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Volume Heft 5

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

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IUustrirtrs Panorama. 
Grenze (siehe Jllustr. Seite 172.) vom Staate erworben und 
bildet nun eine der schönsten Zierden der Louvre-Gallerie. 
Der interessante Kops fesselt unwillkürlich alle Besucher des 
Museums, da§ Gesicht mit seinem Ausdruck von Bonhommie, 
die hohe geistreiche Stirn, die intelligenten glänzenden Augen, 
die Nonchalance in der Tracht verrathen ans den ersten Blick 
den genialen Künstler. 
Mitte März des. Jahres 1805 fühlte Grenze seinen 
Tod herannahen. Cr legte sich nieder, um denselben in Ruhe 
zu erwarten und schloß die müden Augen für immer. Von 
allen seinen Freunden und Rivale», von allen Künstlern und 
Dichtern geleitete ihn nur Einer, Barthelemy, zur letzten 
Ruhestätte!! 
Das Begräbniß war sehr einfach. In dem Augenblick 
aber, wo der Leichenwagen in den Friedhof einfuhr und die 
irdische Hülle des großen Künstlers der kühlen Erde über 
geben werden sollte, ereignete sich eine ergreifende Scene 
Tief verschleiert stürzte eine weinende junge Dame an die 
Gruft, senkte die Kniee zum stillen Gebet und legte einen 
Jmmortellenkranz auf den Sarg des Todten; zwischen den 
Blumen aber befand sich die Inschrift: „Diese Blumen, dar 
gebracht von einer dankbaren Schülerin, mögen ein Sinnbild 
seines Ruhmes sein." 
Das junge Mädchen, welches Grenze in die Kunst ein 
geführt, die einzige Repräsentantin des schönen Geschlechts, 
das einst dem großen Meister so viel Weihrauch gestreur, 
war Fräulein Mayer, die Freundin Proudhon's. 
Das waren die Trauerfeierlichkeiten an dem Grabe eines 
der ersten Maler Frankreichs, so endete eines Künstlers 
Erdenwallen. — E. Frauenstedt. 
Dem Tode nah'. 
Ei» Erlebnißlin Mansuren von M. Rosen. 
„Gott im Himmel, wir sind vom Wege ab!" 
„Man muß nicht gleich das Aergste fürchten, Frau. 
Gib die Zügel her, Fritz, und brenne die Laterne an." 
Aber vergeblich bemühte sich Fritz mehrmals, dieselbe an 
zuzünden, nachdem er vom Bocke eines kleinen Planschlittens 
abgestiegen war und seinem Herrn die Zügel gereicht hatte; 
denn ein heftiger Wind begann die Kronen der Bäume zu 
rütteln, und Schneeflocken wirbelten in buntem Durchein 
ander. 
„Ha, ha! 's hat keine Noth. Dort ist ja der alte Be 
kannte, Frau, an dem ich schon manch' Jahrzehnt vorbeige 
fahren bin, wenn ich aus der Stadt nach unserm Gute wollte. 
Sei mir gegrüßt!" und dabei nahm der wohl in den Fünf 
zigern stehende Herr, der in seiner straffen Haltung und sei 
nen ganzen Geberden den alten Rittmeister verrieth, die Pelz 
mütze vom Kopfe, schwenkte sie hoch und grüßte eine große, 
mächtige Tanne, deren Aeste, vom Schnee gebeugt, herabhin 
gen. „Halt' Dich immer links, Fritz, und den Braunen 
hübsch kurz im Zügel. Ist auch der Weg nicht so recht sicht 
bar, denn der zum Kuckuk verwünschte Schnee liegt bald 'ne 
Elle, so hat's jetzt keine Noth; nur immer links!" 
„Zu Befehl, gnädiger Herr!" 
Weiter jagte der Schlitten. Der Rittmeister saß, in 
seinen Pelz gehüllt, die Mütze über die Ohren herabgezogen, 
den Schnurrbart streichend, wieder beruhigt neben seiner Frau 
im Schlitten, die sich ängstlich an die Schulter ihres Man 
nes gelehnt und die schützenden Pelze fester an sich gezogen 
hatte, denn die Luft war grimmig kalt. 
Fürchterlich heulte der Sturm — dichter fiel der Schnee 
— finsterer wurde der Wald. 
