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Volume Heft 4

Full text: Illustrirtes Panorama (Public Domain) Issue5.1865 (Public Domain)

Illuflrirtes Panorama. 
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bieten und kaum ein Decennium zu seinem Baue erforderlich, sein. 
Manche sind der Meinung, es genüge, den bisherigen Eider- 
Canal zu vertiefen, um ihn den größten Schiffen zugänglich 
zu machen; doch würden dann so viel Schleusen erforderlich 
sein, daß die Schifffahrt der Durchlässe wegen nicht nur 
verzögert, sondern auch durch Schleusenzölle die Fahrten sehr 
vertheuert würden. Da im Güter-Transport aber die Fracht 
und die Zeit eine bedeutende Rolle spielen und jede Stopfung 
und Henimung des Verkehrs für die Colosse des Meeres so 
viel als möglich vermieden werden muß, so haben die Wasser 
bautechniker einige andere Routen vorgeschlagen, welche jetzt 
der Prüfung unterworfen werden. Bei einer Straße, die be 
stimmt ist, zwei Hemisphären auf dem nächsten Wege mit 
einander zu verbinden und den Verkehr zwischen Rußland, 
Deutschland, England, Frankreich und Amerika zu vermitteln, 
deren Frequenz einst einen nie geahnten Umfang annehmen 
wird, bei einem Wasserwege, wichtiger als die Durchstechung des 
Isthmus von Panama oder der Meerenge von Suez, muß 
natürlich Alles in den größten Dimensionen angelegt werden, er 
muß mindestens 30 Fuß Tiefe haben, damit die größten Kriegs 
schiffe im Stande sind, im Canale wenden zu können und 
um die nöthigen Hafen-Anlagen mit Leichtigkeit herstellen zu 
können, müssen sich die Ausläufe in ein breites und sicheres 
Wasserbecken ergießen. 
Im Südosten Schleswig-Holsteins bildet die Neustädter 
Bucht, auch Lübecker Meerbusen genannt, ein weites, 
geräumiges Wasserbecken, welches tief einschneidet in die von 
den prächtigsten Buchenwaldungen eingerahmte malerische 
Küste Ost-Holsteins, die, fast nie von Stürmen aufgeregt, 
den Schiffern ein ruhiges und bequemes Einlaufen in den 
Canal gestattet. 
Nicht weit von dem belebten Travemünder Hafen ent 
fernt, einige Meilen von Lübeck, nur durch eine schmale Land 
zunge von dem Haemelsdvrfer See geschieden, ließe sich hier 
ein großartiges Marine-Etablissement herstellen, welches allen 
Ansprüchen hinsichtlich der Wassertiefe und Geräumigkeit ge 
nügen würde. Durch die Segeberger Haide, südlich von 
Bramstedt, könnte mau die Wasserstraße am Flußbett der 
Stoer entlang ohne Schleusen in die Unter-Elbe bei Bruns 
büttel leiten; es würde dadurch die fruchtbare Ostküste mit 
den üppigen Marschen des westlichen Holsteins verbunden, 
was für die Ausfuhr der Landesproducte von höchster Wichtig 
keit wäre. 
Wollte man den unbedeutenden Höhenzug bei Mühlbeck 
und Seefeld vermeiden und den Canal durch die nur wenig 
über die Meeresfläche sich erhebende Tiefebene leiten, so würde 
derselbe die Trave entlang, nahe bei Lübeck vorbei, zwischen 
Oldesloe und Bramstedt mit dem Wasser der Beste und 
Alster gespeist werden können und unterhalb Glückstadt gleich 
falls bei Brunsbüttel in die Elbe münden. 
Diese Linien habe» hauptsächlich den maritimen Schutz 
von Hamburg und Lübeck im Auge und würden vorzugs 
weise diesen Handelsstädten die größten Vortheile gewähren, 
der Ausbildung der Kriegsmarine aber weniger zu Statten 
kommen. Zur Anlage eines Marine-Etablissements eignen 
sich jedenfalls, wie dies von allen Nautikern längst anerkannt 
ist, am besten die Buchten von Kiel und Eckernförde. 
Kiel, die älteste und neben Altona bedeutendste Stadt 
Holsteins, der Sitz der Landes-Universität und höchsten Be 
hörden, erfreut sich zugleich des schönsten Hafens der Welt. 
Einer meilenlangen Zunge gleich, wälzen sich die grünen Flu 
chen des Meeres bis hart vor die Thore der Stadt, einen 
prächtigen Ankergrund bildend und den größten Schiffen 
L-chutz gewährend. Reizende Promenaden, herrliche Buchen- 
waldungeu umgeben dieselbe und bilden mit Düsternbrook, 
dem Landkrug und dem hoch gelegenen Bellevue eines der 
schönsten landschaftlichen Panoramen, an Romantik wetteifernd 
m,t den gepriesensten Punkten des Rheins und der Schweiz. 
