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Volume Heft 7

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

Illusirirtes Panorama. 
243 
„Wenn Sie die Wahrheit reden, sollen Sie das Geld 
haben!" entgegnete Larose, der Kammerdiener Villeneuve's, 
der bis heute, trotz der Hülfe des ehemaligen Polizeisergeanten 
Legrand, Jeanne vergeblich in Paris gesucht. „Aber Sie 
haben sich ihm doch nicht verrathen?" 
„Er kennt mich nur unter meinem fetzigen Namen, 
Madame de Bernon." 
Die drei Freunde verließen das Cafö bald nachher. 
Hermann folgte Krasicki, ziemlich mißmuthig darüber, daß 
Carlo ihm seine Geheimnisse mit der fremden Dame vor 
enthielt und dieser war nicht zu bewegen, sie nach der Rue 
du Cirque zu begleiten, obwohl Krasicki ihm versichert, daß 
Jeanne nie in der Gesellschaft erscheine, in die er ihn und 
Hermann heute einführen wolle. Er trennte sich von seinen 
Freunden und schlug den Heimweg ein. 
„Laß ihn gehen," sagte der Pole, als er mit Hermann 
den Boulevard hinabschritt, „er ist weibisch geworden durch 
unglückliche Liebe und ich habe es aufgegeben, ihn zu heilen. 
Ein Anderer würde das Weib hassen, das ihn verachtet, die 
thörichte Sehnsucht in Champagner ertränken und mit einer 
Dirne am Arm ihr begegnen, oder noch stolzer, sie vergessen 
und den Ruhm zu seiner Geliebten machen, aber er seufzt 
wie ein Weib." 
„Ist seine Geliebte denn so schön, daß dieser Zauber 
nicht zu brechen?" 
„Sie ist mehr als schön, sie ist ein edles Weib, das ihn 
lieben würde, wäre er ein Mann. Ich habe ihm in's Auge 
gesehen und wenn Carlo nicht mein Freund, wenn er es nicht 
für schnöden Verrath halten müßte, so sollte sie mir gehören 
und wenn ich zum Verbrecher darüber würde. Wer weiß, 
ob dies Mittel nicht das Beste wäre, ihn zu heilen. Doch — 
ehe ich es vergesse — kannst Du mir zehn Goldstücke leihen?" 
„Meine Kasse ist bis aus hundert Francs geschmolzen. 
Ich rechnete aus Dich. Es ist mir bisher noch zu peinlich 
gewesen, nach Hause zu schreiben, um mein mütterliches Erb- 
theil zu fordern." 
„So müssen wir das Glück im Spiel versuchen. Ich 
habe nur noch zwanzig Francs. Werfen wir unser Geld zu 
sammen und spielen wir Jeder mit der Hälfte." 
„Ich habe noch nie gespielt!" entgegnete Hermann zö 
gernd. „Wäre es nicht besser, wir sparten, bis ich nach Hause 
geschrieben, anstatt Alles einer Spielhölle zu opfern?" 
„Die Spielhölle hat eine reizende Satauella, Du wirst 
den verächtlichen Ausdruck bald bereuen. Buonarotti hat 
auch kein Geld und ich brauche eine größere Summe, opfere 
also Deine moralischen Bedenken der Freundschaft. Neulinge 
haben Glück. Die Spielregeln lernst Du in zwei Minuten." 
„Wir sind doch unter ehrlichen Spielern?" 
Krasicki lachte laut auf. „Du ehrlicher, naiver Deut 
scher!" ries er, „kannst Du Dir den Teufel nur immer mit 
Horn und Pferdefuß vorstellen, wie er in Euren Fibeln dar 
gestellt wird? Ich werde Dich in einen Salon führen, wo 
Fürsten ein Vermögen verspielen, um ein Lächeln der schönen 
Göttin Deiner „Spielhölle" zu gewinnen. Es ist der Club, 
von dem ich Dir erzählte, wo ich auch die Bekanntschaft des 
Prinzen Napoleon gemacht, der, so Gott will, noch die kai 
serlichen Adler nach Polen führen wird. Die Gäste, die Du 
dort findest, gehören allen Schichten der Gesellschaft an, die 
Einen treiben Politik, die Anderen ködert Alistreß Howard. 
Das Spiel ist nur eine Lockspeise für Leute, die man dort 
gewinnen will und die nnr durch solche Reizmittel herange 
zogen werden können." 
Die Neugier besiegte das Widerstreben Hermann's, einen 
Ort zu betreten, wo man einem Laster huldigte, welches ihm 
bisher als das gefährlichste und furchtbarste geschildert wor 
den. Er hatte noch nie Salons gesehen, in denen die vor 
nehme Welt verkehrte. Die Titel von Fürsten und Grafen 
hatten für ihn noch den Nimbus, welcher die hohe deutsche 
Aristokratie zu einer ebenso beneideten, wie angefeindeten Kaste 
