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Volume Heft 9

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

Illuflrirtrs Panorama 
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fliehenden Hugenotten wie Rebhühner niederschoß, das Zielen 
ans seine Unterthanen erleichtert haben sollen, machte sich der 
betreffende Autor eines offenbaren Anachronismus schuldig, 
und können wir denselben nur durch die Annahme einer 
optischen, aus den Reflex der brillanten Illumination des 
Louvre in jener blutigen Nacht zurückzuführenden Täuschung 
entschuldigen. 
Terrorisirte doch hundert Jahre später» von Sonnen 
untergang bis zum Anbruche der Morgenröthe die Pariser 
Verbrecherwelt unter dem Schutze der Latona, oder frei 
übersetzt des Laternenmangels, den Straßenverkehr der beleb 
testen der 16 Viertel des damaligen Paris, und konnte man 
doch von der Marechnussee, jener schwerfälligen und schlecht 
organisirten Pariser Sicherheitswache, die bis zum Ende des 
XVII. Jahrhunderts, nächtlich in geschlossener Colonne das 
Straßennetz von Paris abpatrouillirte, ini wahren Sinne des 
Wortes, wenn sie nicht beritten gewesen wäre, behaupten: 
„sie tappe im Finstern herum!" 
Nach Vorausschickung dieser verbürgten Thatsachen glau 
ben wir berechtigt zu sein, uns ebenfalls der gewöhnlichen 
Annahme anschließen zu können, daß die ursprüngliche Er 
richtung der in abgemessenen Intervallen aufgestellten La 
ternenpfähle dem letzten Regierungsjahre Ludwig's XIV. an 
gehört, und daß erst seit dieser Zeit Bedienstete des öffent 
lichen Beleuchtuugswesens existiren. 
Die große französische Revolution improvisirte den harin- 
losen Laternenpfahl zum Galgen. — Das nach Erstürmung 
der Bastille von Poissarden und entlassenen Galeerensclaven 
erfundene communistische Feldgeschrei: „los aristocrates ä la 
lanterne!“ verlieh dem Verbum „lantenier“ bald eine furcht 
bare Nebenbedeutung. 
Der Exminister Foulon war bekanntlich der erste, wel 
cher, mit Hülfe der obligaten hänfenen Cravatte aur kleinen 
Querbalken eines schlanken Laternenpfahles aufgehängt, auf 
diese wohlfeile Manier in's Jenseits gelyncht wurde. — 
Schon unter dem Directorium wurde die Constrnction der 
Straßenlaternen dahin abgeändert, daß sie mit Hülfe eines 
Seiles auf- und niedergelassen werden konnten. 
Des Morgens hatte der Laternenanzünder die seiner 
Obhut anvertrauten städtischen Laternen zu putzen und zu 
tränken, des Abends war er gehalten, dieselben anzuzünden. 
Er unterzog sich dieser letzteren Function, nachdem ihm des 
Morgens seine Tochter assistirt hatte, in der Regel in Be 
gleitung seiner Ehehälfte, die mit ihrer zinnoberfarbigen 
Nase, wie eine wandelnde ewige Lampe, an seiner Seite ein 
herschritt. 
Während er das quer über die Straße und die am 
Laternenarm befindliche Rolle hinlaufende Seil auf der 
Kurbel, welche unterhalb der Laterne in einer kleinen eisernen 
Büchse befestigt ist, sich abwickeln läßt, nimmt sie die her 
unterschnellende Laterne in Empfang und entzündet den 
Docht. 
Einige Böswillige dichten zwar ihrem Riechwerkzeuge 
eine inflammirende Kraft an, wir dürfen aber versichern, daß 
der Jnflainmationsprozeß des Dochtes auf rein physikalische 
Weise sich vollzieht. 
Der Schlüssel zu der eisernen Büchse befand sich selbst 
redend stets im Verwahrsam des Laternenanzünders, und 
schützte ferner eine metallne Hülse das Seil vor dem ge 
schworenen Feinde jedes Eigenthums der Municipalität — 
vor dem Pariser Gamin. 
Ein Rückblick auf die Beleuchtnngsgeschichte der Seine 
stadt enthüllt uns die Stadt der Intelligenz, des so gepriese 
nen volkswirthschaftlichen und industriellen Fortschritts, als 
obstinate Anhängerin des verrotteten Oellaternen-Cultus in 
feiner Anwendung auf die Straßenbeleuchtung. 
Die ersten embryonischen Versuche, die Gasbeleuchtung 
in Paris einzuführen, datiren sich aus dem Jahre 1833, wo 
bekanntlich auch der erste Impuls zur Entfaltung einer er 
höhten Thätigkeit im Eisenbahnbau iu Frankreich gegeben 
