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Volume Heft 8

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

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Illustrirtes Panorama. 
geflößt, die mit den schönsten Worten edle Absichten verkündet 
und sich jetzt mit der Rohheit verbrüdert. Aber der Pole 
hatte Etwas, das ihm imponirte und ihm den Muth raubte, 
zu gestehen, daß er anderen Sinnes geworden, die Freund 
schaft des Mannes entschädigte ihn für das Bittere, das er 
dem Verführer vorwarf; als aber Krasicki gestern seinen Ein 
fluß weiter geltend machen wollte und rücksichtslos gegen ihn, 
brutal gegen Rose auftrat, da begann der Stolz sich in ihm 
zu regen, und wenn er ihm heute Morgen mit zaghafter 
Scheu gegenübergetreten, so entwickelte sich der Haß um so 
schneller, je mehr Krasicki durch Hohn seine Leidenschaft her 
ausforderte. 
Jetzt war er froh, daß endlich das Eis gebrochen. Es 
war ihm, als seien ihm plötzlich die Augen aufgegangen, als 
wisse er, was ihn wie eine unerträgliche Last gedrückt, als 
habe er das Gespenst verscheucht, das seine^Scele gefoltert. 
Der Bruch mit Krasicki war der erste Scheut zur Aussöh 
nung mit seinem Vater, jetzt war er frei, die unheimliche 
Macht, die ihm die Hände gebunden, war bezwungen. Und 
Rose war die Veranlassung dazu, die Liebe zu ihr hatte ihm 
die Kraft gegeben, mit dem Polen zu brechen. Wenn er 
das seinem Vater sagte, wenn er ihm zurief: Dieser dankst 
Du die Rückkehr Deines Sohnes! dann mußte der Vater 
sie segnen. 
So träumte er und mit übervollem Herzen trat er vor 
Buonarotti und erzählte ihm, was vorgefallen. 
„Du thatest Recht und Unrecht," sagte Carlo, „aber ich 
verstehe Beides. Auch mir zürnt Stefan, weil sein Herz 
keine andere Liebe kennt und kennen will, als die zur Frei 
heit. Ich begreife, daß Du in der Leidenschaft vergessen, 
was wir einander in heiliger Stunde geschworen. Unsere 
Herzen waren in edler Begeisterung entbrannt. Daß Andere 
den Sieg befleckt haben, ist nicht unsere Schuld, und am 
wenigsten darfst Du Stefan solche Vorwürfe machen. Er 
ist hart und rauh, aber kein Falsch ist an diesem Diamant. 
Ihr werdet Euch versöhnen und er soll Dir zuerst die Hand 
bieten, denn er hat roh das zarteste und heiligste Gefühl 
verletzt. Du wirst Deine Worte zurücknehmen." 
„Niemals, Carlo!" unterbrach ihn Hermann. 
„Du wirst es — und solltest Du selbst anderen Sinnes 
geworden sein und bereuen, der Fahne der Freiheit gefolgt 
zu sein, so kannst Du Dich lossagen von uns, aber Du darfst 
die Freundschaft nicht beflecken, sollst nicht zum Verräther 
werden, kannst nicht einen Mann verachten, oder gegen ihn 
Verachtung heucheln, der jeden Tropfen seines edlen Blutes 
einer Idee geweiht, die ihm heilig, groß und erhaben dasteht, 
wie der Glaube an die Gerechtigkeit Gottes." 
„Wenn er ein phantastischer Schwärmer ist," entgegnete 
Hermann, „wenn ich seine blinde und taube Schwärmerei 
respectiren soll, dann muß ich fordern, daß er Gefühle An 
derer, die leichter begreiflich sind, als sein Fanatismus, achtet. 
Er mag seine Augen dagegen verschließen, wenn Mord und 
Raub im Gefolge seines Freiheitskampfes, er mag taub für 
die Vorstellungen der Vernunft sein, die ihm warnend zu 
rufen, daß es leichter ist, eine gesellschaftliche Ordnung zer 
stören, als sie wieder aufbauen, aber er soll nicht fordern, 
daß man die Pflichten gegen die Eltern, gegen sich selbst 
und Andere verletzt, um seinem blinden Toben zu folgen. 
Ich bin nicht sein Werkzeug geworden, als ich geschworen, 
für die Freiheit zu kämpfen, ich ziehe niir selbst die Grenzen 
meines Thuns und Lassens, ich bin nicht sein Vasall und, 
greift er mit frechem Uebermuth in mein Leben, so wird er 
mein Feind, den ich hasse und verfolge." 
Während Carlo sich bemühte, diesen bitteren Worten 
versöhnend zu begegnen, hatte Stefan Krasicki einen Entschluß 
gefaßt, der seinem leidenschaftlichen Charakter entsprach. Die 
Worte Hermann's hatten ihm das Blut in die Wangen ge 
trieben, aber, kaum war der erste Zorn verraucht, so machte 
