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Volume Heft 7

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

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IUustrirtes Panorama. 
Virginie", hier haben die Clairon und die Mars, sowie Talma 
und die gefeiertsten Schauspieler ihrer Zeit, die berühmten Com- 
ponisten Mehul, Bellini,. Boieldieu, Cherubini und der 
schwermüthige Pole Chopin, Cuvier, der berühmte Natur 
forscher und Begründer des Jardin des Plantes, Benjamin 
Constant, der Philosoph und die namhaftesten Staats 
männer des französischen Reichs, ihre Ruhestätte gefunden. 
Die Blüthe der Nation, ein gewaltiges Stück Cnlturgeschichte, 
ist hier zu friedlicher Eintracht versammelt. Der Tod, der 
große Gleichmacher, hat sie trotz des Zwiespalts ihrer Mei 
nungen und Ansichten hier alle vereint. 
(Fortsetzung in Lief. 8.) 
Erinnerungen an EonjlanlinoM 
von 
Stanislaus Graf Grabowski. 
Kaum dürfte eine Stadt und ihre Umgebung einen groß 
artigeren und prächtigeren Anblick gewähren, als die weit 
berühmte Stadt Kaiser Constantin's des Großen, das alte 
Byzantium, jetzt das Jstambol oder Stambul der Türken, 
gemeinhin Constantinopel genannt. 
Wer aus dem Marmorameere in den Bosporus einfährt, 
muß über das Panorama, das sich vor seinen Augen ent 
rollt, entzückt sein. Zur Linken hat er die eigentliche Tür 
kenstadt mit dem alten Serail, die, an und für sich eine 
kleine Stadt, bisher selten der Fuß eines Christen betrat, mit 
ihren hohen Mauern, welche zuweilen die herrlichsten Gärten 
umschließen, überragt von den Kuppeln der Moscheen und 
den vielen schlank und scharf zugespitzten Thürmchen, den 
Minarets, auf denen der goldene Halbmond blitzt. Die 
Vorstädte, welche zum größten Theile von Griechen, Arme 
niern und Franken bewohnt werden, erstrecken sich meilenweit 
längs des Ufers, sie lehnen sich an die terrassenförmig auf 
steigenden Höhen, zum Theil mit Cypresfen und Lorbeer be 
waldet; aus diesem Wäldchen blinken schimmernd hier und 
da Paläste des Sultans und der Pascha's hervor. Rechts 
übersieht man die Küsten Klein - Asiens mit ihren Bergen, 
Thälern und Ortschaften, aus denen Skutari mit seinem Cy- 
pressenwalde, mit seinem Friedhofe, dem größten der Welt, 
und seinen ansehnlichen Kasernen hervorragt. Gerade vor 
sich hat man das Schwarze Meer, aber man erblickt es nicht 
vom Eingänge des Bosporus, sondern die Küsten der schmalen 
Wasserstraße scheinen sich in der Ferne zu vereinigen. Und 
welches Leben auf dem Wasser selbst! — Da liegen unzäh 
lige Schiffe aller Nationen, vom mächtigen Dreidecker mit 
seinen aus den Stückpforten drohenden Feuerschlünden an bis 
zum kleinen italienischen Lugger mit seinen dreieckigen latei 
nischen Segeln, vor Anker, lange und schmale Böte, die so 
genannten Kalks, schießen pfeilgeschwind dazwischen fort von 
der einen Küste zur andern hinüber, die regelmäßigen 
Dampfer versetzen durch ihre schaumsprühenden Räder die 
glatte Wasserfläche in lange Wallungen und die Delphine 
tummeln sich auf ihr, umgestürzten Böten, die in fortwähren 
der Bewegung, ähnlich, in blitzschnellem Tempo. 
Ueber das Alles breitet sich der dunkelblaue, wolkenlose 
Himmel und die Sonne wirft ihr goldenes Licht durch die 
klare, reine Luft auf das ganze Gemälde, das keines Malers 
Pinsel in seiner ganzen Erhabenheit und Lieblichkeit wieder 
zugeben im Stande sein dürste. 
Wenn dann die Nacht kommt, die hier überraschend 
schnell eintritt, sowie auch der Morgen, dann athmet die 
