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Volume Heft 6

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

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IUustrirtkS Panorama. 
halten es für unmännlich, unnütze Worte zu verschwenden, 
und Den für den größten Redner und weisesten Mann, der 
mit wenigen Viel auszudrücken weiß. 
Der Weiße, der sich durch das hohe Cactusgebüsch und 
Farrenkraut so eben dem Feuer nähert, muß wohl ein guter 
Freund und Bekannter, wahrscheinlich ein alter Waldjäger, 
sein, denn Niemand läßt sich durch sein Erscheinen stören, 
und entgangen ist dasselbe gewiß nicht dem scharfen Auge und 
Ohre der Häuptlinge und denen der Wachtposten. Man 
wird in ihm den Gast ehren und ihm eine Pfeife anbieten; 
wäre er ein Fremder, dem man nicht übel will, so würde 
man dasselbe thun und gewiß Niemand nach seinem Begehr 
und nach seinen Verhältnissen fragen. 
Diese Waldjäger, die selbst mit den Sitten ihres Volkes 
gebrochen und sich aus seiner Gesellschaft verbannt haben, 
sind oft sehr gute Freunde der Indianer und von denselben 
ihrer Jägergeschicklichkeit wegen hochgeachtet. Wehe aber dem 
Weißen, dem Letztere mißtrauen oder den sie hassen! — ge 
wöhnlich tödten sie ihn unter den grausamsten Qualen, um 
dann seine skalpirte Kopfhaut als Trophäen am Gürtel zu 
tragen. 
Der jetzt wüthende Bürgerkrieg gibt diesen wilden 
Stämmen wieder viel Gelegenheit, ihrer blutdürstigen Nei 
gung den Zügel schießen zu lassen; wenn sich jene Verhält 
nisse in Nord-Amerika aber geklärt, schlägt unzweifelhaft auch 
bald die Vernichtungsstunde der freien Indianer. 
Ein treuer Diener. 
Ueber das schöne Frankreich brausten die Stürme der 
Revolution fort und entwurzelten manchen für unerschütter 
lich gehaltenen Stamm alter Größe und alten Vorurtheils, 
das unbeschränkte 'Königthum Ludwig's XIV., dem sein Volk 
einst den Beinamen des Großen ertheilt und den es jetzt den 
Tyrannen nannte, war gefallen, die aus diesem Volke zu 
sammengetretene Nationalversammlung hatte am 4. Sep 
tember 1792 geschworen, daß sie alle Könige und alle Königs 
macht hasse und am 21. desselben Monats die Abschaffung 
des Königthums und die einzige und untheilbare Republik 
Frankreich dekretirt, König Ludwig XVI., der gute und 
schwache Monarch, wurde mit seiner Familie gefangen ge 
halten und mit dem Tode durch Henkershand bedroht; in 
Paris und den Provinzen beherrschte ein wilder, blutdürstiger 
Jakobinerhaufen den Convent, die neue Landesregierung, und 
' die edelsten Geschlechter des alten Frankreichs sahen sich" 
genöthigt, den heimathlichen Boden flüchtig zu verlassen, 
da ihr Name allein hinreichte, sie aus das Blutgerüst zu 
liefern. 
Es ist wahr, daß die unteren Stände des französischen 
Volkes Jahrhunderte lang auf die unverantwortlichste Weise 
durch den Adel geknechtet wörden waren und daß sie jetzt 
nur das Vergeltungsrecht ausübten, wobei sie noch mehr da 
durch erbittert wurden, daß diese vornehmen Emigranten das 
Ausland aufhetzten, die unmöglich gewordene alte Ordnung j 
der Dinge mit Waffengewalt wieder herzustellen, daß durch 
die letzteren der grausamste Bürgerkrieg herbeigeführt zu 
werden drohte; aber es gab auch viele alte Familien, die nicht 
gegen die Freiheit Frankreichs conspirirten, sondern sich in 
den unvermeidlichen Umschwung fügten und gerade diese 
wurden am härtesten von der Rache des Volkes, die leicht 
sine aus Privatfeindschaft hervorgehende falsche Anklage er 
weckte, getroffen, weil sie in denr Bewußtsein ihrer Schuld 
losigkeit keine Vorbereitungen dagegen getroffen hatten. 
In den Nordprovinzen Frankreichs ist das Feudalsystem 
