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Volume Heft 8

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

Illustrirtes Psnoram«. 
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Die Arme sah mit Staunen ein Goldstück in ihrer 
Hand und blickte zweifelnd zu dem gütigen Greise hinüber, 
der fast feierlich sagte: 
„Nehmen Sie es immer an, gute Frau, er gibt es 
aus eigenem Herzenswünsche, und Frevel wäre es, dem Him- 
melsznge zu wehren, an dem man Gottes Kinder erkennt." 
Und als die Arme aufbrach, da ließ Frau Friedreich sie 
nicht so gehen, wie sie gekommen war. Einen warmen 
Mantel hatte sie schon ausgewählt, um sie selbst und die 
Kinder vor der Kälte zu schützen und eine Magd sollte mit 
gehen, und einen Korb voll Holz und Lebensmittel in die 
Wohnung der Armen tragen. 
„Und wenn Sie für uns arbeiten wollen, liebe Frau," 
sagte Frau Friedreich zum Abschied, „wir werden immer voll 
auf für Sie zu thun haben." 
Unter heißen Dankesthränen, Segenswünsche flüsternd, 
schied die arme Frau. 
Herr Friedreich aber küßte Otto und sagte zu ihm: 
„Vollende Dein heute begonnenes Lebensjahr so gut, wie Du 
es angefangen hast, dann werden sich Gott und Deine 
Eltern über Dich freuen. 
„Das war ein schönes Fest," sagte die Greisin, „so 
schön, wie wir den Dreikönigstag noch nie begangen haben!" 
und ihr Sohn fügte herzlich hinzu: 
„Der Himmel gebe, daß wir ihn noch recht oft so mit 
einander feiern." 
„Amen!" flüsterten Alle und es war, als rauschte 
es wiederum wie Geisterfittiche segnend durch das Ge 
mach. — 
Abraham 11 n c o s n. 
Auch der blut'ge Sohn des Unglücks, 
Der dem ungeheuren Schicksal 
Unterlag, wird ewig leben 
In der Menschen Angedenken. 
„Lincoln ermordet!" Nur wenige Wochen sind ver 
gangen, als diese Hiobspost alle Zeitungen durchlief, die 
Börse erschütterte, die Cabinette Europa's in Bestürzung 
versetzte und die Herzen aller Freiheitsfreunde erstarren 
machte. Lincoln todt! und just in demselben Augen 
blicke, als er die rebellischen Südstaaten niedergeworfen 
und ihnen den Fuß auf den Nacken gesetzt halte; als 
er das Evangelium der Freiheit den von den Sclavenhaltern 
gepeinigten Schwarzen verkündete und sie aus ihren Fesseln 
erlöste. 
Am l 5. April besuchte Lincoln, der Präsident der nord 
amerikanischen Union, am Arme seiner Gemahlin das Thea 
ter zu Washington, und ließ sich in seiner Privat-Loge nie 
der. Das Schauspielhaus war gedrängt voll, die Vorstellung 
näherte sich bereits ihrem Ende, als man einen Schuß fallen 
hörte und von der Logeubrüstung einen Mann auf die Bühne 
springen sah. „Was ist geschehen?" rief entsetzt die Menge. 
Alles richtete die Blicke nach der Richtung, von der man 
den Knall vernommen; man sah den Präsidenten in Blut 
gebadet, durch's Haupt geschossen. Ein Schrei des Ent 
setzens schallte durch's Haus; man setzte dem Mörder nach 
— es war der Tragöde Wilkes Booth. 
Zur selben Stunde drang Mr- Paine in das Haus 
des Staats-Secretairs Seward, unter dem Vorgeben, dem 
erkrankten Minister die verordnete Arzenei zu bringen. Se- 
ward's Sohn, der sich im Vorzimmer befand, wurde durch 
einen meuchlings geführten Streich niedergestreckt und ihm 
der Schädel gespalten; der Mörder drang in's Kranken 
zimmer und nachdem er den Krankenwärter durch einige 
Dolchstiche getödtet, stürzte er sich ans Seward, Liucoln's 
Freund, Rathgeber und Cabinetsgenossen, und versetzte ihm 
vier Stiche in Hals und Gesicht. Mr. Paine, der Mörder, 
entkam. 
Auch der Held und Sieger von Petersburg, der Gene 
ralissimus Grant, der Dritte des berühmten Kleeblatts, 
welches dem Sternenbanner den Sieg verschafft, war be 
stimmt, dem Fanatismus der Sclavenhalter zum Opfer zu 
Statt im Theater, wie nian glaubte, befand er sich 
zufällig zur selben Stunde in einer Sitzung des Ministe 
riums, und dieser Umstand rettete sein Leben. 
Das sind die Schrecken des Bürgerkriegs, daß eine in 
den Staub getretene Cainarilla den Meuchelmord zu Hülse 
ruft, sich ihrer Gegner zu entledigen. 
Mit Abraham Lincoln ist ein großer Mann vom 
Schauplatz einer segensreichen Thätigkeit geschieden und i» 
das Reich des ewigen Friedens eingegangen. Schlicht und 
einfach, Jedem ohne Ausnahme, den Armen wie dein Rei 
chen zugänglich; freundlich und zuvorkommend gegen Jeder 
mann; witzig und voll Humor im geselligen Kreise, ernst 
und würdig, wenn er dem Conseil präsidirte; thatkräftig und 
voll Energie; consequent und fest in dem, was er für Recht 
erkannt, verstand er es, wie nur Wenige seiner Vorgänger 
auf dem Präsidentenstuhl, das halb geborstene Staatsschiff 
durch Kippen und die tobende Brandung zu steuern und 
als kühner Pilot mit starker Hand in den sicheren Hafen 
zu führen. 
Abraham Lincoln, geboren am >2. Februar 1800, 
stammte aus dem Staat Illinois. Sein Großvater, ein 
echter Squatter, einer der rührigsten Pionire des Westens, 
hatte sich im Staate Kentucky angesiedelt. Noch behaupteten 
die Rothhäute ihre großen Jagdgründe und jeder Zoll breit 
Erde mußte ihnen abgerungen werden. Im Kampfe mit 
den Indianern verlor der Farmer sein Leben und seine An 
gehörigen, unter ihnen der siebenjährige Abraham, wanderten 
weiter und siedelten sich in Indiana an. Früh an Thätig 
keit gewöhnt, verbrachte der kleine Lincoln seine Jugend 
hinter dem Pfluge. Größer geworden, griff er zur Axt und 
verdiente sein Brod als Holzschläger; an der Schwelle zwi 
schen dem Knaben- und Jünglingsalter wurde er Schiffer 
und mit erreichter Volljährigkeit etablirte er zu Salem einen 
Kramladen. In dem Kriege von 1830 trat Abraham 
Lincoln in die Miliz ein, avancirte bald zum Hauptmann 
und diente einige Jahre mit gewaffneter Hand dem Vater 
lande. Die strenge Gerechtigkeitsliebe, welche ihn beseelte, 
führte ihn zum Studium der Rechtsgelehrsamkeit; er bildete 
sich zum Advocaten aus und that sich als Vertheidiger so 
hervor, daß er im Jahre 1834, von dem Vertrauen des 
Volks getragen, in die gesetzgebende Versammlung oes Staa 
tes Illinois, bald daraus aber als Abgeordneter zum Cougreß 
in Washington gewählt wurde. Lincoln ergriff nunmehr
	        
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