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Volume Heft 6

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

Illuflrirtes Panorama. 
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pflegt und besonders gegen den Vater vertheidigen muß, der 
stets bereit ist, sie aufzufressen. „Voriges Jahr," sagte zu 
„ns einmal der überkluge Wärter im Bärenzwinger der Stadt 
Bern, *) die ja bekanntlich einen Bären in ihrem Wappen 
führt und. seit Jahrhunderten schon immer wenigstens ein 
Pärchen hält, „hat der Mutz die Jungen am 29. Januar 
gefressen; dieses Jahr aber werde ich meine Maßregeln treffen 
und die Jungen am 28. Januar wegthun!" Derselbe drollige 
Kauz, dessen Großvater vielleicht ein Schildbürger gewesen 
war, theilte uns auch, da wir von ihm Einiges über die 
Bären zu erfahren suchten, als das merkwürdige Resultat 
dreißigjähriger Beobachtung, mit, daß, wenn die Bärin drei 
Junge werfe, und dieselben nicht alle Männchen oder Weib 
chen seien, stets sich entweder zwei Männchen und ein Weib 
chen oder zwei Weibchew und ein Männchen unter der Zahl 
befänden! Wie dem nun auch sei, die rührende Fürsorge 
der Bärenmutter für ihre Juügen bleibt dieselbe. Sie füh 
ren sie im Laufe des Sommers überall mit sich umher, ent 
lassen im Herbste die jungen Weibchen und behalten die 
jungen Männchen bei sich, da diese ihnen im kommenden 
Jahre bei ihren dann abermals geborenen Jungen als Wär 
ter dienen müssen. In dieser Function müssen sie der Mut 
ter überall nachfolgen, allerlei kleine Dienste verrichten, die 
Jungen durch Bäche und Sümpfe hindurchführen oder über 
beschwerlich zu passirende Stellen hinübertragen, ihnen Futter 
suchen und darreichen. Wenn sie aber ihren Dienst nicht 
mit Eifer versehen, so werden sie von der Mutter gezüchtigt. 
Die Sache ist in den Ländern, welche von Bären bewohnt 
sind, allgemein bekannt, und in ganz Rußland und in Si 
birien führt daher auch das einjährige Männchen den Na 
men Pestun, d. h. Kinderwärter. Ein Hirt im Uralge 
birge erzählte dem Professor Eversmann unter Anderem 
folgende Beobachtung, die er selbst mit eigenen Augen ge 
macht: Eine Bärin kommt mit ihren beiden Jungen und 
mit dem Pestun an einen großen Sumpf, von dem er, der 
Hirt, nicht weit entfernt auf einer Anhöhe verborgen lag. 
Der Pestun trägt zuerst pflichtschuldigst ein Junges auf dem 
Rücken durch und bringt es glücklich an das andere Ufer; 
dann kommt er zurück und nimmt das zweite, aber schon an 
seinem langsamen Gange war zu sehen, daß er nicht mit be 
sonderer Lust an das Geschäft ging, und mitten im Sumpfe 
läßt er das Junge fallen; nur auf das Zubrüllen der Mut 
ter nimmt er es wieder auf und trägt es an's Ufer. Nun 
kommt aber diese hinter ihm her und züchtigt ihn mit den 
Vordertatzen so nachdrücklich, daß er lange Zeit nicht auf 
stehen konnte. 
Die nach sieben Monaten zur Welt gebrachten Jungen sind 
keineswegs ein unförmlicher Fleischklunrpen, den die Mutter 
erst zurecht lecken muß, wie die Alten gefabelt haben; sie 
'ehen im Gegentheil ganz niedlich ans, sind etwa 8 Zoll 
lang, haben ein kurzes, glänzendes, fahlfarbiges Haar und 
ein weißes Halsbändchen, das mehrere Jahre bleibt, eine ver- 
hältnißmäßig sehr starke Stimme und sind vier Wochen lang 
blind. In drei Monaten erreichen sie die Größe eines Pu 
dels, hören nach etwa fünf bis sechs Monaten auf zu sauge» 
und sind bis zum zweiten Jahre ungemein possirliche Ge 
schöpfe, die auf die drolligste Art unaufhörlich mit einander 
spielen, geschickt und behend umherklettern, sehr zutraulich 
gegen Menschen sind und sich manche Kunststücke anlernen 
lassen. Erst im vierten Jahre tritt die Fortpflanzungszeit 
ein und erst ini fünften wirft das Weibchen zum ersten 
*) Der Berner Bärengraben war in einer Märznacht des Jahres 
lchbl, wie sich vielleicht noch manche unserer Leser erinnern werden, der 
Schauplatz eines tragischen Ereignisses. Ein Norweger, Capital» in 
der englischen Armee, Namens Lork, der sich bei der Belagerung von 
L-ebastopol durch seinen Muth und seine Geistesgegenwart zn wieder 
holte» Malen ane drohender Lebensgefahr gerettet hatte, fiel, als er in 
stolge einer Wette auf der Brustwehr des Zwingers hingehe» wollte, 
tzinab und wurde, nachdem sich seine kopflosen Freunde vergeblich be 