„Potz Element! Siehst Du kein Licht. Fritz?" 
„Nein, gnädiger Herr!" 
Letzterer schlug den Pelz auseinander, zog die Uhr und 
bemühte sich, dieselbe zu erkennen. 
„Schon zwei Stunden gefahren, hm, das will mir nicht 
recht in den Kopf. Fritz, noch nicht?" 
„Nein, gnädiger Herr!" 
„Halte die Pferde." 
Der Schlitten hielt. Der Rittmeister stieg aus und 
schaute sich ringsum. Es war ein gräßlicher Augenblick für 
die in dem Schlitten sitzende Dame. Still, mit ernsten Zü 
gen ließ der Rittmeister seine Blicke an den Bäumen hin 
gleiten, die in kaum mehr zu unterscheidenden Contouren zu 
beiden Seiten standen. Die ungeduldigen Pferde stampfleu 
den Schnee, immer mächtiger brauste der Sturm, in un 
durchdringlichen Massen fielen die Flocken, empfindlicher wurde 
die Kälte. Mit angstentstelltem Antlitze sank die Frau des 
1 Rittmeisters in den Schlitten zurück, als dieser seinem Knechte 
leise zuflüsterte: „Wir haben uns gründlich verirrt!" und sie 
1 an den Mienen ihres Mannes den Inhalt seiner Worte 
errieth. 
„Sei ruhig, liebes Weib, ängstige Dich nicht. Ich hoffe, 
wir werden bald Adamsheide erreichen und kommen dann 
am morgenden Tage nach unserem Gute." 
Der Rittmeister stieg wieder in den Schlitten. „Fritz, 
fahr' zu, unser gutes Glück wird —" — aber er konnte nicht 
vollenden, der Sturm war zum Orkan gewachsen, er erstickte 
seine Stimme und brachte ein fernes, eigenthümliches Klage- 
! geschrei. 
„Allmächtiger Gott, steh' uns bei! Wölfe, Wölfe!" 
„Nein, liebes Weib, sei ruhig, 's ist der Sturm." — 
Doch er wußte wohl, daß die fernen Klagetöne bald zum 
gräßlichen Geheul anwachsen würden. „Fahr' zu, Fritz, daß 
die Funken fliegen!" und mit seinem Stocke schlug der Ritt 
meister nach den kräftigen Pferden, daß sie schäumend in die 
Zügel bissen und dahinjagten, wiebeflügelt. Pfeilgeschwind glitt 
der Schlitten, aber schneller noch trug der Sturm das immer 
stärker werdende Geheul der folgenden Wölfe. Der Rittmei 
ster drückte seiner Frau einen Kuß auf die Stirn, barg sie 
tiefer in den Schiiten und zog aus der Tasche seines Pelzes 
zwei alte Reiterpistolen. Er sah nach dem Schlosse, sie wa 
ren scharf geladen. „Nun, Gott sei mit uns, liebes Weib! 
's wird sich schon machen. Hab' lange keinem Feinde gegen 
übergestanden. Laß die gefräßigen Burschen nur kommen, 
ich will ihnen was auf den Pelz brennen, daß sie genug 
kriegen, bei meiner Soldatenehre!" — Und die gefräßigen 
Burschen ließen auch nicht lange auf sich warten. In gro 
ßen Sätzen sprangen sie hinter dem Schlitten her, wie Feuer 
kugeln glühten die Augen der gefährlichen Thiere durch die 
Dunkelheit. Weiter jagte der Schlitten, näher und näher 
kamen die Wölfe, schon heulten sie unmittelbar neben den 
Armen, es zuckte dem alten Soldaten in den Fingern, aber 
er hatte nur zwei Schuß, und diese mußte er für die letzte 
Rettung aufsparen. 
Da sprang ein großer, mächtiger Wolf nach dem Rücken 
des Braunen, ein Blitz, ein Knall, das Pferd mit dein 
Wolfe stürzte, der Schlitten stand. Ein gräßliches Geheul, 
ein entsetzlicher Schrei der unglücklichen Frau. Dies Alles 
in einem Augenblick. 
Wohl gezielt war der Schuß in den Kopf des Wolfes 
gedrungen, aber er hatte auch den Hinterfuß des Braunen 
verwundet und diesen zum Fallen gebracht, ein kräftiger 
Windstoß fing sich in der Plane, hob diese ab, und die in 
dem Schlitten sitzende Frau des Rittmeisters sah plötzlich hin-
	        
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