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Volume Heft 1

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

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IUuftrirtes Panorama. 
hinten schieben Neue nach, im Nu ist eine lange Reihe von 
einigen Dreißig gebildet, mit wildem Geschrei schiebt sie unauf 
haltsam durch die Menge und fast rasend lacht Alles, da ihnen 
plötzlich ein riesenlanger englischer Polichinell in denWeg kommt, 
mit einem Buckel hinten und vorn, und dürrem scheußlich 
grün angestrichenen Gesicht. Er wird gewaltsam von dein 
Vordersten annectirt, und Old England muß nolen8 volens 
die Töte der riesigen Menschenkette übernehmen. 
Sind auch die Masken in den letzten Jahren verboten, 
einfach, weil sie so manchen anonymen Messerstich zur Folge 
gehabt, so ist die Auswahl der verschiedenen Costüme, die sich 
bunt durcheinander schieben, noch groß und mannigfaltig genug. 
Dort geht mit pathetischem Schritt ein gewaltig dicker Herr 
in übermäßig und plump geschmücktem mittelalterlichen Anzuge. 
Seine kleinen blöden Augen blicken stolz auf die Umgebung, 
und man würde wohl nicht falsch urtheilen, wenn man in 
ihm irgend einen deutschen Schützenkönig wiedererkennt, dem 
das Glück den Meisterschuß geschenkt und der jetzt fern von 
dem heimathlichen Schusterschemel seine Bildung, d. h. seine 
Zinsen unter Jtalias blauem Hinunet erglänzen läßt. Signore, 
Signore! ruft ihm plötzlich eine Zofe nach. Signore dreht 
sich um und ersieht aus ihren Bewegungen, aber nicht ans 
der ihm fremden Sprache, daß eine reizende Dame auf dem 
nächsten Balköne ihm freundlich zunickt. Eine Eroberung! 
denkt er und was würde „Mutter" sagen, wenn sie das wüßte! 
Aufgebläht wie ein Puter, macht er sich Platz und verbeugt 
sich, unter dem Balkon angekommen, so zierlich wie möglich. 
Die Donna lächelt, der biederbe Meister wird blau vor Ver 
gnügen, die Donna wirft einen Bonbon dicht vor seine Füße, 
er will ihn aufheben, doch wehe! drei Jungen prügeln sich 
schon darum. Da fällt noch ein Bonbon! Er ist überglücklich, 
doch die verdammten Buben! Noch eins, noch mehr Jungen! 
Noch eins, noch eine ganze Menge! Aber wehe, um jeden 
Bonbon eine ganze Rotte Jungen, die in buntem Wirrwarr 
auf der Erde herumsuchen, die ihn vollständig eingekeilt haben! 
Was soll das? denkt der Meister. Da! schaudererregende 
italienische Grausamkeit! wirft die reizende Donna höchsteigen 
bändig weißes Confetti pfundweise nieder auf den armen 
Deutschen! Gipswolken umwirbeln ihn, er kann kaum sehen, 
immer neues Confetti, immer schallenderes Gelächter, endlich, 
endlich bricht er sich Bahn, zornentbrannt stürzt er in die 
erste beste Querstraße, sein schöner Anzug ist ganz verdorben, 
er sieht aus wie ein Müller, nur der traurige Trost ist dem 
Meister geblieben: Gut, daß es „Mutter" nicht gesehen hat! 
Horch! da tönen Trommeln mitten im Geschrei und 
Gewirr. Alles schaut hin, eine Abtheilung Soldaten in mit- 
telalterlicher Tracht mit zwei Tambours grnppiren sich um 
ihren Feldwebel, den Einige in die Höhe heben. Signori! 
brüllt er mit heiserer (Stimme, der König von Neapel hat 
mich gesandt, — allgemeines Gelächter — Euch, Volk des 
majestätischen Roms seinen Dank zu entbieten für das heutige 
ihm gewidmete Fest! Hurrab! der König von Neapel soll 
leben! Hnrrah! wiederholt die lachende Gruppe. Aber nicht 
hier! ruft eine Baßstimme. Bravo! Bravo! Und so schreit, 
tobt und lacht die Menge weiter! 
(Schluß in Lief. 2.) 
Eine /ährt durch die Verdrechergegenden Londons. 
Von A. v. Winterfeld. 
Es ist von je her meine Passion gewesen, in Schlössern 
und Wohnhäusern die Rumpelkammern aufzusuchen, wo die 
