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Volume Heft 8

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

Illustrirtes Panorama. 
285 
Die Trommel der Nationalgarde wirbelte durch die 
Straßen. „Zu den Waffen!" donnerte der Ruf der Arbeiter. 
Die Colonnen Cavaignac's rückten gegen das Pantheon vor. 
Noch einmal verfugte der greise Arago die Wüthenden zu 
besänftigen. „Herr Arago," antwortet man ihm, „wir achten 
Sie, aber Sie wissen es nicht, was es heißt — arbeiten 
müssen und doch hungern!" 
Der Kampf, das Morden beginnt. 
Doch ehe wir die Junischlacht schildern, müssen wir 
noch einen Moment zu unserer Erzählung zurückkehren. 
Als Carlo Buonarotti eingesehen, daß es ihm nicht ge 
lingen werde, Hermann Weber versöhnlicher gegen Stefan 
Krasicki zu stimmen, wollte er es wenigstens zu vermeiden 
suchen, daß Beide einander in der nächsten Stunde sahen. 
Auf seinen Vorschlag begaben sie sich in das Eafö, wo 
sie gestern Rose getroffen. Der Erste, dem sie hier begeg 
neten , war der Kammerdiener Villeneuve's, Herr Larose. Der 
selbe schien sie hier erwartet zu haben. Er knüpfte ein Ge 
spräch mit ihnen an und wußte das Thema auf den Sturm 
des Hotels Villeneuve und das Verschwinden Jeanne's zu 
bringen. Er gab an, ein alter Freund der Familie zu sein, 
der untröstlich sei, Jeanne seinen Schutz nicht anbieten zu 
können, falls sie, woran er zweifle, gerettet sei. 
Carlo hielt es für seine Pflicht, ihm die Adresse Jeanne's 
mitzutheilen und war auch bereit, Larose nach der Rue du 
Cirque zu begleiten. Da Larose andeutete, er werde Jeanne 
für den Fall, daß die Unruhen sich erneuerten, ein Asyl auf 
dem Lande anbieten, glaubte Carlo diesen Borwand benutzen 
zu können, um ihr Lebewohl zu sagen. 
Hermann schloß sich dem Freunde an. 
Die drei Männer erreichten die Rue du Cirque, ohne 
die auffällige Bewegung, die unter der Volksmenge herrschte, 
zu beachten. Ein Jeder von ihnen dachte lebhaft an Dinge, 
die der Politik fern lagen. 
„Wie wäre es," begann Larose zu Carlo, als sie sich 
dem Hause näherten, „wenn Sie Frau von Villeneuve auf 
meinen Besuch vorbereiteten? Ich promenire so lange mit 
Herrn Weber im Garten. Nennen Sie ihr nur den Namen 
Larose, dann wird sie sich meiner erinnern." 
Carlo war von diesem Anerbieten überrascht, aber er 
ging darauf ein. Herr Larose mochte nicht in Gegenwart 
eines Dritten schlecht empfangen werden, er konnte aus der 
Antwort, die ihm Carlo brachte, schon errathen, ob Jeanne 
ihm folgen wolle oder nicht, Carlo wiederum war froh, 
einen Vorwand zu haben, Jeanne allein zu sehen. 
Wie pochte sein Herz, als er das kleine Hänschen be 
trat, von dem er mit so schmerzlichen Gefühlen Abschied ge 
nommen! . 
Mit zitternder Hand klopfte er leise an die Thüre. 
Jeanne war allein. Ihre Wange erglühte, als sie plötz 
lich den Mann wiedersah, dessen Bild ihrem Herzen keine 
Ruhe gelassen, so sehr es auch gegen die Erinnerung kämpfte. 
Das Menschenherz ist ein eitles, kokettes Ding, das nichts 
übler deutet, als wenn man sich an seine Worte Mit, statt 
seine Wünsche zu errathen. Es will nicht vergessen sein, wo 
es stolz die Freundschaft oder die Liebe verschmähte, es fordert 
Sehnsucht selbst da, wo es verachtet hat, es verzeiht keine 
Untreue, wo es gefordert, daß man seiner vergesse. Das 
kleine pochende Herz ist ein heißblütiger und sentimentaler 
Egoist. Selbst da, wo es von tiefen Gefühlen durchwogt 
und gealtert ist durch Erfahrungen, bleibt es doch immer 
ein Kind, das neckend spielt mit der Göttin Vernunft, bald 
lacht, bald weint, und immer — kokettirt. 
Ist das Herz des Mannes schon ein Räthsel, wie erst 
das launenhafte der Frau! Muthe man uns daher nicht zu, 
Jeanne's Gefühle zu erklären, das Herz schillert um so 
bunter, je mehr es gelitten. Erinnerungen und Träume 
wogen durch einander, die Hoffnung von gestern tändelt mit 