ganze Natur noch einmal so frei auf, denn mit ihr kommt 
die erfrischende Kühle nach der allen lebenden Wesen so lästi 
gen Tageshitze; dann stehen die Sterne noch einmal so groß 
und funkelnd als bei uns im Norden an dem dunklen Him 
melsgewölbe und der Mond wirft seine sanften Lichtreflexe 
auf den weiten Wasserspiegel, die weißen Mauern der Paläste, 
die Waldungen der Küste und die Schiffe im Hafen, auf 
denen einzelne Lichtchen aufblitzen, so daß man Alles feen 
haft verzaubert glauben könnte. 
Wir Deutschen haben ein altes Sprüchwvrt, das heißt: 
„Es ist nicht Alles Gold, was glänzt!" — sind daran wird 
sich wohl recht lebhaft jeder Fremde erinnern, der vom Ver 
decke des Schiffes oder aus dem Boote an das Land tritt 
und sich in das unbeschreibliche Gewirre von schmalen, krum 
men, steilen und finsteren Gäßchen der Türkenstadt und ihrer 
Vorstädte hineinwagt; die meisten derselben können nicht ein 
mal von Wagen passirt werden, sondern höchstens durch 
Pferde- und Eselreiter. 
Die Häuser sind meistens vom düstersten und unsauber 
sten Aussehen, wenige massiv, die meisten von Fachwerk und 
scheinbar dem Einsturze nahe, die Fenster durch hölzerne 
Gitterjalousieen eng verschlossen; das Pflaster ist, wo es nicht 
ganz fehlt, zum Halsbrechen, bei Nacht fehlt es, mit Aus 
nahme sehr weniger Straßen, gänzlich an Beleuchtung und 
aller Unrath wird ohne Umstände vor die Häuser geworfen. 
Durch dieses Straßenlabyrinth bewegt sich nun am Tage 
der bunteste Schwarm von Fußgängern, Reitern und da, wo 
es möglich ist, von niedrigen, tief zwischen den Rädern hän 
genden, oft mit recht hübschem Schnitzwerk und reichlicher 
Vergoldung verzierten Kutschen, welche von eiueni Pferde ge 
zogen werden und gewöhnlich eine oder mehrere tief ver 
schleierte Frauen irgend eines Vornehmen enthalten; zu ihrem 
Schutze pflegen ein paar bewaffnete Reiter zu folgen. 
Es läßt sich leicht denken, welch sonderbares Gemisch 
von Costümen man hier, wo der Handel des Orients zu 
sammenströmt, findet, zumal die Orientalen die bunten Farben 
lieben. Die türkischen Frauen gewöhnlichen Standes — die der 
höheren zeigen sich selten und nie zu Fuß auf offener 
Straße — klappern auf ihren hohen, stelzenartigen Holz 
schuhen über das holprige Pflaster fort oder durchwaten die 
Schmutzsümpfe, ganz in die grellfarbigen, weiten Mäntel ein 
gehüllt, den Kopf mit dem weißen Schleiertuche so dicht um 
wickelt, daß man von ihrem Gesichte nur die Nasenwurzel 
und die glühenden Kohlenaugen erblicken kann; die Grazie 
vermißt man an ihnen gänzlich. Ein Pascha der Polizei, 
im blauen langen Mantel, mit dem rothen Fez auf dem 
Kopfe, reitet hier auf prächtigem Pferde, gefolgt von einer 
Anzahl Polizeidiener, den sogenannten Kawassen, deren einige 
verschiedene Prügel-Instrumente tragen, denn es handelt sich 
um eine Revision der Bäckerläden. Wo der Pascha das 
Brod zu klein oder schlecht befindet, wird kurzer Prozeß auf 
offener Straße gemacht. Die Türken, bis an die Zähne be 
waffnet, schreiten meist, alle Ungläubigen mit verachtungs 
vollen Blicken messend, einher; auf dem Kopfe tragen sie den 
ungeheuren weißen oder, wenn sie sich der Abstammung vom 
Propheten rühmen dürfen, grünen Turban. Das leicht be 
wegliche Volk der Griechen bildet den geraden Gegensatz zu 
ihnen; sie kleiden sich gern glänzend, Stickereien und Schnur 
besatz auf den Jacken dürfen nicht fehlen, aber auch nicht die
	        
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