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Volume Heft 5

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

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Illnflrirtes Panorama. 
kalciums, die alle beim Verknöcherungsprozeß eine so wichtige 
Rolle spielen, die Ursache der Verzögerung desselben: es man 
gelte eben das Material. Die fehlerhafte und man 
gelhafte Ernährung im Allgemeinen ist aber der 
Grund jener eben beschriebenen Ernährungsstörungen in 
den Knochen. Es hieße sich den Kopf zerbrechen, wollte 
man die Frage genau beantworten, weshalb gerade in diesem 
Falle die schlechte Ernährung auf die Knochen einen solchen 
Übeln Einfluß äußert und nicht z. B. auf der Haut als Aus 
schlag, in wichtigen Organen unter der Form von Neubil 
dungen oder krankhaften Ablagerungen zu Tage tritt. In 
gleicher Weise könnte man eine präcise Antwort verlangen, 
weshalb eine in anderer Weise fehlerhafte Ernährung in ge 
wissen Provinzen des Körpers Störungen der normalen Er 
nährung hervorrufe und zwar ganz bestimmter Art, wäh 
rend sie andere Theile verschont, wovon wir z. B. bei der 
Gicht ein schlagendes Beispiel haben. Ebenso bilden sich sehr 
häufig bei durch mangelhafte und schlechte Ernährung herab 
gekommenen Subjecten gewisse Formen der Hautkrankheiten 
oder Catarrhe des Kehlkopfs, der Luftröhre aus; während an 
dere nachweisbare Krankheiten nicht vorhanden sind oder sich 
erst später einstellen. Wir sind eben leider in unserem Wis 
sen vom Stoffwechsel und den Verrichtungen des lebenden 
Organismus noch nicht so weit vorgedrungen, um jene Fra 
gen ausreichend beantworten zu können. Wir müssen uns 
in vielen Fällen, wie auch in dem vorliegenden, begnügen, 
das Factum, wie es uns die Erfahrung an die Hand gibt, 
einfach zu registriren, und froh sein, wenn wir eine an 
nehmbare Deutung gefunden haben, wenn dieselbe auch von 
einem erschöpfenden wissenschaftlichen Beweise noch fern ist- 
Wäre ich in der Lage, eine streng wissenschaftliche Abhand 
lung zu schreiben, so würde ich Manches für und Manches 
selbst gegen mich anführen müssen — in diesem Falle mag 
dies genügen. Unerwähnt will ich jedoch nicht lassen, in 
welcher Weise auch andere Knochen des Skeletts im weiteren 
Verlaufe der englischen Krankheit angegriffen werden. Durch 
Verbiegung der hinteren Rippenenden einer Seite entsteht 
zuweilen ein auf der einen Hälfte schiefer Rücken, durch 
Anschwellung der Brustbeinenden der Rippen der rachitische 
Rosenkranz; durch Einbiegung der vorderen Rippenenden 
und der Rippenknorpel tteben gleichzeitiger Nachvorwärtsschie- 
bung des Brustbeins die sogenannte Hühnerbrust; durch 
Verbiegungen der Beckenknochen das rachitische Becken 
— besonders gefährlich, wenn rachitische Mädchen, welche 
diese Mißbildung zurückbehalten haben, später in die Lage 
kommen, als Frauen eine Entbindung zu überstehen; — die 
Nähte zwischen den Kopfknochen verknöchern sehr spät; bei 
manchen Kindern findet man noch im dritten Jahre die 
Fontanellen auffallend groß; zuweilen bilden sich auch auf 
den Knochen des Gesichts und des Kopfes Ablagerungen der 
Beinhaut, welche häßliche Entstellungen bilden. Dem ent 
gegengesetzt wird nicht selten eine Verdünnung und selbst 
ein theilweiser Schwund der Schädelknochen, namentlich 
am Hinterkopf, beobachtet, welche unter dem Druck des 
wachsenden Gehirns von innen, des Kopfkissens von außen 
auf das unvollständig verknöchernde Hinterhauptsbein wahr 
scheinlich zu Stande kommen. Der Kopf erscheint zuweilen 
auffallend groß gegen den im Wachsthum zurückgebliebenen 
übrigen Körper; in anderen Fällen hat aber auch er, wie 
die ganze Gestalt des Kindes, etwas zwcrghaft Kleines. 
Nicht selten findet man schließlich, daß die Milchzähne nach 
außen wachsen; überhaupt erscheinen sie manchmal sehr spät, 
oft erst im zweiten Jahre und halten nicht die allen alten 
Kinderfrauen bekannte Reihenfolge des Auftretens bei. 
Was die Ausgänge der englischen Krankheit betrifft, 
so ist, wenn die Kinder in den ersten Stadien zur Behand 
lung kommen, d. h. so lange nur Durchfall, Husten, Mager- 
keit und Blutarmuth, Anschwellung der Gelenkenden der Glied 
