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Volume Heft 10

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

IUustrirtes Panorama. 
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noch wiederkehrte, kam in vollem Rennen ein Bauer in den 
Hof gelaufen, auf den Söller zu, die Treppe hinauf und 
meldete athemlos: Der Schulze ließe den gnädigen Herrn 
bitten, doch zum Pfarrhaus zu kommen, es wäre ein Offizier 
angekommen, der wollte durchaus die Siegel von der Thür 
des Pfarrhauses abreißen. 
„Das soll er bleiben lassen!" sagte der Gutsherr 
in rascher Aufwallung, ging sogleich mit dem Bauer und 
rief Ernestine, die eben fragte: „Darf ich mit, lieber Vater?" 
statt der Antwort zu: „Schicke mir gleich den Jäger und 
den Wirthschaftet' nach, und wenn die nicht da sind, den 
Koch und den Johann!" (das war der Bediente.) 
Ernestine hätte für ihr Leben gern den Vater begleitet, 
aber sie war an unbedingten Gehorsam gewöhnt, eilte in's 
Haus, fand da den Jäger, hörte, daß der Wirthschaftet' auf 
dem Kornboden sei, sandte den Bedienten rasch nach ihm, 
und sah, wie bald Beide nach dem Dorfe eilten. 
Fritz kam nicht wieder, der Vater hatte ihn unterwegs 
getroffen und ihm gesagt: „Komm mit!" 
Königs handelt, angelegt, und ich als Gerichtsherr des Ortes 
bin verpflichtet für die Heilighaltung der Befehle, die im 
Namen des Königs gegeben werden, zu haften." 
Der Feldjäger erwiderte stolz: „Ich habe nur dem 
Könige zu gehorchen, und keinem Anderen!" Damit ging 
er entschlossen auf die Thür zu. 
Herr v. B. faßte rasch den Schulzen, stellte ihn so, 
daß er mit seinem Rücken das Schloß und die Siegel deckte, 
winkte Fritz und den Jäger, daß sie sich neben ihn hinstell 
ten, so daß die ganze Vertiefung der Hausthür durch die 
drei Männer ausgefüllt war, und sagte dann zu dem Wirth- 
schafts-Jnspector, indem er ihm einen Schlüssel hinreichte: 
„Lassen Sie sich von meiner Tochter aus nieinem Schreib 
tische zweihundert Thaler -geben, nehmen Sie Ihren Braunen, 
der Reitknecht nimmt den Schimmel, jagen Sie Beide nach 
Crossen, der Reitknecht bringt die Pferde zurück, Sie fragen 
aus dem Postanite in Crossen,") wo der König ist, nehmen 
Courierpferde und reiten, so schnell Sie können, zum König; 
fällt ein Pferd, so bezahlen Sie es sogleich; bitten Sie um 
Eine Pariserin als Indianerin verkleidet. 
(Siehe: Constautinopolitanische Schwindlerinnen auf Seite 386.) 
Vor dem Pfarrhanse fand Herr von B- den Feldjäger 
im eifrigen Gespräch mit dem Schulzen, welcher Letztere dem 
Gutsherrn, der im ruhigen Schritt, aber in ernster Haltung 
näher kam, zurief: „Gnädiger Herr, der Herr Offizier will 
die Siegel abreißen!" — Als Herr v. B. ohne zu antwor 
ten näher kam, begrüßten sich Beide, und ehe jener noch 
fragen konnte, sprach dieser: „Ich handle im Namen des 
Königs." 
„Haben Seine Majestät der König Ihnen ausdrücklich 
befohlen, daß Sie die Siegel abreißen sollen?" fragte Herr 
von B. 
„Das nicht, denn Se. Majestät konnten nicht wissen, 
daß das Haus versiegelt sein würde." — „Dann muß ich Sie 
bitten, das Siegel so lange unberührt zu lassen, bis Se. 
Majestät das Abreißen ausdrücklich befohlen haben. Das 
Siegel ist auf Befehl der Regierung,*) die im Namen des 
*) Die Obergerichte führten damals den Namen: Regierungen, sie 
erließen alle Urtheile und Decrete im Namen des Königs und begann 
jeder Erlaß mit den Worten: Wir Friedrich (oder Friedrich. Wilhelm), 
von Gottes Gnaden König von Preußen u. s. w., ebenso mußten alle 
Jllustrirtes Panorama. Band V. Lief. 10. 
Schreiben an die Regierung mit den Worten beginnen: Euer Maje 
stät, da nun das Wort Majestät nicht stets wiederholt werden konnte, 
so hieß es oft, statt Ew. Majestät haben befohlen: Sie haben befoh 
len. Was man erst nun der Behörde gab, das gab man allmälig 
auch dem Chef der Behörde, dann seinen Räthen, und zuletzt allen 
Honoratioren, eist schriftlich und dann mündlich. So kam dag Sie 
als Anrede in die deutsche Sprache. 
**) Alle Postämter werden stets in Kenntniß gesetzt, wo sich der 
König befindet, deshalb bedarf es bei den Schreiben an den König 
nie einer anderen Aufschrift alö: „An Seine Majestät den König", der 
Ort, wo sich derselbe befindet, wird nie genannt. 
Zn Crossen befand sich das nächste Postanit. In Sommerfeld 
existirte damals noch keins. Der Verfasser erinnert sich, daß bei der 
ersten Einrichtung desselben im Jahre 1811 der Postillon dazu von 
dem Stadtmusikus emgeblasen werden sollte. Dieser hatte sich ver 
pflichtet, jene» in sechs^Woche» soweit zn bringen, daß er mit der 
Fahrpost blasend in die Stadt einziehen könnte; aber alle Bemühun 
gen scheiterten an den geringen Anlagen des Schülers. Da wußte sich 
der Lehrer nicht anders zu helfen, als daß er selbst das Posthorn nahm 
und den Pferden blasend voranlief. Die vorher nie gehörten Töne 
brachten die ganze Stadt an die Fenster und die Jugend, darunter 
auch den Verfasser, auf die Beine, so daß die Post mit zahlreichem, 
stets znnehmendem Geleit durch die Straßen zog bis zum Posthause, 
welches sich damals am Ende der Stadt, im sogenannten Schloße, befand'. 
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