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Volume Heft 1

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

IUustrirtes Panorama. 
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Der Kerl sah mich groß an, warf seinen Tabackspriem 
von der rechten Backe in die linke, und schüttelte sehr ener 
gisch mit dem Kopf. 
Ich fügte hinzu, daß es mir auf ein gutes Trinkgeld 
nicht ankäme, aber, nachdem der Kerl einmal mit dem Kopf 
geschüttelt, versank er in einen solchen Zustand von Unein- 
pfindlichkeit, daß mir nichts weiter übrig blieb, als mir eine 
neue Cigarre anzustecken und meines Weges fürbaß zu schrei 
ten, indem ich Poultry- und Lombard-Street Hinunterschlen- 
derte, dann rechts in Grace-Churchstreet einbog und mich 
plötzlich in der engen, schmutzigen Eastchap befand, wo die 
Kneipe lag, in welcher Shakespeare Falstaff und seine Ge 
nossen ihr Wesen treiben läßt, und wo er auch selber oft ge 
kneipt haben soll. 
Während ich mir die vor Schmutz starrenden und vor 
Unreinlichkeit dampfende Straße aufmerksamer betrachtete, ge 
wahrte ich an der Ecke von Philp-Lane einen Droschkenkut 
scher, dessen gemüthliches Gesicht mein Zutrauen erweckte. 
Ich trat auf ihn zu, theilte ihm meinen Wunsch mit 
und setzte gleich hinzu, daß es mir aus ein gutes Trinkgeld 
nicht ankomme. 
Der gute Mensch versank eine ganze Weile in tiefes Nach 
denken, höh dann endlich den Kopf wieder empor, nickte mir 
zu, zwinkerte auf eine eigenthümliche Weise mit dem rechten 
Auge und sagte, seinen Tabackspriem von der linken Backe in 
die rechte werfend, Co in, 8ir (Steigen sie ein, mein 
Herr). 
Damit war das Geschäft abgemacht und im nächsten 
Augenblick flog das leichte Cab Mary's-Hill-Rvad links hin 
unter, bog in Fen-Church-Street ein, passirte Aldgate-High- 
Street und erreichte dann Brick-Lane, welche als Hauptstraße 
des Quartiers von Whitechapel, des ärmsten, schmutzigsten 
und verrufensten London's zu betrachten ist. 
Als wir in Flower-Dean und Keat Thravl einlenkten, 
wurden die Straßen schon unheimlich eng, ängstlich belebt 
und widerlich schmutzig; bald aber verengten sie sich der- 
maaßen, daß die Räder meines, jetzt nur noch im Schritt 
fahrenden Cab auf beiden Seiten die Häuser der Gasse 
berührten. - 
Die Gebäude waren pechschwarz vor Alter und Schmutz, 
die Fenster blind bis zur Undurchdringlichkeit, theilweis auch 
nur mit geöltem Papier verklebt, oder mit alten Brettern 
versetzt und die Hausflure glichen durchgängig den verpesteten 
Eingängen zu einer Kloake. 
Wilde, bleiche, von Hunger und Laster entstellte Ge 
sichter, blickten neugierig und halb drohend nach meinem 
Wagen, der ihnen Bier gewiß eine gänzlich neue Erscheinung 
war, denn diese Gassen waren gewiß seit vielen Jahren, oder 
auch vielleicht noch niemals von einem Fuhrwerk besucht 
worden, zu welchem Schluß mich auch der Umstand berech 
tigte, daß der Kutscher selbst ängstlich und unsicher wurde 
und oftmals fragte, ob man hier oder dort überhaupt durch 
kommen könne. 
Obgleich in den breiten Straßen vorhin heiterer Son- 
nenschein gewesen war, lagerte doch über diesem Gewirr von 
Straßen, Sackgassen und kleinen Höfen ein eigenthümlicher, 
graublauer Nebel, der von den Ausströmungen des Schmutzes 
gebildet wurde, aus denr hier alle Menschen und Gegenstände 
gemacht zu sein schienen und der mir wie ein schwerer stin 
kender Alp auf die Brust fiel. 
In diesen schwarzen, verpesteten Höhlen hatten Lumpen- 
und Knochensammler ihre abscheulichen Waarenlager; hier 
wohnten entlaufene Sträflinge; hier verbargen die gefährlich 
sten Diebe ihre gestohlenen Schätze und ein wilder, wüster 
Lärm, der, ab und zu, hinter diesen erblindeten Scheiben 
hervordrang, gab Zeugniß von scheußlichen Orgien, welche 
das gemeinste Laster ungestört hier feierte. 
Da Fenster und Thüren großentheils offen standen, war 
mir der Einblick in das Innere dieser Höhlen vergönnt. 