wurde. Die Inhaber der Bazars, der Gobelins-Magazine 
und der großen Verkaufsgewölbe, die Entrepreneurs der Ver- 
gnügnngSlokale, die Theaterdirectoren und der Börsenvor 
stand, bemächtigten sich zunächst für ihre Ressorts der An 
wendung des neuen Leuchtstoffes, und alle seine Rivalen 
überflügelnd, verwandelte sich das Palais Royal durch feen 
hafte Beleuchtung seiner Arcaden, Colonnaden, Verkanfsge- 
wölbe, Spielsäle, Restaurationen und der damals noch dem 
Dienste der venus vulgivaga geweihten Räume, in wenigen 
Tagen in eine wahrhafte Fata morgana. 
Auch die Municipalität gewann allmälig die Ueberzeu 
gung, daß sich bei einer Gaskrone an Winternachmittagen 
besser für das Wohl der Stadt sorgen lasse, als bei einer 
blakenden Oellampe — selbst das Rathhaus ans der place 
de Grreve wurde von den Arbeitern der französischen Gas 
beleuchtungs-Compagnie nnteriniuirt — und trotzdem brachte 
es diese nächst London reichste Stadt der Welt bis 1847 
kauni dahin, daß der Boulevard des Italiens, die nie de 
Rivoli, dje Umgebungen der großen und der komischem 
Oper, die place Royale und die champs-Elysees durch 
Gascandelaber erleuchtet werden konnten. Erst 1847 fingen 
die Laternenanzünder an, est masse ihr Brod zu verlieren; 
sie machten deshalb keine Revolte, sie erstiegen einfach den 
Hügel der nie du Faubourg Poisonniere, wo sich damals 
das Laboratorium der französischen Gasbeleuchtungs-Com 
pagnie befand, und ließen sich als Gasarbeiter anwerben, um 
mit derselben Zärtlichkeit, mit welcher Saturnus seine Kinder 
verschlang, an der Niederlegung und Rasirung der Pfähle, 
welche die' von ihnen so lange gepflegten Oellaternen krönten, 
sich zu betheiligen. 
„Bes extremes se touchent“ sagt der Franzose und da 
wir einmal von Paris sprechen, so können wir es uns nicht 
versagen, im Gegensatze zu dem Laternenanzünder, der in 
der Zopfperiode zu den Laternen, welche damals noch größ- 
tentheils an ihren Pfählen festgeschraubt waren, hinaufklettern 
mußte, den Pariser Brunnenreiniger, welcher bei Ver- 
schlammung des Grundes oder bei Verstopfung der Ausfluß 
röhren, in die von Miasmen und Schwefelstoffgas geschwän 
gerte Atmosphäre der Brunnen hinabzusteigen hatte, unserer 
Gallerte bereits in den Hades hinabgegangener Typen des 
Pariser Straßenlebens beizugesellen. Der Proteus des 19. Jahr 
hunderts: der industrielle Fortschritt, war auch sein Dodten- 
gräber. 
Das bis in große Tiefe hinab bekanntlich auf hartem 
Felsen erbaute Paris entbehrt lebendiger Quellen und lange 
Zeit hindurch mußten sich seine Bewohner mit dem Seine- 
wasser und mit Aquädukten behelfen. Viele der jetzt in allen 
Theilen der Stadt anzutreffenden Brunnen datiren sich erst 
aus neuerer Zeit, und zwar hat man es namentlich der Auf 
stellung der pompe ä feu zu Chaillot und dem erst 1830 
vollendeten (anal de l’Ourcq, dessen Bau 25 Millionen 
Francs kostete, zu danken, daß die stets vor Durst verschmach 
ten wollende Weltstadt wenigstens an trinkbarem Wasser nicht 
mehr Mangel leidet. Auf dem Quai Billy befindet sich das 
Gebäude, in welchem die pompe ä feu, eine ungeheure 
Dampfmaschine, arbeitet, um täglich mindestens 500,000 
Kubikfuß trinkbar gemachtes Seinewasser »ach allen Gegen 
den der Metropole zu versenden. 
Auf unserer Abbildung sehen wir den Brunnenreiniger 
im Begriff, eine Wanderung in sein unterirdisches Revier an- 
i zutreten. Folgen wir ihm! Nach der Fontaine de Birague, 
welche auf der Place Birague steht und ihren Namen ihren: 
Gründer, dem Cardinal gleichen Namens, verdankt, lenkt er 
seine Schritte. Es ist Winter. Der Brunnenreiniger führt 
Stroh und Hanfseile mit sich, um durch Umhüllung der 
> Leitnngsröhren mit diesen Wärmeleitern das Zufrieren des 
I Wassers zu verhindern. Vorher wird aber die Fontaine aus 
gepumpt und gereinigt. Das Sieb, was er über der Achsel 
trägt, dient ihm dazu, das Becken und die Röhren von dem 
. schwammigen Niederschlage und dem vegetabilischen Anwüchse, 
44'
	        
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