Kiel die Perle des Nordens, hinsichtlich seiner Lage rivali- 
Iirenl. mit Neapel, dem vom Himmel gefallenen Stück Erde, 
j und mit Constantinopel, der Beherrscherin des Bosporus, ist seit 
Jahrhunderten seines Hafens wegen das Ziel englischen Ehr- 
! geizes und moskowitischer Ländergier. Lange, ehe wir Deutsche 
die Bedeutung der alten Seestadt zu würdigen wußten, galt 
> sie anderen seefahrenden Nationen als Schlüssel der Ostsee. 
Nicht große Schiffe, die Hunderte von Kanonen führen, 
sind die Beherrscher der Meere, Fahrzeuge mittleren Kalibers, 
welche vierzehn Knoten in der Stunde zurücklegen und eine 
tüchtige Bemannung führen, sind es, worauf Deutschland sein 
Augenmerk zu richten hat. Zum Glück sind die Seeleute der 
Ost- und Nordsee aus dem Holz geschnitzt, welches an Kraft 
und Biegsamkeit die Seefahrer anderer Nationen weit hin 
ter sich läßt. 
Schleswig-Holstein ist so recht eigentlich eine vom Wasser 
umschlossene Festung, der militairische Schlüssel Norddeutsch 
lands. Seine fetten Marschen liefern Lebensmittel in Ueber- 
fluß und die Befestigung der Elbmündung und Kiels macht 
das Land unangreifbar, vorausgesetzt, daß der projectirte 
Canal bald zu Stande kommt. Die Natur hat dem deut 
schen Volke seine größte Wohlthat gleichsam auf dem Prä- 
sentirteller angeboten, denn es existirt kein von zwei Meeren 
bespülter Landstrich, der so leicht zu durchstechen wäre, als 
Nord-Albingien. Hier ist uns Gelegenheit gegeben, die 
Schiffe aller Nationen uns tributpflichtig zu machen und 
eine weltbeherrschende Stellung einzunehmen; allein schon der 
Getreidehandel nach England, Frankreich und den Nieder 
landen wird uns Millionen zuführen und Deutschland zum 
reichsten aller Länder machen. 
Nicht am Mincio, im berühmten Festungsviereck, sondern 
an der Eider liegt das Zwinguri, von welcheni aus wir un 
sere Feinde in Schach halten werden. Die Eider, Deutsch 
lands Strom, aber nicht mehr Deutschlands Grenze, ist sei 
ner Untiefen und Krümmungen wegen aber nur insofern für 
den Canal zu verwenden, als mit seinem Wasser sich die 
neue Weltstraße, die mit dem Flusse fast parallel laufen 
würde, reichlich speisen ließe, wenn Eckernförde als Endpunkt 
beliebt würde. 
Sehr bald nach Beendigung des Hauptcanals würde 
sich das Bedürfniß nach Seiten-Canälen mit Hafen-Bassins, 
Docks und massiven Speichern geltend machen, um die Aus 
fuhr- und Einfuhr-Artikel Deutschlands und Rußlands im 
Fall der Ueberwinterung lagern lassen zu können. Auch 
wird das Eis der zahlreichen Seen Schleswig-Holsteins bald 
in England, Frankreich, Spanien, Portugal und Afrika die 
nordamerikanische Concurrenz in diesen Artikeln aus dem 
Felde schlagen und ein geschätztes Handelsproduct werden. 
Längs des Canals wird sich auch das Bedürfniß nach 
einer Doppel-Eisenbahn geltend machen zur Spedition der 
Güter und Passagiere während des Winters und als Fahr 
bahn für Schlepplocomotiven anstatt der in großen Strömen 
üblichen Schleppdampfer. 
Für diese Anlagen ist jedenfalls ein Capital von mehr 
als hundert Millionen Thaler erforderlich, welches sich 
jedoch bald hoch verzinsen würde. Wenn wir nicht vergessen, 
daß Deutschland und Rußland 110 Millionen Menschen zäh 
len, die alle mehr oder weniger aus diesen Handelsweg nach 
England und Amerika angewiesen sind, wird uns die Be 
deutung des wichtigen Werks bald klar werden; ja es liegt 
nicht in der Unmöglichkeit, daß der Canal sogar zum Export 
nach Ostindien und China benutzt werden wird, wenn erst 
die große Bahn quer durch Rußland und Sibirien nach dem 
himmlischen Reiche ihre Vollendung gefunden hat. 
Schleswig-Holstein, jetzt verhältuißmäßig nur dünn be- 
> völkert, wird als Centralpunkt des internationalen Handels 
dann bald eines der am dichtesten bevölkerten Länder des 
Erdballs sein und an Reichthum sich mit England messen 
können. Der Canal ist der Keim, der sich einst zum statt- 
lichsten Baume entfalten wird, so riesig, daß unserer Vor- 
! stcllungskraft jetzt noch der Maßstab dafür fehlt. Wir haben 
I an den national-ökonomischen Bestrebungen Englands und
	        
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