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Volume Heft 11

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

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IUulirirtes Panorsm». 
ber Staatsanwaltschaft einzureichen; mein Onkel denuncirte 
nun sofort gegen niich wegen Meineid, nnd bas hat mich, 
tum erstenmal in meinem Leben, auf die Anklagebank ge 
bracht. Ich fühle mich nicht schuldig." 
Präsident: „Angeklagter Gerke, Sie haben selbst ange 
geben, das; Sie den mit Ihrem Onkel, dem Johann Gott- 
'ried Müller, abgeschlossenen Vertrag mir als einen Schein- 
kauf angesehen haben. Wenn Sie Ihr Eigenthum nur znm 
Schein cedirten, so waren Sie doch noch thatsächlicher Be 
sitzer desselben. Wie konnten Sie dann, um sich Ihrer 
Gläubiger zu entledigen, einen Eid leisten, nichts mehr zu 
besitzen?" 
Gerke: „Obwohl von meinem Onkel dazu gedrängt, 
glaubte ich, denselben doch mit gutem Gewissen leisten zu 
tonnen, da mein Oheim sich doch in den factischen Besitz 
meines Eigenthnnis gesetzt hatte und erst nach drei Jahren 
zur Zurückgabe meines Grundstücks oder zur Erstattung des 
mir alsdann zukommenden Guthabens verpflichtet war." 
Präsident: „Angeklagter Gerke, Sie müssen doch zuge 
ben, daß dies Spitzfindigkeiten sind und Sie im Grunde 
Ihres Herzens sich doch noch als thatsächlichen Besitzer der 
cedirten Werthgegenstände betrachteten. Auch haben Sie in 
der Voruntersuchung ausgesagt, Sie seien nur Disponent 
Ihres Vaters gewesen. Sie haben aber in dem abgeschlossn 
neu Scheinkanf das Eigenthnm Ihres Vaters, also eines 
Anderen, als Ihr eigenes an eine dritte Person cedirt. 
Wie wollen Sie dies rechtfertigen?" 
Gerke: „Ich gebe zu, daß ich binsichtlich des geleisteten 
Manifestationseides anfänglich selbst in Zweifel war, aber 
mein Onkel stellte mir die Sache von einer ganz anderen 
Seite dar und wußte meine Zweifel dadurch zu beseitigen; 
auch drängte er so in mich, daß ich mich zur Ableistung des 
Eides bestimmen ließ. — Was ferner meine Aussage betrifft, 
ich sei nur Disponent meines Vaters gewesen, so beruht sie, 
was das Holzgeschäft betrifft, insofern ans Wahrheit, als 
keine schriftliche Besitzübertragnng zwischen mir und meinem 
Vater stattgefnnden hat, ich eigentlich nur lebenslänglicher 
Nutznießer war. Die (Zession an Müller geschah unter Ge 
nehmigung meines Vaters und in dessen Beisein." 
Präsident: „Aber das Grundstück, gehörte dies auch 
Ihrem Vater?" 
Gerke: „Nein, das Grundstück habe ich aus eigenen 
Mitteln angeschafft »nd hinsichtlich desselben muß ich freilich 
bekennen, in der Voruntersuchung diesen Umstand verschwie 
gen zu haben." 
Präsident: „Angeklagter Gerke, Sie können sich setze». 
— Angeklagter Müller, wir schreiten nun zu Ihrer Ver 
nehmung." 
Die Blicke aller Anwesenden richteten sich mit Span 
nung auf ein kleines kugelrundes Männchen, der in der Re 
sidenz unter dem Namen „Torfmüller" allgemein bekannt 
war. Es konnte nicht leicht einen contrastirenderen Gegen 
satz geben, als ibn und seinen Genossen auf der Anklagebank. 
Gerke, den Eindruck eines geistig etwas beschränkten, aber 
gutmüthigen Elegants und Bonvivants machend, Müller, 
eine getreue Copie des Shakespeare'schen Sir Job» Falstaff, 
nur ohne dessen Säbelgerassel. Ein Gesicbt, das vollständig 
dem Vollmond glich und durch ein nicht zu verscheuchendes 
Lächeln einen Ausdruck freundlicher Bonhommie erhielt; ein 
Kopf, nur spärlich mit schlichtem, dünnem Haar bedeckt; j 
statt des Halses eine unförmliche schwammige Fettmasse, be- i 
kleidet mit einem schwarzen Halstuch, welches, sich von selbst ! 
zusammenrollend, frappant einem Stricke glich. Ein Bäuch 
lein, so rund, voll und wohlgenährt, daß man kaum begrei 
fen konnte, wie die dünnen Beinchen eine solche Last zu 
tragen vermochten. Und doch, sah man den Mann mit den 
