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Volume Heft 7

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

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Illuflrirtrs Panorama. 
für diese Alternativen ein dein Nutzen Schwedens entspre 
chendes Gegenmittel zu finden, hatte der maskirte Charge 
d'Affaire die Theilnahme beider hoher Damen für sich durch 
alle jene kleinen Künste, welche Schönheit, Jugend und 
Ungewöhnlichkeit ihm liehen, bisher in gesteigerter Spannung 
zu erhalten gewußt. 
Natürlich mußte er der Aufforderung Mentschi 
koff's genügen. Er begriff, daß diese Audienz die Pforte 
sei, welche ihm den Zutritt in's Winterpalais erleichtern oder, 
trotz allen erregten Interesses, verschließen konnte. Alle seine 
Grazie, Leichtigkeit und Verstellungskunst nahm er zusam 
men, auf de» Gewaltigen den Eindruck eines eleganten, leicht 
fertigen, kecken, oberflächlichen und naiven Abenteurers zu 
machen, der durch seine blendenden Künste sein Glück zu 
suchen strebt. 
„Und Fürst Dolgorucky scheint Ihnen dazu seine 
Hülfe angeboten zu haben?" sagte Mentschikoff lächelnd 
inr Verlaufe der Audienz. 
„Ja, das hat er, Durchlaucht!" 
„Und wie machte er, wenn man fragen darf, Ihre Be 
kanntschaft?" 
„In Schwede», Excellenz. Arm, so wie ich bin mit 
meinem Pferde, kam ich von heimischen Loch-Na gar, um 
die Hülfe meines Vetters in Stockholm in Anspruch zu neh 
men, der zweiter Adjutant des Königs ist." 
„So? Sein Name?" 
„Er ist ein Sinclear wie ich, und ein Malcom 
obenein, ich aber bin ein Ogylvie, oder Ogie, wie sie 
mich daheim nennen. Meines Onkels Sohn indeß wurde 
eifersüchtig auf meine Reiterkünste und meine Person, und 
verhalf mir schlechterdings zu nichts. Durchlaucht Dolgo 
rucky fand zum Glück Gefallen an mir, meinte, ich würde 
hier mein Glück machen, und — da bin ich!" 
„Sie werden dem Fürsten wohl sehr dankbar sein müs 
sen, daß er Sie zu uns brachte, denn Sie haben allerdings 
bereits Aufsehen erregt!" 
„Ach, Excellenz, das freut mich! Es ist schon Etwas, 
aber nicht Alles. Vom Aufsehenmachen kann man nicht 
leben. Ich werde Dolgorucky sehr danken, wenn er mir 
eine glänzende Stellung schafft!" 
„Wenn Ihnen nun ein Anderer eine noch glänzendere 
verschaffte, wie dann?" 
„So werde ich diesem Anderen noch viel dankbarer 
sei». Ich bin eben ein Kind des Glücks, und greife zu, 
wo ich es finde!" 
„Ueberaus treuherzig sind Sie, das muß man sagen! 
Sie haben sich wohl mit Politik nie abgegeben?" — 
„Gott sei Dank, nein! Das muß eine verteufelte Kunst 
sein, nach Allem, was ich bei meinem Vetter davon gesehen 
habe!" — 
„Haha, das ist sie gewiß, und nicht Jedermann kan» 
mit ihr fertig werden!" 
„Nun, nun, Durchlaucht, Sie springen doch mit ihr 
um, wie ich mit meinem Roß. Dafür sind Sie auch ge 
boren, zu herrschen und ich, alle Pferde zu reiten; wir 
sitzen Beide fest!" 
Mentschikoff lachte herzlich. — „Und Dolgorucky 
hat Ihnen also hier eine glänzende Zukunft versprochen?" 
„Ja, wenn ich ihm folge! Das geschah auf der Parade 
und war ganz hübsch für den Anfang." 
„Nun, lieber Major, ich mische mich zwar nicht in die 
Pläne oder Passion des Fürsten, aber wäre es ihm nur um 
Sie zu thun gewesen, so würde er Ihnen gesagt haben, daß 
mein Wohlwollen der einzige Schlüssel zu Ihrem Wobl- 
ergehen ist, er hätte Sie mir eben empfohlen. In Wahrheit 
will Dolgorucky nur mit Ihnen brilliren, und das ist ihm 
bereits gelungen; aber Ihnen zu reellem Vortheil zu ver 
helfen, hat er weder die Macht, noch vermuthlich den Willen! 
Jh-r ganzes Wesen, Ihre Naivetät und Eleganz, Laune und 
Kühnheit gefällt mir, und es ist möglich, daß ich Ihnen 