maßen, geringe Verbiegung und Unfähigkeit zum Laufen 
bestehen, eine vollständige Heilung sehr wohl mög 
lich, die aber im besten Falle nicht unter drei bis vier Mo 
naten vollendet ist. In ihren späteren Stadien dagegen, wenn 
die Kinder meist sehr herabgekommen sind und sich bedeu 
tende Mißgestaltungen des Körpers entwickelt haben, ist sie 
sehr schwer zu beseitigen, und wenn dies möglich ist, b.' h. 
wenn es gelingt, dem Fortschreiten des rachitischen Prozesses 
Einhalt zu thun, sind doch jene Verunstaltungen sehr schwer, 
manchmal gar nicht rückgängig zu machen: das Kind 
bleibt Zeit seines Lebens ein elender, bejammerns- 
werther Krüppel. Möge man nicht glauben, daß die 
Krankheit „schon von selbst" heilen werde. Die Rachitis 
thut uns niemals diesen Gefallen, schreitet im Gegen 
theil in ihren schädlichen Einflüssen unaufhaltsam fort. 
Die erste und wichtigste Aufgabe bei der Behandlung 
ist ein energisches Einschreiten gegen die Durchfälle und die 
Catarrhe der Luftwege, wenn sie die Rachitis eingeleitet haben. 
Da aber dieselben, vorzüglich die erster», wie wir gesehen, 
auf einer schlechten und fehlerhaften Ernährung beruhen, so 
muß zugleich die Ernährung des Kindes meist voll 
ständig geändert werden. Berücksichtigt man diesen 
Punkt nicht, so werden sich Husten und Diarrhöen, auch wenn 
sie den angewandten Mitteln gewichen sind, sehr schnell wie 
der einstellen. Man muß in Betreff einer natur- und zweck 
gemäßen Ernährung eines rachitischen Kindes den Eltern oder 
Pflegerinnen die allergenauesten und strengsten Vorschriften 
machen, weil nur dann den Anordnungen pünktlich — 
und das ist die Hauptsache! — Folge geleistet wird. Man 
muß eben so detaillirt vorschreiben, was nur allein gegessen 
werden darf, und was unter allen Umständen vermieden 
werden muß. Nur dann, und wenn man wo möglich selbst 
controlirt, ob das Kind in der verordneten Weise wirklich 
ernährt wird, werden günstige Resultate erzielt. Sind die 
Durchfälle gehoben, so wird durch eine zweckentsprechende, 
naturgemäße Ernährung an und für sich schon die Blutbe 
schaffenheit allmälig eine andere, bessere, und da aus dem 
Blute sich der ganze Körper aufbaut, auch der Stoffumsatz 
ein normaler gesunder. Es nutzt nichts, dem Körper, resp. 
oeu Knochen, die fehlenden Erdsalzc in ihrer natürlichen, an 
organischen Form zuzuführen, sie müssen demselben an die 
Nahrungsmittel gebunden einverleibt werden — ein Umstand, 
der nicht ganz leicht zu erklären ist. 
Aber man braucht bei diesen Verordnungen nicht stehen 
zu bleiben. Man kann auch Arzneimittel nehmen lassen, 
welche erfahrungsmäßig die Verdauung befördern und die 
Blutbeschaffenheit verbessern; in gewissen Fällen ist man zu 
ihrer Anwendung durch die Umstände gezwungen. 
Auch die Soolbäder, die Seesalz- und Mutterlaugen 
bäder, haben einen so augenscheinlich günstigen Einfluß auf 
die Heilung der englischen Krankheit, daß ihre Anwendung, 
wo sie am Orte ist, niemals versäumt werden sollte. Nur 
muß der Arzt auch hier ganz präcise Vorschriften machen. 
Endlich will ich noch als eines ausgebreiteten, in gutem 
Rufe stehenden, aber mit mehr oder weniger Recht von ver 
schiedener Seite angefochtenen Mittels, des Leberthrans, 
erwähnen. Seine Anwendung ist nur in einer bestimmten 
Periode der Krankheit von Nutzen und deshalb zulässig; im 
anderen Falle wird er nicht vertragen und ist deshalb schädlich. 
Der Arzt muß hier wie überall individualisiren. 
Was das äußere Leben des kranken Kindes betrifft, 
so darf dasselbe sich nicht in feuchten oder dumpfen, von 
vielen Menschen als Schlasstätte benutzten Stuben, in noch 
nicht ausgetrockneten Zimmern neuer Häuser, in Kellerwoh 
nungen aufhalten. Leider ist dieser wichtigen Bedingung der 
Verhältnisse wegen oft nicht zu genügen. So oft es das 
Wetter und die Windfahne gestatten, muß es in die freie 
Luft gefahren oder getragen und dem Einfluß der Sonnen 
wärme ausgesetzt werden. Luft und Sonne! man unter 
schätze diese beiden Heilmittel, die uns der Himmel umsonst 
gibt, nicht! 
Die kleinen Patienten dürfen auch nicht, wie sich aus
	        
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