immer am weitesten ausgebildet gewesen; der Adel war dort 
der Krone am anhänglichsten, übte die unbeschränkteste Macht 
über seine Gutsunterthaneu aus und, wurde auch von den- ! 
selben säst wie höhere Wesen angesehen; je näher die niederen 
Klassen der Herrschaft standen, desto inniger fühlten sie alle 
ihre Interessen mit derselben verknüpft und desto inbrünstiger 
küßten sie die Hand, die sie züchtigte, ihnen aber zuweilen 
Gutes erwies, fei es nun aus bloßer Laune oder weil es auch 
unter dem Adel Menschen von Gemüth und Herz gab, die 
an dem Loose ihrer Untergebenen warmen Antheil nahmen. 
Der Norden sträubte sich daher am meisten gegen die Revo 
lution, besonders das Landvolk, was später zu den blutig 
sten Bürgerkämpfen führte, doch fand sie bei den leicht j 
erhitzbaren, vielleicht auch aufgeklärteren Köpfen desselben 
ebenfalls Eingang. 
Einige Meilen nordwärts von Rouen besaß der Marquis 
Edmond von Frontignac oder vielmehr seine Familie schon 
seit Jahrhunderten recht ansehnliche ländliche Güter und auf 
dem hauptsächlichsten derselben das Schloß Maison-Neuve, in 
dem er mit seiner Familie zu residiren pflegte, wenn er sich 
nicht, was übrigens nur selten geschah, in Paris aufhielt. 
Neu sah das Schloß gerade nicht aus, wie sein Name be 
sagte, den es schon aus alter Zeit mit herübergebracht hatte, 
sondern es bestand aus einer Anhäufung von Gebäuden des 
verschiedenartigsten Styls, wie ihn die Vorfahren Edmond's 
von Frontignac gerade liebten, hatte an den vier Ecken ge 
waltig trotzig aussehende Thürme, deren spitzige Dächer mil 
Moos bewachsen waren nnd von deren Mauern der Putz 
schon in bedenklicher Weise herabbröckelte. Recht stattlich sab 
aber das alte Ritterschloß mit seinen großen Fenstern und 
Thoren aus, besonders in der Umgebung von alten, hohen 
Bäumen mit dichten Laubkronen und im Inneren bewahrte 
es manche interessante historische Erinnerung, die sich an die 
Familiengeschichte der Frontignac's knüpfte.. 
Der jetzige Besitzer hatte aus Pietät das Meiste so, wie 
er es vorgefunden, gelassen und nur den einen Flügel des 
Gebäudes mit möglichster Schonung seiner romantischen Alter- 
thümlichkeit renovirt; in diesem befanden sich die Gesellschafts 
und Wohnzimmer, die eine recht geschmackvolle Ausstattung 
nach neuer Mode erhalten hatten, und auf dieser L-eite war 
auch ein hübscher Garten und ein breiter Ausgang zwischen den 
in Kübel gesetzten Orangeriebäumen angelegt worden. 
Der Marquis, ein Mann von damals ziemlich sechszig 
Jahren, der ehemals Soldat unter Ludwig XV. gewesen war 
und die Kriege in Deutschland und Spanien mitgemacht 
hatte, liebte gerade nicht den Luxus, sondern lebte mit seiner Frau 
und seiner einzigen Tochter meistens zurückgezogen auf seinen 
Gütern, höchstens trat er in Verkehr mit dem benachbarten Adel, 
bei dem er sowohl wegen seines Reichthums als seiner ritterlichen 
Biederkeit wegen in hohem Ansehen stand; er liebte auch nicht 
den Hof, an dem er in seinem früher vielbewegten Leben 
manche traurige Erfahrung gemacht, sondern widmete sich, 
seitdem er den Soldatenstand aufgegeben hatte, ganz der 
Bewirthschaftung seiner Güter, sich fern von der Politik hal 
tend. Darum durfte er sich wohl mit der Hoffnung schmeicheln, 
daß die Schrecken der Revolution an ihm vorübergehen würde», 
um so mehr, als er es sich stets zur Aufgabe gemacht hatte, 
die Lage seiner Untergebenen zu verbessern und zu erleichtern 
und als diese ihnl, fast ohne Ausnahme, treu ergeben waren. 
Wie wenig nun aber gerade diese unruhige Zeit zur 
Entfaltung von Prunk und Freude angethan sein mochte, so
	        
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