wirklich eine Stellung gebe, das Amt des Unterhalters und 
Gesellschafters bei einer hohen Person." — 
„Mein Fürst!!" und Sinclear drückte wie entzückt 
Mentschikoff's Hand an seine Lippen. 
„Nicht zu vorschnell. Es knüpfen sich eben Bedingun 
gen daran —" 
„Welche Sie wollen, mein Fürst!" 
„Sie müssen mir ebenso, aber mir fortan allein und 
ganz unbedingt gehorchen, von diesem Augenblicke an." 
„Ganz gewiß!" 
„Sie werden also bis zum Ball das Hotel Mentschi 
koff nicht mehr verlassen, außer in meiner Begleitung. Fer 
ner werden Sie, sobald Sie Ihre Stelle bei jener hohen 
Person eingenommen haben, mir sagen, was dort Gutes oder 
Uebles von mir gesprochen wird, denn das ist mir Ihr dank 
bares Herz schuldig. Endlich werden Sie pünktlich dcrs 
thun, was ich Ihnen bei jener Person anempfehle." 
' „I natürlich! Sie sagen mir einfach: Ogie, das oder 
das muß ich heute wissen, frage danach, aber nicht, als 
ob ich's wissen will; sonst könnte ich ja selber davon 
reden!" 
„Vortrefflich, junger Mann. Und Sie sollen sehen, 
daß Sie sich dabei sehr gut befinden werden." 
„Darf ich aber wissen, wem ich Gesellschaft leisten, wen 
ich unterhalten soll?" 
„Vielleicht schon bei dem Balle. Haben Sie einstwei 
len die Güte und folgen Sie mir aus Ihr Zimmer, wo 
Sie an Dolgorucky schreiben werden, daß Sie in meine 
Dienste getreten sind." 
„Mein Pferd, nur mein Pferd und meine Waffen!" 
„Die sollen Sie haben." — — — — — — 
Der vielgewünschte, vielgefürchtete Abend des Preopra- 
schenskoy-Festes ist da. Die Fenster des Winterpalastes er 
glänzen in unabsehbarer Lichterreihe. Die Corridore und 
Freitreppen sind taghell erleuchtet und in ihnen drängt sich 
Alles, was die Residenz an Rang und Reichthum besitzt, 
vorwärts, dem weißen Marmorsaale zu, dessen glänzende 
Wände pomphafte Vergoldungen und die mächtigen Wappen 
schilder der Gouvernements des weiten Reichs im Scheine von 
vielen tausend Wachskerzen schimmern, welche ihr Licht in 
allen Regenbogenfarben in den krystallenen Krön- und 
Wandleuchtern brechen. Die vollen und weichen Tonwellen 
der nationalen Hornmusik ergießen sich durch den Raum, und 
blitzend durcheinander bewegen sich die Gäste, dem Erscheinen 
des jugendlichen Kaisers entgegenharrend. 
Die Gefühle der Anwesenden waren sehr getheilt, man 
hatte den Ball durch einen Kampf bei Hofe erreicht, die 
Altrussen waren erschienen. Daß der „schöne Schotte" aber 
in den Dienst Mentschikoff's, ihres Gegners, getreten war, 
befremdete sie. Die ernstesten Befürchtungen hätte natürlich 
Dolgorucky haben müssen, in dessen Plane Malcom so 
tief eingeweiht war, aber, seine beiden Töchter am Arm, 
ging er sorglos lächelnd auf und nieder, und seine eigene 
Sicherheit verlieh seinen Anhängern auch die Beruhigung, 
daß ihre Sache ganz gut stehe. 
Eine plötzliche Stille trat ein. — Mentschikoff nebst 
Gemahlin war erschienen, ihm folgte Malcom neben Prin 
zeß Marie und Ludovika Mentschikoff. Als er des 
Fürsten Lab usch in, Dolgorucky's und ihrer Familien an 
sichtig ward, verneigte er sich höflich, als fände er gar nichts 
dabei, nunmehr zu Mentschikoff zu gehören. Beide Für 
sten erwiderten aber seinen Gruß nicht und der Fürst - Re 
gent lachte dazu. — Die Versammlung hatte indeß wenig 
Zeit, über diese kleine sturüme Scene nachzusinnen, sondern 
ordnete sich rasch je nach Rang und Herkommen in weitem 
Kreise, denn die vergoldete Thüre der Gallerie, welche zu den 
inneren kaiserlichen Gemächern führte, öffnete sich und Ezar 
Peter II. trat ein. Zur Seite gingen ihm die Prinzessin 
nen Anna, Elisabeth und Natalie., dann folgte der 
Hofstaat.
	        
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