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Volume Heft 7

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

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Illustrirtes Panorama. 
Tausende. Aha, das Kreuz, wolliit Kühne die geschehene 
Klage-Androhung bezeichnete. Hm! Es geht also schlecht mit 
Herrn Teiner. Und die Verni ist wieder hier. Aber er hat 
doch Charakter. Er borgt nicht von Neuem, so schwer es ihm 
auch wird. Hm! — Kühne hätte ihm vielleicht auch nichts 
geborgt, der kannte seine Leute. Vielleicht witterte er einen 
Bankerott, da er den guten Kunden so hart mahnte. Werde 
einmal hinhorchen, die Verni hat schon Viele ruinirt." 
Teiner hatte unterdessen das Haus der Sängerin er 
reicht. Die Verni hatte eine ganze Etage gemiethet. 
Als die Zofe öffnete, drückte Teiner ihr einen Doppel- 
Louisd'or in die Hand, jetzt blickte sie ihn freundlich an. 
„Die Signora ist allein," flüsterte sie, „die Signora 
hat Mehrere abgewiesen, weil sie Sie erwartete." 
„Melden Sie mich!" entgegnete er kurz und schritt un 
ruhig im Nebenzimmer auf und ab, bis die Zofe zurückkehrte, 
um ihn einzulassen. 
Die Sängerin ruhte auf einem Divan in ihrem Bou 
doir. Wie eine duftige Blume tauchte ihre üppige Büste aus 
einer Wolke von Gaze. Das schwarze Haar floß über den 
weißen Nacken auf das schimmernde Gewand, ihr glühendes 
Äuge schien in Schmelz gebadet. 
(Fortsetzung i» Lief. 8.) 
Der Sdjfstcfjteiimaser Rassel. 
Der Tod hat im letzten Jahrzehend unter den Künstlern 
eine reiche Ernte gehalten und immer inehr lichten sich die 
Reihen unter unseren berühmten Koryphäen. Auch Frankreich 
hat den Verlust einer seiner Kunstgrößen, des Schlachten 
maler Raffet zu beklagen. 
Zu Paris in einem bescheidenen Hause der Rue de Jouy 
wurde ani 1. März des Jahres 1804 ein Soldatenkind ge 
boren, dem man in der Taufe den Namen Denis August 
Maria beilegte. Des Knäbleins Vater, Claude Maria 
Raffet, war ein alter Revolutionssolvat, der als Freiwilliger 
der Nationalgarde im Bataillon St. Roch die Feldzüge in 
den Niederlanden mitgemacht hatte und später bei den Hu- 
saren diente. In das bürgerliche Leben zurückgekehrt, fing 
er in Maffliers, einem Städtchen nahe bei Paris, einen 
kleinen Handel an und verheiralhete sich mit Maria Char 
lotte Dourquet, einer wohlhabenden Kaufmannstochter seines 
Wohnortes. Raffet, der Vater, hatte noch einen Bruder, 
Namens Nicolas, der in jüngeren Jahren nach Amerika 
gegangen war und dort sein Glück gemacht hatte. Nach 
Frankreich zurückgekehrt, schloß er sich mit Eifer der Rcvo- 
lutionspartei an, galt für einen der glühendsten Freiheits 
helden und wurde für seinen Patriotismus zum Hauptmann 
der Pariser Nationalgarde ernannt. Als solcher marschirte er 
mit in's Feld, zeichnete sich in mehreren Gefechten aus, und 
nachdem er schnell hinter einander die verschiedenen Grade 
durchlaufen hatte und von seiner Blessur wieder hergestellt 
war, wurde ihm das Commando einer Brigade anvertraut. 
Nach kaum vierjähriger Dienstzeit nahm der junge General 
seinen Abschied und seinen bleibenden Aufenthalt in Paris, 
wo er sich in Speculationen einließ, welche, in Verbindung 
mit der Herabsetzung des Werthes der Assignate und der 
Revolution in St. Domingo, wo General Raffet noch mit 
bedeutendem Grundbesitz angesessen war, ihn seines schnell 
erworbenen großen Vermögens beraubten und der Nagel zu 
seinem Sarge wurden. 
Die militairischen Heldenthaten des Vaters und Onkels 
blieben nicht ohne Einfluß auf die Geschmacksrichtung und 