müht hatten, ihn wieder herauszuziehen — der „Bärenvater" war zu 
fällig abwesend — von der einen Bestie entsetzlich zerrissen. 
Mal. Je älter aber, desto brummiger und mißmnthiger 
wird auch der Bär, der sein Leben bis auf etwa 50 Jahre 
i bringt. 
Wenn Meister Petz, bei dem Eintritte starker Kälte, 
sein'Winterquartier bezieht, ist er genieiniglich sehr fett, wes 
halb auch im October und November die Jagd auf ihn am 
vortheilhafteften ist, allein im Frühjahre kommt er nur so 
magerer wieder hervor, da während jenes langdaueruden 
Zustandes von schlafsüchtigem Hinbrüten der Organismus das 
abgelagerte Fett wieder aufgesogen und verarbeitet hat. Gün 
stige Temperaturveränderungen wirken auf ihn, wie auf viele 
andere Winterschläser; er erwacht dann schon im Januar, 
geht aus, fällt aber bei Wiederkehr der Kälte in neuen Schlaf. 
Aus diesem Grunde sagt ein altes Sprüchwort: „Wenn der 
Bär auf Lichtmeß seinen Schatten sieht, kriecht er wieder auf 
; vierzig Tage in die Höhle." Daß er während der Ueberwin- 
terung durch Anssaugen der eigenen Pfoten sich nähre, ist 
ein alter, Widerlegung nicht bedürftiger Irrthum; lediglich 
' zum Zeitvertreib saugt er an seinen Tatzen. 
Obgleich die Bären, deren werthvolles Fell bald heller, 
bald dunkler, zuweilen sogar schwarz oder grau, schwarz mil 
weiß, gelblich oder bräun mit Silberglanz ist, zur Familie 
der Fleischfresser gehören und alle größeren Thiere jagen, 
! die sie durch List oder Ueberfall erhaschen können, so ver 
zehren sie doch auch mit großem Behagen junges, fettes 
Gras, Getreide, Gemüse, Wurzeln, Erdbeeren und Früchte 
aller Art; nach Aepfeln, Birnen, Weintrauben und Kastanien 
machen sie nächtlicher Weile ziemlich weite Reisen; auch 
scharren sie gern Ameisenhaufen auf, theils um sich am Ge 
rüche zn laben, denn mit Ausnahme des Gesichts sind ihre 
Sinne scharf und gut, ja, an Feinheit des Geruchssinnes 
übertrifft der Bär vielleicht jedes andere Thier, theils auch 
wohl, um die Ameisen zu verschlucken; in Waldbächen gehen 
sie den Forellen und Krebsen nach, während ihnen, wie be 
kannt, Honig eine Leckerei ist. *) Daher schlagen die Tartaren 
und Baschkiren am Uralgebirge, die außer ihren Bienen 
gärten mehrere hundert, ja tausend Bienenstöcke in den Wal 
dungen haben, in den Stamm des Baunies, wo wilde Bienen 
hausen, viele aufwärts gekrümmte scharfe Messer und Sicheln 
ein. Der Bär ist zwar vorsichtig genug, beim Hinaufklettern 
diese Spitzen zu vermeiden, allein wenn er rückwärts vom 
Baume wieder hinabgleitet, so fällt er in diese Messer und 
Sicheln und zerfleischt sich so stark, daß er selten mit dem 
Leben davon kommt. Alte Bären schlagen diese Fangeisen 
hin und wieder beim Hinaufklettern klug genug hinweg; da- 
; her bedient man sich mit größerem Erfolge aufgespannter 
Selbstschüsse. Diese sind so eingerichtet, daß der Bär, wenn 
er anfängt, hinaufzuklettern, eine Schnur airzieheu muß, wo 
durch ein Pfeil losgeschnellt wird, der ihm den Leib durch 
bohrt. 
Den Menschen greifen sie selten an, könne» aber, ge 
reizt oder durch Hunger gequält, zu wahrhaft fürchterlichen 
Feinden werden und dann eine Behendigkeit und Gewandt 
heit entwickeln, die man ihnen nach Maßgabe ihres plumpen 
und schwerfälligen Aussehens nicht zutrauen möchte. Nilson, 
ein sehr zuverlässiger, schwedischer Naturforscher erzählt, daß 
man einen Bären gesehen, welcher, mit einem todte» Pferde 
zwischen den Vordertatzen, aufrecht auf einem über eine 
Schlucht gefallenen Baumstamme hinschritt. Annahme und 
Behauptung senkrechter Stellung und senkrechten Ganges 
werden übrigens den Bären leichter, als anderen Raubthieren, 
indem nicht allein die große und wohlgebildete Sohle der 
Hinterfüße de» Körper gut unterstützt, sondern auck die 
Schenkelknochen, wenn auch kürzer als die menschlichen, so 
doch denselben in vielen Beziehungen sehr ähnlich sind. 
Noch i» der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts 
hatten die Fürsten Deutschlands große Lust daran, Bären 
') Ein anderes der vielen Sprnchwörter, zu denen Meister Petz 
Veranlassung gegeben, sagt daher: „Man muß den Bären nicht zum 
Honigwächter machen!"
	        
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