Da lag ein wilder, schmutziger Kerl, sinnlos betrunken, 
.platt auf der feuchten, schlüpfrigen Diele; dort keiften zwei 
widerliche, ebenfalls trunkene Weiber mit einander, und hier 
saß ein junges Mädchen, hall' noch Kind, in dürftiger, kaum 
hinlänglicher Kleidung auf einem Steine vor der Thür und 
starrte auf die Straße hinaus. 
Die Gesichtszüge waren hübsch, aber geisterhaft blaß 
und um die großen, dunklen Augen zogen sich beinahe ebenso 
dunkle Ringe. 
Fühlte sie vielleicht noch Gewissensbisse, oder war ihre 
L>eele auch schon begraben auf diesem großen Kirchhofe gei 
stiger Verwesung? 
Und überhaupt vor den Thüren spielten kleine, theils 
nackte, theils mit Lumpen bedeckte Kinder. — Welcher Zu 
kunft blickten sie entgegen? — Die Meisten von ihnen werden 
wohl einmal dieselben Gestalten annehmen, wie die eben 
beschriebenen. — Weßhalb wurden sie wohl geboren? — 
Das ist auch eine von den vielen dunklen Räthselfragen des 
Lebens, die sich der Mensch niemals beantworten wird. — 
Ich hatte noch immer ziemlich unbefangen, wenn auch 
mit Ekel und moralischem Grauen auf die wechselnden Sce 
nen meiner unsauberen Umgebung geblickt, als sich plötzlich 
eine große, schwarze, schwielige Haud auf den Schlag des 
Wagens legte, welche einem wildaussehenden, schmutzigen 
Kerl gehörte, der jetzt neben mir herschritt und mich mit 
einem halb drohenden, halb neugierigen, Blick ansah. 
Ich gab mir den Anschein, als wenn ich seine Erschei 
nung gar nicht beachtete und fuhr fort, in die Gasse hinaus 
zuschauen, als mein rechtes, seitwärts blinzelndes, Auge be 
merkte, daß mein unsauberer Begleiter den Wagenschlag zu 
öffnen versuchte. 
Das wurde mir denn doch etwas unheimlich und ich 
sah den Menschen jetzt voll an, was ihn jedoch durchaus 
nicht verhinderte, an den Griff des Wagens sortzurütteln, 
in der offenbaren Absicht, denselben zu öffnen und mir einen 
Besuch abzustatten, dessen Motive leicht zu errathen waren. 
Ich griff in die Tasche, holte eine Cigarre hervor, hielt 
ihm dieselbe hin und sagte so verbindlich, wie es mir in der 
augenblicklichen Situation möglich war: 
„Darf ich mir vielleicht erlauben, Ihnen eine Cigarre 
anzubieten?" Der Kerl sah mich groß, beinahe verblüfft, an, 
und nahm dann mit einem kurzen: „Thank you!“ die Ci 
garre aus der Hand, ohne jedoch seine linke Hand von 
meinem Wagenschlage zu entfernen. 
„Vielleicht auch Feuer gefällig?" fragte ich sehr höflich 
weiter, ihm meinen brennenden Stummel anbietend. 
Der Mensch sah mich noch einmal groß an, nahnr aber 
dann den Stummel und begann sich seine Cigarre anzuzün 
den, wobei er jedoch die linke Hand von meinem Wagen 
schlage fortnehmen und auch etwas zurückbleiben mußte. 
Ich lehnte mich etwas rechts aus dem Cab hinaus, um 
zu sehen, was er machte. Er stand jetzt vielleicht zehn 
Schritt hinter meinem Wagen, und hatte eben die Anrau- 
chung seiner Cigarre vollendet, als zwei andere Kerle zu 
ihm traten und ihn über etwas zu befragen schienen. 
Er grüßte und zeigte nach mir hin. — Die beiden Kerle 
nickten und setzten sich, in Begleitung meines ersten Freundes, 
wieder in Bewegung, indem sie sich eifrig und aufgeregt mit 
einander unterhielten. 
Es war augenscheinlich jetzt nicht mehr ans Cigarren, 
sondern auf werthvollere Sachen abgesehen und es daher sehr 
gerathen, den mir zugedachten Besuch nicht abzuwarten. 
„Vorwärts, Kutscher!" rief ich; „drei Schillinge, wenn 
sie uns nicht einholen." Der vortreffliche Cabführer knallte 
mit der Peitsche und im nächsten Augenblick flog das leichte 
Fuhrwerk auf dem holprigen Pflaster dahin, bald über eineil 
tiefen Rinnstein springend, bald von einem scharfen Ecksteiir 
abprallend und die drei Kerle setzten, mit lautem Rufen und 
Pfeifen hinter uns her. 
So ging die wilde Jagd mehrere Minuten lang fort, 
von einem Gäßchen ins andere, ohne daß der Kutscher wußte, 
5'
	        
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