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Volume Heft 5

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

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IUuftrirtrs Panorama. 
thun jedoch unsere Pflicht, machen Sie uns dieselbe nicht 
schwerer, als sie es ist. Mögen Sie den Kampf verdammen, 
wie ich ihn bedauere, so müssen Sie doch das Urtheil schon 
ans Vorsicht in unserer Gegenwart zurückhalten. Meine Her 
ren, wir sind unserem Wirthe Dank schuldig, aus Rücksicht 
für ihn bitte ich, den Streit ruhen zu lassen." 
„Wir wollen uns entfernen!" sagte Holms zu Hoch 
stetten. 
„Das werden Sie nicht, ich bitte!" rief Bergmann, der 
in dem Benehmen Hermann's nur eine Wortbrüchigkeit sah; 
„es ist an mir, Ihnen Genugthuung zu geben. Sie sind 
meine Gäste — er hat Sie beleidigt, obwohl ich nur aus 
Nachsicht ihm verziehen und ihm Schutz gewährt. — Verlasse 
mein Haus," wandte er sich zu Hermann, „und nimm Dei 
nen Spießgesellen mit Dir, die Herren werden Mitleid mit 
Dir haben und Dich ungehindert gehen lassen." 
„Ich fordere kein Mitleid," entgegnete Hermann, an 
allen Gliedern zitternd, und trat vor die Offiziere hin, „er 
höhen Sie Ihren Ruhm und stechen Sie einen Wehrlosen 
nieder, ich habe gegen Sie gefochten, ich kämpfe für das 
Volk und für die Freiheit!" 
Der pathetische Ton dieser Worte verfehlte ganz seinen 
Eindruck. Holms und Hochstetten warfen ihm einen verächt 
lichen Blick zu und Ollberg verhehlte sein Bedauern nicht, 
daß er sich verrathen. 
„Herr Weber," sagte er, „es ist mir sehr unangenehm, 
daß Sie uns in Verlegenheit setzen, diese betrübende Scene 
weiter zu spielen. Ihr Geständniß dürfte mich zwingen, Sie 
zu verhaften — wenn die Herren nicht mit mir der Mei 
nung sind, daß Sie uns nur privatim die Eröffnung ge 
macht und daß wir Sie gegen das Versprechen, sich vom 
Kampfe fern zu halten, fteilassen." 
„Dem Ehrenworte eines Rebellen," nahm Holms das 
Wort, „traue ich nicht. Herr Bergmann sprach auch noch 
von einem Spießgesellen. Ich ahne, daß dieser Herr und 
sein Genosse die Flüchtlinge sind, die wir verfolgten. Ich will 
jedoch aus Rücksicht für unseren Wirth damit einverstanden 
sein, daß Sie, Herr Kamerad, die Beiden unter Ihrer Auf 
sicht behalten, bis der Kampf vorüber ist. Wo ist Ihr Ge 
nosse, junger Mann?" 
Weber gab keine Antwort. Er sah die Unmöglichkeit 
jeden Widerstandes ein, aber er hätte sich lieber tödten las 
sen, als den übermüthigen Hohn des Grafen anders als mit 
Trotz beantwortet. „Mein Herr," wandte er sich zu Oll 
berg, ohne die Blicke tödtlicher Angst zu beachten, die Marie 
ihm flehend zuwarf, „Sie sind mein Gegner, aber in Ihnen 
achte ich den Ehrenmann, der den Wehrlosen nicht mit bru 
talem Spotte beleidigt. Ich bin Ihr Gefangener." 
„Für diese Beleidigung sollen Sie mir Rede stehen!" 
knirschte Holms und griff nach dem Säbel. 
„Ich bitte, Herr Kamerad," trat ihm Ollberg elitgegen, 
„der Herr ist mein Gefangener, er ist wehrlos." 
„Sie bürgen mir für ihn." 
„Ich werde Sie zu treffen wissen!" entgegnete Hermann. 
„Herr Weber," nahm Ollberg das Wort, „Sie scheinen 
Ihre. Lage erschweren zu wollen. — Gnädiges Fräulein," 
wandte er sich dann mit Wärme zu Marien, die dem Um 
sinken nahe schien, „verzeihen Sie die Angst, die wir Ihnen 
bereiten. Beruhigen Sie sich, Herr Weber ist nicht mit Waf 
fen in der Hand, gefangen worden, die Gefahr ist also für 
ihn nur gering." 
Marie dankte ihm mit einem Blicke, der dem Offizier 
datz Herz.höher schlagen ließ, dann verließ sie das Zimmer. 
„Herr Bergmann," fuhr Ollberg gegen diesen fort, „Sie 
baben noch Jemand verborgen?" 
„Ich schwöre es, ohne mein Wissen, ohne meinen Willen, 
Herr Baron. Die Thorheit dieses leichtsinnigen Menschen 
bringt mich zur Verzweiflung. Durchsuchen Sie mein Haus, 
