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Volume Heft 7

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

Aus gemitterschwerer Zeit 
oder 
Deei Emissäre der fteootutüm. 
Historischer, die denkwürdige» Vorgänge des Jahres 1848 behandelnder Roman. 
(Fortsetzung.) 
Achtcö Kapitel. 
Als es den rothen Republikanern nicht möglich gewesen, 
Lamartine durch Drohungen einzuschüchtern und auch der 
Versuch, den freisinnigen Dichter ans dem Stadthanse durch 
die Ausdünstungen dorthin geschleppter menschlicher Leichen 
und Pferde-Cadaver zu vertreiben, mißglückt war, hoffte 
die gemäßigte Partei schon vor der Herrschaft einer Schreckens- 
Regierung sicher zu sein, aber, was auch geschah, die Noth 
der Arbeiter zu erleichtern, die Unmöglichkeit, die Forde 
rungen der Socialisten zu erfüllen, ließ immer noch das 
Schlimmste befürchten. Es tauchten Pöbeljournale auf unter 
dem Namen: La gonillotine, la Canaille, le pilori, Robes- 
pierre :c., welche offen zum Morde der Reichen, zu Brand 
stiftung und Plünderung aufforderten. Judenverfolgungen 
hatten bereits stattgefunden, die Bourgeoisie begann vor dem 
Pöbel zu zittern. In zahllosen Clubs versammelten sich die 
erbitterten Socialisten, um eine neue Revolution vorzubereiten. 
Schon die Namen der Clubs: scharlachrotste Bergmänner, 
Tvdtengräber, Behmrichter, Rächer, geschorene Hammel, Geier, 
Heißhungrige, Erbarmungslose rc-, deuteten an, daß sie eine 
Schreckenszeit wollten. Auch die Marianne regte sich wieder. 
Diese berüchtigte Berschivörergesellschaft war über ganz Frank 
reich verbreitet. Das Theaterstück: „Marianne, oder ein 
Weib aus dem Volke," hatte ihr den Namen gegeben. Eine 
Mutter trägt ihr Kind nach dem Fiudelhause, um es vor 
dem Huugertvde zu retten. Als die Thüre sich hinter ihrem 
Kinde verschließt, stößt sie einen Schrei der Verzweiflung aus 
— dieser Schrei war es, der 1848 die Arbeiter zu den 
Waffe» rief, es war der Schrei des Wolfshungers nach Frei 
heit, nach Erlösung von der Noth. In der Gaunersprache 
hieß die Gouillötine Marianne, Marianne hieß die Triuk- 
stajche der Arbeiter und mit jedem Zuge brachten sie einen 
Toast darauf, daß die Marianne bald Hochzeit feiere und 
sich blutrotst kleide zum Feste. 
Die Partei der Gemäßigteren war im Orden der Frei 
maurer vertreten. Die Maurer, erklärte der Sprecher des 
JllustMUi Pa»orai»i> Baud V. Sief. 7. 
Großen Orients von Frankreich, seien nicht nur als Brüder 
immer gute Republikaner, sondern auch „Arbeiter in den 
maurerischen Werkstätten" gewesen, ihre Loge sei nur ein 
Vorbild der Nationalwerkstätten. 
Alle diese Parteien bereiteten sich zum Wahlkampfe vor, 
der Charakter der ersten Natioual-Versammlnng der Republik 
mußte über die nächste Zukunft entscheiden. 
Es ist bekannt, daß die gemäßigte Partei den Sieg er 
focht, aber weniger, daß sowohl in den Clubs der extremen 
Parteien, wie in den Freimaurerlogen plötzlich ein Name ge 
nannt wurde, der die Demokratie in Unruhe versehen sollte. 
Es mußten sehr geschickte Intriguen ein geräuschloses Werk 
gethan haben, um plötzlich den Namen eines Mannes, der 
bisher fast lächerlich geworden, den Gemäßigten als Droh- 
gespeust hinzustellen. Als 100,000 Arbeiter sich, erbittert über 
den Ausfall der Wahlen, versammelten, um den Saal der 
National-Versammlung zu stürmen (15. Mai), ertönte aus 
den dichten Haufen plötzlich der Ruf: „Vive Fempereur!“ 
Der Ruf „Es lebe der Kaiser" erinnerte daran, daß ein 
Prinz existire, der Frankreich wiederholt zugerufen, wie groß sein 
Ruhm und seine Macht unter Napoleon dem Großen gewesen. 
Die Arbeiter forderten einen großen Kriegszug zur 
Unterstützung Polens und eine Milliarde für die Armee. 
Als sie die Rednerbühne erstürmt und die Auflösung 
der bisherigen Negierung proclamirt hatten, hörte man plötz 
lich Generalmarsch schlagen. Lamartine und Ledru Rvllin 
hatten sich an die Spitze der Nationalgarde gesetzt, sie ver 
trieben die Insurgenten f«st ohne Kampf, und seltsam, die 
eben noch so drohenden Haufen der Socialisten waren plötz 
lich verschwunden. 
Man hatte mit dem Feldgeschrei des populärsten Namens 
die Truppen verführen wollen. 
Am 8. Juni wurde Louis Napoleon zum Ab 
geordneten für Paris gewählt, seine Vettern Napoleon 
(Jerome) und Peter (Sohn Lucian's) saßen auf der Linken 
als „Bürger Bonaparte". Lamartine stellte den Antrag, das 
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