sie daraus entnehmen können, daß er, sich unbeachtet glau 
bend, ein Päckchen, ich wette, es sind Banknoten darin, aus der 
Brusttasche nahm und an einem unsagbaren Theile des Körpers ver 
steckte. Müller, auch Torf-Müller im Volksmunde genannt, ist 
bekannt als einer der schlauesten, geriebensten Verbrecher, dem 
die Strafjustiz nie hätte ankommen können, wenn er nicht durch 
einen Act der Rache und Bosheit gegen ein Familienglied 
sich selbst im Netz der Strafgewalt gefangen hätte. Meine 
Herren Geschworenen, Sie haben gehört, daß der Angeklagte 
Müller seinen eigenen Neffen nicht nur um achtzehntausend 
Thaler übervortheilt, sonder» ihn auch in den Kerker ge 
schleppt und ihn durch das Schreckbild des Personal-Arrestes 
so in Furcht gesetzt hat, daß derselbe das gefügige Opfer- 
teuflischer List und Bosheit wurde; Sie haben ferner gehört, 
daß er seinen leiblichen Nichten ihr in seinem Geschäfte an 
gelegtes Heirathsgut vorenthalten, daß er seinen eigenen Bru 
der um Hab und Gut gebracht hat. Und das sind seine 
Blutsverwandten, gegen die er so handelt. Ein Tiger ist 
barmherziger gegen seine Brut. Nachdem er Martensen sein 
Haus abgeschwindelt, bezüchtigt er ihn noch öffentlich des 
Diebstahls. Eine Menge achtbarer Personen wurden das 
Opfer seiner wohlausgesvnnenen Betrügereien und durch Mül 
ler an den Bettelstab gebracht. So raffinirt ist dieser Mensch, 
daß er den Hauptzeugen Architecten Depke stets mit Personal- 
Arrest bedroht, wenn sein Prozeß zur öffentlichen Verhand 
lung ansteht, um durch das Fehlen eines Hauptzeugen einen 
Aufschub des Prozesses zu erlangen. Wieviel Fälle mögen 
nur darum nicht zur Kenntniß des Gerichts gekonunen sein, 
weil die Düpirten und Betrogenen sich schämen, öffentlich zu 
bekennen, daß sie das Opfer des scheinbar simpelsten und doch 
größten Gauners der ganzen Residenz geworden. Ein solcher 
Betrüger muß unschädlich gemacht werden für die Menschheit, 
und nur um die Anklage wegen betrügerischer Theilnahme 
an einem Bankerott aufrecht zu erhalten und Müller unter 
erschwerenden Umständen zum höchsten Strafmaß verurtheilen 
zu können, müssen Sie auch gegen Gerke auf Schuldig des 
fahrlässigen Bankerotts erkennen, doch behalte ich mir bei der 
Fragestellung vor, die Frage: ob schuldig unter Annahme 
mildernder Umstände? zu beantragen. Ganz frei von Schuld 
ist Gerke nicht, wenn ich ihn gleichwohl nicht für einen Ver 
brecher halte; sprechen Sie denselben jedoch frei, so folgt 
daraus die Freisprechung jenes gemeingefährlichen Subjects, 
des Müller, von selbst." 
Die Rede des Staatsanwalts harte einen so überzeu 
genden Eindruck gemacht, daß die Vertheidigung, die Beweis 
führung in allen Stücken anerkennend, nur noch darauf Ge 
wicht zu legen vermochte, daß Gerke ja gar nicht seine 
Zahlungen eingestellt, mithin sich ja aüch gar keines Banke 
rotts schuldig gemacht habe; eine augenblickliche Zahlungs 
unfähigkeit aber nichts weniger als ein Bankerott sei und 
dem solidesten Mamre passiren könne. Da aber eine Zah 
lungseinstellung, wie sie die Konkurs-Ordnung bei einem 
Bankerott voraussetzt, nicht erwiesen worden, so siele jede 
Schuld auch gegen den Mitangeklagten Müller fort. Es 
wäre falsch, wenn die Staatsanwaltschaft den L-atz ausstelle, 
weil ver Eine der Angeklagte» ein Verbrecher, müsse der 
Andere auch verurtheilt werden; man könne den Satz eben 
so gut auch umkehre» und sagen, weil der Hauptangeklagte 
sich keines Verbrechens schuldig gemacht habe und freige 
sprochen werden müsse, so fiele die Theilnahme au einem 
nicht begangenen Verbrechen von selbst fort und deshalb 
müßte für beide Angeklagten auf Freisprechung angetragen 
werden. 
Der Präsident des Gerichtshofes faßte nun das Resuum 
der ganzen Verhandlung in einer gedrungenen, übersichtlichen 
Darstellung zusammen und legte de» Geschworenen nach 
stehende Fragen vor: 
1) Ist der Angeklagte Gerke schuldig, mit Bewußtsein 
seine Gläubiger Lenachtheiligt zu haben? 
Nebenfrage ad 1) Sind mildernde Umstände vorhanden? 
2) Ist der Angeklagte Müller schuldig, dem Gerke wissent 
lich Hülfe geleistet zu haben? 
Nebenfrage ad 2) Sind mildernde Umstände vorhanden? 
Die Geschworenen zogen sich zurück und nach kurzer 
Berathung verkündete ihr Obmann folgendes Verdick: 
1) Ja, der Angeklagte Gerke ist schuldig, mit Be 
wußtsein seine Gläubiger benachtheiligt zu haben, mit mehr 
als sieben Stimmen. 
ad 1) Es sind mildernde Umstände vorhanden, mit 
mehr als sieben Stimmen. 
2) Ja, der Angeklagte Müller ist schuldig, dem 
Gerke wissentlich Hülfe geleistet zu haben, mit mehr als sieben 
Stimmen. 
ad 2) Mildernde Umstände sind bei Müller nicht vor 
handen, mit mehr als sieben Stimmen. 
Das Urtel des Gerichtshofes lautete für Gerke auf neun 
Monat einfaches Gefängniß als niedrigstes Strafmaß, 
für Müller aus sechs Jahre Zuchthaus als höchste Strafe. 
Auf die Frage des Präsidenten, ob die Angeklagte» 
gegen die erkannte Strafe Einwendungen zu machen hätten, 
sagte Brüller naiv: 
„Das ist doch ein Bissel hoch, Herr Präsident!" 
Gerke wurde vorläufig von der Haft' entbunden, um 
seine Angelegenheiten ordnen zu können, Müller als gemein 
gefährlich sofort unter den Verwünschungen des aufgeregten 
Volkes, das in dichte» Haufen den Wagen begleitete, in's 
Gefängniß gebracht. — Da der Staatsanwalt auf Grund 
der Schwurgerichts-Verhandlung noch weitere Spezial-Ver 
handlungen gegen' Müller wegen Betrugs und Wucher sich 
vorbehalten hatte, so ist das gemüthliche, ewig lachende, kleine, 
dicke Männchen, das so viel Vertraue» einzuflößen und so 
gewandt zu betrügen wußte, für lange Jahre unschädlich ge 
macht. 
Auch in diesem Criminalfalle bewährt sich wieder einmal 
das alte Sprüchwort: 
„Wer Anderen eine Grube gräbt, fällt selbst 
hinein!" 
Verlag von Werner Große in Berlin. — Schnellpressendruck von W. Moeser in Berlin.
	        
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