dünnen, farblosen Lippen genauer an, blickte man ihm in 
seine winzigen, ewig beweglichen, schielenden Augen, so konnte 
man sich eines unheimlichen Grauens nicht erwehren; wie 
ein Prisma schillerten sie in allen Farben;- bald trugen sie 
den Ausdruck treuherziger Gemüthlichkeit, bald den größter 
Verschlagenheit, und wenn er über etwas nachzusinnen schien, 
leuchtete aus den kleinen Sternen "diabolische Tücke und Ver 
schlagenheit. Seine gebräunten wuchtigen Fäuste auf der 
Barriere der Anklagebank kreuzend, vermochte diese klotzige, 
unbeholfene Person doch das höchste Interesse einzustoßen- 
Präsident: „Angeklagter, Sie heißen, wie die Acten be 
sage», Johann Gottfried Müller, sind achtundsechszig 
Jahr alt, evangelisch, aus dem Dorfe Brenow gebürtig, schon 
einmal mit sechs Monat Gefängniß wegen Wucher bestraft, 
ist dies richtig?" 
Müller: „Ja." 
Präsident: „Sie haben aus der verlesenen Anklage-Acte 
vernommen, wessen Sie beschuldigt sind, bekennen Sie sich 
schuldig?" 
Müller: „Nein, nicht schuldig." 
Präsident: „In welcher Art sind Sie mit dem Angeklag 
ten Gerke verwandt?" 
Müller: „Seines Vaters Schwester ist meine Frau." 
Präsident: „Sie sollen Ihrer Familie ein zärtlicher 
Gatte nnd Vater sein, wie verträgt sich dies mit den Be- 
I trügereien nnd hinterlistigen Handlungen gegen Ihren eigenen 
! Bruder, gegen Ihren Neffen, gegen Ihre nächsten Freunde 
und Bekannten, welche Ihnen zur Last gelegt werden?" 
Müller: „Es kann mir Niemand was beweisen; ich 
helfe im Gegentheil, wo ich kann." 
Präsident: „Seit wann befinden Sie sick in der 
Hauptstadt?" 
Müller: „Seit meinem zwanzigsten Jahre." 
Präsident: „Welches war Jbre Beschäftigung, trieben 
Die ein Gewerbe?" 
Müller: „Als ich noch in Brenow war, war ich Pferde 
knecht, das gefiel mir aber nicht. Ich begab mich in die 
Residenz, wurde erst Hausknecht, dann Auflader in einem 
Speditionsgeschäfte, hielt meine verdienten Groschen zusammen 
nnd kaufte mir, um das Geld nicht.müßig liegen zu lassen, 
ei» Droschkenfuhrwerk. Meine Umstände verbesserten sieb, 
und nach wenigen Jahren war ich in der Lage, mir ein 
Dutzend Droschken halten zu könne», bis ich das Unglück 
hatte, abzubrennen und Alles, zu verlieren. Dann begann 
ich einen Holz- nnd Torfhandel, und dies Geschäft betreibe 
ich »och heute." 
Präsident: „Die Gesellschaft, bei welcher Sie Ihr Fuhr 
werk und Ihre Futtervorräthe mit einer sehr hohen Summe 
versichert hatten, hat Sie beschuldigt, in einer sehr kalten, 
stürmischen Winternacht, wo der Strom und alle Brunnen 
zugefroren waren, selbst Feuer in den Futterkasten geworfen 
zu haben, verhält sich dies so?" 
Müller: „Es konnte mir nichts bewiesen werden; ich 
wurde freigesprochen und erhielt die Versicherungs-Prämie 
ausbezahlt." 
Präsident: „Sie sollen außer Ihrem Holz- und Torf 
geschäft noch ein ausgedehntes Wechselgeschäft betrieben und 
wucherische Zinsen genommen haben?" 
Müller: „Wenn mich Jemand um Geld anging, so 
erlaubte mir mein gutes Herz nicht, ihni seine Bitte abzu 
schlagen und ich lieh ihm die gewünschten Summen." 
Präsident: „Aber doch nur auf Wechsel?" 
Müller: „Freilich nur auf Wechsel, icb hätte ja sonst 
keine Sicherheit gehabt." 
Präsident: „Und zu wucherischen Zinsen?" 
Müller: „Was heißt wucherische Zinsen? Verdienen 
wird allemal groß geschrieben. Wollen die Leute viel Zinsen 
geben, so wäre ich doch ei» Narr, sie nicht zu nehmen." 
Präsident: „An wen verkauften Sie die Wechsel?" 
Müller: „An die Landesbank, dort kennt man mich als 
ehrlichen, zuverlässigen Geschäftsmann nnd ich hatte so viel 
Credit, als ick wollte." 
Präsident: „Sie sollen aber auch von Leuten, die Ihnen 
nickts schuldig waren, sich Accepte, sogenannte Gesälligkeits-
	        
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