der Andere ist jedenfalls der Verführer." 
„Ich bedauere, Sie beim Worte halten zu müssen," 
entgegnete Ollberg und rief einen Unteroffizier herein, denr 
er den Befehl gab, auf den Fremden zu fahnden. 
„Ich werde den Herrn Unteroffizier führen!" rief Berg 
mann und schon nach wenig Minuten wurde Fritz Lorenz 
hereingeführt. Man hatte ihn gebunden, da er sich mit einem. 
Messer zur Wehre gesetzt. 
Als der Gefangene Hermann erblickte, der sich frei im 
Zimmer bewegte, stieß er einen grimmigen Fluch aus, aber 
sein Antlitz erheiterte sich, als Ollberg zu Hermann sagte: 
„Ich muß Sie bitten, dem Unteroffiziere zu folgen. Wenn 
Sie keinen Fluchtversuch machen, so wird man Sie rücksichts 
voll behandeln." 
„Und niederschießen, wenn Sie entfliehen wollen!" rief 
Holms. 
Bei dem Klange dieser Stimme schaute Fritz Lorenz auf 
und es zuckte durch seine Glieder, als habe ihn eine Schlange 
gestochen. Sein Blick begegnete dem des Grafen und auch 
dieser wechselte plötzlich die Farbe. 
„Graf Holms!" murmelte der Gefangene und ein Blitz 
strahl finsterer Leidenschaft schoß aus seinem Auge. „Das ist 
der Elende," rief er Hermann zu, „der meine Schwester in's 
Unglück gebracht." 
„Herr von Ollberg," wandte sich Graf Holms zu dem 
Kameraden, „Sie dulden, daß dieser wahnsinnige Mensch 
mich beleidigt?" 
„Bringen Sie ihn fort!" herrschte Ollberg dem Unter 
offizier zu. 
„Ja — in den Kerker," knirschte Lorenz, „aber mein 
Fluch wird Dich treffen, Bube! Mich scheert die Freiheit 
nichts, ich kämpfte für meinen Haß! Du und Deinesgleichen, 
Ihr tragt den Fluch dieser Nacht." 
Er konnte nicht weiter sprechen, der Unteroffizier stieß 
ihn hinaus. Graf Holms hatte den Säbel bereits gezückt, 
aber Ollberg warf sich ihm entgegen. 
„Keinen Mord!" rief er, und sein Antlitz glühte vor 
edler Entrüstung — „Herr Graf, wenn der Fluch dieses Man 
nes gerecht, sp sollten Sie erröthen, wo nicht, ihn bemitleiden." 
„Sie haben Recht — er ist wahnsinnig. Seine Schwe 
ster war eine Dirne. Er prätendirte, ich solle sie heirathen." 
Ollberg wandte sich ab, auch Hochstetten schien erschüt 
tert von dieser Scene. Er empfahl sich unter dem Vorwände, 
daß der Dienst ihn abruft. Holms folgte ihm. 
„Glauben Sie mir," sagte Ollberg zu Bergmann, als 
ihm dieser seinen Dank für die Mäßigung aussprach, mit der 
sein Auftreten vielleicht eine blutige Scene verhindert, „ich 
habe an diesem Tage sehr niederdrückende Erfahrungen ge 
macht. Es sind nur Aufwiegler, welche den Haß des Volkes 
gegen bevorzugte Klassen der Gesellschaft benutzt haben, um 
eine Revolution zu machen. Der König hatte ja Alles be 
willigt, was gefordert wurde, und dennoch dieser erbitterte 
Kampf! Aber man hat in den letzten Tagen die Truppen 
durch den Pöbel reizen lassen, indem man sie consignirte 
und jeden ernsten Kampf verbot, jetzt kämpft das Volk nicht 
gegen den König, sondern nur gegen die Truppen. Der 
Uehermuth junger Offiziere hat viel verschuldet an diesem 
Haß, der ebenso unnatürlich als wahnsinnig, denn wir ge 
hören ja zum^Lolke. Dieser Haß bringt ein trauriges Blatt 
in die Geschichte unseres Vaterlandes." 
Der Offizier hatte Recht, als er so sprach, die Ereig 
nisse des folgenden Tages sollten beweisen, daß die Wuth 
des gemeinen Volkes sich in der Märznacht nicht gegen den 
Monarchen, sondern fast ausschließlich gegen die Truppen ge 
richtet und daß den Republikanern ihre Absichten nur so 
lange von Erfolg gekrönt schienen, als es gelang, den Haß 
gegen das Militair zu benutzen, um weitergehende Pläne zu 
verfolgen. 
Doch werfen wir zuvor einen Blick rückwärts auf die 
Vorgänge des blutigen Tages. 
„Wenn rings umher Alles kocht," hatte der König vor 
Kurzem geäußert, „so kann ich freilich nicht erwarten, daß
	        
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