er sich selbst Vorwürfe, daß er seinen Unmuth an die falsche 
Adresse gerichtet. Er hatte gegen denjenigen getobt, der in 
die Schlinge gefallen, anstatt diejenige zur Rede zu stellen, 
welche das Netz ausgeworfen. Er wollte seinen Freund retten, 
aber, anstatt ihm zu zeigen, daß eine Dirne ihn betrogen, 
hatte er den Freund erbittert! 
Stefan war überzeugt, daß Madame de Veruon nur 
eine listige Buhlerin sei. Er hatte erfahren, daß sie vor 
Kurzem in den Kreisen der Demi-Monde erschienen sei und 
Furore gemacht habe. Das genügte ihm. Er hegte in 
Allem phantastische Ansichten. Für ihn gab es nur edle 
Weiber, die der Anbetung würdig, oder Dirnen, die jedes 
Verbrechens, jeder Niederträchtigkeit fähig. Ein Mittelding 
kannte er nicht, er hätte seinen Freund entehrt geglaubt, wenn 
dieser die Neigung eines Weibes erwiderte, die sich in dieser 
Liebe emporrichten wollte, das eine Vergangenheit zu bereuen 
hatte. Ebenso wie er den Mann für immer verachtet hätte, 
der einmal seiner Ehre etwas vergeben, ebenso glaubte er 
nicht, daß eine Gefallene edlerer Gefühle fähig. 
„Du kannst ihn nur retten," rief es in ihm, „wenn du 
ihr die Maske vom Antlitz reißest. Mag er dir grollen 
oder nicht — du thust deine Pflicht." 
Mit diesem Entschlüsse begab er sich zu Rose. 
Jedes Menschenleben hat seinen Frühling, welchen ein 
Strahl der Hoffnung alle Kelche der Gesühle sich duftend 
erschließen läßt. Im Weibe ist es die erste Liebe, welche 
dieser Frühling bringt. Seligkeit durchfluthet die Adern, wie 
die neuerwachte Natur dem jungen Tage, so öffnet die Brust 
des Weibes diesem Sonnenscheine ihr Herz. Träume um 
gaukeln die Seele, trunken von Hoffnungsduft schwelgt das 
Auge. Die Gefallene wird neugeboren durch diesen Son 
nenstrahl, ein neues Leben steht vor ihr. Und wie auch ein 
Weib gesunken, die wahre Liebe macht es wieder rein, selbst 
das freche Auge lernt wieder den Blick verschämt senken, die 
Wange lernt wieder das Erröthen. 
Rose liebte und schwelgte im süßen Traum. Ein Weib 
vergißt leicht die Vergangenheit, oder legt doch wenig Gewicht 
auf Sünden, die sie in süßen Stunden begangen; denn 
jedes Weib glaubt, daß keine Andere besser, als sie, daß in 
der Liebe alle Weiber gleich gern sündigen, daß nur Gele 
genheit und Verhältnisse die Eine sinken lassen, die Andere 
nicht. Wo das Weib liebt, kaun es dem Geliebten nicht 
widerstehen, da hört es keine andere Stimme, 'als die der 
eigenen Sehnsucht und der süßen Verführung, da läßt es 
sich regieren und will beherrscht sein, um herrschen zu können. 
Rose dachte nicht mehr an ihre Vergangenheit, seit sie 
an Hermann's Liebe glauben gelernt, sie dachte nur an Eins, 
diese Liebe festzuhalten. Sie zitterte nicht, daß er Schlimmes 
von ihr hören und sie verachten, sie fürchtete nur, daß eine 
Rivalin sein Herz ihr wieder entfremden könne. Weiber, wie 
Rose, denken nicht an das Ehrgefühl des Mannes, sie zittern 
nur aus Eifersucht, weil sie den eigenen Werth nach der 
Zärtlichkeit des Geliebten messen. 
Rose ruhte noch vom Schlaf befangen, sie war soeben 
wieder süß eingeschlummert, als ein Geräusch in ihrem Cor- 
ridor sie weckte. Sie hörte eine laute, rohe Stimme, die 
Thüre zu dem Vorzimmer ward aufgerissen, Rose hörte die 
Schritte eines Mannes nahen. 
Wer durfte es wagen, mit Gewalt in ihre Wohnung 
einzudringen? Angst und Empörung trieben ihr das Blut 
in die Wangen, und schon hatte sie ein heftiges Wort auf 
den Lippen, um den zurückzuweisen, den vielleicht ein Lächeln 
ihrer Gunst so kühn gemacht, baß er glaubte, hier den Herrn 
spielen zu können, da erblickte sie den Polen. 
Rose fühlte instinctmäßig, daß dieser Mann ihr Tod 
feind, daß sie ihn besiegen müsse, wenn Hermann ihr ange 
hören solle — sie fühlte, daß er gekommen, den ersten tödt- 
lichen Schlag gegen sie zu führen. 
Auf dem Tische, auf dem Sopha, auf dem Fußteppich 
lagen noch die Goldstücke, die Hermann ihr in den Schooß 
gestreut, die Schmucksachen, die er ihr abgestreift, um seine 
Lippen auf Arm, Hals und Nacken zu pressen.
	        
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