macht und Alles, was er von der glänzenden Pracht und dem 
lüsternen Ton der Pariser Cirkel gehört, erfüllte ihn mit dem 
brennenden Verlangen, sich einmal in diesen berauschenden 
Strudel zu stürzen. 
Die Salons der Mistreß Howard waren brillant er 
leuchtet und Hermann glaubte zu träumen, als er sich plötz 
lich in ein Meer von Licht und Blumen versetzt sah, in wel 
chem die elegantesten Toiletten auf- und niederwogten. Die 
Demi-Monde, das moderne Babel brüstete sich hier mit den 
Pairs der vornehmen Welt oder kvkcttirte mit der frivolsten 
Lüsternheit einer Gesellschaft aus der Closerie de Lilas, es war, 
als habe die Revolution Prinzessinnen und Loretten auf das 
selbe Parquet geführt, so vornehm hochmüthig bewegte sich 
eine Marquise von zweifelhaftem Rufe und noch zweifelhaf 
teren Ahnen neben einer ausgelassenen, schäkernden Lorette, 
die mit Verachtung aller Dehors sich darin gefiel, die Frei 
heit der Sitten und der Toilette zu repräsentiren. Echte 
und falsche Diamanten schmückten die schneeigen Busen der 
stolzen Schönbeiten — mit nackten Reizen kvketnrten die 
Corsaren der Demi-Monde. 
Hermann war wie berauscht, seine Blicke schwelgten 
trunken, Stefan mußte ihn daran erinnern, daß er nur am 
Spieltische^ die Mittel finden könne, diesen Damen gegenüber 
mit der Sicherheit eines Eroberers aufzutreten. 
Das wirkte besser, als eine Erinnerung an drohende 
Noth es gethan hätte. Man sieht den Becker der Freude 
und der Lust nicht, ohne den süßen berauschenden Trank 
kosten zu wollen. Mit ungeduldiger Hast folgte Hermann 
dem Freunde, er hätte in diesem Augenblicke das theuerste 
Andenken verpfändet, um Geld zu gewinnen. 
Als die beiden Freunde in den Spielsaal treten woll 
ten, streifte Hermann die seidene Robe einer Dame, die den 
gleichen Weg eingeschlagen. Er schaute auf und erkannte die 
Dame, welcher er im Casseehause vor zwei Stunden begegnet. 
Madame de Vernon hatte Zeit gehabt, ihre Toilette zu wech 
seln und sie verstand es, ihrer Schönheit einen Zauber zu 
geben, der sinnberückeud auf Hermann wirkte. Es lag ein 
so anmuthiger, verführerischer Contrast in ihrer Erscheinung 
dort und hier, daß er einen Sinneutaumel fühlte, den er nie 
gekannt. Das Köpfchen war das einer übermüthigen Gri- 
sette, die Haltung war die einer vornehmen Dame. Das 
tief ausgeschnittene seidene Kleid von heller Farbe ließ in 
schönen Wellenlinien die graziöse Gestalt der Sylphide ahnen 
und eine purpurrothe Schleife zog den trunkenen Blick in 
das kaum verborgene, wogende Geheimniß der immer ver 
führerischen Formen. Den Eindruck vollendete die anmuthig 
vertrauliche Art, mit der sie Hermann begrüßte. „Warum 
sagten Sie mir nicht, daß Sie auch hierher kommen wür 
den?" flüsterte sie, „ich hätte Ihnen einen Platz in meinem 
Wagen angeboten. Sie wollen spielen? das ist ein Laster, 
aber der Mensch ist sündhaft geboren." 
„Das Glück ist mir heute so hold, daß ich spielen muß!" 
entgegnete er mit Feuer und, kühn gemacht durch ihr Lächeln, 
bot er ihr den Arm. 
„Ihr Freund, der Italiener, ist ebenfalls hier?" 
„Nein, Madame, und ich bin froh deshalb, denn nun 
werden Sie mir vielleicht einige Worte gönnen." 
„Ah, Sie sind eifersüchtig, weil wir Geheimnisse hatten?" 
„Erlauben Sie mir, eifersüchtig zu sein?" 
„Wollen sehen, wie Sie es treiben!" erwiderte sie ko 
kett und nahm am Roulette Platz. 
Hermann zitterte vor Unruhe und Scham, als er die 
Goldberge liegen sah, welche die Mitspieler wagten und Rose 
ebenfalls Goldrollen vor sich hinlegte. Seine ganze Baar 
schaft bestand nach der Theilung mit Krasicki aus sechs 
Stücken zu zehn Francs. Da sah er Krasicki ein Zwanzig- 
srancsftück auf eine Nummer des Roulette legen, er folgte 
seinem Beispiele, und wenige Secunden später war ein Dritt- 
theil seiner Baarschaft dahin. 
„Sie spielen großes Spiel!" lächelte Rosa, die ein Quarree 
besetzt uuD verloren hatte. 
öl*
	        
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