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Volume Heft 4

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

IUustrirtes Panorama. 
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20' 
von einem Hausen Soldaten mit Schmähungen und hand 
greiflichen Drohungen überschüttet. Einige kletterten über 
den Schenktisch und bemächtigten sich der dort aufgestellten 
Liqueure, Weine und Cigarren; Andere entrissen dem Wirthe 
ein Schlüsselbund und drangen in den Keller und in die 
Speisekammer, woraus sie mit Bierfässern und Lebensmitteln 
beladen alsbald zurückkehrten, und nun begann man das Er 
beutete unter höhnischem Jubel vor den Augen des vor Schreck 
und Wuth zitternden Eigenthümers zu vertilgen. — Der 
Kaplan fragte nach der Ursache dieses Verfahrens, konnte 
aber aus dem Stimmenchaos keine Antwort entnehmen, bis 
ein stämmiger Musketier vortrat und etwa Folgendes berichtete: 
„Der Kerl da" — auf den Gastwirth weisend — „ist ein 
enragirter Däne. Er weigerte sich, uns gegen gutes Geld 
Speisen und Getränke zu verabfolgen, daher mußten wir uns 
das Nöthige selber nehmen, und nun soll der Hallunke uns 
gratis bewirthen." — Gegen diese Soldatenjustiz war nicht 
viel einzuwenden; mein Begleiter zuckte die Achseln und ent 
fernte sich mit mir. 
Nach dem Psarrhaufe zurückgehrt, war der Divisions 
Commandeur so eben aus dem Hauptquartier des Prinzen 
eingetroffen, mit dem Befehle, am nächsten Morgen um 
4 Uhr über die Schlei zu setzen. Obgleich diese Nachricht 
nicht unerwartet kam, so rief sie doch unter den Anwesenden 
allgemeine Stille und tiefen Ernst hervor. Jedermann er 
wartete einen blutigen Tag, dessen Abend er vielleicht nicht 
mehr sehen werde, und Jedermann traf seine Vorbereitungen 
für den Kampf und für den Abschied von dieser Welt. Auch 
der General, ein greiser, hagerer Mann, begann mehrere 
Briefe zu schreiben, wahrscheinlich an seine Familie, der er 
die letzten Grüße sandte. Dann rief er die beiden Kinder 
des Pastors zu sich, zwei muntere Knaben von sechs bis acht 
Jahren, und fing an mit ihnen zu plaudern und sie zu lieb 
kosen. Er war augenscheinlich bewegt, denn er besaß vielleicht 
ielber ein Paar solch rothwangiger Burschen, deren er jetzt 
mit Zärtlichkeit und Wehmuth gedachte. Endlich ertheilte er 
die letzten Befehle, bat den Pastor, ihm eine Bibel zu leihen, 
nahm ein Licht und ging in sein kleines Schlafzinimer, aber 
ehe er die Thüre schloß, schärfte er noch dem Adjutanten 
ein, ihn morgen rechtzeitig zu wecken. 
Jetzt wurden auch die Kinder des Hauses zu Bette ge 
bracht, die sich nur ungern schlafen legten, denn die Anwe 
senheit so vieler Fremden machte ihnen großes Vergnügen, 
und sie waren noch zn jung, als daß sie den furchtbaren 
Ernst der Dinge hätten begreifen können. 
Der Kaplan führte mich nach des Pastors Studirzim- 
mer, stellte mich seinen Gefährten vor und, indem wir die 
Achter löschten, betteten wir uns auf die gemeinschaftliche 
Streu. 
Ich war gerade im Begriff, einzuschlummern, als die 
Thür sich öffnete und ein Offizier hereintrat. Er ließ den 
schein des Lichtes, welches er in der Hand hielt, auf uns 
fallen und fragte: „Schlafen Sie schon, meine Herren?" — 
Keine Antwort. Wer noch nicht schlief, stellte sich doch schla- 
fend. — „Meine Herren," fuhr der Nachtwandler fort, „ver 
zeihen Sie die Störung. Ich komme so eben aus dem 
Hauptquartier zurück und finde mich bei Verkeilung der 
Nachtlager übergangen. Wollen Sie mir nicht ein Plätzchen 
auf dem Ihrigen vergönnen?" — Pause. Niemand scheint 
ibn zu hören, bis sich plötzlich der junge Kaplan erhebt. 
— „Wie Sie sehen, bester Herr, ist hier Alles besetzt, doch 
wahrscheiirlich bedürfen Sie mehr der Ruhe, denn ich, daher 
biete ich Ihnen meinen Platz an." — „O, nicht doch, mein 
Herr, wie könnte ich das annehmen! Allein ich sehe dort 
euren Civilisten, wie kommt denn der hierher?" — „Lassen 
vsie gefälligst den Civilisten, er ist mein Schützling, und 
legen Sie sich ruhig neben ihn." — Jetzt glaubte ich wei- ( 