Welthistorie oder die Familiengeschichte sitzt und tränint und 
wo man oft so gut die verborgenen Motive der offenbaren 
Begebenheiten studiren kann. 
Aber auch die Rumpelkammern der Städte suche ich 
gern auf, wo die Tugend verkümmert, wo ganze Generatio 
nen körperlich und geistig hinsiechen, und wo Armuth und 
Elend allmälig das Laster ausbrüten. 
Das sind die Kirchhöfe der menschlichen Gesellschaft, auf 
denen moralische Leichen begraben liegen, mit noch vegetiren- 
den Körpern, auf denen die Seele früher versenkt ward, als 
der Leib. 
lind die hie und da noch aufzuckenden Gewissensbisse, 
das sind die wehmüthigen schwarzen Kreuze auf den Gräbern 
der Seele, bis auch diese allmälig versinken und Nichts übrig 
bleibt, als ein Häufchen Schutt, aus dem grüne Blätter em 
porsprießen, wie Gedanken an eine noch nicht erloschene 
Hoffnung. 
Ich hatte in Paris den Wunderhof besucht, jenen engen 
Stadttheil, in dem einst ein vollständig organisirter Bettler- 
und Spitzbubenstaat existirte, dessen Victor Hugo in seinem 
Roman: diötre Dame de Paris erwähnt, ich war durch 
die schmalen dumpfigen Straßen der Eite gewandert, durch 
das Gewirr jener verrufenen Gäßchen, in die nie ein Sonnen 
strahl, kaum ein Luftzug dringt und in denen zwischen 
Schmutz und Unrath aller Art, von verpesteten Dünsten an 
gehaucht, die niedrigste Klasse der Pariser Bevölkerung wohnt, 
und ich hatte mich in den Ekel erregenden Straßen: des 
Fauves und des Colombes lebhaft der Scenen erinnert, welche 
Eugen Sue in seinen Mysteres de Paris hier spielen läßt. 
Nachdem ich London und seine Sehenswürdigkeiten voll 
ständig in Augenschein genommen, wollte ich daher, meiner 
alten Gewohnheit treu bleibend, die gewaltige Weltstadt auch 
nicht verlassen, ohne ihre wunden oder vielmehr wundesten 
Flecke kennen gelernt zu haben. 
Nachdem ich ein compactes englisches Diner zu mir ge 
nommen hatte und noch gemüthlich bei Kaffee und Cigarren 
saß, äußerte ich diesen meiney Wunsch gegen den Oberkellner 
und fragte ihn, wo ich die schmutzigste und verrufenste Ge 
gend Londons aufzusuchen habe. 
Der Oberkellner machte eine krause Nase, schüttelte den 
schöngescheitelten Kopf und sagte, davon würde er mir auf 
das Entschiedenste abrathen, daß ich mich allein und zu Fuß 
in diese Stadttheile begebe, in welche selbst die Polizeibeam- 
ten sich nicht gern hineinwagten und wo ich, im günstigsten 
Falle, doch leicht bestohlen oder insnltirt werden könnte. — 
Wenn ich aber bis Sonnabend warten wollte, fuhr der schöne 
Oberkellner fort, dann wollte er mir einen schlechten Anzug 
verschaffen und mich mit einem ihm befreundeten Policeman 
begleiten. 
Wenn mir der Oberkellner diesen Vorschlag an einem 
Freitage gemacht hätte, würde ich vielleicht mit meiner Abreise 
nach Edinburgh bis Sonnabend gewartet haben, so aber war 
der Tag der Eröffnung unglücklicher Weise ein Dienstag und 
ich mußte daher entweder mein Lieblingsproject aufgeben oder 
dem Rathe des Oberkellners zuwider, allein die gefährliche 
Wanderung antreten. — 
Mit diesem Zwiespalt in der Seele trat ich aus meinem 
Hotel hinaus, machte einen Gang an dem sonnbeglänzten 
Finsbury - Square und schlenderte dann weiter, fast ohne zu 
wissen, wohin: ich ging Coleman-Street und Old-Jewry 
hinunter, bis ich auf die breitere Cheapside stieß. 
An der Ecke derselben hielten mehrere Cabs (Droschken) 
und da mein alter Wunsch wieder mächtig in meiner Seele 
aufstieg, trat ich an den ersten Kutscher heran und fragte ihn, 
ob er mich durch den schlechtesten und verrufensten Theil von 
London fahren wolle.
	        
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