Neigungen des kleinen Denis Raffet; er schwärmte schon als 
Kind für den Soldatenstand und würde sicher diesen zum 
Lebensberuf erwählt haben, wenn nicht ein unglückliches Er 
eigniß ihn in eine andere Bahn gedrängt hätte. 
Der Knabe war kaum neun Jahre alt, als man die 
Leiche seines Vaters, der im Boulogner Hölzchen einer klei 
nen Geldsumme beraubt und ermordet worden war, in's Haus 
brachte. Dieser erschütternde Todesfall untergrub die Heiter 
keit und den Lebensmuth des armen Kleinen und gab seinem 
Geiste eine ernste Richtung. Bis zu seinem vierzehnten Jahre 
in einer bescheidenen Erziehungs-Anstalt der Nachbarschaft 
erzogen, galt er für einen der besten Schüler; demungeachtet 
mußte er sich den härtesten Strafen unterwerfen, weil seine 
Lehrer die ersten Proben künstlerischer Befähigung, welche 
der kleine Denis an den Tag legte, nicht dulden zu dürfen 
vermeinten. Seine Schulhefte wimmelten von Carricaturen 
und flüchtigen Skizzen, und das war nach dem Schulcvder 
ein hartes Verbrechen. 
Mr. Richer, ein Freund der Familie, fühlte sich von 
diesem aufkeimenden Talent sehr angezogen und rieth der 
Wittwe Raffet, ihren Sohn durch einen tüchtigen Zeichen 
lehrer unterrichten zu lassen, doch ging dies über die Mittel 
der armen Frau. Der Knabe wurde zu einem Holzdrechsler 
in der Vorstadt St. Antoine in die Lehre gethan und blieb 
daselbst bis zu seinem achtzehnten Jahre. Da erwachten seine 
künstlerischen Neigungen wieder stärker als je; er nahm die 
Gelegenheit wahr, in eine kleine Zeichenschule zu gehen und 
lernte zu gleicher Zeit die Porzellanmalerei. Nach Verlauf 
einiger Monate verdiente er schon täglich sechs Francs, ein 
hoher Preis für jene Zeit, und um sich in seiner Kunst zu 
vervollkommnen, versuchte er es, nach lebenden Modellen zu 
zeichnen, und befreundete sich mit de Rudder, Leblanc und 
Juhel, des Maler Charlet besten Schülern. De Rudder ver 
schaffte seinem Freunde Gelegenheit, mit Meister Charlet be 
kannt zu werden, welcher des jungen Raffet Talent gar bald 
erkannte und ihn in seinem Atelier beschäftigte, wo er auch 
die Sepiamalerei und die Lithographie erlernte. Seine erste 
selbstständige Steinzeichnung war die Erstürmung eines Dor 
fes, für welche er zwanzig Francs unter der Bedingung em 
pfing, ein Gegenstück dazu zu liefern. „Wie, nur ein Pen 
dant? Ich mache deren fünfzig, wenn sie verlangt werden!" 
erwiderte Raffet dem Käufer. Drei Jahre nachher hatte 
er es bereits zur Meisterschaft im Steinzeichnen und Litho 
graphiren gebracht, er machte sich an die schwierigsten Stoffe 
und, nimmer zu lernen müde, trat er in das Atelier des 
Baron von Gros, welches sich im Institut befand. Er 
arbeitete von Morgens bis Mittags, sieben Stunden ohne 
Unterlaß, höchlich belobt von dem berühmten Professor, der 
nicht einmal den Namen seines Gehülfen wußte. 
Bei Beginn des Jahres 1826 hatte Raffet ein Schlach- 
ten-Album beendet, welches sich durch zwei vorzüglich gelun 
gene Kunstblätter: „Der Brand von Moskau" und „Die 
Schlacht bei Waterloo", auszeichnete. Eines Tages passirte 
der berühmte Schlachtenmaler, Baron Gros, den Quai 
und besah sich die Stiche in dem Schaufenster eines Kunst 
händlers. 
„Was kostet dieses Schlachtfeld von Waterloo?" 
„Einen Franc." 
Der Professor unterwarf das Blatt einer aufmerksamen 
Prüfung und sagte darauf: „Schön, sehr schön, von wem 
ist die Zeichnung?" 
„Von Mr. Raffet, einem jungen Zögling des Mr. 
Gros." 
„Sie befinden sich im Irrthum, Mr. Gros hat keinen 
Schüler dieses Namens."
	        
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