roeti zu müssen und erhob mich seufzend, doch der Kaplan 
gebot: „Liegen bleiben!" und nunmehr entstand ein edler 
Wettstrert zwischen uns Dreien. Mit einem Male waren - 
zwei Plätze erledigt, aber Niemand wollte sie einnehmen. — 
„Ich darf die Herren nicht incommodiren!" sagte der Offi 
zier, wobei er vergaß, daß er's bereits redlich gethan. — 
„Ich gehe spazieren!" erklärte der Kaplan. — „Ich begleite 
Sie!" fiel ich ein. Und wir gingen zur Thüre hinaus, aber 
der Offizier folgte uns. — „Wohin wollen Sie, meine Her 
ren?" — Der Kaplan besann sich einen Augenblick und 
entgegnete dann: „Nach dem Bivouac!" — „Ja, nach dem 
Bivouac!" fiel ich lebhaft ein, „ich möchte mir gar zu gern 
ein Bivouac ansehen." — „Das nenne ich doch ein seltsames 
Gelüste!" rief der Offizier. „Seien Sie froh, daß Sie in 
keinem Bivouac zu campiren brauchen und bleiben Sie 
hübsch unter Dach und Fach." — Allein unser Entschluß 
stand fest und wir sprachen das aus. — Der Offizier be 
trachtete uns nachdenklich. „Um eine Thorheit zu begehen, 
sind Drei besser als Zwei," meinte er; „ich schließe mich 
Ihnen an." — Wir wollten Protestiren, aber erfuhr fort: 
„Es ist nun bald Mitternacht und sonach lohnt's fast nicht 
mehr, sich noch schlafen zu legen, denn um zwei Uhr beginnt 
mein Dienst. Uebrigens würden Sie sich ohne meine Füh 
rung schwer zurechtfinden." 
Inzwischen waren die Pastorsleute herzugekommen, die 
sich Beide nicht schlafen gelegt, weil ihnen kein Lager geblie 
ben war und sie noch Vieles zu besorgen hatten. Sie ver 
nahmen mit Verwunderung unser Vorhaben, und wenn 
gleich sie uns daran nicht hindern konnten, so entließ uns 
die fürsorgliche Dame doch nicht eher, bis sie uns einen 
prächtigen Morgen-Caffee bereitet. 
Als wir hinaustraten, ergriff mich eine instinctive Re 
gung, wieder umzukehren, denn Kälte und Schneegestöber 
waren noch empfindlicher geworden. 
„Mein Herr Correspondent," begann der Offizier, „wol 
len Sie mir nicht einmal sagen, wie sich Ihre Phantasie 
ein Bivouac vorstellt?" 
„Nun," entgegnete ich, „etwa nach Art eines nächt 
lichen Zigeunerlagers, mit vielen Zelten, Strohschütten und 
großen Wachtfeuern, um welche sich die Krieger gruppiren, 
während sie ihre Flaschen und Lieder kreisen lassen." 
„Wie romantisch!" spöttelte er, „ganz wie in der Oper. 
Nein, mein Guter, dergleichen kann wohl bei einem Frie- 
densmanoeuvre stattfinden, aber im Kriege schon seltener. — 
Das heutige Bivouac ist das einfachste, das Sie sich denken 
können. Weder Zelte noch Stroh, am wenigsten Feuer und 
Lieder!" 
„Aber worauf lagern denn die armen Leute?" 
„Aus der breitesten Basis, auf dem gefrorenen Sturz 
acker, über den wir jetzt gehen." 
„Und weshalb diese Menschenquälerei?" 
„Die bittere Nothwendigkeit. Stroh und Zelte für ein 
ganzes Armeecorps im Handumdrehen herbeizuschaffen, ist 
eine baare Unmöglichkeit, zumal in diesem von den Dänen 
ausgesogenen Landstriche Feuer und jedes laute Geräusch 
sorgfältig vermieden werden müssen, um dem am jenseitigen 
Ufer stehenden Feinde unsere Anwesenheit zu verbergen." 
„Doch weshalb dieses grausame Bivouakiren? Warum 
hat man die Truppen nicht in den umliegenden Ortschaften 
einquartiert?" 
„Wunderliche Frage! Binnen wenigen Stunden sollen 
an dieser Stelle 30—40,000 Mann hinübergeworfen werden, 
die man doch möglichst nahe dem Ufer aufstellen, auf dem 
engsten Raume concentriren mußte. Im nächsten Umkreise 
befinden sich höchstens ein halb Dutzend kleiner Dörfer, von 
denen im besten Falle jedes ein Bataillon, meinetwegen auch 
ein Regiment beherbergen kann. Und das ist auch geschehen, 
aber wo bleiben die Uebrigen?" 
Unter diesen Reden hatten wir das Ufer der Schlei er 
reicht, das vom Dorfe Carbv nur wenige hundert Schritt 
entfernt ist. Wir blickten in die tosenden, schäumenden Wel 
len, die mit großen Eisschollen rangen. Drüben am 
jenseitigen Ufer war Alles still und dunkel, nur vom
	        
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