der Hoffnung von heute und das eigensinnige Kind sucht 
leme Lieblingssträume, aus dem Kehricht der Tante Vernunft 
ausgefegt, heimlich wieder hervor, um damit zu spielen und 
Kartenhäuser der Hoffnung davon zu bauen. 
„Verzeihen Sie, Madame," begann Carlo, „wenn die 
Sehnsucht, Ihnen meinen Dank persönlich abzustatten, mich 
Ihr Haus betreten läßt." 
Jeanne erröthete heftiger. In diesem bescheidenen Tone 
des Mannes, der sie durch seine Kühnheit tief verletzt, lag 
für sie eine stolze und süße Genugthuung. „Herr Buonarotti," 
entgegnete sie, ohne das Auge aufzuschlagen, „Sie zweifelten 
doch nicht daran, daß es mir eine herzliche Freude machen 
muß, Sie ganz wiederhergestellt zu sehen? Sie sind um 
meinetwillen verwundet worden, meine Theilnahme war also 
sehr natürlich und es beunruhigte mich schon, gar nichts von 
Ihnen zu hören. Um so freudiger ist meine Ueberraschung, 
L>ie wohl und munter zu sehen." 
Jeanne wählte absichtlich diesen Ton höflicher Phrasen, 
»in nicht mehr Wärme zu verrathen, als sie hinein legen 
wollte, ihre Sprache machte daher den Eindruck erzwungener 
und zurückhaltender Freundlichkeit. 
„Wohl und munter" — murmelte Carlo mit einem 
Seufzer, während sein Auge mit schmerzlichem Vorwurf auf 
ihr ruhte und vergebens das ihrige suchte — „ja, ich bin 
von meinen leichten Wunden genesen, die kaum Ihrer Theil 
nahme werth — Ihnen bin ich mehr schuldig, als mein 
Leben, beschämen Sie mich also nicht mit Ihrem Dank — 
er erinnert mich nur an eine Schuld, die ich nie ganz ab 
tragen kann." 
„Wir wollen nicht rechnen," unterbrach sie ihn, gerührt 
und bewegt von diesem schmerzlichen Tone, mit freundlichem, 
ermunterndem Lächeln, „wir wollen annehmen, daß wir mit 
einander quitt geworden und Freunde bleiben." 
Sie machte Miene, ihm die Hand reichen zu wollen, aber 
jetzt schaute er zu Bode» und es war ihr, als wolle er ihr 
ermunterndes Lächeln, diesen Gruß des Herzens, nicht bemerken. 
Er hatte de» Ton vernommen, der an die innerste Seite 
des Herzens schlug, der die Wunde in der Brust aufriß, daß 
sie wieder blutete — aber er wagte nicht, der süßen Hoff 
nung noch einmal zu trauen, er zitterte nur, um so bitterer 
enttäuscht zu werden. 
„Ich wäre sehr glücklich, Ihr Freund sein z» dürfen," 
erwiderte er zögernd, „aber ich werde wohl nicht so glücklich 
sein, Ihnen dies bethätige» zu können. Die Mittheilung, 
daß ein Freund Ihrer Familie Sie aufsucht, um Jbnen seinen 
Schutz und ein Asyl anzubieten, gab mir den Muth, Ihr 
Haus wieder zu betreten. Er bat mich, Sie aufseinen Be 
such vorzubereiten." 
Jeanne fühlte es, daß er ihr Entgegenkommen nicht 
verstehen wollte, sie wäre verletzt darüber gewesen, wenn der 
schmerzliche Ton seiner Stimme diesen peinlichen Eindruck 
nicht wieder ausgeglichen hätte. 
„Wer ist dieser Freund?" antwortete sie in gleichgültigem 
Tone, „ich kenne Niemand, dem ich besonderes Vertrauen 
schenken könnte, Sie waren der Einzige, der an mich dachte, 
als ich in Gefahr." 
„Der Herr heißt Larose." 
Jeanne bebte zusammen, als wäre sie von einer Schlange 
gestochen. Einen Moment starrte sie Carlo an, als könne 
sie ihn nicht verstehen, aber da er sie nicht anschaute, fluthete 
die Bitterkeit der Enttäuschung durch ihr Herz und mit vor 
Entrüstung erregter Stimme entgegnete sie in kaltem, schnei 
dendem Tone: „Sie haben Recht. Der Mann wäre geeig 
net, mich in ein passendes Asyl zu bringen. Ich danke Ihnen 
dafür, daß Sie ihn hergeführt." 
Er'erschrak vor diesem Tone und blickte sie befremdet 
an. Er ahnte ja nicht, wer Larose war und wie bitter es 
Jeanne empfinden mußte, daß er ihr den Kammerdiener ihres 
entflohenen Galten als einen „Freund" zuführte, der sie 
besser schützen werde, als er es könne. Er ahnte um so 
weniger den Hohn dieser Antwort, als er nicht daran glau 
ben konnte, daß Jeanne ihn liebe-
	        
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